Roland Fischer, Wien und Klagenfurt KEIN REINHEITSGEBOT FÜR DIE WISSENSCHAFT!

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1 Roland Fischer, Wien und Klagenfurt KEIN REINHEITSGEBOT FÜR DIE WISSENSCHAFT! ((1)) Die angesprochenen Fehlfunktionen von Wissenschaft gibt es, sie sind im Hauptartikel klar beschrieben und stellen ein Problem dar. Die "Phänomenologie wissenschaftlicher Fehlfunktionen" ist überzeugend und sollte jede(r) WissenschafterIn und jeder einschlägigen Institution ins Stammbuch geschrieben werden. Wohltuend empfinde ich die teilweise politisch unkorrekten (z. B. ((6))-((8))) oder dem Zeitgeist der Wissenschaftspolitik (etwa ((14)) ) widersprechenden Ausführungen. Auch die z. T. in Kapitel 2, dann aber in Kapitel 3 "Ursachen und Genese von Fehlentwicklungen" angeführten strukturellen Gründe, in erster Linie das Zurücktreten eines wissenschaftlichen Codes gegenüber "systemfremden" Codes sowie das Phänomen der "Interpenetration" sind für mich überzeugend. ((2)) Meine Kritik setzt an bei der Einleitung "Ziele und Erscheinungsform von Wissenschaft" und, davon ausgehend, bei der Frage nach der Therapie, also nach dem, was zu tun wäre. Die Frage wird nicht explizit beantwortet, implizit lese ich so etwas wie ein "Reinheitsgebot" für Wissenschaft heraus. Und das hielte ich nicht für den richtigen Weg. ((3)) Die in der Einleitung gegebene "Minimaldefinition" von Wissenschaft als Unternehmen zur "Gewinnung lege artis geprüfter Informationen" ((1)) erscheint mir nicht ausreichend. Diese Definition schließt nur mit Mühe so etwas wie "Angebot theoretischer Erklärungen" ein, sie sagt auch nichts darüber aus, wie die "lex artis" jeweils zustande kommt. Vor allem aber lässt sie nicht erkennen, dass hier zwei im Kern gegensätzlich orientierte Aufgaben vorliegen: einerseits Information zu gewinnen sowie andererseits sie lege artis zu prüfen. Einerseits geht es um Innovation und andererseits um Sicherheit. Je interessanter ein Forschungsprojekt ist, desto schwerer sind diese Orientierungen unter einen Hut zu bringen. Innovation verlangt Risikobereitschaft, die eben darin besteht, sich auf etwas einzulassen, das (noch) nicht lege artis geprüft ist. Umgekehrt führt die Betonung der Geprüftheit naturgemäß dazu, dass es Innovationen schwer haben. Die meisten der angeführten Fehlfunktionen sind Behinderungen von Innovation.

2 ((4)) Ein weiteres Defizit der Einleitung sehe ich darin, dass darin der soziale Charakter von Wissenschaft nicht vorkommt, dieser aber in den weiteren Ausführungen eine große Rolle spielt. Es wird nicht ausdrücklich hervorgehoben, dass Wissenschaft ein Unternehmen ist, an dem viele Menschen beteiligt sind und sein müssen, und zwar nicht nur weil es so viel Verschiedenes zu wissen gibt, sondern auch weil der gerade angesprochene dialektische Charakter von Wissenschaft es erforderlich macht, dass Menschen in unterschiedlichen Rollen mit Bezug aufeinander tätig sind. So können (zu einem bestimmten Zeitpunkt) die einen risikobereit und innovationshungrig und die anderen konservativ und sicherheitsbetont agieren. Der eine, einsame, Wissenschafter, der innovativ Information gewinnt und sie dann "lege artis" prüft, ist, wenn überhaupt, nur in Phasen minder interessanter "Normalwissenschaft" denkbar. Und auch er braucht die Community, damit die "lex" erlassen wird. ((5)) Führt man den Gedanken des dialektischen Charakters der Funktion von Wissenschaft konsequent fort, so kommt man zu einer Aufgabe der Gesellschaft gegenüber, die sich etwa so beschreiben lässt: Wissenschaft hat einerseits geprüfte Information anzubieten und damit Sicherheit zu geben, und sie hat andererseits Informationen (auch die von ihr lege artis geprüften) immer wieder in Frage zu stellen und damit zu verunsichern. In den Naturwissenschaften und der Medizin überwiegt die Sicherheitsfunktion. Geistes- und Sozialwissenschaften treten häufig auch als Verunsicherer auf. Sie tun dies am erfolgreichsten mit "lege artis" geprüfter Information, da aber in diesen Wissenschaften die lex nicht so eindeutig ist, kann, ja muss es zu Verunsicherung auch durch Spekulation kommen. Es könnte sein, dass ein Teil der beschriebenen Fehlfunktionen mit einer einseitigen Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber der Wissenschaft zu tun hat: Sicherheit hat Vorrang. Der größte Teil der im Hauptartikel angeführten Beispiele für Fehlfunktionen stammen aus den Naturwissenschaften, die diese Erwartung in hohem Ausmaß verinnerlicht haben. ((6)) Was folgt aus dem Gesagten im Hinblick auf die Fehlfunktionen? Es folgt daraus, dass manche der genannten Fehlfunktionen systematisch in der Aufgabe von Wissenschaft begründet sind. Das heißt nicht, dass es keine Fehlfunktionen sind, es heißt, dass die Fehlfunktionen im unzureichenden Umgang mit einem Balance-Problem bestehen können. Insbesondere kann man alle Fehlfunktionen, die auf eine Unterdrückung von Innovation hinauslaufen, also alle die, die im übertriebenen Festhalten am Bestehenden bestehen, eben dadurch erklären, dass in diesen Fällen ordentlich lege artis zu prüfen als das Allerwichtigste angesehen wird. Hinzu kommt, dass zum Festlegen und zum Festhalten der lex eben ein

3 Netzwerk, eine Community, eine In-Group oder eine Seilschaft nützlich sind. Es mag schon sein, dass die Motive zur Schaffung dieser sozialen Gebilde überwiegend nicht im Streben nach guter Wissenschaft liegen, es sollte nur klar sein, dass auch dieses soziale Organisation mit stabilisierenden Elementen erfordert. ((7)) Der Artikel vermittelt den Eindruck als wäre das soziale Geschehen und damit die Sozio-Logik in der Wissenschaft primär ein Störfaktor, der die Sach-Logik behindert und damit zu Fehlfunktionen führt. Am besten arbeiten würde der einsame, charakterstarke Forscher, der nach den irgendwann von irgendwem festgelegten, jedenfalls feststehenden Regeln der Kunst seiner Arbeit nachgeht. Diese Sichtweise verkennt nicht nur die Realität das sollte man einem Idealisten zugestehen sie erkennt auch nicht die Notwendigkeit von Wissenschaft als sozialem System. Und dass auch die Wurzel mancher Innovation in der auf allen Ebenen menschlicher Wahrnehmung stattfindenden Beeinflussung liegt. ((8)) Für sehr gelungen halte ich den Erklärungsansatz "Pathologische Interpenetration". Tatsächlich haben Elemente und Motive anderer Systeme wie Ökonomie, Politik oder Medien (in der Universitätsorganisation auch das Rechtssystem) in der Wissenschaft einen Stellenwert erreicht, der eine Bedrohung für die Primäraufgabe darstellt. Diese sehe ich zwar differenzierter als im Hauptartikel dargestellt (siehe oben), aber immer noch deutlich unterscheidbar von den "Codes" der anderen Systeme (vielleicht sogar deutlicher als im Hauptartikel, da "Gewinnung von Information" auch ökonomistisch interpretiert werden kann). Wissenschaftsforschung und Wissenschaftssoziologie sind übrigens an der Interpenetration mit beteiligt, wenn sie aufzeigen, wie systemfremde Elemente im Wissenschaftsbetrieb wirksam sind, ohne den Primär-Code anzugeben, wodurch sie eigentlich unkritisch bleiben. Ich habe schon Jungwissenschafter erlebt, die es für richtig gehalten haben, dass es in der Wissenschaft primär um Renommee, sekundär um Geld (Drittmittel) und um sonst nichts geht. Wer dem etwas Anderes entgegenstellt, wird als ein ewiggestriger Naivling oder Verschleierer seiner wahren Interessen angesehen. Dass die schlichte Formulierung von der Wahrheitssuche auch nicht ausreicht, macht die Sache schwierig, aber der Kampf gegen die pathologische Interpenetration kann nur mit guten, neuen Angeboten für einen Primärcode oder zumindest neuen Interpretationen erfolgreich geführt werden. ((9)) Wie das Meiste hat auch die Interpenetration eine in diesem Fall positive Kehrseite. Wissenschaft braucht Orientierung nicht nur aus sich heraus und sie soll nach außen wirksam

4 werden. Beides erfordert die Überlappung, Überschneidung, Durchdringung von Systemen. (Wobei übrigens auch die Wissenschaft in andere Systeme eingedrungen ist.) Dass dies mit Gefahren verbunden ist, also pathologisch werden kann, ist offensichtlich. Eine Bedrohung des Systems "Wissenschaft" findet aber nur soweit statt, wie dieses System zu schwach ist, seine eigene Identität zu prozessieren, d. h. auch an seinem Selbstverständnis (Primär-Code) zu arbeiten. ((10)) Damit bin ich bei der Frage der Therapie. Der Hauptartikel schlägt explizit keine vor, was nicht untypisch ist für den Umgang der Wissenschaft mit sich selbst. Herauslesen würde ich so etwas wie ein "Reinheitsgebot": Die Wissenschaft soll sich frei machen von allen systemfremden Elementen, sie soll sich auf ihre zentrale Aufgabe besinnen und die WissenschafterInnen sollen den Versuchungen widerstehen. Demgegenüber lautet mein Vorschlag: Die "Verunreinigungen" von Wissenschaft, seien es die sozialen Einflüsse oder die Interpenetrationen, gehören mit zu ihrem Wesen, selbst wenn daraus die Gefahr von Fehlfunktionen erwächst. Es ist aber notwendig, eine je zeitgemäße Definition der Funktion von Wissenschaft zu verhandeln. Kurz gesagt: Nicht jammern über die Dominanz von Sekundär-Codes, sondern einen attraktiven, dem heutigen Erkenntnisstand von Wissenschaftstheorie und -forschung entsprechenden Primär-Code (weiter)entwickeln; und diesen jeweils mit empirischen Befunden über Wissenschaft in Verbindung setzen. Für Letzteres ist der Hauptartikel ein hervorragendes Angebot. ((11)) Die ungelöste Aufgabe sehe ich in der Gestaltung eines darauf (den Hauptartikel) und auf ähnliche Angebote bezogenen Diskussionsprozesses zunächst innerhalb der Wissenschaft. Diese Gestaltung müsste nicht unbedingt dazu führen, dass existierende soziale Formationen abgeschafft oder behindert würden, sondern dazu, dass zusätzliche Organisationsformen etabliert würden, die Kommunikation über die Fehlfunktion und über die Funktionen von Wissenschaft gewährleisten. ((12)) Diese Kommunikation muss auch über die Wissenschaft hinaus reichen. Kein System kann seine Funktionen nur von innen her bestimmen, ein Aushandeln mit der Umwelt ist nötig. Hier sehe ich vor allem die Notwendigkeit, über den Risikoanteil und vielleicht sogar die Verunsicherungsfunktion von Wissenschaft eine Diskussion in Gang zu halten. Denn, wie schon gesagt, ein großer Teil der Fehlfunktionen wird durch eine inadäquate Erwartungshaltung der Wissenschaft gegenüber gefördert.

5 Literatur Costazza, M., Fischer, R., Pellert, A. (Hg.): Argumentation und Entscheidung. Zur Idee und Organisation von Wissenschaft. München/Wien: Profil

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