Berufsvorbereitende Bildungsgänge

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1 Berufsvorbereitende Bildungsgänge Das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) Peter Jauch/Werner Bleher

2 Gliederung des Vortrags 1. Berufsvorbereitung im BVJ 2. Die Entwicklung von Schülerzahlen im BVJ 3. Ursachen für diese Entwicklung 4. Problematik dieser Entwicklung 5. Konsequenzen aus der Perspektive des MKJS 6. Beweggründe für den Besuch des BVJ aus Schülersicht 7. Kann das BVJ sein Leitziel Ausbildungsfähigkeit erreichen? 8. Fallbeispiele 9. Eine veränderte Unterrichtskultur erfordert veränderte Prüfungsformen - Projektprüfung im BVJ 10. Welchen Beitrag kann Projekt X2 in diesem Veränderungsprozess im BVJ leisten?

3 1. Berufsvorbereitung im BVJ Schulische Berufsvorbereitung junger Menschen erfolgt vorwiegend durch das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) und das Berufsgrundbildungsjahr (BGJ), die durch die Länder geregelt sind und in unterschiedlicher Form gehandhabt werden (auch Abweichungen in den Bezeichnungen). Das BVJ und das BGJ werden überwiegend an -> Berufsschulen angeboten. Für den Fall einer anschließenden -> Arbeit ohne Berufsausbildung kann mit dem BVJ oder dem BGJ zugleich die Berufsschulpflicht erfüllt werden. Berufsvorbereitungsjahr (BVJ): Zielgruppen sind vor allem Schüler und Schülerinnen ohne Hauptschulabschluss oder Abgänger der Förderschulen/ Schulen für Lernbehinderte. Das BVJ dauert ein Jahr. Es vermittelt fachpraktische und fachtheoretische Grundqualifikationen, schafft Einblicke in verschiedene Berufsfelder (z. B. Metall, Holz, Gestalten) und hilft, schulische Lücken zu schließen. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben Gelegenheit, sich über ihre beruflichen Möglichkeiten zu informieren, sich zu testen, ihre individuellen Fähigkeiten und Interessen zu entdecken und zu vertiefen. Durch abgestufte Anforderungen und eine differenzierte Förderung sollen individuelle berufliche Perspektiven eröffnet und der Einstieg in eine Berufsausbildung oder in eine Beschäftigung erleichtert werden. Das BVJ schließt mit einer Prüfung ab; durch eine Zusatzprüfung lässt sich der Hauptschulabschluss oder ein gleichwertiger Bildungsabschluss erwerben. Manchmal ist mit dem BVJ auch die Unterbringung in einem Internat (-> Wohnen) verbunden. Quelle: Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.)(2002): Teilhabe durch berufliche Rehabilitation. Handbuch für Beratung, Förderung, Aus- und Weiterbildung. Nürnberg, S

4 2. Die Entwicklung von Schülerzahlen im BVJ Derzeit besuchen knapp Schülerinnen und Schüler derartige Bildungsgänge in Baden-Württemberg. Der zahlenmäßig bedeutendste hierunter ist das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ). Etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler verfügt nicht über den Hauptschulabschluss... Beim BVJ handelt es sich allerdings meist nicht um ein Angebot, das von den Schülerinnen und Schülern freiwillig angenommen wird. In 40 der 44 Stadt- und Landkreise Baden-Württembergs ist der Besuch des BVJ verpflichtend für Jugendliche, die zu Beginn der Berufsschulpflicht kein Ausbildungsverhältnis vorweisen können. Lediglich in der Landeshauptstadt Stuttgart sowie in den Landkreisen Esslingen, Ludwigsburg und Rems-Murr-Kreis ist der Besuch des BVJ freiwillig. (Wolf 2004, S. 15) Statistischer Bericht Baden-Württemberg vom Schülerzahlen in berufsvorbereitenden Bildungsgängen in Baden- Württemberg seit dem Schuljahr 1980/81 Quelle: Wolf, Rainer (2004): Berufsvorbereitende Bildungsgänge Chancenverbesserung an der Schwelle von der Schule zur Berufsausbildung. In: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2005, S

5 Offensichtlich haben die Schülerzahlen im BVJ enorm zugenommen. Welche Ursachen vermuten Sie?

6 3. Ursachen für diese Entwicklung Schwierige Lage auf dem Lehrstellenmarkt (Arbeitsmarktsituation) Mangelnde Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen Zunahme der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss (im Schuljahr 2003/04 -> 8700) [vgl. Wolf (2005), S. 16] Hoffnung der Jugendlichen auf die Verbesserung ihrer Chancen auf dem Arbeitsmarkt (Erwerb HS-Abschluss) Wachsende Zahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund Wachsende Zahl von Jugendlichen mit geringen Deutschkenntnissen Zunehmende Zahl von Ausbildungsabbrüchen (laut Berufsbildungsbericht > 27 %, Tendenz rückläufig) Normative Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft Neuordnung der Ausbildungsrahmenpläne in den Ausbildungsberufen und damit steigende Ansprüche an die Qualifikation der Ausbildungsplatzbewerber BVJ-Besuch erfüllt die Berufsschulpflicht ( Schulgesetz: 3 Jahre im Anschluss an eine allgemein bildende Schule, max. bis zum 18. Lebensjahr)...

7 Welche Probleme können sich daraus ergeben?

8 4. Problematik dieser Entwicklung Große Klassen im BVJ Hoher Anteil von schulmüden Jugendlichen und Jugendlichen aus schwierigsten sozialen Verhältnissen (vgl. LT-Drucksache 13/3686 Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) vom ) Starke Heterogenität der Schülerschaft Unterschiedliche Interessenlagen Frontalunterricht der Lehrerinnen/Lehrer Überforderung von Schülern und Lehrern Geringe Förderung der einzelnen Schüler durch ein Standardbildungsangebot...

9 Welche bildungspolitischen Konsequenzen würden Sie daraus ziehen?

10 5. Konsequenzen aus der Perspektive des MKJS Ba-Wü Auf Grund der schwierigen Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sind die Schülerzahlen im BVJ in den letzten Jahren stark angestiegen. Dieser Schülerzuwachs, die starke Heterogenität der Klassen im BVJ und der Wunsch der Schulen nach größeren Freiräumen gaben den Anlaß zu der Weiterentwicklung des BVJ. Auch die zunehmenden Schwierigkeiten der BVJ-Absolventen, eine Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, drängen zum Handeln. (S. 5) Konsequenzen: (innere Differenzierung) Flexibilisierung des Unterrichts durch die neue Stundentafel-Öffnungsverordnung Flexibilisierung des Bildungsangebots (Anpassung an den Förderbedarf) Neue Unterrichtsformen (fächerübergreifender u. projektorientierter Unterricht) BVJ-Formen: (äußere Differenzierung) Klassen entsprechend der bisherigen BVJ-Regelform Klassen entsprechend dem bisherigen BVJ für Jugendliche ohne ausreichende Deutschkenntnisse Klassen entsprechend dem bisherigen BVJ für Jugendliche mit besonderen Lernund Leistungsproblemen Quelle: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.)(1998): Neue Wege im BVJ. Handreichung Juli 1998, S. 5-8

11 5. Konsequenzen aus der Perspektive des MKJS Ba-Wü Inzwischen sind weitere Modifikationsformen im BVJ hinzugekommen. So gibt es Klassen für leistungsstärkere Jugendliche -> Schulversuch Teilqualifikation im BVJ das Sonderberufsvorbereitungsjahr (SBVJ) und Kooperationsklassen (Kooperation zwischen BVJ, Förderschulen, Arbeitsverwaltung, Jugendhilfe und Eltern) Im SBVJ werden Jugendliche unterrichtet, die aufgrund einer Lern- oder anderen Behinderung besondere sonderpädagogische Unterstützung benötigen. Im Schuljahr 2004/05 wurden im Sonderberufsvorbereitungsjahr 1327 Schüler beschult, davon 426 weiblich und 285 Ausländer.

12 Welche Beweggründe könnten Jugendliche für den Besuch des BVJ haben?

13 6. Beweggründe für den Besuch des BVJ aus Schüler(innen)sicht Keine Ausbildungsstelle gefunden (sinnvolle Alternative um nicht auf der Straße zu sitzen) Strukturierung des Alltags (Ich muss etwas machen.) Erwerb des Hauptschulabschlusses Verbesserung des Hauptschulabschlusses Entwicklung der Persönlichkeit (reifer werden) Zeit gewinnen zum Nachdenken und für die Lebensplanung Doing gender (Beispiel Sabine in Hennige/Steinhilber (2005), S Quelle: Hennige, Ute/Steinhilber, Beate (2005): Mädchen lern und mach was! Junge Frauen mit geringen Bildungschancen auf ihrem Weg ins Erwerbsleben. Kontaktstelle für praxisorientierte Forschung e.v. an der Evang. Fachhochschule Freiburg. Tel. 0761/

14 7. Kann das BVJ sein Leitziel Ausbildungsfähigkeit erreichen? Hierzu schreibt Wolf: Mit den Mitteln der amtlichen Schulstatistik lässt sich diese Frage nur ansatzweise beantworten. Immerhin knapp dreiviertel der über Abgänger des BVJ konnten im Jahr 2003 ihren Bildungsgang erfolgreich beenden. Knapp Jugendliche holten dabei den Hauptschulabschluss nach. Das waren rund vier von fünf Jugendlichen, die das BVJ ohne Hauptschulabschluss begonnen hatten. Allerdings ist diese Zahl mit einer gewissen Unschärfe behaftet. Auch Jugendliche, die bereits in der Hauptschule diesen Abschluss erworben hatten, können ihn wiederholen, um ihre Abschlussnote zu verbessern. Die statistischen Meldungen der Schulen lassen diese Unterscheidung nicht deutlich erkennen. Im Schuljahr 2003/04 begannen gut Schülerinnen und Schüler einen Bildungsgang an einer beruflichen Schule, die zuvor das BVJ besucht hatten. Darunter waren mehr als 1600, die einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen hatten. Über 1100 wollten über den Besuch einer 2- jährigen Berufsfachschule einen mittleren Bildungsabschluss erwerben und knapp 1400 setzten ihre Schullaufbahn an einer anderen Berufsfachschule fort. Diese Zahlen zeigen, dass es nach dem Abschluss eines berufsvorbereitenden Bildungsganges durchaus einen Anschluss geben und sogar der Übergang in ein Ausbildungsverhältnis gelingen kann. Auch wenn vielleicht nicht alle Übergänge in eine Berufsausbildung in der Statistik gemeldet werden, verdeutlichen die im Vergleich zu den Absolventen berufsvorbereitender Maßnahmen relativ geringen Eintritte in das duale System die Schwierigkeiten, die die betroffenen Jugendlichen immer noch haben. [Hervorhebung durch WB] Quelle: Wolf, Rainer (2004): Berufsvorbereitende Bildungsgänge Chancenverbesserung an der Schwelle von der Schule zur Berufsausbildung. In: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2005, S. 18

15 8. Fallbeispiele Zur Illustration des Übergangs von jungen Frauen im Berufsvorbereitungsjahr in die Erwerbsarbeit werden nachfolgend einige Fallbeispiele aus der Publikation von Ute Hennige und Beate Steinhilber vorgestellt. Sindy (Ein Übergangsweg, auf den Sindy stolz sein kann.) Jaqueline (Ein Übergangsweg, bei dem alles glatt läuft.) Nele (Ein erfolgreicher Übergangsweg.) Ayse (Ein Übergangsweg mit vielen Chefs) Alex (Ein nicht geplanter Weg in die Schwangerschaft) Laura (Ein Übergangsweg, der kein Ende zu nehmen scheint.) Quelle: Hennige, Ute/Steinhilber, Beate (2005): Mädchen lern und mach was! Junge Frauen mit geringen Bildungschancen auf ihrem Weg ins Erwerbsleben, S

16 Welche Ursachen könnten zur Einführung der Projektprüfung im BVJ geführt haben?

17 9. Projektprüfung im BVJ Als Begründung für die Einführung der Projektprüfung im BVJ führt das MKJS an: Verstärkter Einsatz von projektorientiertem Unterricht als zentraler Bestandteil der Weiterentwicklung des BVJ Verbindliche Einführung der Projektprüfung im Schuljahr 2001/2002 in der Hauptschule Folge: Mehr als die Hälfte der BVJ-Schüler bringt dadurch entsprechende Erfahrungen und Kompetenzen mit. Verstärkte Nachfrage nach projektorientiertem Arbeiten in der beruflichen Ausbildung Förderung überfachlicher Fähigkeiten (neben fachlichen Fähigkeiten) Förderung des vernetzten Denkens durch themenorientiertes Lernen anstatt durch Lernen in Fachschubladen, denn die Alltagsprobleme begegnen uns als komplexere Problemstellungen. Quelle: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.) (2003): Projektprüfung im BVJ. Stuttgart, S. 4

18 9. Projektprüfung im BVJ Konsequenzen: Einführung des Fachs Projektarbeit zur Vorbereitung auf die Projektprüfung -> Wie gelernt, so geprüft! (a.a.o. S. 16ff) Flexibilisierte Stundentafel als Grundlage für Projektarbeit Das Fach Projektarbeit und die Projektprüfung im BVJ stellen eine konsequente Reaktion auf diese wichtigen Entwicklungen dar. Mit Blick auf die heterogene Schülerschaft des BVJ bietet die flexible Stundentafel des BVJ eine sehr gute Grundlage, um Projektarbeit bis hin zur Projektprüfung erfolgreich umzusetzen. Dabei wird auch der Förderbedarf und das Leistungsvermögen der jeweiligen Schülergruppe auch bezogen auf leistungsschwächere Jugendliche berücksichtigt. Zweifellos ist dafür viel Engagement, Kreativität und eine enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrerinnen und Lehrern des BVJ gefordert. (a.a.o. S. 4) Quelle: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.) (2003): Projektprüfung im BVJ. Stuttgart, S. 4

19 Welchen Beitrag kann Projekt X2 in diesem Veränderungsprozess im BVJ leisten? Ende

20 Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) Berufsgrundbildungsjahr (BGJ): Ziel ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Grundqualifikationen mehrerer verwandter Berufe zu vermitteln und so einen Einblick in ein bestimmtes Berufsfeld zu geben. Das BGJ dauert ein Jahr und wird in bestimmten Berufsfeldern (z. B. Wirtschaft und Verwaltung, Metalltechnik, Elektrotechnik, Bautechnik, Textil und Bekleidung) absolviert. Das BGJ kann - je nach Land - im dualen System (d. h. in Betrieb und Berufsschule) oder in rein schulischer Form absolviert werden (dann wird es oft auch Berufsgrundschuljahr genannt). In einigen Ländern ist das BGJ für bestimmte Berufsfelder das obligatorische erste Jahr der betrieblichen Berufsausbildung. Der erfolgreiche Besuch des BGJ wird nach der Berufsgrundbildungsjahr-Anrechnungsverordnung auf die Berufsausbildung angerechnet, wenn das absolvierte Berufsfeld und der Ausbildungsberuf einander entsprechen. In der Regel besteht die Möglichkeit, im Rahmen des BGJ den Hauptschulabschluss zu erwerben, bei entsprechenden Zusatzprüfungen auch einen Realschuloder einen vergleichbaren Bildungsabschluss. Quelle: Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.)(2002): Teilhabe durch berufliche Rehabilitation. Handbuch für Beratung, Förderung, Aus- und Weiterbildung. Nürnberg, S. 344

21 Der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beträgt bei berufsvorbereitenden Bildungsgängen ca. 30 %, im Durchschnitt aller beruflichen Schulen ca. 11 %. Quelle: Wolf, Rainer (2004): Berufsvorbereitende Bildungsgänge Chancenverbesserung an der Schwelle von der Schule zur Berufsausbildung. In: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2005, S. 17

22 Quelle: Wolf, Rainer (2004): Berufsvorbereitende Bildungsgänge Chancenverbesserung an der Schwelle von der Schule zur Berufsausbildung. In: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2005, S. 16

23 Quelle: Wolf, Rainer (2004): Berufsvorbereitende Bildungsgänge Chancenverbesserung an der Schwelle von der Schule zur Berufsausbildung. In: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2005, S. 17

24 Quelle: Berufsbildungsbericht 2005, S. 118

25 Quelle: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.)(1998): Neue Wege im BVJ. Handreichung Juli 1998, S

26 Quelle: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.) (2003): Projektprüfung im BVJ. Stuttgart, S. 19

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