Volkstrauertag am Rede in Wunsiedel

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1 1 Volkstrauertag am Rede in Wunsiedel Ablauf: Eröffnung durch Posaunenchor Rede Erster Bürgermeister Karl-Willi Beck Kranzniederlegung Erster Bürgermeister und VdK (mit dem Lied Ich hatt einen Kameraden ) Beitrag Posaunenchor Schlusswort des Bürgermeisters Begrüßung: Alle Bürgerinnen und Bürger Wunsiedel Ehrenbürger Heinrich Benno Schäffler Kirchenvertreter Feuerwehrkameraden, Rotes Kreuz, DLRG und Bergwacht Vertreter weiterer Vereine und der Bürgerschaft (Volkstrauertag ist nichts anonymes) Posaunenchor... Liebe Wunsiedlerinnen und Wunsiedler,

2 2 Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn, hat der französische Philosoph Gabriel Marcel geschrieben. Damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimme hören, gibt es den Volkstrauertag. Wir gedenken heute der Opfer beider Weltkriege. Gleichzeitig trauern wir auch um die Menschen, die Opfer von Gewalt und Terror wurden, weil sie den Mächtigen im Wege standen, anders gedacht und sich widersetzt haben oder alt und krank waren. Wir gedenken des unermesslichen Leides und Leidens, das Menschen über Menschen gebracht haben und immer noch bringen, tagtäglich, in vielen Regionen der Erde. Wir gedenken das sagen wir heute, 67 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wohl eher leichthin.

3 3 Aber denken wir auch daran, was Heinrich Böll einmal einforderte: Wie die Einzelnen gestorben sind, unter welchen Umständen, unter welchen Schmerzen, Flüchen, Gebeten und Schreien? Millionen von Opfern heißt eben immer auch, dass millionenfach ein Mensch regelmäßig auf entsetzliche Art- zu Tode gekommen ist. Es heißt aber auch immer: millionenfaches individuelles Leid. Denken wir auch daran, dass neben uns immer noch viele Opfer von Krieg und Gewalt leben? Dass viele Menschen noch heute still leiden, weil sie Angehörige und Freunde verloren haben, weil sie misshandelt und vertrieben wurden? Viele meinen ja: Volkstrauertag das war doch gestern, das ist doch nur Ritual und Alibi. Nun - diese Gefahr ist sicher gegeben. Sie wird umso größer, je mehr die Erinnerungen verblassen.

4 4 Dies wird möglich - weil wir vergessen haben zu trauern, zu erinnern, nachzudenken. Aber die Fähigkeit zu trauern ist ein Teil der Menschenwürde. Das Gedenken ist nicht nur eine Erinnerung an die Toten, an das Verlorene und Zerstörte. Es ist immer auch die Frage nach dem Warum. Bleibt die Frage nach dem Umfang des heutigen Gedenkens. Nun wir gedenken: o der Toten der beiden Weltkriege, o der gefallenen Soldaten und der Millionen getöteter Zivilisten o der Opfer von Vertreibung und Gefangenschaft o der Toten des Widerstands gegen Diktatur und Unrechtsregime in unserem Land und in vielen anderen Staaten der Welt o des unermesslichen Leids, das den Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik widerfuhr

5 5 o aber eben auch all der Opfer von Krieg bis zum heutigen Tag; o so haben eben auch 52 Frauen und Männer der rd Soldaten der Bundeswehr die nach Afghanistan geschickt wurden, diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt Eben deswegen brauchen wir diesen Tag: als Aufschrei gegen das Vergessen und gegen das Leid, das viele Menschen auch heute erleben müssen durch Krieg und Vertreibung, Mord und Folter. Also ist der Volkstrauertag nicht nur ein Tag der Toten, sondern auch ein Tag der Lebenden. Er bringt uns zum Nachdenken: Wie war und wie ist das alles möglich? Und deshalb geht der Volkstrauertag gerade auch die Jüngeren etwas an.

6 6 Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat es einmal so formuliert. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Dabei hat er sich bestimmt nicht die Szenen von Gestern in unserer Stadt vorgestellt. Gottseidank war es nur eine überschaubare Gruppe Ewiggestriger könnte manch einer sagen. Aber die die gestern hier waren, meine sehr geehrten Damen und Herren, das waren eben nicht nur Gedenkende wie sie uns sie mit ihren Faltblättern oder dem Schein ihres Marsches glauben machen wollen. Nein vor allem die Hintermänner derer, die gestern da waren, sind die Typen des freien Netzes Süd. Und die stehen nicht nur mit Ihrer Geisteshaltung sondern auch mit dem was sie ständig tun und sagen, genau für das, was eben das Naziregimes ausgemacht hat. Das haben wir recherchiert.

7 7 Das heißt die Verantwortlichen des gestrigen Naziaufmarsches stehen eben nicht für die Wehrmacht und die Millionen zu Tode gekommener Soldaten. Sondern sie stehen für das was die SS und der Staatsterrorismus der Nazis in unserem Land und in der Welt angerichtet hat. Genau dies wollen die Marschierer wieder haben und einführen. Sie trauern in Wirklichkeit um die NS-Potentaten bis hin zu Hess. Und angerichtet haben die Nazis 55 Millionen Tote in Militär und Zivilgesellschaft. 55 Millionen getötete Menschen wissen Sie was das bedeutet: Unsere Erde hat rd km Umfang. Das sind 40 Millionen Meter. Das heißt die Opfer des Zweiten Weltkrieges sind eine dicht gedrängte Menschenkette rund um die gesamte Welt. Alle getötet. Unvorstellbar. Unsere Verantwortung ist es, dass dies nie wieder auf deutschem Boden oder von Deutschland aus

8 8 geschieht. Unser Auftrag heißt: hinschauen nicht wegschauen. Wachsam zu sein, damit sich genau dies nicht fortsetzen kann in unserem Land, was mit den vielen Opfern der Neonazis nach dem Zweiten Weltkrieg und jüngst mit der Aufdeckung der NSU-Opfer traurige Realität geworden ist. Deshalb bitte ich unsere Staatsorgane dringendst, aktiv zu sein und den Politikern in Parlamenten und Regierungen genau die Materialien zu liefern, die die brauchen, um reagieren zu können, dass wir dieses Themas im Land Herr werden. Danke an dieser Stelle an die vielen die unter dem Titel Mutig für Menschenwürde gestern hier in WUN Gesicht gezeigt haben. Danke an Karl Rost und die BI und JI Wunsiedel; sie haben gute Arbeit geleistet. Meine sehr geehrten Damen und Herren, Unsere Welt ist nicht friedlich.

9 9 Und auch wenn wir an einem Tag wie heute den toten Soldaten Respekt zollen, die im Dienst an ihrem Land starben, so dürfen und müssen wir auch die Frage nach dem Warum stellen? So war z.b. eine der Antworten auf den Terror des 11. September 2001 ein Krieg, den tausende Menschen aus Militär und zivilem Leben mit dem Leben bezahlt haben. Ein Krieg, so scheint es heute, der weit davon entfernt ist, Frieden und Demokratie zu bringen. Es ist eben so, dass kein Krieg hehr oder heilig ist. Dass kein Krieg und sei er mit noch so modernen Waffen geführt- es schafft Unschuldige zu verschonen. Das ist auch ganz aktuell in Israel, Palästina und Syrien so. Wenn wir ehrlich sind, werden wir zugeben müssen, Gewalt bringt immer wieder neue Gewalt hervor und Terror nährt neuen Terror.

10 10 Deshalb muss heute auch jeder für sich entscheiden, ob die Toten, derer wir gedenken, uns nicht auch zuflüstern: Wir haben uns geirrt, es ist keine Ehre, für welches Vaterland auch immer in einem Angriffs- oder Vergeltungskrieg zu sterben. Krieg findet kein Ende, wenn ihr nicht endlich und konsequent damit aufhört! Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Trauer lässt sich nicht staatlich verordnen, sie ist ein sehr persönliches Gefühl. Mitfühlen, gemeinsames Erinnern und Gedenken aber bringen zum Ausdruck, dass die unmittelbar Betroffenen nicht allein sind, dass wir uns als Gemeinschaft empfinden, die sich zur Friedfertigkeit bekennt. Der Volkstrauertag darf sich nicht in der Rückschau auf die Geschehnisse der beiden großen Weltkriege und in der Tradition erschöpfen. Er ist ein sehr aktueller Gedenktag, den wir brauchen.

11 11 Er schützt vor dem Vergessen und Verdrängen. Und er mahnt uns, aus der gesamten Bandbreite der Schreckensbilder der Vergangenheit, die von Kriegstoten im Schlachtfeld über Auschwitz bis zu den Opfern der Todesmärsche die durch Wunsiedel liefen, reicht, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Antwort liebe Freunde kann immer nur lauten: Gegen Krieg und Gewalt für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit das ist die Losung des heutigen Volkstrauertages. Heute am Volkstrauertag bekennen wir uns zum Wert des Lebens. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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