Ausführungen von Gert Hager, Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim, anlässlich der Gedenkfeier am auf dem Hauptfriedhof

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1 Dezernat I Amt für Öffentlichkeitsarbeit, Rats- und Europaangelegenheiten Pressereferent Tel: Fax: ES GILT DAS GESPROCHENE WORT Ausführungen von Gert Hager, Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim, anlässlich der Gedenkfeier am auf dem Hauptfriedhof Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir haben uns heute wie jedes Jahr wieder hier versammelt, um all jener Menschen zu gedenken, die während des Luftangriffs vom 23. Februar 1945 ihr Leben verloren haben. Mehr als Menschen fanden in dem gut 20-minütigen Bombardement der britischen Luftstreitkräfte den Tod: Pforzheimer Bürgerinnen und Bürger, Männer und Frauen, alte und junge, Kinder und Greise, Nationalsozialisten und Parteigenossen, Anhänger und Gegner des Regimes. Zu den Toten zählen auch in der Stadt anwesende Kriegsgefangene, Durchreisende, Soldaten, Flüchtlinge und viele Zwangsarbeiter, die aus ihrer Heimat verschleppt und hier zum Arbeiten gezwungen worden waren. Wir wissen nicht einmal exakt, wie viele Menschen es genau waren, die an diesem Tag getötet wurden. Von vielen wissen wir wenig oder nichts. Wir wissen nicht, wer sie waren; wir kennen nicht einmal bei allen ihren Namen. Als namenlose Opfer sind sie ihrer letzten Würde noch im Tod beraubt. Was blieb, war eine zerstörte Stadt und ein Leben in Trümmern und Not - und in Angst vor dem, was wohl noch kommen würde. Das alte Pforzheim war untergegangen. Ein neues war nicht in Sicht.

2 Daran wollen wir uns heute erinnern. Diese Erinnerung ist schmerzlich. Schmerzlich, weil so viele von Ihnen, liebe Pforzheimerinnen und Pforzheimer, die Sie heute hierhergekommen sind, selbst Familienangehörige und Freunde verloren haben. Und wenn es auch nicht mehr viele unter uns gibt, die diesen Schreckenstag selbst miterleben mussten und überlebt haben, so ist doch in so vielen Familien in unserer Stadt die Erinnerung an das Geschehen lebendig und wichtiger Teil des Familiengedächtnisses. Diese schreckliche Erfahrung wurde weitergegeben. Diese Erinnerung ist schmerzlich. Schmerzlich auch, weil wir wissen, was zu diesem 23. Februar geführt hat. Wir wissen, was diesem Tag vorausgegangen ist. Wir wissen, dass dieser Krieg, der im Februar 1945 auch unsere Stadt in der schrecklichsten Weise erreicht hat, von Deutschland ausgegangen ist. Von einem nationalsozialistischen Deutschland, das mit diesem Krieg millionenfachen Mord und Tod, Vertreibung und Elend verursacht hat und mit dem Holocaust ein Menschheitsverbrechen begangen hat, dessen Ausmaß all unsere Vorstellungskraft übersteigt. Darum tun wir uns immer schwer mit dem Gedenken. Überall in diesem Land und auch in unserer Heimatstadt Pforzheim. Denn auch hier hat es Menschen gegeben, zu viele Menschen, die das nationalsozialistische Regime - auch schon von Anfang an - unterstützt oder in Kauf genommen haben. Und es hat hier wie andernorts zu wenige gegeben, die sich dagegen gestellt haben. Viel zu wenige.

3 Dieses Wissen macht es uns nicht leicht, mit unserer Erinnerung umzugehen. Dieses Wissen mahnt uns aber auch an, Verantwortung zu übernehmen. Denn: Wir Heutigen haben an den NS-Verbrechen von damals keine persönliche Schuld. Aber wir haben Verantwortung. Wir haben die Verantwortung, der Nachwelt über die Verbrechen von damals zu berichten. Und nicht nur das: Wir haben auch die Verantwortung uns damit auseinanderzusetzen, wie wir in unserem Land und in unserer Stadt in den letzten 70 Jahren mit der NS-Vergangenheit umgegangen sind. Nur wenn wir dies alles tun, können wir wirklich und wirksam Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Denn genau dieses ist unsere Verantwortung. Mit Schuldzuweisungen kommen wir dabei nicht weiter. Wir müssen vielmehr aufpassen, selbst nicht schuldig zu werden. Wir können schuldig werden, wenn wir unsere Verantwortung nicht übernehmen und nicht stets und von Anfang an für das eintreten, was damals verloren ging: Gerechtigkeit und Frieden, Menschlichkeit und Toleranz gerade heute in einer Welt, in der solche Grundwerte menschlichen Seins mit Füßen getreten werden.

4 Diese Verantwortung wahrzunehmen - das ist die gemeinsame Aufgabe, die wir haben. Das ist der Sinn unseres Gedenkens. Dabei kann dieses Gedenken unterschiedliche Formen haben, mit welchen wir es gestalten. Auch heute gibt es in unserer Stadt wieder viele verschiedene Veranstaltungen, die dieses Gedenken in eben diesem Geist der Verantwortung ausdrücken. All diese Veranstaltungen und ich zähle dazu selbstverständlich nicht jene demokratiefeindlichen Zusammenkünfte, die dem Geist unseres Grundgesetzes entgegenstehen -, all diese Veranstaltungen wollen das Gute und Richtige. Und sie sind gut und richtig. Denn sie zeigen die Vielfalt im Einen: Diese Stadt ist unser Pforzheim; und es sind unsere Gedenken. Dazu zählt selbstverständlich auch das Gedenken und persönliche Erinnern an Familienangehörige, Freunde, Verwandte und Nachbarn, die am 23. Februar 1945 auf so schreckliche Weise ihr Leben verloren.

5 Gedenken braucht Orte und Zeichen. Und das Ehrenkreuz unter dem wir uns jetzt versammelt haben, ist Ort und Zeichen zugleich. Wir versammeln uns hier - nicht, weil es Tradition ist. Dann wäre unsere Gedenkfeier sinnentleerte äußere Form. Wir versammeln uns hier an diesem Ort der Trauer, um in der Nähe zu unseren Verstorbenen ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass wir gemeinsam die Erinnerung bewahren wollen. Ein Zeichen, das uns eint. Das uns alle verbindet: sowohl jene, die hier ihre Angehörigen haben, die am 23. Februar umgekommen sind; als auch alle später in die Stadt gezogenen Pforzheimerinnen und Pforzheimer, die heute gekommen sind, um Teil zu nehmen - und Anteil zu nehmen. Wir wollen ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, das uns an unsere Verantwortung für die Zukunft mahnt. Sie wahrzunehmen, darin bestärkt uns dieser Ort. Dieser Ort, an dem wir sehen, wohin Diktatur und Menschenverachtung, Zerstörung und Mord geführt haben. In ganz Europa und zuletzt auch in unserer Stadt.

6 Und es wird uns jedes Mal wieder schmerzlich bewusst: Unsere Stadt konnten wir wieder aufbauen - unter großen Entbehrungen und mit großen Anstrengungen; aber wir konnten es. Die Toten des 23. Februar jedoch sind ein Verlust für immer. Darum ist dieser Ort wichtig. Darum ist unser Gedenken an diesem Ort wichtig. Darum ist es wichtig, dass wir uns heute und in Zukunft an unsere Verstorbenen erinnern. Wer weiß, was Krieg bedeutet, was Krieg rauben und zerstören kann, kann umso glaubhafter für den Frieden eintreten. Und das ist unser aller Wille. Das unterscheidet uns, die wir hier stehen und verstanden haben, worum es an diesem Tag geht, von all jenen, die den 23. Februar in demokratiefeindlicher Absicht und in einem unserer Verfassung entgegen gerichteten Geist instrumentalisieren. Das unterscheidet uns von den Anhängern einer nationalistischen Ideologie, die sich Hass und Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit auf die Fahnen geschrieben haben. Ihnen geht es nicht um unsere Stadt. Ihnen geht es nicht um unsere Verstorbenen. Sie missbrauchen die Opfer des 23. Februar für ihre Zwecke. Und so entehren sie unsere Verstorbenen und beleidigen uns Lebende. Weil sie die Würde des Menschen missachten.

7 Liebe Pforzheimerinnen und Pforzheimer, die Würde des Menschen zu achten und zu bewahren, ist unsere größte Verantwortung. Denn nur aus ihr kann das erwachsen, was damals verloren ging und was wir heute für uns alle wollen: Gerechtigkeit und Frieden, Menschlichkeit und Toleranz. Daran erinnert uns dieser Tag. Daran erinnern uns die Opfer des 23. Februar. Und wir erinnern uns an sie. Wenn wir diese Botschaft befolgen, hat unser heutiges Gedenken tatsächlich einen tieferen Sinn. ES GILT DAS GESPROCHENE WORT

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