Pfarrer Reinhard Griesmayr am in St. Cyriakus. 4. Fastenpredigt: Erwachsenen- oder Kindertaufe, der Erwachsenenkatechumenat

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1 Pfarrer Reinhard Griesmayr am in St. Cyriakus 4. Fastenpredigt: Erwachsenen- oder Kindertaufe, der Erwachsenenkatechumenat Als am 25. November 1881 der spätere Papst Johannes XXIII geboren worden war, da kam so erzählt man wenige Stunden später der uralte Pate ins Haus, nahm sein Patenkind auf den Arm und ging mit ihm durch den stürmischen, kalten Nachmittag allein in die Kirche. Dort wartete schon der Pfarrer auf ihn, und in einem kurzen, schlichten Gottesdienst wurde Angelo Giuseppe Roncalli getauft. Uns kommt die Schilderung einer solchen Taufe heute befremdlich vor. Die Eltern sind nicht dabei, der Pate ersetzt sie vollständig, die Kirche, in die der Täufling ja aufgenommen wird, ist lediglich durch den Priester und den Paten vertreten, so schnell nach der Geburt und so wenig festlich wird sie vollzogen. Damals wird das wohl nicht ungewöhnlich gewesen sein. Die Kindersterblichkeit war weit größer als heute, man hatte Angst, dass ein Kind vor der Taufe sterben könnte und ihm dann wegen des Makels der Erbsünde der Zugang zum Himmel versperrt bliebe. So eng verstand man damals den Grundsatz Außerhalb der Kirche kein Heil. Heute ist uns wieder neu bewusst, dass Gott das Heil aller Menschen will und jeder Mensch guten Willens auf geheimnisvolle Weise durch Jesus daran Anteil hat, auch wenn er ohne eigene Schuld nicht zum Glauben an Jesus findet und nicht durch die Taufe zur Kirche dazugehört. Heute lassen sich Eltern mit der Taufe ihrer Kinder mehr Zeit. Ich selbst bin 23 Tage nach meiner Geburt getauft worden, heute ist ein halbes Jahr oder sind anderthalb Jahre keine Seltenheit. Auch im Rahmen der Vorbereitung auf die Erstkommunion kommt es immer wieder zur Taufe von Kindern, die schon neun oder zehn Jahre alt sind. In der Regel wünschen sich die Eltern eine schöne Tauffeier für die Familie. Nicht wenige bringen sich mit eigenen Ideen in die Gestaltung ein. Dadurch wird deutlich, dass die Eltern die erste Verantwortung für die Glaubenserziehung ihres Kindes haben, der Pate, die Patin sollen die Eltern dabei unterstützen. Wenig glücklich sind Eltern manchmal, wenn mehrere Kinder zugleich getauft werden. Das stört für sie das Familienfest und zeigt zugleich, das Bewusstsein der Taufe als Aufnahme in die Kirche ist noch wenig entwickelt ist. Das gilt aber genauso für die Pfarrgemeinde, die oft kaum daran Anteil nimmt. Eine Möglichkeit, dieses Bewusstsein zu stärken, ist die Spendung der Taufe in der Sonntagsmesse. Da kann die Gemeinde erleben, dass sie Nachwuchs bekommt und ihre Freude darüber ausdrücken. Dabei zeigt sich aber auch immer wieder einmal, dass der Tauffamilie 1

2 die Gemeinde und der Sonntagsgottesdienst bisher fremd geblieben sind. Manchmal hört man von Eltern, die die Taufe ihres Kindes aufschieben, als Erklärung: Mein Kind soll später einmal selber entscheiden, wenn es alt genug dafür ist, ob es getauft werden will oder nicht. Überzeugt dieses Argument wirklich? In vielen anderen Situationen entscheiden Eltern ja durchaus für ihr Kind und müssen auch entscheiden. Die erste und wichtigste Entscheidung ist die für das Leben des Kindes. Die treffen die Eltern, ohne das Kind fragen zu können und übernehmen damit große Verantwortung. Bewusst und unbewusst werden sie in der Erziehung ihre eigenen Einstellungen, Überzeugungen und Werte an das Kind weitergeben. Das gilt auch für den religiösen Bereich. Wie soll sich das Kind denn später auch für oder gegen etwas entscheiden, was es nicht zuvor kennen gelernt hat? Wenn aber die Eltern ihr Kind von Anfang an christlich erziehen wollen, spricht im Grunde nichts gegen eine frühe Taufe. Die eigene Entscheidung später ist damit nicht unmöglich, wird sogar im Rahmen der Firmvorbereitung der jungen Christen eigens herausgefordert und ist für ein überzeugtes und überzeugendes Glaubensleben unverzichtbar. Natürlich hofft man, dass die jungen Christen sich dabei die Entscheidung ihrer Eltern zu eigen machen. Aber man muss doch auch mit der Möglichkeit rechnen und sie dann akzeptieren, dass sie sich anders entscheiden. Eltern versprechen bei der Taufe, ihr Kind im Glauben zu erziehen, es zu lehren, Gott und den Nächsten zu lieben, wie Jesus es vorgelebt hat, mit ihrem Kind zu beten und ihm zu helfen, seinen Platz in der Gemeinschaft der Kirche zu finden. Auch wenn sie guten Willen haben, ist eine Reihe Eltern nicht in der Lage, dieses Versprechen zu erfüllen. Vielleicht haben sie selber ausgenommen die Taufe von ihren Eltern keine religiöse Erziehung mitbekommen. Sie wünschen zwar die Taufe für ihr Kind, kennen sich selber im Glauben und im Gottesdienst kaum aus. Manche stehen auch in kritischer Distanz zur Kirche und wünschen für ihr Kind etwas, was sie selber nicht leben. Da liegt eine große Aufgabe für die Pfarrgemeinden, den Eltern bei der Glaubenserziehung ihrer Kinder zur Seite zu stehen, ihnen selber auch einen neuen Zugang zum Glauben zu ermöglichen, wenn sie das wünschen. Katholische Kindergärten und katholische Schulen unterstützen dabei, und auch die Gemeinde hilft mit der Vorbereitung auf die Sakramente. Allerdings kann dadurch nicht die Glaubensweitergabe in der Familie ersetzt werden. Als Gemeinde müssen wir uns ehrlicherweise auch eingestehen, dass uns diese Aufgabe in vielem überfordert. So wächst eine neue Generation von Getauften heran, von denen viele nicht wirklich in den Glauben eingeführt sind. Glaubensmäßig sind sie in einem vor-katechumenalen Zustand geblieben: Zwar getauft, aber nicht wirklich gläubig. Langfristig werden immer weniger Eltern für ihre Kinder überhaupt an die Taufe 2

3 denken. Eine Zahl hat sich mir eingeprägt: Im Jahr 2000 sind von allen Kinder, die in Hannover geboren wurden, nur noch 20 % getauft worden, in allen christlichen Konfessionen zusammen genommen. Setzt sich dieser Trend fort, so werden sich die westlichen Bundesländer in ein, zwei Generationen kaum noch von den östlichen Bundesländern unterscheiden, was die Zahlen der Getauften angeht. Und das Eichsfeld ist längst keine Insel der Seligen mehr. Bei der ersten Taufe, die ich vor gut drei Jahren in einer Gemeinde unserer Seelsorgeeinheit hielt, war die Mutter selber nicht getauft. Und in unserer Seelsorgeeinheit gib es etwa 87 Kinder im Alter bis zu drei Jahren, bei denen mindestens ein Elternteil katholisch ist, die nicht oder noch nicht getauft sind. Ist die Kindertaufe vielleicht sogar ein Auslaufmodell? Ist es vielleicht sogar wünschenswert, weil es dadurch weniger Getaufte ohne echten Glauben geben würde? Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Erwachsene, die nach der Taufe fragen. Es sind keine Massen, aber doch eine spürbare, neue Entwicklung. Und die Zahlen steigen. Am ersten Fastensonntag haben in Hildesheim etwa 19 Erwachsene von Bischof Norbert die Zulassung zur Taufe an Ostern bekommen, in Berlin waren es 65. In der kommenden Osternacht werden in Duderstadt zwei Erwachsene getauft werden. Wie kommt jemand in unserer Zeit, in der die Kirche nicht besonders glänzend dasteht, viele sie auch aus unterschiedlichen Gründen verlassen, dazu, den umgekehrten Schritt zu tun, sich taufen lassen und in die Kirche aufgenommen werden zu wollen? Die Wege und Motive sind so unterschiedlich und vielfältig wie die Menschen selber. Oft spielen andere Menschen dabei eine Rolle. Jemand lernt einen Christen oder eine Gruppe von Christen kennen, die Beziehungen vertiefen sich. Er fühlt sich angezogen, macht neue Erfahrungen, neue Fragen stellen sich ihm. Das alles weckt schließlich in ihm den Wunsch, selber dazuzugehören. Eine junge Mutter bittet im Zusammenhang mit der Taufe ihres Kindes um die Taufe. Sie ist mit einem katholischen Mann verheiratet. Sie erzählt von zwei Erlebnissen. Kurz nach der Geburt geht sie mit dem Kind in die Krankenhauskapelle. Irgendetwas zieht sie dahin. Irgendetwas rührt sie innerlich an. Ihr kommen die Tränen. Durch eine Unachtsamkeit fällt ihr das Kind aus dem Arm auf den Boden. Es schlägt mit den Kopf auf. Große Angst und Schuldbewusstsein bei der Mutter. Die ärztliche Untersuchung zeigt, dass der Sturz für das Kind ohne schlimme Folgen ausgegangen ist. Auf die vorsichtige Frage, ob sie bei diesen Gelegenheit gespürt habe, dass Gott ihr nahe gewesen sei, bejaht sie das ausdrücklich. 3

4 Ein junger Mann, der von Zuhause kaum etwas von Kirche und Glauben mitbekommen hat, lernt eine junge Frau kennen und lieben. Mit der Zeit lernt er auch ihre Familie kennen, die ganz selbstverständlich den Glauben lebt. Er fühlt sich wohl in dieser Familie, er geht ab und zu mit in den Gottesdienst, ihm tut sich eine neue Welt auf. Er lässt sich auf den Weg der Taufvorbereitung ein, ohne genau zu wissen, wohin der ihn führen wird. Nicht jeder Weg, der so beginnt, führt zum Ziel, zur Taufe. Manchem ist die Zeit zu lang, der Einsatz zu mühevoll. Manchmal sind es äußere Ereignisse, die den Weg unterbrechen oder abbrechen. Eine Beziehung zerbricht. Ein Umzug steht an. Eine berufliche Umorientierung nimmt alle Kraft und Zeit in Anspruch. Eine gesundheitliche Krise führt auch zu einer Glaubenskrise. Bei solchen Wegen zur Taufe geht es ja nicht bloß um Glaubensinhalte. Das sind immer in unterschiedlicher Akzentuierung die vier klassischen Themen des Katechismus: Die 10 Gebote, die Sakramente, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser. Es geht mehr um Veränderungen im Leben. Alte Gewohnheiten sollen verlernt werden, neue müssen eingeübt werden. Und gibt es überhaupt etwas Herausfordernderes als Gewohnheiten zu verändern? Ein Kind lernt von den Eltern. Es sieht die Eltern etwas tun und ahmt es nach, immer wieder, bis es gelingt. Dafür hat es Jahre Zeit, Jahre auch, das mehr und mehr zu begreifen, was es schon tut und beherrscht. Das Mitglauben mit den Eltern wird so mehr und mehr eigenes Glauben. Auch ein Erwachsener braucht Vorbilder. Aber er will von Anfang an wissen, was er da tut und warum er es tun soll. Auch er braucht Zeit, viel mehr Zeit als ihm anfänglich bewusst ist, bis das Verstehen vom Kopf in das eigene Herz gewandert und wirklich ein Teil von ihm geworden ist. Es ist wie beim Lernen einer Sprache: Jedes Kind lernt die Muttersprache perfekt. Wenn ein Erwachsener eine neue Sprache lernt, wird ihm manches fehlen an Erfahrungen, die das Kind ganz natürlich mit den Worten der Muttersprache aufgenommen hat. Nur in seltenen Fällen wird ein Erwachsener eine neue Sprache wie seine Muttersprache beherrschen. Ähnlich ist es beim Glauben. Dem Erwachsenen wird manches unzugänglich bleiben, was das Kind unbewusst in langen Jahren aufgenommen hat. Aber er hat doch den Vorteil, dass er vieles besser versteht und sich bewusst dafür entschieden hat. In früheren Zeiten, in denen bei uns alle Christen waren und alle Kinder getauft wurden, stellte sich das Problem nicht, Erwachsene auf die Taufe vorzubereiten. Wenn aber der christliche Glaube abnimmt, die Christen mehr und mehr zu einer Minderheit werden, muss die Kirche neu lernen, was sie in ihren Anfängen ganz selbstverständlich getan hat: Erwachsene in den Glauben einführen. 4

5 Damals gab es den Katechumenat. Er funktionierte nach folgendem Prinzip. Bischof Cyrill von Alexandrien, der im dritten Jahrhundert lebte, wurde gefragt: Was tust du mit jemand, der das Christsein lernen will? Er antwortete: Ich lasse ihn ein Jahr in meinem Hause wohnen. Mehr als die Inhalte des Glaubens zu lernen, geht es also darum, einen neuen Lebensstil zu lernen. Wahrscheinlich lebte der Bischof Cyrill nicht alleine in seinem Haus, sondern in einer kleinen Gemeinschaft mit anderen Christen. Der Taufbewerber lernt also, wie man als Christ mit anderen Christen zusammen lebt. Das braucht Zeit. Das eine Jahr gibt in etwa den Zeitraum an, den es dafür braucht. Das eine Jahr umfasst auch ein ganzes Kirchenjahr mit allen darin enthaltenen Festen und besonderen Zeiten. Daran nimmt der Taufbewerber mit den anderen Christen teil. Und so wird er auch in die Mitfeier des Gottesdienstes eingeführt. In unserer Zeit geht es also darum, den Katechumenat als einen ordentlichen Weg zur Taufe für Erwachsene wieder einzurichten. Das ist nicht ganz einfach, lohnt aber die Mühe. Es gibt eine bestimmte Ordnung und einen festen Rahmen, doch die Glaubenswege sind individuell und persönlich. Und das innere Wachstum ist bei den Einzelnen unterschiedlich. Gott geht seinen Weg mit den Einzelnen persönlich und passt seine Gnade den Voraussetzungen und Fähigkeiten des Einzelnen an. Und so muss auch der Rahmen immer wieder an die jeweilige Situation angepasst werden. Wenn sich ein Erwachsener mit dem Wunsch nach der Taufe meldet, wird der Pfarrer oder der Verantwortliche versuchen, um ihn herum eine kleine Gruppe zu bilden. Vielleicht ist der Ehepartner bereit, den Weg mitzugehen, oder jemand anderer aus der Familie oder dem Freundeskreis. Vielleicht bietet sich aus diesem Personenkreis schon jemand an, der später das Patenamt übernehmen könnte. Vielleicht finden sich aus der Pfarrgemeinde zwei, drei Personen, die als Glaubenszeugen den Taufbewerber an ihren Erfahrungen teilnehmen lassen. So beginnt der Weg, der äußerlich besteht in regelmäßigen Treffen, in Katechese von Glaubensinhalten, im Gespräch und in Austausch von Erfahrungen, im Kennenlernen einer konkreten Gemeinde und ihres Gottesdienstes. Innerlich besteht der Weg, so hofft man, im Wachsen des Glaubens bei dem Taufbewerber, dass er mehr und mehr hineinwächst in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus und zunehmend sein Leben an ihn ausrichtet. Solch ein Weg ist für alle, die daran beteiligt sind, bereichernd. Die schon Christen sind, lernen, wie man angemessen über den eigenen Glauben spricht und Glaubensinhalte vermittelt. Der eigene Glaube wird gestärkt durch die Fragen, die jemand stellt, und die Erfahrungen, die jemand macht, für den alles neu ist, was zum Glauben gehört. Darum soll auch die Pfarrgemeinde Kenntnis von einem solchen Weg haben. Das stärkt auch ihren Glauben, wenn sie gerade in der Fastenzeit den Taufbewerber im 5

6 Gottesdienst erlebt und von seinem Weg und vom Wachsen des Glaubens in ihm hört. Und so kann sie ihre ureigene Aufgabe auch erfüllen, das zukünftige Gemeindemitglied im Glauben mitzutragen und für es zu beten. Was für die alten Christen selbstverständlich geworden ist: die Heilige Schrift, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, das Kreuzzeichen, wird in den kleinen liturgischen Elementen für den Taufbewerber neu erlebt und kann vertieft in das eigene Leben einbezogen werden. Gibt es das richtige Alter für die Taufe? So war der Titel eines Workshops in der Glaubenswerkstatt heute. So einfach kann man die Frage also gar nicht beantworten. Und man kann Kindertaufe und Erwachsenentaufe dabei nicht gegeneinander ausspielen. Beide haben ihre Berechtigung. Bei der Taufe heißt es ja: Gott schenkt den Glauben, ohne den es keine Taufe gibt. Das heißt ja wohl, der Glaube ist Voraussetzung für die Taufe. Ist der Glaube da, kann die Taufe gespendet werden. Das muss sicher nicht schon ein perfekter, voll ausgereifter Glaube sein. Aber er muss doch schon über ein gewisses Anfangsstadium hinaus sein. Bei der Kindertaufe ist es der Glaube der Eltern; beim Erwachsenen der eigene Glaube. Ist dieser Glaube da, dann ist jedes Alter das richtige, dann ist die Kindertaufe und die Erwachsenentaufe für die Pfarrgemeinde, in der sie gespendet werden, für die schon getauften Christen in gleicherweise Geschenk und Herausforderung, die eigene Taufe immer tiefer zu verstehen und zu leben. 6

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