Das Problem Jahr addiert kumuliert

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1 Das Problem Viele Anleger haben ein mentales Problem damit, Aktien oder Fonds, die den Erwartungen nicht gerecht geworden sind, nach einer Verlustphase zu verkaufen, um sich nun neu und besser zu positionieren. Zu Unrecht wird angenommen, dass mit dem Verkauf des verlustreichen Fonds (im Prinzip gilt dies genau so für einzelne Aktienpositionen) der entstandene Verlust erst realisiert wird. Objektiv gesehen ist das natürlich falsch, denn der Verlust ist entstanden. Der aktuelle Wert der Anlage ist egal, ob nun verkauft wird oder nicht exakt auf dem Stand des Fondswertes (bzw. Wertes der einzelnen Aktie). Jede Entscheidung, die nun getroffen wird, sollte also so getroffen werden, als würde man aktuell die Entscheidung über eine Neuanlage in Höhe des aktuellen Depotwertes zu treffen haben. Das Argument, dass der vielleicht zu risikoreiche Fonds in Abschwungphasen höhere Verluste, aber in der jetzt erwarteten Aufschwungphase auch wieder höheren Wertzuwachs erfahren könnte als alternative Anlagen, erinnert an den Spieler am Casinotisch, der nach Verlust seinen Einsatz einfach verdoppelt. Wir alle wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er am Ende verliert, sehr groß ist. Dass stärker schwankende Investments mit grundsätzlich höheren Renditeaussichten nicht unbedingt erfolgreicher sein müssen als vermeintlich langweilige und eher wertstabiler ausgerichtete Anlagen, zeigt ein zugegebenermaßen stark vereinfachtes Beispiel: Jahr addiert kumuliert Strategie 1 +30% -15% -15% +70% +83,0% Strategie 2 +70% +97,6%

2 Das Lösung Alle Erfahrungen zeigen, dass beim Festhalten an der risikoreicheren Anlage bis zum Wiedereintritt in die Gewinnzone oft vergessen wird, dass der in einer Aufschwungphase erwirtschaftete Wertzuwachs die Risikoprämie für die in Kauf genommenen Risiken beinhalten muss. Wird eine solche Risikoprämie erwirtschaftet (werden also die Verluste aufgeholt), dann fällt es dem Anleger in aller Regel erneut schwer, sich von seinem vermeintlich wieder erfolgreichen Investment zu trennen. Die Folge: Im nächsten Börsenabschwung geht das Spiel von vorne los. Die Differenz zum grundsätzlich angestrebten besseren Investment vergrößert sich zunehmend. Eine kleine Ausarbeitung am Beispiel zweier europäischer Aktienfonds soll dies verdeutlichen. Als Beispiel wählen wir stellvertretend für viele andere einen Europa-Aktienfonds einer großen und vielfach ausgezeichneten deutschen Fondsgesellschaft, nämlich den DWS Europa Aktien (WKN ). Die Grafik links zeigt, dass dieser Fonds alleine in den vier Jahren von Anfang 1996 bis Ende 1999 um rund 190% zulegen konnte. Es war abgesehen vom kurzzeitigen Einbruch im Sommer 1998 eine Phase extrem steigender Börsenkurse. Doch dieser Fonds investierte nicht in hochspekulative Technologieaktien sondern bevorzugt in die größten europäischen Unternehmen, deren Aktien im EuroStoxx 50 vertreten sind.

3 Anfängliche Verweigerung Die Kritik an diesem Fonds hätte bereits damals lauten müssen, dass ein Fonds, der sich weitgehend am Standardwerteindex orientiert und dafür Verwaltungs- und Depotbankgebühren in Höhe von jährlich 1,45% berechnet, eigentlich spätestens mit Einführung von deutlich kostengünstigeren Indexzertifikaten seine Daseinsberechtigung verloren haben müsste. Die Empfehlung hätte natürlich gelautet, einen Fonds zu wählen, der durch aktives Management und gezielte Auswahl chancenreicher Titel versucht, einen Mehrwert zu erzielen. Allerdings wäre es Anfang des Jahres 2000 ohne gezielte Beratung kaum möglich gewesen, wesentliche Unterschiede zwischen dem DWS Euro Aktien und dem Fidelity European Growth auszumachen (siehe linke Grafik). Ein Jahr später hätte sich der Anleger wahrscheinlich trotz der nunmehr auseinander driftenden Wertentwicklung (rechte Grafik) einem Tausch verweigert, denn nun musste er ja erst mal seine Verluste aufholen. Denn verkaufen so seine Einschätzung bedeutet ja Verlustrealisierung.

4 Der Fehler potenziert sich Hätte der Anleger jedoch Ende des Jahres 2000 seine Verluste (siehe linke Grafik) realisiert und wäre dem Rat, in den Fidelity European Growth zu wechseln, gefolgt, so hätte er in den Folgejahren deutlich besser dagestanden (siehe rechte Grafik bis Ende Februar 2005). Es gibt zwar keinerlei Garantien dafür, dass sich ein Fonds, der sich in der Vergangenheit besser entwickelt hat, dies auch in der Zukunft wiederholen wird. Wenn jedoch verschiedenste Details erklären können, warum ein Fonds sich in der Vergangenheit überdurchschnittlich entwickelt hat, ohne dafür deutlich höhere Risiken in Kauf zu nehmen, dann spricht viel dafür, dass ein solcher Fonds, soweit sich an seinem Investmentansatz und an seinem erfolgreichen Management keine Änderungen ergeben, auch zukünftig bessere Ergebnisse ermöglichen kann. Schauen wir uns (links) die eingetretene Verlustsituation nach dem ersten Anlagejahr unseres imaginären Anlegers an. Rechts ist dann die Entwicklung aufgezeigt, die bei einem Wechsel des Fonds eingetreten wäre.

5 Ein oder zwei Jahre später: Der Unterschied bei einem Wechsel nach zwei Jahren: Rund 20% Plus statt eines weiteren Verlustes von rund 28% Der Unterschied bei einem Wechsel nach drei Jahren: Rund 50% Plus statt nur ca. 20% Wertzuwachs

6 Und noch einmal ein oder zwei Jahre später: Selbst bei einem Wechsel nach vier Jahren: Rund 22% Plus statt lediglich ca. 7% Wertzuwachs Und selbst bei einem Wechsel erst zum Jahresbeginn 2005 hätte es in nur zwei Monaten mehr als doppelt so viel Wertzuwachs gegeben

7 Fazit und Empfehlung So klar und deutlich wie an diesem Beispiel aufgezeigt, ist der Sachverhalt nicht immer. Es gibt durchaus Phasen, in denen grundsätzlich schlechtere Fonds bessere Ergebnisse bringen. Jedoch der reine Ergebnisvergleich ist als Maßstab nicht ausreichend. Die Frage muss immer gestellt werden, mit welchem Risiko das Ergebnis erkauft wurde. Im Prinzip ist es wie beim Roulette: Wer auf einfache Chancen setzt (also im übertragenen Sinne risikoarm investiert), der verdoppelt bei Gewinn seinen Einsatz. Wer auf die einzelne Zahl setzt, geht ein ungleich höheres Risiko ein. Belohnt wird er im Erfolgsfall mit einer entsprechenden Risikoprämie. Beim Roulette ist jedoch genau ausgelotet, dass der Erfolg praktisch immer in der gleichen Relation zum eingegangenen Risiko steht. Bei Investmentanlagen ist dies völlig anders. Hier muss die Frage gestellt werden, ob der Mehrertrag eine ausreichende Belohnung für zusätzliches Risiko bietet (bzw. geboten hat). Erst wenn man seine Investition unter diesem Aspekt (es gibt übrigens eine große Zahl weiterer wichtiger Entscheidungskriterien) durchleuchtet, kommt man zu vernünftigen Ergebnissen. Anstatt also entstandenen Verlusten nachzutrauern, sollte man die zukünftige Ausrichtung seiner Fondsanlagen so vornehmen als würde man eben gerade erstmals investieren. Es kann und darf nicht die Frage sein, ob man die bisherige Anlage etwa in Erwartung einer kurzfristigen Erwartung steigender Börsenkurse noch eine gewisse Zeit lang laufen lässt. Denn damit bewegt man sich in einem Bereich der Spekulation, der wiederum Risiken beinhaltet, die man ja eigentlich gar nicht eingehen möchte. Man sollte sich stets vor Augen führen, dass in der Tabelle auf der ersten Seite die erfolgreichere Anlageform in acht von zehn Jahren ein schlechteres Ergebnis erzielt hat. Die oberste Devise muss also lauten: Unnötige Risiken raus aus dem Anlageportfolio! Lassen Sie sich in diesem Sinne unabhängig und frei von Interessenzwängen beraten.

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