Meians Geschichte: Eine anständige Tochter muss der Familie helfen

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2 Meians Geschichte: Eine anständige Tochter muss der Familie helfen Als ich dreizehn Jahre alt war, Anfang 1938, wurde mein Vater krank. Er litt unter großen Schmerzen und konnte seine Gelenke kaum mehr bewegen. Der Dorfarzt konnte ihm nicht helfen, und für eine Behandlung in der Stadt hatten wir kein Geld. Das war ein herber Schlag für mich und meine Familie. Ich konnte nicht mehr zur Schule gehen und musste Arbeit suchen, um zu helfen, unsere Familie zu ernähren. Mein Vater lag den ganzen Tag im Bett und wurde immer depressiver. Jeder von uns musste von da an mit anpacken. Wir mussten uns gegenseitig unterstützen. Und wie es der Zufall wollte, erschien genau zu der Zeit eine Anzeige in unserer Dorfzeitung:»Eine Firma erweitert ihren Tätigkeitsbereich und benötigt dafür weibliche Arbeitskräfte. Die Bewerberinnen sollten zwischen 14 und 25 Jahren sein und über Kenntnisse der chinesischen Schrift verfügen.

3 Kenntnisse der englischen oder japanischen Sprache sind von Vorteil. Der Monatslohn entspricht 50 Yuan. Interessentinnen werden gebeten, sich zu einem persönlichen Gespräch zu melden.«mein Vater fand diese Anzeige und sprach mit meiner Mutter darüber. Sie beschlossen, ich sollte mich bewerben.»aber ich bin doch erst dreizehn Jahre alt! Ich spreche weder Japanisch noch Englisch«, jammerte ich, denn ich hatte Angst, meine Familie verlassen zu müssen. Natürlich wollte ich meine Familie unterstützen, aber ich dachte noch wie ein Kind. Ich wollte mein Zuhause nicht aufgeben. Mein Vater meinte, es würde bestimmt nicht lange dauern, bis ich wieder nach Hause käme. Er sagte, ich könne innerhalb eines Jahres viel Geld verdienen, viel mehr als ich in der Großstadt als einfache Arbeiterin je verdienen könne. So wurde es beschlossene Sache. Mit gemischten Gefühlen, unsicher und ängstlich, aber auch voller Stolz, etwas für meine Familie zu tun, ging ich zu der angegebenen Adresse und traf dort auf Frau Zhang. Ich glaube, ich hatte noch nie zuvor eine so große Frau gesehen. Bestimmt kam sie aus dem Norden, wo die Menschen größer sind als im Süden. Sie trug ein schönes Kleid in einer Art, wie ich es früher nie gesehen

4 hatte. Bei uns im Dorf trugen die Menschen sehr einfache Kleider. Nur während der Festtage zogen sie sich schön an. Das Kleid, das Frau Zhang trug, glänzte herrlich in bunten Farben und war sicher aus kostbarer, reiner Seide gefertigt. Wahrscheinlich ist sie sehr reich, dachte ich beeindruckt. Ich schätzte sie um die dreißig Jahre alt, für mich damals eine alte Frau. Sie hatte ihr schwarzes Haar eng zu einem dicken Knoten am Hinterkopf zusammengebunden und wirkte streng. Ob es daran lag, dass sie streng oder alt aussah, vermag ich nicht bestimmt zu sagen, aber sie machte mir bereits Angst, als ich sie das erste Mal sah. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und versuchte, so erwachsen wie möglich zu wirken. Aber meine Stimme zitterte, als ich erklärte, ich sei vierzehn Jahre alt, hätte aber keine Fremdsprachenkenntnisse. Frau Zhang musterte mich. Ihr Blick glitt forschend über meinen Körper. Es war mir sehr unangenehm, und ich befürchtete schon, sie hätte meine Lüge durchschaut. Aber dann meinte sie, das mache nichts, sie würde auch Frauen suchen, die bereit wären, als Putzfrauen zu arbeiten. So fand ich meine erste Stelle. Der Abschied von meinen Eltern fiel mir sehr schwer. Meine Mutter sagte:»kind, du wirst sehen, du bist schneller zurück, als du denkst. In deinem Herzen bin

5 ich immer bei dir. Du bekommst eine wunderbare Chance. Vielleicht wirst du einen Beruf lernen und musst dich nicht so plagen wie dein Vater und ich und dein Leben lang Reis züchten. Ich wünsche es dir. «Meine Geschwister standen daneben und schluchzten. Vor allem die kleine Xiaofu weinte bitterlich. Mein großer Bruder Xingfu meinte eifersüchtig:»wenn du wüsstest, wie ich dich beneide! Ich wünschte, ich könnte auch arbeiten gehen, aber sie suchen nur Frauen.«Wollte ich meine Familie unterstützen, hatte ich also keine andere Wahl, als die Stelle anzunehmen. Niemand im Ort kannte diese Frau Zhang. Meine Eltern waren damals genau so naiv, wie ich es war. Niemand schöpfte Verdacht, warum auch? Wir alle waren froh, dass ich eine Chance erhielt, Geld zu verdienen. Nie im Leben hätten meine Eltern geahnt, was mir bevorstand. Nie hätten sie geglaubt, dass ich bald die Hölle auf Erden erleben würde. Erst nach dem Krieg sollte ich erfahren, was für eine Person diese Frau Zhang war. Ich war nicht das einzige Mädchen, das diesen Job wollte. Es gab viele junge Frauen, die Arbeit brauchten. Unter Tränen packte ich meine Tasche. Viel nahm ich nicht mit, ich besaß ja so gut wie nichts. Meine Mutter hatte mir warme Sachen bereitgelegt: zwei gefütterte Hosen, zwei Pullover und dicke Socken. Dazu noch

6 etwas Reis, Gemüse und getrockneten Fisch als Proviant für die Reise und ein wenig Geld, denn sicherlich würde ich nicht sofort meinen ersten Lohn erhalten. Dazu noch ein kleiner Schreibblock und ein Stift das war alles, was ich mitnahm. Es war der 10. Februar 1938, als ich und die anderen jungen Frauen spät abends auf Frau Zhang am vereinbarten Treffpunkt in der Dorfmitte warteten. In dem kleinen Lokal am Platz trafen sich die Männer aus dem Dorf oft nach der Arbeit, tranken, rauchten und unterhielten sich. Im Sommer lagen die Leute auf den Holzbänken unter den Bäumen und ruhten sich aus. An jenem Abend war es so kalt, dass sich niemand auf das kalte Holz setzen wollte. Der kleine Laden, in dem meine Eltern öfter einkauften, war bereits geschlossen. Es war das erste Mal, dass ich nach neun Uhr abends noch unterwegs war. Wir schlugen alle unsere Mantelkrägen hoch, um uns vor dem kalten Wind zu schützen. Frau Zhang kam mit ebenso wenig Gepäck wie ich. Sie trug einen teuren Mantel, hatte ihr Haar wieder streng zusammengebunden und hatte nur eine kleine schwarze lederne Tasche dabei. Sie wirkte sehr elegant. Gewissenhaft hakte sie alle unsere Namen in ihrer Liste ab, und als wir alle vollzählig waren, hieß sie uns, in einen Bus einzusteigen, der bereits vorgefahren

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