Jugendstudie 2012 Wirtschaftsverständnis und Finanzkultur

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1 Jugendstudie 2012 Wirtschaftsverständnis und Finanzkultur Dr. Michael Kemmer Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin Pressekonferenz Berlin, 12. Juli 2012 Es gilt das gesprochene Wort! Bundesverband deutscher Banken e. V. Burgstraße Berlin Telefon: Telefax:

2 Meine Damen und Herren, Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, EZB, Bankenimage vielleicht wundern Sie sich, warum all diese Themen, mit denen Sie, in den letzten Wochen, Monaten und Jahren tagtäglich zu tun haben, ausgerechnet jetzt auch noch auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der Jugendstudie des Bankenverbandes auftauchen. Dazu gleich mehr Bei unserer Jugendstudie 2012 handelt es sich um eine repräsentative Meinungsumfrage erhoben von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) unter 14- bis 24-Jährigen. Zu den Themen Wirtschaftsverständnis und Finanzkultur ist die Erhebung in dieser Form in Deutschland einzigartig, wir führen diese Umfrage seit 2003 in einem dreijährigen Rhythmus durch. Informationen zur Methodik können Sie in dem Bericht in Ihren Unterlagen entnehmen, hierzu kann aber auch gerne Herr Jung Auskunft geben. Zu den Ergebnissen: Die heute 14- bis 24-Jährigen leben in einer Zeit, die von wirtschaftlichen Krisen geprägt ist: Vom Platzen der Internetblase 2001/2002 über den Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008, gefolgt von einer tiefen Rezession 2009, bis zur aktuellen Staatsschulden-Krise bzw. Euro-Krise. Trotz des weiterhin hohen materiellen Wohlstands in Deutschland den die Jugendlichen und jungen Erwachsenen unseren Ergebnissen zufolge auch spüren und anerkennen ist diese Krisensituation in der deutschen Nachkriegsgeschichte einzigartig. Seite 2 / 10

3 I. Wahrnehmung der Finanz- und der Staatsschuldenkrise Sowohl die Finanz- als auch die Staatsschulden-Krise sind den meisten jungen Leuten sehr gegenwärtig: 82% geben an, von der Finanzkrise zumindest gehört zu haben, mit 94% ist die aktuellere Staatsschulden-/Euro-Krise den jungen Leuten sogar noch stärker präsent. (Grafik 1) Im persönlichen Umfeld kommen beide Krisen immer wieder auch zur Sprache: Drei von zehn Befragten geben an, in der Schule, am Arbeitsplatz oder mit Verwandten, Freunden und Bekannten über die Finanzkrise zu diskutieren (Grafik 2). Im Falle der Euro-Krise ist es sogar über die Hälfte der jungen Leute, für die das zutrifft.(grafik 3) Hier ist es ein kleiner Trost, dass sich jeweils nur ein relativ geringer Teil von den unmittelbaren Folgen der Krisen selbst betroffen sieht. Von der Finanzkrise sagen 9%, dass diese einen größeren Einfluss auf ihr eigenes Leben habe, von der Euro-Krise sehen sich (immerhin) 15% größeren Einflüssen ausgesetzt. Trotzdem das Umfragebarometer hierbei nicht so hoch ausgeschlagen hat, sind diese Zahlen nicht zu unterschätzen. Denn obwohl die Krise für die große Mehrheit der in Deutschland lebenden jungen Menschen (bisher) lediglich ein abstrakter Begriff ist, sind indirekte Folgen der Krise erkennbar, die durchaus Anlass zur Sorge geben: So ist das Interesse der Jugendlichen an Politik ein weiteres Mal zurückgegangen. Und noch schlimmer vielleicht das Zutrauen in Seite 3 / 10

4 die Politik, der wirtschaftlichen Probleme Herr zu werden, ist erkennbar gesunken hatten noch knapp 30 Prozent angegeben, sich in stärkerem Maße für Politik zu interessieren. Auch kein berauschender Wert, doch inzwischen ist dieser Anteil auf nur 19 Prozent gesunken. Darauf, dass die Politiker die wirtschaftlichen Probleme lösen können, vertrauen nur noch 45 %. (Grafik 4 und 5) Aber noch eine andere Auswirkung der Staatsschulden- und Euro- Krise ist messbar: Die Meinung der Jugend zum Euro lässt aufhorchen, denn sie ist sehr geteilt: 56 Prozent, also über die Hälfte der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, glaubt NICHT, dass der Euro langfristig erfolgreich sein wird. Jeder Zweite kann sich mittlerweile auch eine Zukunft ohne den Euro vorstellen. (Nur) die Hälfte der Befragten (51%) findet, der Euro habe sich bislang bewährt. (Grafik 6) Diese Ergebnisse sind ernüchternd, denn es handelt sich dabei nicht um die Aussagen älterer Deutscher, die eine lange Zeit mit der D- Mark erlebt haben und ihr möglicherweise hinterher trauern. Ohne Vertrauen kann aber eine Währung auf Dauer nicht funktionieren. Und wenn wir realistisch sind, muss sehr viel passieren, bis eine mittel- bis langfristig bessere Lage auf Europas Finanzmärkten auch gefühlt bei den Jugendlichen in Europa ankommen wird. Denn es geht ja nicht nur um den Euro es geht um die Zukunft ganz Europas. Unsere Umfrage zeigt hier: Bisher herrscht pragmatische Nüchternheit bei den Einstellungen zu Europa und der Europäischen Seite 4 / 10

5 Union: Von der Europäischen Union hat nur etwas mehr als die Hälfte eine gute Meinung, für europäische Politik interessiert sich nur ein knappes Viertel in stärkerem Maße und vier von zehn Befragten immerhin noch etwas. (Grafik 7) Kein Wunder also, dass für das Zugehörigkeitsgefühl auch bei den jungen Leuten weiterhin die nationale, und weniger die europäische Identität entscheidend ist: 56% der Befragten fühlen sich vorrangig als Deutsche, lediglich 8% als Europäer. Immerhin: rund ein Drittel gibt an, für sie treffe beides zu. Ist also der europäische Gedanke der Gründerväter an wirtschaftlichen Zwängen gescheitert? Ich meine nein aber eine europäische Identität entsteht eben nicht allein durch oder in einer funktionierenden Währungsunion. Und wie sich in den letzten Monaten immer stärker gezeigt hat, kann auch die Währungsunion nur bestehen, wenn wir die Kraft und den Mut zu mehr politischer Integration und entscheidenden Reformanstrengungen aufbringen. II. Jugend und Wirtschaft Die komplexen und nur schwer verständlichen Krisenthemen schlagen offenkundig auf das Wirtschaftsinteresse der jungen Generation durch: Das generelle Interesse an Wirtschaft geht weiter zurück: Hatte 2009 noch ein Drittel der Befragten (sehr) starkes Interesse an Wirtschaft geäußert, ist es aktuell nur noch rund ein Fünftel. (Grafik 8) Seite 5 / 10

6 Setzte sich dieser Trend fort, rückt das Ziel einer breiten ökonomischen Bildung in Deutschland in weite Ferne. Doch nur wer die wirtschaftlichen Vorgänge, die uns alle umgeben, zumindest im Großen und Ganzen versteht, kann sein Leben eigenverantwortlich gestalten und dies meine ich ausdrücklich im Sinne eines mündigen Verbrauchers. Als sich der Bankenverband vor über 25 Jahren dem Thema ökonomische Bildung zuwandte, stand er mit seiner Forderung nach mehr Wirtschaft in der Schule fast alleine da. Das hat sich erfreulicherweise inzwischen geändert aber was hat sich in der Praxis getan? Nach den Ergebnissen unserer Studie liegt hier leider noch immer vieles im Argen, denn das Wirtschafts- und Finanzwissen der jungen Leute weist bedenkliche Lücken auf: Ein auf Ergebnissen von sieben Fragen basierender Index zum Wirtschaftswissen zeigt, dass fast jeder zweite Befragte (47%) über schlechte oder sehr schlechte Kenntnisse in diesem Bereich verfügt. (Grafik 9 und 10) Ich möchte Ihnen einige Beispiele aus unserer Umfrage nennen: Vier von zehn jungen Befragten können mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft nichts anfangen (Grafik 11). Das ist eine ganze Menge, auch wenn es vielleicht ein wenig tröstlich erscheint, dass sich von jenen, die sich etwas darunter vorstellen können, etwas Positives damit verbinden. Dennoch sollte es uns nachdenklich stimmen, dass so viele vom Grundprinzip unserer Wirtschaftsordnung keine Vorstellung haben. Ein weiteres Beispiel: Etwas mehr als die Hälfte der 14- bis 24-Jährigen (52 %) kann nicht erklären, was eine Inflationsrate ist. Bei der Frage wie hoch diese derzeit in Seite 6 / 10

7 Deutschland ungefähr ist, mussten sogar 95% der Befragten passen. (Grafik 12) Was unter einer Aktie zu verstehen ist, wissen immerhin fast drei Viertel der Befragten, doch schon der Begriff Rendite ist sieben von zehn jungen Leuten nicht geläufig. (Grafik 13) Und auch mit Blick auf die Rolle Europäischen Zentralbank ein Thema, das in den allermeisten Nachrichtensendungen vorkommt ist das Wissen der jungen Generation erschreckend gering: Nur knapp ein Drittel (27%) weiß, dass die EZB für die Sicherung der Preisstabilität in den Euro-Ländern verantwortlich ist. (Grafik 14) Viele haben also schon bei grundlegenden Sachverhalten deutliche Verständnisschwierigkeiten. Da verwundert es nicht, dass mehr als jeder zweite Jugendliche oder junge Erwachsene (54%) einräumt, sich in Geld- und Finanzfragen kaum oder gar nicht auszukennen (Grafik 17). Sechs von zehn bekennen zudem, dass sie keine oder zumindest wenig Ahnung davon haben, was an der Börse geschieht. (Grafik 18) Grundlegende Wirtschaftskenntnisse sind die Voraussetzung, um Finanzfragen zu verstehen und Entscheidungen zu treffen. Wir werden uns deshalb weiterhin mit unserem umfangreichen Schul/Bank -Aktivitäten für die Verbesserung der ökonomischen Bildung engagieren und zugleich nicht nachlassen, die Einführung eines eigenen Schulfachs Wirtschaft zu fordern. Denn es reicht nicht aus, dass Wirtschaft in irgendeiner Form auf den Lehrplänen steht (z.b. im Rahmen von Gemeinschaftskunde oder Ähnlichem). Seite 7 / 10

8 Wirtschafts- und Finanzwissen muss von dafür ausgebildeten Fachlehrern als ganzheitliches Thema unterrichtet werden. Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen scheinen das zu wissen, denn sie wünschen sich laut unserer Umfrage mehrheitlich ein Schulfach Wirtschaft. (Grafik 19 und 20) III Finanzkompetenz und Finanzkultur Meine Damen und Herren, Jugendliche und junge Erwachsene kümmern sich überwiegend gerne um ihre eigenen Geldangelegenheiten (Grafik 21), aber nehmen sich häufig für ihre eigene Finanzplanung nicht die nötige Zeit. Nur ein Drittel beschäftigt sich tatsächlich regelmäßig mit der Planung ihrer Ausgaben und Einnahmen oder mit der Festlegung von Sparzielen. (Grafik 22) Immerhin jeder Zweite spart regelmäßig (Grafik 23), davon Jugendliche um sich größere Anschaffungen leisten zu können, junge Erwachsene stärker für die Ausbildung, Vermögensaufbau und Altersvorsorge (Grafik 24). Und wie sieht es auf der anderen Seite der Medaille mit dem Thema Verschuldung aus? Das positive Ergebnis vorweg: Nur wenige junge Leute (6%) haben schon einmal mehr Schulden gemacht, als sie zurückzahlen können. Die Tendenz sinkt: 2003 gaben noch 14% der jungen Leute an, Schulden nicht zurückzahlen zu können. (Grafik 25) Anlass der Schulden ist vor allem der Kauf technischer Geräte und bei jungen Erwachsenen der Autokauf (Grafik 26). Kredite bei Banken Seite 8 / 10

9 spielen auch bei jungen Erwachsenen (18- bis 24-Jährigen) keine größere Rolle das Geld leihen sie sich, ebenso wie die Jugendlichen unter 18 meist bei Eltern oder Freunden. Probleme beim Begleichen von Rechnungen gibt es häufiger bei Handy-Verträgen. (Grafik 27) Auch wenn das Thema Kredite in dieser Altersgruppe noch untergeordnet ist, ist es mir wichtig, hier noch einmal die Bedeutung von Finanzwissen zu verdeutlichen: Banken und Sparkassen müssen Kreditnehmer bei einer Kreditvergabe auch laut Gesetz sachgerecht informieren und damit in die Lage versetzen, zu beurteilen, ob der Vertrag dem von ihm verfolgten Zweck und seinen Vermögensverhältnissen gerecht wird. Damit der Kreditnehmer letztlich eine eigenverantwortliche Entscheidung über die Kreditaufnahme treffen kann. Wie soll er hierzu aber in der Lage sein, wenn er über kein Grundverständnis in Finanzfragen verfügt? IV. Image der Banken Ich möchte mit einem für unsere Branche überraschend erfreulichen Thema abschließen. Die Frage nach dem Image der Banken. Das Verhältnis der jungen Leute zu Banken ist - insbesondere gemessen an Finanzkrise und allgemeiner gesellschaftlicher Stimmungslage sehr positiv. Zwei Drittel haben trotz leicht abnehmender Tendenz weiterhin von Banken eine gute Meinung (Grafik 28 und 29). Die allermeisten jungen Bankkunden sind mit ihrer eigenen Bank zufrieden (50%) oder sehr zufrieden (39%). (Grafik 30) Seite 9 / 10

10 Und: Über 80 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen die Entscheidung für einen Bankberuf nach wie vor als eine gute Berufswahl an. (Grafik 31) Auch dies ist kein Grund uns auszuruhen, denn uns ist die Stimmungslage in der Bevölkerung um das verloren gegangene Vertrauen in die Branche insgesamt sehr bewusst. Lassen Sie mich abschließend ein kurzes Fazit ziehen: Die meisten jungen Deutschen sind trotz der Krise ob Finanzkrise oder Staatsschuldenkrise nicht frustriert oder resigniert. Mit ihrer eigenen Lebenssituation sind 91% der 14- bis 24-Jährigen zufrieden, 88% blicken optimistisch in die Zukunft, ihre Berufschancen bewerten sechs von zehn Befragten als gut (Grafik 32). Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die aktuelle Euro-Krise in nicht unerheblichem Ausmaß indirekte Auswirkungen hat. Es sollte uns alarmieren, dass mehr als jeder zweite Jugendliche nicht mehr an die Zukunft des Euro glaubt. Dass so viele an der Fähigkeit der Politik zweifeln, die Probleme in den Griff zu bekommen. Wir müssen aufpassen, dass wir keine gesellschaftliche Vertrauenskrise bekommen und eine Generation von Euro-Skeptikern heranwächst. Vertrauen wiederherzustellen, ist nur mit einem gemeinsamen Kraftakt von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft möglich. Seite 10 / 10

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