Daniel Zöllner Überwindung des Raumes und der Zeit Eine Einführung die Grundgedanken Jean Gebsers

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1 Daniel Zöllner Überwindung des Raumes und der Zeit Eine Einführung die Grundgedanken Jean Gebsers Juni Leben Jean Gebser (eigentlich Hans Gebser) wurd e am 20. August 1905 in Posen (dam als Preußen) geboren. Über seine Kindheit und Jugend berichtet er in de r autobiographischen Erzählung Die schlafenden Jahre verließ er De utschland und lebte ab 1932 einige Zeit in Spanien, wo er mit Frederico García Lorca und anderen spanischen Dichtern befreundet war erschienen seine Übertragung en spanischer Gedichte in s Deutsche unter dem Titel Neue spanische Dichtung. Im selben Jahr begann er (zunächst auf Spanisch) m it der Ausarbeitung der Schrift Rilke und Spanien, die erst 1940 auf Deut sch erschien. Ab 1937 lebte er in Paris und lernte dort die franzö sischen Dichter Eluard, Aragon und Malraux und den Maler Picasso kennen verließ Gebser Frankreich und ließ si ch in der Schweiz nieder, die ihm zur Wahlheimat wurde ersc hien sein Abriss der Ergebnisse moderner Forschung unter dem Titel Abendländische Wandlung, dann Der grammatische Spiegel (1944) und Lorca oder das Reich der Mütter (1949). Im Winter 1947 hatte er m it der Ausarbeitung seines zweibändigen Hauptwerks Ursprung und Gegenwart begonnen wurde der 1. Band beendet und veröffentlicht. Von 1950 bis 1952 arbeitete er am 2. Band, der 1953 ersc hien. Auf zahlreichen Kongressen und Vortragsreihen (die meist in Bu chform erschienen sin d) sprach er m it anerkannten Wissenschaftlern und Denkern über den Anbruch ei nes aperspektivischen Zeitalters, wie er ihn in Ursprung und Gegenwart evident m achte, und über die neue, aperspektivische Weltsicht. Zu seinen Freunden zählten C. G. Jung, Adolf Portmann und Karl Kerényi unternahm er eine Asienreise, die literarischen Niederschlag in dem Buch Asien lächelt anders (erschienen 1968) fand. Sein letztes W erk ist Verfall und Teilhabe, das er kurz vor seinem Tod abschloss und das 1974 erschienen ist. Er starb am 14. Mai 1973 in W abern (Kanton Bern) Werk Car l'heure est grande et neuve, où se saisir à neuf. Et à qui donc céderions-nous l'honneur de notre temps?... (Denn groß ist die Stunde und neu, wo es neu sich zu fassen gilt. Und wem denn überließen wir die Ehre unserer Zeit?...) 2 (Saint-John Perse in seiner Nobelpreisrede von 1960) Der Mensch hat geträumt. Dann gefühlt. Dann gedacht. Wann wird er wissen? (Jean Gebser in: Aussagen, Gesamtausgabe Band VII, S. 294) Grundgedanke seines Werkes Man sollte sich davor hüten, Gebser in eine bestimmte Schublade zu stecken, indem man ihn beispielsweise als Philosophen oder Psycholo gen bezeichnet. Sein Werk umfasst neben philosophischen Schriften auch zahlreiche Ge dichte, eine autobiographische Erzählung und Bücher über die Dichter Lorca und Rilke. 1 Quelle: Gesamtausgabe Band VII. 2 Deutsch von Friedhelm Kemp. 1

2 Dennoch gibt es einen Grundgedanken, der sein gan zes Werk prägt. Dieser Gedanke ist, dass wir in einem Zeitalter der W andlung leben und dass diese Wandlung zum Durchbruch eines neuen Bewusstseins führen wird. In der Vorles ung Die neue W eltsicht beschreibt Gebser, wie ihm im Nove mber 1932 blitzartig der Ge danke kam, der für sein weiteres W erk grundlegend war: Auf die kürzeste Form el gebracht, lautet dieser Gedanke: Überwindung des Raumes und der Zeit. Und er erläutert weiter: W as heißt das? Es heißt, daß wir bewußt Raum und Zeit überwinden sollen; es heißt ke inesfalls, daß Raum und Zeit abgeschafft werden sollen, wohl aber, daß wir uns bis zu einem gewissen Grade von beiden zu befreien haben, ohne aber in d ie magische, bewußtseinsschwache Raumzeitlosigkeit zurückzugleiten. 3 Gebsers Arbeitsweise Um zu zeigen, dass eben dies das Grundanlie gen aller schöpferischen Be mühungen unserer Zeit ist, ging Gebser nun kulturphänom enologisch vor: Er untersuchte alle europäischen Denk- und Ausdrucksbereiche, um das ihnen a llen gemeinsame Grundanliegen evident zu machen. Einen sehr guten Einblick in seine Ar beitsweise gibt der Aufsatz Kulturphilosophie als Methode und W agnis, wo es heißt: Die vorbereitende Arbeit ist jeweils zuerst phänomenologischer, dann komparativer, dann koordinierender Art. 4 Das bedeutet, dass der Kulturphilosoph zunächst die Ergebnisse der einzelnen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen als Kulturphänom ene betrachtet, um sie dann zu vergleichen. Der dritte und schwerste Schritt besteht darin, die Erge bnisse auf das ihnen Ge meinsame hin zu koordinieren; dadurch wird schließlich jene Reduktion auf das möglich, was den koordinierten Phänomenen zugrunde liegt. 5 Erster Ausdruck dieser kulturphilosophi schen Arbeit ist die besonders auf die Naturwissenschaften konzentrierte Schr ift Abendländische W andlung mit dem aussagekräftigen Untertitel: Abriss der Ergebnisse m oderner Forschung in Physik, Biologie und Psychologie. Ihre Bedeutung für Gegenw art und Zukunft. In dem Aufsatz Der grammatische Spiegel zeigt er au f, wie sich die neue Weltsicht auch in der dichterischen Sprache unserer Zeit manife stiert. Höhepunkt von Gebsers ku lturphilosophischer Arbeit ist jedoch sein Hauptwerk Ursprung und Gegenwart. Gebsers Bewusstseinsgeschichte Mit der Bewusstseinsgeschichte, der der erste Band von Ursprung und Gegenwart (mit dem Titel Die Fundam ente der aperspektivischen Welt. Beitrag zu einer Geschichte der Bewusstwerdung ) gewidmet ist, wird Gebser heute m eist assoziiert. Dabei w ird oft übersehen, dass auch sein e Bewusstseinsgeschichte vor allem der Darstellung der Manifestationen des neuen Bewusstseins dienen sollte. Denn um das Neue konkret machen zu können, muss man sich des Vergangenen erinnern. Nur so werden die Fundamente ersichtlich, auf denen das Neue steht. Nur so kann m an das wirklich Neue vom nur scheinbar Neuen, das nur eine maskierte Manifestation des Alten ist, unterscheiden lernen. Gebser zeigt auf (vor allem durch die kultu rphänomenologische Betrachtung der Äußerungen vergangener Zeiten und durch die Untersuchung der Worte und ihrer Wurzeln), dass sich vier Bewusstseinsstrukturen nachweisen lassen, di e den heutigen europäischen Menschen konstituieren. Er nenn t diese Bewusstseinsstrukturen die archaische, die magische, die mythische und die mentale. In unserer Zeit ereignet sich der Durchbruch des neuen, des integralen Bewusstseins, dessen Grundthem a die Überwindung des Raum es und der Zeit ist. 3 Die neue Weltsicht. Gesamtausgabe Band V/I. S Kulturphilosophie als Methode und Wagnis. Gesamtausgabe Band V/I. S Ebd. 2

3 Kein darwinistisches Entwicklungsmodell! Gebsers Bewusstseinsgeschichte wird le ider allzu leicht als ein da rwinistisches Entwicklungsmodell missverstanden. Daher m üssen an dieser Stelle einige der schwersten Missverständnisse ausgeräumt werden. Die Bewusstseinstrukturen werden gelegen tlich als Bewusstseinsphas en bezeichnet. Dies erweckt den Eindruck, als seien die Bewusstseinsstrukturen aufeinander gefolgt, indem eine Struktur die andere ablöste. Do ch jede Struktur bleibt wirksam, auch nachdem eine neue Struktur aus ihr herausmutiert ist! Deshalb spricht Gebser von Bewusstseinsstrukturen, und nicht von Phasen. Auch den räum lichen Ausdruck Bewusstseins ebenen meidet er absichtlich, denn die Bewusstseinsstrukturen sind nicht bloße Raumgefüge, sondern können vor allem auch Gefüge raumzeitlicher, ja selbst raumzeitfreier Art sein. 6 Weiterhin ist Gebser der Meinung, dass da s Bewusstsein sich nicht kontinuierlich entwickelt hat, sondern dass sprunghafte, diskontinuierliche Wandlungen der S trukturen geschahen. Den sprunghafte n, diskontinuierlichen Charak ter der Bewusstseinsw andlung bringt Gebser zum Ausdruck, indem er von Bew usstseinsmutationen spricht. (Mutation ist ein aus der biologischen Ter minologie übernommener Begriff, der im Zusa mmenhang mit dem menschlichen Bewusstsein einen geistigen Sinn bekommt.) Der Vulgär-Darwinismus und der eng m it ihm verknüpfte Fortschrittsgedanke postuliert eine fortschreitende Höherentwicklung. Auch vor diesem Missverständnis m uss im Zusammenhang mit Gebsers Bewu sstseinsgeschichte nachdrücklich gewarnt werden. Keine neue Struktur ist besser is t die alte, aus der sie heraus mutiert. Jede Bewusstwerdung ist zugleich Gewinn und Verlust. Sie ist ein Verlust, insofern sie den Menschen aus dem Ganzen herauslöst. Sie ist jedoch ein Ge winn, insofern sie die Chance zur wachsenden Distanzierung von Raum und Zeit und damit (gerade in unserer Epoche) zur Überwindung des Raum es und der Zeit, zur Gewinnung der Raum -Zeitfreiheit birgt. Da mit ist wieder der oben angesprochene Grundgedanke Gebsers berührt, übe r den jetzt noch ausf ührlicher zu sprechen ist. Die Raum-Zeit-Bezogenheit der Bewusstseinsstrukturen Die weitreichenden Konsequenzen, die sich aus dem Grundthema der neuen Mutation ergeben, erschließen sich erst, w enn man sich über d ie Raum-Zeit-Bezogenheit der Bewusstseinsstrukturen klar wird, wie sie Gebser in Ursprung und Gegenwart aufzeigte. Der magische Mensch lebte in einer raum - und zeitlosen Welt. Der mythische Mensch wurde sich zwar der Zeit als zyklischer Naturzeit bewusst, lebte jedoc h immer noch in einer raumlosen Welt. Erst mit dem Durchbruch des mentalen Bewusstseins, beginnend um 500 v. Chr., endgültig jedoch in der Renaissanc e um 1500, ge schah die Bewusstwerdung des Raumes. Die Zeit wurde nun als messbare Uhren zeit gewertet und sch ließlich immer mehr entwertet. Heute setzt man die Ze it mit dem Profit gleich, den sie erbringt ( Zeit ist Geld ), oder man beklagt sich darüber, dass man keine Zeit hat. Die Zeit, wie wir sie heute verstehen (als messbare Uhrenzeit), ist näm lich nur ein Teilaspekt des ungem ein vielschichtigen Phän omens Zeit. Gebser versteht die Zeit als Intensität und Qualität und versucht ihr in all ihren Form en und Aspekten gerecht zu werden: Sie [die Zeit] äußert sich, ih rer jeweiligen Manifestationsmöglichkeit und der jeweilig en Bewußtseinsstruktur entsprechend unter den verschiedensten Aspekten als: Uhrenzeit, Naturzeit, kosmische Zeit ode r Sternenzeit; als biologische Dauer, Rhythm us, Metrik; als Mutation, Diskontinuität, Relativität; als vi tale Dynamik, psychische Energie (und demzufolge in einem gewissen Sinne als da s, was wir Seele und Unbewusstes nennen), mentales Teilen; sie äußert si ch als Einheit von Vergangenhe it, Gegenwart und Zukunft; als das Schöpferische, als Einbildungskraft, als Arbeit, selbst als Motorik. Nicht zuletzt aber muß, 6 Vgl. Ursprung und Gegenwart. (dtv-taschenbuchausgabe) S

4 nach den vitalen, psychischen, biologis chen, kosmischen, rationalen, kreativen, soziologischen und technischen Aspekten der Zeit auch ihres physika lisch-geometrischen Aspektes gedacht sein, der die Be zeichnung vierte Dimension trägt. 7 (Man beachte, dass Gebser an einigen Stellen des Zitats die den jeweiligen Bewusstseinsstrukturen zugeordneten Aspekte nacheinander aufzählt, z. B. biologische Dauer magische Struktur, Rhythmus mythische Struktur, Metrik mentale Struktur.) Die Aufgabe unserer Epoche ist es, sich der Zeit in all ihren Formen und Aspekten bewusst zu werden, um sie dann zu überwinden. Über windung der Zeit bedeutet Bewusstwerdung der Zeitfreiheit. Diese Bewusstwerdung bezeichnet Gebser als die Hauptaufgabe der neuen Mutation. 8 Zeitfreiheit und Ursprung Doch was haben wir unter de r Zeitfreiheit, dem Achronon, wie Gebser sie nennt, zu verstehen? Sie ist, wie oben schon angedeutet, keinesfalls mit der Zeitlosigkeit der magischen Struktur zu verwechseln. Da s Achronon ist ein W eltverständnis, welches sich der verschiedenen Zeitformen, seien diese nun Zeitlosigkeit, Naturzeit oder gemessene Uhrenzeit, bewußt ist, wobei unser Verfügenkönnen über sie uns von ihnen befreit und uns in die Zeitfreiheit, in die bewußt realisierte und immer gegenwärtige Ursprungsnähe stellt. 9 Diese Zeitfreiheit ist die bewußte Form des archaischen, ursprünglichen Vorzeithaften. 10 An dieser Stelle ist es angebracht, ein weiteres Grundthema Gebsers zur Sprache zu bringen: den Ursprung, dessen Bewusstwerdung es zu leisten gi lt. Charakteristisch für den Ursprung sind: seine Vorzeithaftigkeit, seine Zeitfreiheit und seine Zugleich-Struktur. Der Ursprung ist vorzeithaft, insofern er vor der Zeit liegt. Schon Augustin vermutete vor dem Hintergrund des christlichen Gedankens einer creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts) im Gottesstaat : Ohne Zweifel ist die W elt nicht in der Zeit, sondern m it der Zeit erschaffe n worden. In unserer Zeit scheint die Physik diesen christlichen Gedanken zu bestätigen, denn der Physiker C. F. W eizsäcker schreibt über de n Zustand vor dem Anfang der W elt: Vor diesem Zeitpunkt muss die Welt, wenn sie überhaupt existierte, in einem Zustand gewesen sein, der vollkommen verschieden war vom heutigen und den wir uns nicht ausmalen können, da selbst die Anwendbarkeit eines Begriffes wie Zeit für ihn nicht besteht. Dieser Zustand vor dem Beginn ist der Ur sprung. Im Gegensatz zum zeitgebundenen Initial- Vorgang (Anfang, Beginn) ist der Ursprung nicht zeitgebunden, also zeitfrei. 11 Das bedeutet jedoch auch, dass er stets gegenwärtig ist. Die Bewusstseinsmutationen, die Geschehnisse, die sich an Daten festm achen lassen (was wir als Geschichte bezeichne n) und die datenlosen Geschehnisse entspringen aus der G egenwart des Ursprungs. Dabei ist im Ursprung zugleich vorhanden, was sich in der Zeit nacheinander entfaltet. Dies bringt ein Zitat von Max Rychner zum Ausdruck, das Gebser in dem Aufsatz Z ur Geschichtsschreibung des Unsichtbaren erwähnt. Rychner notiert: Heute fiel mir auf der Straße ein, d ie Zeit sei darum ein Geschenk für den Menschen, weil er nur durch sie begreife n kann. Eigentlich ist alles zugleich da, aber wir müssen es Stück für Stück auswickeln, da wir sonst gebl endet blieben vom Ganzen, das sich zu offenbaren begehrt. 12 Der Gedanke der Ursprungsgegenwärtigkeit ist nicht als Prädestinationslehre zu verstehen, sondern als Versuch, de m Ganzen, de m vor bzw. jenseits der Zeit liegenden Ursprung gerecht zu werden. Gebser zeigt auf, dass die Be wusstwerdung des Ursprungs das gr oße Thema unserer Zeit ist: [...] der Ursprung, der m it jeder Bewusstsein smutation einen intensiviert bewußten 7 Ursprung und Gegenwart. (dtv-taschenbuchausgabe) S Ebd. S Die Welt ohne Gegenüber. Gesamtausgabe Band V/I. S Ursprung und Gegenwart. (dtv-taschenbuchausgabe) S Vgl. ebd. S. 15 und S Zitiert nach: Zur Geschichtsschreibung des Unsichtbaren. Gesamtausgabe Band VI. S

5 Gegenwarts-Charakter erhält; der Ursprung, de r vom Ganzen und vom Geistigen geprägt ist und vor Raum und Zeit liegt, wird zeitfreie Gegenwart. 13 Diese Bewusstwerdung macht die Überwindung der Zeit möglich und verwirklicht damit einen Teil dessen, was oben als der Grundgedanke Gebsers bezeichnet wurde. Unperspektivische, perspektivische und aperspektivische Welt Parallel zur Überwindung der Zeit geschieht mit dem Durchbruch des integralen Bewusstseins die Überwindung des Raum es. Auch hier muss wi eder nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es Gebser keinesfalls darum geht, in die magische und mythische Raumlosigkeit zurückzusinken. Mit der m entalen Struktur wurde der Raum bewusst, und diese Bewusstwerdung ist nicht mehr rückgängig zu machen. War die m agische und die m ythische Welt eine un- bzw. vorperspektivische Welt, so war (und ist) die m entale Welt mit ihrem Raumbewusstsein eine perspektivische Welt. Die Welt des integralen Bewusstseins wird jedoch eine aperspektivische Welt sein. (Wichtig auch bei anderen Begriffen wie a-logisch un d a-kausal ist der Gebrauch des alpha privativum, das nicht eine Negation, sondern eine B efreiung zum Ausdruck bringen soll.) Diesen Gedanken führt Gebser in einem Kapitel des ersten Bandes von Ursprung und Gegenwart aus: Die drei europäischen Welten. Dort schreibt er, dass der Begriff der Perspektive hier nicht nur in einem kunsthistorischen, sondern in einem viel umfassenderen Sinn zu verstehen ist. Die Perspektive ermöglicht Bewusstwerdung des Raumes und damit Distanzierung von ihm. Für das perspektivische Bewusstsein wird die Welt zum Gegenüber eines Ichs, das sich bewusst von seiner U mgebung abgrenzt und so den Raum verfügbar und m anipulierbar macht. Besonders gut kann m an diesen Bewusstseinswandel in der M alerei nachvollziehen: Die alten Malereien des mythischen Bewusstsein kennen noch keine Perspektive. Sie betten den Menschen ein in den Goldgrund. Dies brin gt zum Ausdruck, dass der Mensch noch Teil der Welt ist und nicht ihr Gegenüber. Leonar do da Vinci wandte al s erster Maler die Perspektive in technischer Perfektion an und fundierte sie auch theoretisch. Der Mensch löste sich aus dem Goldgrund und m achte die Welt zum verfügbaren, manipulierbaren Gegenüber. Beachten wir jedoch, die wir in einer Übergangszeit leben und die destruktiven Auswirkungen unserer Manipulationen zur Genüge kennen, dass das mentale Bewusstsein anfangs ein großer Gewinn war und einen gewaltigen schöpferischen Aufschwung bedeutete. Erst seit der Französischen Revolution ist das mentale Bewusstsein, wie Gebser sich ausdrückt, defizient, d.h. er schöpft und sich destruktiv ausw irkend geworden. Daher ist in unserer Zeit die Gewinnung der Aperspekti ve notwendig, welche die Überwindung des Raumes bedeutet. Auch dies kann m an besonders gut an den m alerischen Bemühungen unserer Zeit erkennen: Die Malerei nach 1900 ve rsucht auf zahlreiche Arten, die P erspektive zu überwinden. Einige besonders gelungene Ve rsuche, die schon heute das neue Bewusstsein sichtbar werden lassen, stammen von Braque und Picasso. Gebser würdigt diese Versuche in Ursprung und Gegenwart. W as sich in de n Versuchen der Maler ankündigt, ist die Überwindung der gegenüber-seienden W elt des perspektivischen Zeitalters. Die aperspektivische Welt, die heute entsteht, wird eine W elt ohne Gegenüber sein. 14 Diese Welt ohne Gegenüber ermöglicht die Überwindung des Raumes. Würdigung Gebser war ein b escheidener Mensch. Jedes überschwängliche Lob wäre ihm vermutlich zuwider gewesen. Ihm sei der Gedanke zugef allen, dass die Aufgabe unserer Epoche die Überwindung des Raumes und der Zeit ist, und er se lber als Person spiele in diesem ganzen Vorgang ja nur eine untergeordnete Rolle, die eines bloßen Vermittlers oder eines 13 Ursprung und Gegenwart. (dtv-taschenbuchausgabe) S Vgl. den Aufsatz Die Welt ohne Gegenüber. (Gesamtausgabe Band V/I. S ) 5

6 Übersetzungsbüros. 15 Mehrfach sch reibt er: Der Ge danke war vor dem Denkenden da. Außerdem verstößt es vollkommen gegen den Geist von Gebsers Werk, mit ihm so etwas wie einen Personenkult zu betreiben. Handeln wir also in seinem Sinne und würdigen wir mehr als den Menschen Gebser die Gedank en, die wi r durch sein e Übersetzungsarbeit vermittelt bekamen. Hier ist es zunächst e rstaunlich, wie hilf reich Gebsers Ge danken selbst im alltäglichsten Leben sind. W er die Bewusstseinsstrukturen kennt, die jeden Mens chen konstituieren, versteht sich und andere besser. Die W elt wird ihm, ganz im Sinne Gebsers, durchsichtig. Weil uns Gebsers Werk eine so tiefgehende Einsicht in Verga ngenheit und Gegenwart ermöglicht, können wir zahlreiche Vorgänge n un an ihrer W urzel verstehen. Daher kann Gebsers Werk mit allen Vorbehalten gege n die Bezeichnung Philosophie für ein W erk, das die Rationalität übersteigen will als eine prima philosophia (als Erste Philosophie im Sinne Aristoteles ) bezeichnet werden, weil es die erste n Ursachen selbst alltäglich ster Vorgänge wahrnehmbar macht. 16 Ohne einen konkreten Übungsweg, Do-it-yourse lf-anweisungen oder Patentlösungen zu bieten, ist Gebsers Werk Lebenshilfe im besten Sinne. Es vermag dem Leben Sinn zu geben, indem es die Aufgaben unserer Zeit evid ent macht und den großen W andlungsprozess sichtbar werden lässt, in den wir alle gest ellt sind und zu dem wir alle m it unserem Leben beitragen können. In einigen kürzeren Texten wie Über die Erfahrung und Vom spielenden Gelingen 17 zeigt sich, wie Gebsers Gedanken dazu beitragen können, den Alltag zum All- Tag werden zu lassen. Die größte Leistung Gebsers is t wohl, dass er es versta nd, das rationale Denken zu übersteigen, ohne dabei in ein m ythisches Evozieren oder gar in ein magisches Beschwören zurückzufallen. Seine Darstellung der Bewusstseinsstrukturen ist jedem denkenden Menschen einsichtig und verlangt vom Rationalisten nicht, dass er sich der Ratio entledige wohl aber, dass er zumindest die Möglichkei t gelten lässt, dass es ein Be wusstsein gibt, das die Ratio übersteigt, ohne deshalb irrational zu sein. Dies ist verm utlich ein Kernstück von Gebsers Arbeit und wird auch weiterhin für diejenige n, die der Ratio verhaftet sind, genügend Anlass zu unduldsamer Kritik sein. Doch wer zur Ke nntnis nimmt, wie Gebser in zah lreichen europäischen Denk- und Ausdrucksbereichen die Manifestationen des neuen, die Ratio übersteigenden Bewusstseins aufzeigt, wer sieht, wie der Grundgedanke Gebsers von anerkannten Physikern wie W erner Heisenberg, Biologen wie Adolf Portm ann, Psychologen wie C. G. Jung und von zahlreichen anderen Pe rsönlichkeiten anerkannt und gewürdigt wird, der wird bei aller Skepsis kaum umhin können, einzugestehen, dass Gebser einen tatsächlichen Vorgang, der uns alle betrifft, evident gemacht hat. Durch Gebsers Werk wird uns deutlich, wie wenig das postmodernistisch gelangweilte Alles schon mal dagewesen angesichts der gewaltigen Umbrüche unserer Zeit auf die Wirklichkeit zutrifft, wie wenig aber auch der Fortschritt sgedanke, der behauptet, wir lebten in der höchstentwickelten Zivilisation. Nehmen wir s tattdessen den zeitfreien, immer gegenwärtigen Ursprung wahr, und versuchen w ir dem Anspruch, den er heute an uns stellt, gerecht zu werden. Erinnern wir uns also an die Worte von Saint-John Perse: Car l'heure est grande et neuve, où se saisir à neuf. Et à qui donc céderions-nous l'honneur de notre temps?... (Denn groß ist die Stunde und neu, wo es neu sich zu fassen gilt. Und wem denn überließen wir die Ehre unserer Zeit?...) 15 Die neue Weltsicht. Gesamtausgabe Band V/I. S Vgl. Kai Hellbusch: Das integrale Bewußtsein. Jean Gebsers Konzeption der Bewußtseinsentfaltung als prima philosophia unserer Zeit. TENEA Verlag Berlin Beide im sechsten Band der Gesamtausgabe. 6

7 Wenn wir (auch m it Gebsers Hilfe) die Aufgaben unserer Zeit sehen und nicht an ihnen zerbrechen, so wird es gelingen, Raum, Zeit und Ratio zu überwinden und die lebenserhaltende Bewusstseinsmutation zu leisten. Einige Empfehlungen zur Einführung in Gebsers Gedankenwelt - Einen Einblick in die Arbeits weise Gebsers gibt der Aufsatz Kulturpilosophie als Methode und Wagnis (Gesamtausgabe Band V/I). - Der Aufsatz Menschenbild und Lebensgestaltung (Gesamtausgabe Band VI) stellt eine gut verständliche Einführung in Gebsers Bewusstseinsgeschichte dar. - Sehr aufschlussreich zum integralen Bewusstsein und zur aperspektivischen W elt sind die beiden zusammenhängenden Vorlesungen Die neue Weltsicht (Gesamtausgabe Band V/I). - Das Geleitwort zu Ursprung und Gegenwart von Joachim Illies hat mich für Jean Gebser zu begeistern vermocht vielleicht passiert es anderen genauso? Wer diese vier Texte (und m eine obige Einführung) gelesen hat, sollte ausreichend gerüstet sein für die Lektüre von Ursprung und Gegenwart. 3. Bibliographie Primärtexte J. G. Gesamtausgabe in sieben Bänden. Novalis Verlag Schaffhausen. 2. Auflage J. G.: Einbruch der Zeit. Hrsg. von Rudolf Hämmerli. Novalis Verlag Schaffhausen J. G.-Brevier. Wesentliche Aussagen aus seinem Werk. Hrsg. von Klaus Rassmann und mit einer Einführung v. Prof. Detlef I. Lauf. Novalis Verlag Schaffhausen Sammelbände mit Beiträgen von anderen Denkern und Forschern Transparente Welt. Festschrift für J. G. Huber Verlag Bern Die Welt in neuer Sicht. O. W. Barth Verlag München-Planegg Die Neue Weltschau. Internat. Aussprache über den A nbruch e. neuen aperspektivischen Zeitalters veranstaltet von d. Handels-Hochschule St. Gallen. DVA Stuttgart Wege zur neuen Wirklichkeit. Hallwag Bern Beiträge zur integralen Weltsicht. Hrsg. im Novalis Verlag Schaffhausen. Information des Verlages: In den Beiträgen werden theoretische und praktische Forschungsergebnisse aus der Gebser Forschung von namhaften Persönlichkeiten, die zumeist Mitglieder der Internationalen Jean Gebser Gesellschaft (IJGG) sind oder waren, von dieser jährlich einmal herausgegeben. Die Beiträge kamen erstmals 1984 heraus. Sekundärliteratur 1. Deutsche Bücher Assing-Grosch, Ursula: Das schwierige Kind: Jean Gebsers Bewusstseinsphänomenologie in der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis. Centaurus Verlag März Hellbusch, Kai: Das integrale Bewußtsein. Jean Gebsers Konzeption der Bewußtseinsentfaltung als prima philosophia unserer Zeit. TENEA Verlag Berlin Illies, Joachim: Adolf Portmann, Jean Gebser, Johann Ja kob Bachofen: Drei Kulturforscher, drei Bilder vom Menschen. (Texte, Thesen 67.) Fromm Druckhaus A Reinhardt, Christian: Das Polare Paradox. Vom Ende der Philosophie und de m Übergang zu einer anderen Geschichte. Novalis Verlag

8 Schübl, Elmar: Jean Gebser ( ). Ein Sucher und Forscher in den Grenz- und Übergangsgebieten des m enschlichen Wissens und Philosophierens. Chronos-Verlag Zürich Ders.: Jean Gebser und die Frage der Astrologie. Eine philosophisch-anthropologische Studie auf der Grundlage der astrologischen Auffassung von Thom as Ring. Novalis Verlag Schaffhausen Wehr, Gerhard: Jean Gebser. Individuelle Transfor mation vor dem Horizont eines neuen Bewußtseins, Verlag VIA NOVA Zollinger, Christoph: Die Debatte läuft- Ganzheitliche Thesen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Die unerhörte Aktual ität der integralen Vision Je an Gebsers. Verlag VIA NOVA Ders.: Die Glaskugel-Gesellschaft. Transparenz als Schlüssel zur Moderne. Sim ova Verlag Bern Englische Bücher Feuerstein, Georg: Structures of Consciousness: The Genius of Jean Gebser: A n Introduction and Critique by Georg Feuerstein. Integral Pub Ders.: Jean Gebser: What Color Is Your Consciousness? Robert Briggs Assoc Kramer, Eric Mark: Consciousness and Culture: An Intr oduction to the Thought of Jean Gebser. Contributions in Sociology Internet Seite der europäischen J. G. Gesellschaft Seite der amerikanischen J. G. Society Artikel über J. G. i m biographisch-bibliographischen Kirchenlexikon des Bautz-Verlags m it ausführlicher Bibliographie Artikel über J. G. im historischen Lexikon der Schweiz en.wikipedia.org/wiki/jean_gebser Wikipedia-Artikel über J. G. m it Beschreibung der Charakteristika der Bewusstseinsstrukturen (englisch) 8

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