Prof. Dr. Katharina Krause 17. Juni 2015

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1 Prof. Dr. Katharina Krause 17. Juni 2015 Wir sind gut vorangekommen. Wir sind in den letzten Jahren gut vorangekommen, und das war mit großen Anstrengungen in allen Bereichen der Universität verbunden. Daher möchte ich an den Anfang meiner Bewerbungsrede den Dank an alle Mitglieder der Universität stellen, die alle mitgeholfen haben, das zu Beginn des Jahrzehnts nicht vorstellbare, ungeheure Wachstum der Universität zu bewältigen und dies unter den widrigen Umständen eines für uns schädlichen Hochschulpaktes. Lassen Sie es mich also ganz deutlich sagen: dass wir trotz ständig sinkender Grundfinanzierung immer mehr Studierenden ein sehr gutes Lehrangebot offerieren, dass aus vielen spannenden Einzelprojekten in jetzt allen großen Wissenschaftsbereichen unserer Universität national und international sichtbare Forschungsverbünde hervorgegangen sind, verdankt sich einer glücklichen Mischung aus Ideenreichtum und Bereitschaft zu großer Anstrengung. Wir sind also gut vorangekommen aber es bleibt immer weiter viel zu tun. Worum es geht, möchte ich Ihnen knapp an drei Punkten skizzieren, bevor ich Ihnen zusammenfassend mein Bild von der Philipps-Universität insgesamt entwerfe. Ich fokussiere mich dabei auf die Bereiche Forschung und wissenschaftlicher Nachwuchs sowie Studium und Lehre und ich stütze mich dabei auf die Grundsätze aus unserer Entwicklungsplanung, die wir gerade einmütig wieder bestätigt haben: Forschung und wissenschaftlicher Nachwuchs National und international kompetitive Forschung an der Philipps-Universität gründet auf innovativer disziplinärer Forschung Einzelner und organisiert sich zur Bearbeitung umfassender Fragen in kooperativen disziplinären Netzwerken und interdisziplinären Verbünden mit überregionaler, nationaler und internationaler Reichweite. [Die Philipps- Universität begreift Forschung aus unterschiedlichen Perspektiven als wesentlichen Beitrag zur Erschließung der Welt ]. Der Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses gelten besondere Anstrengungen mit dem Fokus, die wissenschaftliche Qualifizierung in früher Selbstständigkeit und fachkultureller Vielfalt bestmöglich zu gewährleisten und verlässliche Karrierewege aufzuzeigen. Ich beginne mit einem aus meiner Sicht wesentlichen Aspekt aus dem Satz über die Strategie für den sogenannten wiss. Nachwuchs: fachkulturelle Vielfalt. Das meint Wertschätzung 1

2 für die Fachkulturen und ihre Besonderheiten, es meint vor allem: Diese Universität wird nicht den einfachen Weg der Profilbildung durch Fokussierung auf einige wenige Fächer gehen, deren positive Entwicklung alle anderen mit Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen und der Verringerung der Studienqualität bezahlen. Es gilt das Fächerspektrum der Universität im vollen Umfang zu erhalten, allen Fächern Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten und damit das Unmögliche möglich zu machen: Eine Universität mit dem Anspruch von Universalität zu bleiben. Das Präsidium hat in den letzten Jahren darauf gesetzt, jedem Fach Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, so gut dies eben mit begrenzten Mitteln ging. Ich sehe mich in dieser Grundhaltung heute bestätigt: Wir stehen gut da, viele Fächer haben Aktivitäten entfaltet, die vor ein paar Jahren nicht denkbar gewesen wären. Fachkulturelle Vielfalt zu respektieren und zu fördern, ist gegen den Trend gedacht, steht dem Zeitgeist natürlich entgegen. Vielfalt, gar Universalität im Zugang zu Forschungsgegenständen, muss immer wieder neu aktiviert werden, und wir brauchen Bündnispartner, die uns ergänzen, erweitern, komplettieren. Es geht also in unserer Universität darum, Personen, die sich etwas zu sagen haben, die miteinander eine Forschungsidee entwickeln möchten, miteinander in Kontakt zu bringen und sie zu unterstützen, wir haben Fachbereiche mit starker Identität, Eigenständigkeit und viel Verantwortung, wir haben ausgeprägte, aktive und erfolgreiche wissenschaftliche Zentren mit starker Identität. Das ist gut so, nur von einem eigenen, gefestigten Standpunkt aus können Brücken geschlagen werden; aber wir wollen in der Zukunft mehr daran arbeiten, diese Brücken auch wirklich zu schlagen: Zu den Neuen in Marburg, zu den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. An diese jungen, künftigen Kolleg/innen möchte ich nur eine Botschaft richten: Wir werden ganz sicher im neuen Bundesprogramm zur Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses einen Antrag stellen. Eine Befristungspraxis von Verträgen, die dem Qualifikationsziel entspricht und das Risiko des Ressourcenmangels fair verteilt, und ein Grundkonzept für eine funktionsgerechte Personalstruktur werden Voraussetzung und Gegenstand dieses Antrags sein und daher in den nächsten Monaten erarbeitet. Der Umgang mit Personen auf Qualifikations- und Projektstellen ist vermutlich das am meisten debattierte wissenschaftspolitische Thema bundesweit und auch in unseren Gremien. Ich ziehe es entschieden vor, dass wir in möglichst breitem Konsens, unter Rücksicht auf fachkulturelle Besonderheiten, zu Regelungen gelangen, die einer gesetzlichen Vorschrift, die alle Unterschiede glattbügelt, allemal vorzuziehen ist. 2

3 Fachkulturelle Vielfalt: Wir können viel, aber nicht alles! Forschung lebt vom Austausch innerhalb der Organisation und über die Organisation hinaus. Anknüpfend an viele bestehende Forschungskontakte mit der JLU in Gießen haben die beiden Universitäten sich in der Forschungsallianz auf eine gemeinsame Strategie in ausgewählten Bereichen der Universitäten verständigt. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass eine Zusammenarbeit zwischen benachbarten Hochschulen als eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, orientiert an der Sache, langfristig angelegt, aufbauend auf unseren eigenen Besonderheiten uns stärkt und uns dazu befähigt, uns in Zukunft in den nicht weniger werdenden großen nationalen und internationalen Wettbewerben erfolgreich zu beteiligen. Es geht nicht um eine Beutegemeinschaft und schon gar nicht um eine Einheitshochschule Mittelhessen: Die Hochschulleitungen der beteiligten Partner sind sich sehr einig: Wir sind gemeinsam stärker, wenn wir unsere Eigenart jeweils individuell entwickeln, denn fachkulturelle Vielfalt wird am besten auch durch institutionelle Vielfalt unterschiedlicher Herangehensweisen ergänzt. Studium und Lehre Das Studium an der Philipps-Universität soll die Entwicklung der Studierenden zu vielseitig interessierten und kritisch denkenden sowie selbstbewusst und umsichtig agierenden Persönlichkeiten fördern. [Dazu gehören eine solide fachliche Ausbildung, ein Bewusstsein für internationale Zusammenhänge, die mobilitätsförderliche Studienorganisation, nach Möglichkeit die Einbindung in Forschungsaktivitäten, der Erwerb von überfachlichen Schlüsselqualifikationen, die Bezugnahme auf und die Information über berufliche Praxis und die Unterstützung von Bemühungen, sich mit Wissensgebieten außerhalb des primären Faches zu befassen.] Das Studium soll Studierende motivieren und vorbereiten, auch nach dem Studium weiterzulernen. Das ist ein anspruchsvolles Programm. Es geht stillschweigend von zwei Grundannahmen aus, die sozusagen das Fundament von Universität überhaupt darstellen: Universität, in der Lehrende und Studierende vieler Fächer in der Realisierung von Wissenschaft zusammen wirken. Universität im Unterschied zu Forschungseinrichtungen, zu Fachhochschulen, zu Spartenhochschulen. Die erste Grundannahme betrifft eine Grundhaltung von Wissenschaftlichkeit und zwar in allen Fächern: Es ist eine gemeinsame Haltung zur Welt, es ist der Habitus der Neugier, jeden Gegenstand nach den jeweils geltenden Methoden der Fächer genau untersuchen zu wollen; nichts für selbstverständlich zu nehmen. 3

4 Zweitens ist es das Grundprinzip der Bildung und Ausbildung durch Wissenschaft unverzichtbar für universitäres Studium und Lehre. Es ist ein Grundprinzip, das Studierende fordert und ihnen eine starke Rolle gibt, das sie aus der Rolle von Konsumenten fertigen Wissens heraushebt und das Studierenden und Lehrenden eine gemeinsame Verantwortung für das Gelingen des Studiums gibt. Unsere programmatische Aussage richtet sich auf und an Studierende als Individuen das ist gut so, und das ist im Zeitalter einer besonders vollen Universität die eigentliche Herausforderung. Denn zur Zeit streben ca. 50 % eines Jahrgangs ein Studium an einer Hochschule an. Damit haben sich auch die Erwartungen an das Studium an der Universität ausdifferenziert und alle diese Erwartungen sind legitim: Es gibt Studierende, die möglichst zügig die Qualifikation für einen bestimmten Beruf erwerben möchten. Andere kommen nach Marburg mit der Auffassung, das Studium in Marburg könne ein Sprungbrett in eine andere große Stadt im Inund Ausland darstellen; und schließlich gibt es den Wunsch mittels eines Fachstudiums zugleich eine breite, zu einer kritisch-neugierigen Haltung gegenüber der Welt befähigende Bildung zu erhalten. Tatsache ist darüber hinaus, dass viele Studierende aus diesen drei Gruppen ihr Studium faktisch in Teilzeit absolvieren. Alle diese Studierenden treffen in Lehrveranstaltungen zusammen, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Wir müssen diesen unterschiedlichen Erwartungen aber künftig besser gerecht werden, und dafür sind wir gut vorbereitet: Als Reaktion auf die Vielfalt von Erwartungen haben wir für die Studieninteressierten den Abgleich von Studienwunsch und Angebot erheblich verbessert und organisatorisch für Flexibilität gesorgt. Priorität musste in den letzten Jahren insgesamt haben, den Studierenden aus doppelten Abiturjahrgängen ein qualitativ hochstehendes Angebot zu machen. Dazu haben alle beigetragen hervorheben möchte ich diejenigen, an die man in diesem Kontext immer zuletzt denkt: die Mitarbeiterinnen und die Mitarbeiter in den Verwaltungen, in der UB und im Rechenzentrum. Nachdem wir uns sehr intensiv mit dem Übergang von der Schule ins Studium befasst haben, gilt es nun, den Beginn des Studiums vielleicht die beiden ersten Semester konzentriert in den Blick zu nehmen, damit Studierende früh erfahren, was universitäres Studium als Ausbildung und Bildung durch Wissenschaft in den Fächern meint und Studierende aus dieser Erfahrung heraus und dennoch früh ihre Entscheidung für ihr eigenes Studienziel treffen können. 4

5 Es ist auch der richtige Zeitpunkt, noch einmal über die Masterstudiengänge nachzudenken: Wenn die doppelten Abiturjahrgänge aus dem Bachelor in die Master übergehen, wird die Nachfrage steigen. Daher müssen wir sehr bald Überlegungen anstellen, wie auf diese erhöhte Nachfrage mit einem adäquaten Lehrangebot und vor allem einem adäquaten Angebot zur Betreuung der Abschlussarbeiten reagiert werden kann. Nicht Master für alle, aber doch Master für möglichst viele. Derzeit aber und das wird auch langfristig unser Thema bleiben gibt es genug Masterplätze in Marburg: Viele Studierende verlassen die Universität nach dem ersten Examen vom Sprungbrett in die Metropolregionen habe ich schon kurz gesprochen. Es gibt aber auch schon jetzt Master-Studiengänge, die sehr viele Studierende nach Marburg holen aus dem In- und aus dem Ausland. Wir haben die Analyseinstrumente entwickelt und die Fachbereiche greifen gerne darauf zurück. In den kommenden Jahren werden wir uns anstrengen, aus den gelungenen Beispielen für attraktive Masterprogramme die richtigen Lehren zu ziehen und die Best-Practice-Beispiele in der Breite der ganzen Universität zu etablieren. Medizin An dieser Stelle komme ich zu einem unsystematischen Einschub, einem gewichtigen Spezialthema: Das ist die Medizin in Marburg, in der Kooperation mit Gießen. Die Privatisierung des Universitätsklinikums wurde in einer Zeit beschlossen, in der man gerne wagemutig war. Auch nach 10 Jahren würde ich sie noch als ein Experiment bezeichnen, das von einem Gelingen noch weit entfernt ist. Im Licht der Erfahrungen halte ich aus vielen Gründen Gemeinnützigkeit für das gemeinsame Universitätsklinikum für sehr erstrebenswert. Das lässt sich aber erst erreichen, wenn der gegenwärtig nicht absehbare Change of Control eintritt. Bis dahin will ich mich gemeinsam mit dem Dekanat des Fachbereichs Medizin und auch mit der Geschäftsführung weiterhin mit aller Kraft für eine positive Entwicklung der Marburger Medizin einsetzen. Schluss In der Amtszeit bis Februar 2022, für die ich mich heute bewerbe, liegen einige Daten, die ich als Signal setze, um doch einmal über Geld zu sprechen: 2019: Die Schuldenbremse wird wirksam. 2020: Der aktuelle, für uns nicht ganz ungünstige Hochschulpakt endet enden auch die Pakte zwischen Bund und Ländern zur Finanzierung zusätzlicher Studienplätze. Aus dem politischen Raum und aus der Wirtschaft 5

6 hört man immer wieder: So gehe es nicht weiter. Die Rede ist von Überakademisierung, von demographischem Wandel und der Notwendigkeit, auch andere Politikbereiche mit Geld auszustatten. Wissenschaftspolitik hat keine echte Lobby. Ich sage das nicht, um vor einem kommenden Mangel zu warnen zumal wir von einer auskömmlichen Finanzierung der Forschung und der Lehre an der Philipps-Universität weit entfernt sind. Ich sage dies, weil wir mit Blick auf die genannten Daten einige wenige Jahre Zeit haben, in der wir die längerfristige Zukunft der Philipps-Universität definieren können. Die kommenden Jahre werden entscheidend für die Form von Philipps-Universität, die die heute handelnden Personen an die nächste Generation übergeben werden: Entscheidend für eine sehr gute Universität, in der Forschung und Lehre gerade auf schwierigen, gesellschaftlich umstrittenen, deswegen aber besonders wichtigen Feldern gewagt wird; in der neue Ideen in Forschung und Lehre durch die engen, häufigen Gesprächskontakte entstehen; durch Präsenz, durch Kommunikation unter Anwesenden, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jeder Stufe an Erfahrung, den Studierenden, den administrativen und technischen Mitarbeiterinnen und in dem gegenseitigen Respekt für die Belange des jeweils anderen, der um so leichter entsteht, um so mehr man im Gespräch von einander erfährt. Präsenz meint aber auch Geistesgegenwart und das Stehen in der jeweiligen Gegenwart: So dass ich die Humboldtsche Färbung meiner Vorstellung von Universität gerne mit der amerikanischen Bildungstradition kreuze, die über Humboldt hinaus Wissenschaft und alle an Wissenschaft beteiligten Personen für die demokratisch verfasste Gesellschaft in die Verantwortung nimmt. Was die Leistungen aus den letzten Jahren und die Ziele für meine Bewerbung sind, habe ich versucht zu umreißen. Ich will zu guter Letzt anfügen, was ebenso wie das Erreichte und wie die Ziele für meine Motivation zur Bewerbung um eine zweite Amtszeit wichtig ist. Orientierung auf Sachfragen hin und größtmögliche Transparenz bei Entscheidungen haben die Arbeit im Team des Präsidiums in den letzten Jahren geprägt. Gerade auch auf dieser Basis sind wir gemeinsam vorangekommen. Sachorientierung und Transparenz haben mir selten Ärger, aber sehr häufig spannende Diskussionen eingebracht. Ich schätze diese Kultur der offenen Auseinandersetzung sehr: Sie zeigt, dass sich die Philipps-Universität Wissenschaft als die Haltung zur Welt, die nichts für selbstverständlich erachtet, bewahrt hat. Das vor allem anderen motiviert mich zur Wiederbewerbung. 6

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