Müssen Adoptiveltern perfekte Eltern sein?

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Transkript:

Dr. Roland Weber Müssen perfekte Eltern sein?, Gestaltung Axel Bengsch schaft im Spannungsfeld zwischen Perfektionismus, doppelter Elternschaft und Zuversicht

Inhalt! Elterliche Identität! Adoptivkinder! Sich zum! 10 Gebote für

Inhalt! Elterliche Identität! Adoptivkinder! Sich zum! 10 Gebote für

Elterliche Identität

Elterliche Identität und Erziehung! Ob man seine Kinder richtig oder falsch erzieht, geht immer an den Kern der elterlichen Identität. Deswegen sind Erziehungsfragen sehr intim und emotional hoch brisant.! Wenn mit den Kindern alles gut geht, dann schreiben sich die Eltern die Verantwortung zu.! Wenn es Probleme mit den Kindern gibt, dann sehen sich die Eltern in Frage gestellt vor allem von sich selbst.! Generell stehen Eltern heute unter einem enormen Druck, bei ihren Kindern alles richtig zu machen.! Auf lastet oft ein noch größerer Druck, da in der Vergangenheit des Kindes schon viel schief gelaufen ist.! sind meist selbstkritischer als andere Eltern. > weiter

Elterliche Identität und Erziehung! Damit Kinder gedeihen, reichen in der Regel hinreichend gute Eltern. Diese vergleichen sich nicht mit Idealen sondern mit Durchschnitten.! Viele klassische Erziehungsratschläge erweisen sich im Umgang mit bestimmten Adoptivkindern schlicht und einfach als falsch.! Zu schwierigen Verstrickungen der Eltern-Kind- Beziehung kommt es oft dann, wenn Eltern ihren spontanen Handlungsimpulsen unreflektiert folgen.! Um sich in dieser Situation anders verhalten zu können, braucht es Abstand und Wissen darüber wie (manche) adoptierte Kinder anders handeln als andere Kinder.! Erfolgsrezepten ist generell zu misstrauen, denn es gibt immer viele Wege zum Ziel. Sicherer ist, nicht das zu tun, was erfahrungsgemäß die Probleme verschlimmert.

Adoptivkinder verstehen und ihr Verhalten erklären können

Adoptivkinder verstehen und ihr Verhalten erklären können! Alle Kinder durchlaufen in ihrer Entwicklung bestimmte Entwicklungsschritte und Krisenphasen.! Die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung ist in unserer westlichen Welt mehr oder weniger durchgängig von Konflikten zwischen Abhängigkeit und Autonomie bestimmt. Diese Konflikte spielen sich einmal innerpsychisch, zum anderen interaktionell ab.! Vor allem in den Krisenphasen kommt es häufig darüber zum Machtkampf um das Wohl des Kindes.! In Situationen existentieller Bedrohung greifen reflexartig entweder Kampf- und Fluchtmechanismen oder es kommt in der Folge zur Selbstaufgabe.! Adoptivkinder haben ein höheres Risiko, dass sie als Kind lernen, Kampf und Flucht mit Überleben gleich zu setzen. > weiter

Adoptivkinder verstehen und ihr Verhalten erklären können! Einer der psychischen Mechanismen, die es dem Kind ermöglicht aktiv zu sein, ist das Abspalten aller Gefühle, die den Kampf oder die Flucht behindern würden.! In der Abspaltung von Gefühlen von Angst, des Schmerzes und der Trauer liegt eine der Wurzeln für das auffällige Verhalten von Adoptivkindern.! Durch das Abspalten von Gefühlen wird das Erleben von Ambivalenz verhindert.! Adoptivkinder haben ein höheres Risiko, dass sie kein Urvertrauen haben bzw. ein Urmisstrauen entsteht und dass sie darüber lernen, Kampf und Flucht mit Überleben gleichzusetzen.! Beim Fehlen von Urvertrauen ist die Aktivität des Kindes meist eingeschränkt (U-Bootverhalten). > weiter

Adoptivkinder verstehen und ihr Verhalten erklären können! Beim Vorhandensein von Urmisstrauen fühlt sich das Kind ständig bedroht und aktiviert unbewusst Kampfund Fluchtstrategien (Neinverhalten).! Vermeidende Adoptivkinder haben keine Hoffnung durch ihre eigenen Handlungen in den Konflikten mit Erwachsenen gewinnen zu können.! Kämpfende Adoptivkinder demonstrieren ohne Rücksicht auf Verluste die eigene Unabhängigkeit. Dies gelingt ihnen, indem Gefühle abgespalten werden.! So kann ein Teufelskreis entstehen: Wo Adoptivkinder selbst kein Vertrauen signalisieren, wird ihnen nicht vertraut und wo sie selbst ihr Misstrauen zeigen, wird ihnen misstraut.! Eltern von problematischen Adoptivkindern sollten sich überlegen, was ihre Kinder möglicherweise vor der Adoption alles erlernt haben, das anders ist als bei anderen Kindern und jetzt zu Schwierigkeiten führt.

Sich zum des eigenen Handelns machen

Sich zum des eigenen Handelns machen! Leibliche Kinder werden meist auf ihre Ähnlichkeiten hin beobachtet, adoptierte Kinder auf Unähnlichkeit.! Dieser Unterschied führt zu normalisierendem bzw. pathologisierendem Beobachten von Eltern.! Das Beobachten von Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen ist immer auch ein Bewerten und Erklären.! Es ist für Eltern immer nützlicher Erklärungen für die Verhaltensweisen ihrer Kinder zu konstruieren, die ihnen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen, da man immer nur direkt sein eigenes Verhalten ändern kann.! Eltern reagieren aus Angst, Wut und Kränkung oft zu schnell.! So entstehen sich gegenseitig aufschaukelnde Eskalationsprozesse.

Sich zum des eigenen Handelns machen! Es ist schon einiges gewonnen, wenn Eltern in Problemsituationen nicht reflexartig reagieren.! Hierfür ist es sinnvoll, sein eigenes Erleben und Handeln zu reflektieren.! Sich als Eltern selbst in die rolle zu begeben bedeutet zweierlei: 1. Der Versuch der Entschleunigung und damit ein potentieller Ausstieg aus Eskalationen 2. das Eröffnen von Handlungsalternativen! Die Einnahme einer position kann mit Hilfe eines Selbstbeobachtungsschemas geübt werden. > weiter

Sich zum des eigenen Handelns machen

10 Gebote für

10 Gebote für! 1. Gebot: Was immer Ihr Kind auch tun mag, es ist Ihre Aufgabe die Beziehung zu ihm aufrecht zu erhalten!! 2. Gebot: Wenn Ihr Kind sich so verhält wie durchschnittliche Kinder, gehen Sie mit ihm wie mit einem durchschnittlichen Kind um. Wenn Ihr Kind sich anders verhält als andere Kinder, dann gehen Sie mit ihm auch anders um.! 3. Gebot: Lassen Sie sich nie auf Machtkämpfe mit Ihrem Kind ein.! 4. Gebot: Respektieren Sie die Autonomie und Grenzen Ihres Kindes und werten Sie Ihr Kind nie als Person ab.! 5. Gebot: Geben Sie ihrem Kind soviel positive Rückmeldung wie nur irgend möglich.! 6. Gebot: Stehen Sie ihrem Kind gegenüber für Ihre persönlichen Werte ein. Tun Sie dies ohne den Anspruch höherer Wahrheit oder absoluter Normen.

10 Gebote für! 7. Gebot: Seien Sie gegenüber der Außenwelt parteilich für Ihr Kind.! 8. Gebot: Erzählen Sie Ihrem Kind alles, was Sie über seine Herkunft und die Hintergründe und Umstände seiner Adoption wissen in einer die biologischen Eltern nicht abwertenden Weise.! 9. Gebot: Machen Sie Ihre Identität und Ihr Selbstwertgefühl unabhängig vom Verhalten Ihres Kindes. Seien Sie darauf gefasst, dass Sie selbst durch das Verhalten Ihres Kindes vorübergehend in eine Außenseiterrolle geraten können.! 10. Gebot: Haben Sie Geduld, Geduld, Geduld! Behalten Sie die Zuversicht, dass früher oder später alles gut wird!

Dr. Roland Weber Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit Besuchen Sie auch meine Webseite unter www.roland-weber.net Die Illustrationen stammen aus dem Kinderbuch Tätzchen von Holly Keller, erschienen 1992 bei ars edition München, Gestaltung Axel Bengsch

Dr. Roland Weber, Gestaltung Axel Bengsch Bücher von Dr. Roland Weber