IMPLICON Gesundheitspolitische Analysen 03 / 2015 Die Mär vom Operations- Weltmeister Ergebnisse einer Altersadjustierung der Daten zum OECD-Ranking

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1 03 / 2015 Die Mär vom Operations- Weltmeister Ergebnisse einer Altersadjustierung der Daten zum OECD-Ranking

2 Bibliographische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über dnb.ddb.de abrufbar. albring & albring pharmceutical relations GmbH, Berlin Verantwortlich: Dr. Manfred Albring, Helmut Laschet Gestaltung: roman und braun medienproduktionen Umschlaggestaltung: Robert Roman Internet: ISSN: albring & albring

3 Die Mär vom Operations- Weltmeister Ergebnisse einer Altersadjustierung der Daten zum OECD-Ranking Die Deutschen bezahlen einen Mercedes, bekommen aber nur einen Volkswagen diese populistische Metapher basiert auf internationalen Ausgaben verglei chen der OECD für die Gesundheitssysteme und besagt: Die Deutschen bezahlen zu viel für die Medizin, die sie bekommen. Unterfüttert wird dies durch Mengenvergleiche, insbesondere bei operativen Eingriffen. Fehlanreize und Überkapazitäten seien die Ursachen dafür, dass Deutschland bei etlichen Interventionen einen Welt-Spitzenplatz einnehme auch dies gestützt auf Daten der OECD. Tatsächlich ändert sich das Ranking der OECD beträchtlich, wenn die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung im Vergleich zu der anderer Länder durch eine entsprechende Adjustierung berücksichtigt wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine jüngst veröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP): Eine Übertreibung im System oder eine Überversorgung im Vergleich zu anderen Ländern lässt sich mit den altersadjustierten OECD-Daten nicht mehr nachweisen. Nach den jüngsten von der OECD für das Jahr 2012 veröffentlichten Daten wendet Deutschland 11,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Gesundheitsausgaben auf und steht damit auf Platz 5 hinter den USA (16,9 Prozent), den Niederlanden (12,1 Prozent), Frankreich (11,6 Prozent) und der Schweiz (11,4 Prozent). Der OECD-Durchschnitt liegt bei 9,2 Prozent und 2,1 Prozentpunkte unter dem deutschen Wert. Die punktuelle Betrachtung verkennt allerdings, dass sich die Position Deutschlands im 2000er Jahrzehnt deutlich verändert hat: von Platz 2 nach den USA auf den fünften Rang Folge einer konsequenten Kostendämpfungspolitik ab 2003 nach einer dramatischen Verschuldung des GKV-Systems. Nur im Jahr 2009 wurde die Kostenbremse merklich gelöst. Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben: 38 Prozent über OECD-Durchschnitt Auch die Pro-Kopf-Ausgaben erscheinen auf den ersten Blick vergleichsweise hoch: Mit 4811 Dollar (kaufkraftparitätenbereinigt) liegt Deutschland um 38 Prozent über dem OECD-Durchschnitt von 3484 Dollar und steht auf Platz 6 nach den USA (8745 Dollar), Norwegen (6100 Dollar), der Schweiz (6080 Dollar), den Niederlanden (5219 Dollar) und Österreich (4896 Dollar). Die Franzosen erhalten Medizin um elf Prozent günstiger, die Briten sogar um fast 32 Prozent. albring & albring 03 / Seite 1

4 Tatsächlich sind diese Werte und Rangfolgen aber nur von begrenzter Aussagekraft, weil sie die unterschiedliche Demografie in den OECD-Ländern nicht berücksichtigen. So weist die deutsche Bevölkerung mit einem Medianwert von 44,3 Jahren nach Japan (44,6 Jahre) den höchsten Wert auf, Großbritannien kommt auf 39,8 Jahre, Frankreich auf 39,7 Jahre, die USA gar auf 36,8 Jahre. Auch die Schweiz und die Niederlande haben mit 41,3 und 40,8 Jahren eine jüngere Bevölkerung als Deutschland. Vor diesem Hintergrund führt der rohe Vergleich von Gesundheitsausgaben-Anteilen am BIP und Gesundheitsausgaben pro Kopf zu fehlerhaften Schlussfolgerungen. Altes Ranking ohne Altersstandardisierung Rang Land Abweichung von deutschen Ausgaben Neues Ranking mit Altersstandardisierung Rang Land Abweichung von deutschen Ausgaben 1 USA 81,8 % 1 USA 106,9 % 2 Norwegen 27,6 % 2 Norwegen 40,2 % 3 Schweiz 26,4 % 3 Schweiz 33,7 % 4 Niederlande 8,5 % 4 Niederlande 16,8 % 5 Österreich 1,8 % 5 Österreich 7,1 % 6 Deutschland 0,0 % 6 Luxemburg 6,8 % 7 Dänemark -2,4 % 7 Kanada 5,6 % 8 Kanada -4,3 % 8 Dänemark 4,1 % 9 Luxemburg -4,8 % 9 Deutschland 0,0 % 10 Belgien -8,2 % 10 Irland -3,6 % 11 Frankreich -10,9 % 11 Belgien -3,8 % 12 Schweden -14,7 % 12 Australien -5,7 % 13 Australien -16,9 % 13 Frankreich -6,0 % 14 Irland -19,1 % 14 Schweden -11,3 % Notwendig ist eine Adjustierung der Ausgaben, wozu die Autoren des WIP die indirekte Altersstandardisierung gewählt haben. Bei dieser Methode werden altersspezifische Fall zahl raten oder Pro-Kopf-Ausgaben als Standard definiert und auf die zu ver gleichenden Länder mit gegebenen Alters struk turen angewendet. Die Datenbasis dazu entstammt dem Risiko struktur ausgleich und der Kopfschaden statistik der PKV, die die altersabhängigen Gesundheitsausgaben pro Kopf in Fünfer-Jahres schritten abbilden. Diese deutschen alters gruppen spezifischen Pro-Kopf-Ausgaben werden sodann für die anderen OECD-Länder auf deren jeweilige Bevölkerungs struktur umgerechnet und ergeben erwartete Pro-Kopf-Gesund heits ausgaben. Diese Werte drücken aus, wie hoch albring & albring 03 / Seite 2

5 die Gesund heits ausgaben in den übrigen OECD-Staaten wären, wenn sie die deutschen Pro-Kopf-Ausgaben profile hatten. Setzt man nun die beobachteten Pro-Kopf-Ausgaben ins Verhältnis zu den tatsächlichen Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben, so zeigt ein Wert von über 1, dass das Land seine Bevölkerung altersbereinigt teurer versorgt als dies in Deutschland der Fall ist. Nach Adjustierung: Deutschland rutscht auf Platz 9 In der Tat verändert sich das Ranking der Gesundheitsausgaben pro Kopf erheblich: Auf den ersten fünf Plätzen ändert sich in der Reihenfolge nichts es zeigt sich aber, dass die teuersten Gesundheitssysteme im Vergleich zu Deutschland noch teurer sind als die OECD dies ausweist: So weichen die adjustierten Pro-Kopf-Ausgaben der USA nicht mehr um 82 Prozent, sondern um 107 Prozent von Deutschland ab. Österreich ist nicht mehr nur 1,8 Prozent teurer, sondern 7,1 Prozent. Luxemburg, Kanada und Dänemark rutschen nach oben und verdrängen Deutschland vom sechsten Platz auf den neunten. Es folgen einige Länder wie Irland, Belgien, Australien und Frankreich, die etwas kostengünstiger als das deutsche Gesundheitssystem sind. Das Fazit der WIP-Studie: Beim Vergleich der Gesundheitsausgaben führt eine indirekte Altersadjustierung zu einer Verschiebung Deutschlands im OECD-Ranking nach hinten. Deutschland bleibt aber deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Eine Platzierung im Mittelfeld sollte nicht angestrebt werden, da in den OECD-Durchschnitt auch die Ausgaben von OECD-Mitgliedstaaten eingehen, die über weniger leistungsstarke Gesund heitssysteme verfügen, zum Beispiel Mexiko oder Chile. Deutschland: Operations-Weltmeister Eine besondere Konjunktur hat die von gesetzlichen Krankenkassen befeuerte Diskussion um die tatsächlich oder vermeintlich weit über dem internationalen Durchschnitt liegende Zahl chirurgischer Eingriffe in Deutschland. Die Menge der Operationen, bei denen den Patienten Medikamenten-beschichtete Stents eingesetzt worden sind, sei binnen acht Jahren um 227 Prozent gestiegen, beklagt der Krankenhaus-Report der Barmer GEK. Die Süddeutsche Zeitung sieht Deutschland als das Land der fragwürdigen Operationen. So betitelt die Zeitung den Bericht über ein Gutachten der Gesundheitsökonomen Schreyögg und Busse im Auftrag der Bundesregierung, das zu dem Ergebnis kommt, dass sich nicht der Nachweis führen lasse, dass die Menge an invasiven Interventionen primär ökonomisch getriggert ist. Steige das DRG-Gewicht um ein Prozent, nehme die Leistungsmenge um 0,2 Prozent zu die Ökonomen halten das noch für eine normale Marktreaktion. Dennoch steht für die Süddeutsche Zeitung fest: Klar ist: In Deutschland wird deutlich mehr operiert als in anderen Ländern. Auch der Spiegel albring & albring 03 / Seite 3

6 bläst ins gleiche Horn: In einem Interview mit dem Heidelberger Chirurgen Professor Hans Pässler heißt es: In den vergangenen Jahren sind die Operationszahlen dramatisch gestiegen. Der Grund laut Pässler: Der Operateur muss schon deshalb viel operieren, um die Kosten für die Miete hereinzubekommen Das ist ein Teufelskreis: Indikationen für Operationen werden immer großzügiger gestellt. Ebenfalls im Spiegel kommt der Orthopäde Marcus Schiltenwolf zu Wort. Er behauptet, die Menge der Operationen korreliere ausschließlich mit der Menge der Operateure. Aber gilt dieser Mainstream von gesetzlichen Krankenkassen und führenden Medien in Deutschland tatsächlich und unter Berücksichtigung der Altersstruktur der deutschen Bevölkerung im Vergleich zu anderen OECD-Ländern? Dazu haben die Autoren der WIP-Studie eine Altersstandardisierung der chirurgischen Fallzahlen für die OECD-Länder durchgeführt. Eingriff Rangposition Deutschland laut OECD-Daten Rangposition nach Altersstandardisierung Veränderung im OECD- Ranking Koronarbypass Operation des Leistenbruchs Brusterhaltende Chirurgie Transurthrale Prostataentfernung Offene Prostataentfernung Entfernung der Gallenblase Einsatz einer Hüftprothese Einsatz einer Knieprothese Mastektomie Koronarangioplastie Entfernung der Gebärmutter Stammzelltransplantation Nierentransplantation Entfernung der Gaumenmandeln Entfernung des Blinddarms Aus der deutschen DRG-Statistik lässt sich die Zahl der Fälle je Altersgruppe (die jeweils fünf Jahrgänge umfasst) ableiten. Die altersgruppenspezifischen Fallzahlen werden ins Verhältnis gesetzt zur Anzahl der Versicherten in der jeweiligen Altersgruppe, wobei diese Daten dem Risikostrukturausgleich sowie den Statistiken der privaten Krankenkassen albring & albring 03 / Seite 4

7 entnommen werden können. Der Quotient gibt die altersspezifische Fallzahlrate für Deutschland wieder. Für die indirekte Altersstandardisierung werden die deutschen Profile auf die übrigen OECD-Länder übertragen. Daraus ergeben sich hypothetische Fallzahlen, die bei der Anwendung deutscher Profile in den einzelnen Ländern zu erwarten wären. Ferner werden die Bevölkerungszahlen der einzelnen OECD-Länder differenziert nach Altersklasse (mit je fünf Jahrgängen) und Geschlecht herangezogen. Sodann werden die aus den deutschen Daten ermittelten Fallzahlraten jeder Altersgruppe mit der Personenzahl derselben Altersgruppe im jeweiligen OECD-Land gewichtet. Daraus kann eine erwartete Fallzahl für das jeweilige Land errechnet werden, wenn es die gleiche Altersstruktur wie Deutschland hätte. Hüftgelenk-Ersatz: Deutschland verliert den 2. Platz Ausführlich beschreibt die WIP-Studie dies für die Zahl der Hüftgelenks-Ersatzoperationen. Auf Platz 1 mit 307 Eingriffen je Einwohner steht die Schweiz, gefolgt von Deutschland mit 287,4 Fällen. Die Fallzahl der Schweiz liegt um 6,8 Prozent über dem deutschen Wert. Auf den Plätzen 3 und 4 folgen Österreich und Norwegen mit 272 und 250 Fällen und einer Abweichung vom deutschen Wert von minus 5,4 und 13 Prozent. Die Niederlande und die USA (Platz 11 und 12) weisen 215,7 und 203,5 Fälle auf, 25 und 29 Prozent weniger als in Deutschland. Nach einer Altersstandardisierung ändern sich Rangfolge und Abweichungen vom deutschen Wert erheblich: Die Schweiz bleibt auf dem ersten Platz; hätte sie aber die deutsche Altersstruktur, so wären nach den dortigen Operationsgepflogenheiten nicht 6,8, sondern 24,2 Prozent mehr Interventionen zu erwarten. Deutschland fällt vom zweiten Platz zurück auf den fünften. Hingegen rückt Norwegen vom vierten auf den zweiten Rang, die Operationshäufigkeit liegt nicht mehr 13 Prozent unter der deutschen, sondern um zwölf Prozent darüber. Österreich bleibt auf Platz 3, aber bei deutscher Altersstruktur läge die Operationshäufigkeit um 7,5 Prozent über der deutschen und nicht mehr 5,4 Prozent darunter. Luxemburg, in der OECD.-Statistik auf Platz 10, rückt auf Platz 4 Platz und hätte 2,8 Prozent mehr Eingriffe anstatt eine Abweichung um fast 25 Prozent nach unten. Adjustierung für 15 chirurgische Interventionen Eine solche Altersstandardisierung hat das WIP für insgesamt 15 chirurgische Interventionen durchgeführt. Die Schlussfolgerung daraus lautet: Mit der Umrechnung der deutschen Altersstruktur auf andere OECD-Länder ändert bei fast jeder Operations art mit Ausnahme der Nierentransplantation die Rangfolge der Länder (siehe Tabelle). Deutschland rutscht bei allen Eingriffen, die ihren Schwerpunkt im Alter haben, im Länderranking nach hinten. Bei den Eingriffen, die vorwiegend in der Jugend albring & albring 03 / Seite 5

8 durchgeführt werden (Entfernung der Gaumenmandeln und Blinddarmoperationen), ist es dagegen umgekehrt, und Deutschland liegt altersadjustiert im Ranking weiter vorne, als es die rohen OECD-Daten vermuten lassen. Beim Koronarbypass liegt Deutschland nach Adjustierung nicht mehr auf Platz 3, sondern auf Platz 10, bei der Knieprothese rutscht Deutschland vom fünften auf den achten Platz, bei der Koronarangioplastie und der Entfernung der Gebärmutter verliert Deutschland seinen Weltmeister-Titel und rutscht auf Platz 2. Die Schlussfolgerung der WIP-Autoren daraus ist: Ein Ländervergleich auf der Basis der unbereinigten OECD-Daten ist damit nicht als Beleg für eine ausgeprägte Überversorgung in Deutschland geeignet. Neben der Verschiebung in der Rangfolge zeigten die altersadjustierten Rankings der Eingriffe vielfach eine Annäherung, insbesondere der westlichen und nördlichen Nachbarländer Deutschlands. Gleichwohl seien die deutschen Fallzahlen auch nach der Altersstandardisierung in der Regel im vorderen Feld zu finden. Und dies halten die Studienautoren auch für gerechtfertigt: Dass hierzulande relativ viele Eingriffe durchgeführt werden, ist zum einen ein Ausweis für ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, insbesondere da es sich bei den Eingriffen um größtenteils aufwendige Behandlungen mit hohen Ansprüchen an die Leistungs erbringer handelt (zum Beispiel Herz operationen, Endo prothetik). Zum anderen wird durch die Analyse auch deutlich, dass die vordere Platzierung Deutschlands auch aus seiner relativ alten Bevölkerung und den daraus entstehenden Bedürfnissen resultiert. Die WIP-Studie leugnet nicht weitere Einflussfaktoren für die Häufigkeit chirurgischer Interventionen und nennt dabei vorhandene Klinik-Kapazitäten, Rationierung in manchen Gesundheitssystemen, monetäre Anreize, Unterschiede auf der Nachfrageseite, etwa durch unterschiedliche Morbiditäten und Risikofaktoren, kulturelle und Mentalitätsunterschiede bei Patienten und auch bei Ärzten, schließlich auch unterschiedliche Codierungssysteme, die die Daten nicht vollständig vergleichbar machen. Fazit: Die insbesondere von den gesetzlichen Krankenkassen auf der Basis von Rohdaten- Vergleichen der OECD initiierte Kampagne über den Operations-Weltmeister Europa ist interessengeleitet. Daraus wird die These abgeleitet, Deutschland verfüge über Überkapazitäten, die abgebaut werden müssten. Vor dem Hintergrund der anstehenden Kranken hausreform gewinnt dies an Brisanz. Denn die Krankenkassen verstehen unter dem von ihnen geforderten strukturellen Wandel vor allem Kapazitätsabbau, verbunden mit einer wachsenden Zentralisierung vor allem komplexerer medizinischer Interventionen. Das Ziel ist klar: Besonders teure Interventionen sollen für Versicherte und Patienten schwerer zugänglich gemacht werden. Die Autoren der WIP-Studie kommen albring & albring 03 / Seite 6

9 dabei aufgrund der Altersadjustierung sowohl von Gesundheitsausgaben wie auch von Operations-Fallzahlen zu einer anderen Schlussfolgerung: Zusammenfassend zeigt die Untersuchung, dass das deutsche Gesundheitssystem ein hohes Maß an Versorgung durch chirurgische Eingriffe zu moderaten Kosten bereitstellt. Eine Übertreibung im System oder eine Überversorgung im Vergleich zu anderen Ländern lässt sich mit den altersadjustierten OECD-Daten nicht mehr nachweisen. Dies ändert jedoch nichts an der Wichtigkeit, jeden einzelnen Eingriff nicht zuletzt wegen immer vorhandener Risiken intensiv auf seine Notwendigkeit zu prüfen. Helmut Laschet, Springer Medizin Ressort Gesundheitspolitik / Gesellschaft Ressortleiter / Stellv. Chefredakteur Bitte besuchen Sie uns auch unter Hier finden Sie unter der Rubrik News die wichtigsten gesundheitspolitischen Nachrichten des letzten Monats. Impressum: Herausgeber Dr. med. Manfred Albring Tel.: 030/ Redaktion Helmut Laschet (verantwortlich) Anschrift Warnauer Pfad Berlin Layout Robert Roman Roman und Braun albring & albring 03 / Seite 7

10 Wissenschaftlicher Beirat: Dr. med. Jürgen Bausch Ehrenvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen Professor Dr. Gerd Glaeske Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen Roger Jaeckel Leiter Gesundheitspolitik, GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG Professor Dr. Klaus Jacobs Geschäftsführung Wissenschaftliches Institut der AOK Univ.-Professor Dr. Günter Neubauer Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG), Müchen Professor Dr. Eberhard Wille Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen albring & albring

11 -News GKV am Jahresende 2014 im Defizit Erstmals seit 2008 haben die gesetzlichen Krankenkassen einen Fehlbetrag von rund einer Milliarde Euro verbucht. Mit rund fünf Prozent sind die Ausgaben deutlich schneller gestiegen als die Einnahmen (drei Prozent). Allerdings sind im GKV-System noch insgesamt 29 Milliarden Euro an Reserven vorhanden: 12,6 Milliarden Euro beim Gesundheitsfonds, 16 Milliarden Euro bei den Einzelkassen. Ursächlich für das Defizit sind auch Sondereffekte wie der von 16 auf sieben Prozent gesenkte gesetzliche Rabatt bei Arzneimitteln sowie teils hohe Prämienzahlungen der Krankenkassen an ihre Versicherten, die auf hohen Überschüssen der Vorjahre beruhen. Der Verband der Ersatzkassen beklagt vor dem Hintergrund eines Defizits seiner Mitglieder von 1,1 Milliarden Euro Ungerechtigkeiten des Risikostrukturausgleichs, von denen die AOK profitiere. Diese machten noch einen Überschuss von 420 Millionen Euro. Justizministerium legt Gesetzentwurf gegen Korruption im Gesundheitswesen vor Nach einem Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums soll das Strafgesetzbuch um einen Paragrafen 299a ergänzt werden, der einen neuen Straftatbestand der Bestechung und Bestechlichkeit für Heilberufe schafft. Damit sind nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker, Psychotherapeuten und Krankenpflegeberufe erfasst. Das Strafmaß liegt bei bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Ergänzend sollen im SGB V KVen und Kassen zur Zusammenarbeit verpflichtet werden; ferner soll jährlich ein standardisierter Korruptionsbericht vorgelegt werden. Das lehnt die KKBV ab. Medizinrechtler und Vertreter von Ärztenetzen befürchten, dass die unspezifischen Formulierungen zum Tat be stand der Korruption erwünschte Kooperationen im Gesundheitswesen verhindern können. Versorgungsstärkungs-Gesetz: Berlin lehnt Länder-Wünsche ab Auf Änderungsanträge des Bundesrates zum Versorgungsstärkungs-Gesetz (VSG) hat die Bundesregierung ablehnend reagiert. Die Länder wollten die Verpflichtung, Terminservice-Stellen bei den KVen einzurichten, aufweichen. Ferner sollte das paritä ti sche Stimmen gewicht von Haus- und Fachärzten in den Vertreterversammlungen nicht für die Länder-KVen gelten, sondern nur für die KBV: Die Kodierpflicht sollte nach Auffassung des Bundesrates wiederbelebt werden. Der Anspruch auf Zweitmeinung sollte auf sämtliche schwerwiegende und risikobehaftete Theraopien ausgedehnt werden. Das lehnt die Bundesregierung aus Kostengründen ab. Der Gesetzentwurf wird am 6. März in erster Lesung im Bundestag beraten. albring & albring 03 / Seite 9

12 -News BÄK und KBV für mehr ambulante Weiterbildung Nach einhelliger Auffassung der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sollen in Zukunft größere Anteile der ärztlichen Weiterbildung in der ambulanten Medizin absolviert werden können. Intergrund ist, dass nicht mehr das gesamte Leistungs spektrum der einzelnen Fachgebiete in der stationären Versorgung angeboten wird, sondern sich in die Praxen niedergelassener Ärzte verlagert hat. Das sol bei der nächsten Revision der Musterweiterbildungsordnung berücksichtigt werden. Ungeklärt ist aber die Finanzierung der Weiterbildung in der ambulanten Versorgung. Hier wird gesetzlich Facharztstandard gefordert, so dass Leistungen von Weiter bildungsassistenten nicht über den EBM abgerechnet werden können. Die KBV schlägt eine Loslösung der Finanzierung von den Leistungssektoren vor und fordert einen Fonds, aus dem die Gehälter der Weiterbildungsassistenten finanziert werden. BÄK sieht Fortschritte bei der GOÄ-Reform Die seit Jahren andauernden Verhandlungen zwischen Bundesärztekammer und PKV-Ver band für eine Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte scheinen zu ersten Ergebnissen zu führen. So will die BÄH gemeinsam mit der PKV dem Bundes gesundheits ministerium bis Ende März ein erstes Informationsangebot mit einer Liste von 400 neu kalkulierten Leistungen übergeben, die rund 80 Prozent des Leistungsumfangs in der PKV ausmachen. Nach Einschätzung der Bundesärztekammer könnte die neue GOÄ im Oktober 2016 in Kraft treten. Klinikreform: AOK fordert Zertifizierung von Behandlungszentren Im Zuge der Strukturreform für die Krankenhäuser sollen sich nach den Vorstellungen der AOK künftig alle Behandlungszentren nach dem Vorbild der Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft qualifizieren müssen. So ist die Vier-Jahres-Überlebensrate von Brustkrebspatientinnen, die in zertifizierten Zentren behandelt worden sind, mit 90 Prozent höher als in nicht zertifizierten Einrichtungen, die 83 Prozent erreichen. Auch die Ergebnisqualität nach der Behandlung von Darmtumoren oder Prostatakrebs sei in zertifizierten Zentren besser. albring & albring 03 / Seite 10

13 -News Ambulante Notfallversorgung: Kliniken beklagen Unterfinanzierung Die Krankenhäuser klagen über wachsende Belastungen ihrer Notfallambulanzen. Jährlich werden dort inzwischen insgesamt 20 Millionen Patienten versorgt, darunter zehn Millionen ambulante Fälle, die nach dem EBM abgerechnet werden. Die Zahl dieser Fälle ist nach den Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft zwischen 2012 und 2013 um 9,2 Prozent gestiegen. Eine Analyse der Kosten- und Leistungsdaten vinb 55 Kliniken hat ergeben, dass die Fallkosten eines ambulanten Notfalls 120 Euro betragen, denen aber nur Erlöse von 32 Euro gegenüberstehen. Auf alle Krankenhäuser hochgerechnet ergebe sich ein Defizit vin rund einer Milliarde Euro, so die DKG. Die KBV hält dem entgegen, dass etwa 70 Prozent der Notfälle in der vertragsärztlichen Versorgung behandelt werden. Die Patienten seien hier deutlich älter und multimorbider als die in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser, die überdurchschnittlich von jüngeren Patienten aufgesucht werden. GBA vergibt erstmals erheblichen Zusatznutzen Im Rahmen der frühen Nutzenbewertung hat der Gemeinsame Bundesausschuss erstmals das Prädikat erheblichen Zusatznutzen vergeben. Es betrifft das Präparat Hemangiol (mit dem Wirkstoff Propranolol) zur Behandlung vin Säuglingen mit proliferativen infantilen Hämangiomen. Entgegen den Empfehlungen des IQWiG entschied der GBA für einen Zusatznutzen von Daclatasvir (Daklinza) von Bristol Myers Squibb zur Behandlung von Patienten mit Hepatitis C mit Genotyp 1a (gering) und 4 (beträchtlich). Preis-Einigung bei Sofosbuvir Nach zunächst gescheiterten Verhandlungen haben sich der GKV-Spitzenverband und der Hersteller Gilead doch auf einen Erstattungsbetrag für das Hepatitis-C-Arzneimittel Sofosbuviuer (Sovaldi) geeinigt. Danach soll die zwölfwöchige Therapie Euro kosten. Ferner ist für die nächsten drei Jahre eine Preisabstaffelung vereinbart worden. Der ursprüngliche Preis lag bei Euro. albring & albring 03 / Seite 11

14 -News AMNOG-Report: Ergebnisse der Nutzenbewertung von Ärzten kaum beachtet Für verordnende Ärzte sind die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung offenbar nur bedingt von Relevanz. Dies geht aus dem AMNOG-Report der DAK hervor, in dem die Gesundheitsökonomen Wolfgang Greiner und Julian Witte untersucht haben, welchen Einfluss die Prädikatisierung neuer Wirkstoffe auf den Anstieg des Verordnungsvolumen haben. Einbezogen waren 58 bis Ende 2013 vom GBA bewertete Arzneimittel. Im Durchschnitt stieg die Zahl der Verordnungen bei Wirkstoffen ohne Zusatznutzen mit 18,2 Prozent am stärksten, bei Wirkstoffen mit geringem Zusatznutzen um 17,7 Prozent und bei Wirkstoffen mit beträchtlichem Zusatznutzen nur um 13,5 Prozent. Am geringsten war der Verordnungsanstieg bei Arzneimitteln mit nicht quantifizierbarem Zusatznutzen (plus 7,9 Prozent). Im Einzelfall weichen die Zuwächse allerdings erheblich von den Durchschnittswerten ab. Aus Sicht des Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Professor Wolf-Dieter Ludwig, ist es ein erhebliches Manko, dass Vertragsärzte sich nicht an den GBA-Beschlüssen orientieren. Der vfa kritisierte, dass Unterversorgungsquoten von bis zu 90 Prozent nicht tolerabel seien. Personalien Dr. Angelika Prehn, Dr. Uwe Kraffel und Burkhard Bratzke bleiben als KV-Vorstände in Berlin im Amt. Ein Abwahl-Antrag, über den die Vertreterversammlung zu befinden hatte, kam nicht auf die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit von 25 Stimmen in der VV. Für die Abwahl von Prehn hatten 21, für die Abwahl von Kraffel und Bratzke 20 KV-Vertreter gestimmt. Der Vorstand sowie der ehemalige VV-Vorsitzende müssen sich wegen Untreue strafrechtlich verantworten. albring & albring 03 / Seite 12

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