Wahrscheinlichkeitsrechnung
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- Maike Biermann
- vor 9 Jahren
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1 Kantonsschule Solothurn RYS Ursprünglich war das Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten ein Hilfsmittel für Glücksspiele. Der eigentliche Beginn der klassischen Wahrscheinlichkeit wird mit Pierre der Fermat ( ) und Blaise Pascal ( ) in Verbindung gebracht. Es ging dabei um zwei Probleme, die unter Glücksspielern schon seit Jahrhunderten umstritten waren: Problem 1: Was ist wahrscheinlicher: bei vier Würfen mit einem Würfel mindestens eine 6 zu werfen, oder bei 24 Würfen mit zwei Würfeln mindestens eine Doppelsechs zu werfen? Problem 2: Eine Münze wird wiederholt geworfen. Für Kopf erhält Spieler A einen Punkt, für Zahl erhält Spieler B einen Punkt. Wer zuerst fünf Punkte erzielt, gewinnt den ganzen Einsatz. Nach sieben Würfen hat A 4 Punkte, B drei Punkte erzielt. Das Spiel muss wegen eines unvorhergesehenen Ereignis abgebrochen werden. Wie ist der Einsatz zu verteilen? 1655 erfuhr Christiaan Huygens ( ) von den beiden Problemen, und da Pascal und Fermat ihre Lösungen geheim behielten, entwickelte er eigene Lösungsmethoden, die er zusammen mit gelösten und ungelösten Aufgaben 1657 in einem ersten Buch zur veröffentlichte. Eine lehrbuchartige Darstellung fand die in dem 1713 erschienen Buch Der arte conjectandi ( Über die Kunst des Vermutens ) von Jakob Bernoulli ( ). In diesem Buch entwickelte Bernoulli zunächst die Kombinatorik und wendete diese dann auf Glücksspiele, aber auch auf wirtschaftliche Probleme an. Es enthält weiter das Gesetz der grossen Zahlen, mit dem eine Verbindung zur Statistik hergestellt werden kann. Einen gewissen Abschluss erreichte die Wahrscheinlichkeitsrechung in dem 1812 erschienen Werk Théorie analytique des probabilités von Pierre Simon de Laplace ( ): Die Wahrscheinlichkeit wird dabei definiert als der Quotient aus der Anzahl der im Sinne der Fragestellung günstigen zur Anzahl der möglichen Ausgänge. Klassische Definition der Wahrscheinlichkeit nach Laplace: p(a) = Anzahl günstige Fälle. Anzahl mögliche Fälle Laplace-Versuche: Haben bei einem Zufallsversuch mit s möglichen Ergebnissen aufgrund der gegebenen Versuchsituation alle diese Ergebnisse dieselbe Chance aufzutreten, dann ordnen wir jedem Ergebnis die Wahrscheinlichkeit p(a) = s 1 zu. Dass alle Ergebnisse dieselbe Chance haben, kann man nicht beweisen, sondern nur aufgrund der Versuchsituation modellhaft annehmen. Man spricht deshalb oft auch vom Laplace-Modell. 1
2 Beispiel: Der Würfel Stichprobenraum S (= Menge aller möglichen Versuchsausgänge) S = {1, 2, 3, 4, 5, 6} Ereignisse: jede Teilmenge von S ist ein Ereignis A. Berechne folgende Wahrscheinlichkeiten: P(die gewürfelte Augenzahl ist gerade) = P(die gewürfelte Augenzahl ist eine Primzahl) = P(die gewürfelte Augenzahl ist grösser als 7) = P(die gewürfelte Augenzahl ist kleiner als 7) = (unmögliches Ereignis) (sicheres Ereignis) Weitere Beispiele: Münzwurf: Roulette / Glücksrad: Kartenspiel: Da das Typische für Zufallsversuche die Eigenschaft ist, dass das Ereignis zufällig auftritt, also nicht vorhersehbar ist, kann man auch durch konkrete Versuchsdurchführungen die Modellannahme weder beweisen noch widerlegen. Aber, wir können den Versuchsverlauf von Laplaceversuchen beobachten und protokollieren, wie häufig einzelne Ereignisse auftreten. Dabei vergleichen wir die (absolute) Häufigkeit, mit der ein Ereignis eintritt, und die Gesamtzahl der Versuche (Stichprobenumfang) miteinander: Relative Häufigkeit eines Ereignisses = absolute Häufigkeit,mit der Ereigniss auftritt Stichprobenumfang Empirisches Gesetz der grossen Zahlen Bei langen Versuchsreihen stabilisieren sich die relativen Häufigkeiten eines Ereignisses in der Nähe der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses. Es liegt also nahe, jedem Ereignis a eines Zufallsversuches die Wahrscheinlichkeit P(a) zuzuordnen. Diese Wahrscheinlichkeit steht für den festen Wert, auf den sich die relative Häufigkeit konzentriert, wenn der Versuch (unendlich) oft wiederholt wird. 2
3 Kantonsschule Solothurn RYS Aufgaben 1. In England gab es im Zeitraum von '794 Einzel-, 81'133 Zwillings-, 667 Drillings- und 14 Vierlingsgeburten. Überprüfe die in der Gynäkologie übliche Regel: Ist p die ungefähre Wahrscheinlichkeit für eine Zwillingsgeburt, so ist p 2 die ungefähre Wahrscheinlichkeit für eine Drillingsgeburt und p 3 die ungefähre Wahrscheinlichkeit für eine Vierlingsgeburt. 2. Bei 270 zufällig ausgewählten Telefongesprächen ergab sich folgende Tabelle: d >10 n d: Dauer des Gesprächs in Gebühreneinheiten n : Anzahl der Gespräche Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit für ein Gespräch mit a) d 4, b) d 6, c) 4 < d < 10? 3. In einer Stadt werden von allen Gebäuden 15% elektrisch, 35% mit Öl, 25% mit Kohle und der Rest mit Erdgas beheizt. Wir gross ist die W keit, dass ein zufällig ausgewähltes Gebäude a) Mit Kohle b) Nicht mit Öl c) Weder mit Kohle noch mit Öl beheizt wird? 4. Eine Urne enthält 100 Kugeln mit den Nummern 00, 01, 02, 03,, 99. Eine Kugel wird zufällig gezogen. Es sei X die erste und Y die zweite Ziffer ihrer Nummer. Berechne a) P(X = 3) b) P(Y 4) c) P(X Y) d) P(X < 4 und Y < 3) e) P(X Y > 49) 3
4 Mehrstufige Zufallsversuche Beispiel: Werfen zweier Münzen Es spielt keine Rolle, ob man die Münzen gleichzeitig oder nacheinander wirft, zu beiden Zufallsversuchen gehört der Stichprobenraum (oder Ergebnismenge) S = {WW, WZ, ZW, ZZ} und jedes der vier Ereignissen hat die Wahrscheinlichkeit 0.25: Statt einer Tafel können wir die möglichen Ergebnisse auch in einem Baumdiagramm darstellen: Pfadregeln: Bei einem mehrstufigen Zufallsversuch ist die Wahrscheinlichkeit eines (durch einen Pfad dargestellten) Ereignisses gleich dem Produkt der Wahrscheinlichkeiten längs des zugehörigen Pfades. Beispiel: P(WW) = = 0.25 Setzt sich bei einem mehrstufigen Zufallsversuch ein Ereignis aus verschiedenen Pfaden zusammen, dann erhält man die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses durch Addition der einzelnen Pfadwahrscheinlichkeiten. Beispiel: P(WZ oder ZW) = = 0.5 4
5 Kantonsschule Solothurn RYS Aufgaben 5. Eine Urne enthält 8 rote, 3 weisse und 9 blaue Kugeln. Es werden 3 Kugeln zufällig gezogen. Bestimme die W keit dafür, dass a) alle 3 rot sind b) alle drei weiss sind c) 2 rot und 1 weiss ist d) wenigstens 1 weiss ist e) 1 von jeder Farbe gezogen wird f) die Kugeln in der Reihenfolge rot, weiss, blau gezogen werden. 6. Für Wetterprognosen in Solothurn gelten die Regeln: Wenn es heute trocken ist, dann ist es morgen mit der Wahrscheinlichkeit 5/6 wieder trocken; wenn es heute regnet, dann regnet es morgen mit der Wahrscheinlichkeit 2/3. Heute ist Sonntag und es ist trocken. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass es a) am Montag regnet? b) am Dienstag trocken ist? c) Mittwoch regnet? d) Donnerstag trocken ist? 7. Aus der Genetik: Albinismus ist eine rezessive Erbkrankheit. (Albinos können kein schwarzbraunes Pigment bilden, haben weissliche Haare und ganz helle Haut.) a) Nun seien Vater und Mutter für das genannte Gen heterozygot (Aa). Sie erwarten ein Kind. Wie gross ist die W keit, dass es ein Albino ist? b) Diese Eltern möchten gerne 3 Kinder. Wie gross ist die W keit, dass alle 3 Albinos sind? c) Nehmen wir an, sie haben nun diese 3 Kinder, und es sind tatsächlich alle drei Albinos. Wie gross ist die W keit, dass ein viertes Kind auch wieder ein Albino ist? 9. Fünf Jäger sehen einen Hasen und schiessen gleichzeitig auf ihn. Nehmen wir an, für jeden Jäger bestehe eine W keit von 0,25, den Hasen zu treffen. Mit welcher W keit wird der Hase von mindestens einem Schuss getroffen? 10. Eine Klasse besteht aus 10 Schülerinnen und 14 Schülern. Durch das Los werden 5 Personen aus dieser Klasse ausgewählt. Man berechne die W keit, dass a) alle fünf Personen Schülerinnen sind, b) alle fünf ausgewählten Personen Schüler sind, c) in der genannten Auswahl Schülerinnen und Schüler sind. 11. Schweizer Zahlenlotto: Der Teilnehmer hat in jedem Zahlenfeld, mit dem er sich an der Lotto- Ausspielung beteiligen will, genau sechs der 42 Zahlen anzukreuzen. In die Gewinnränge kommen alle Teilnehmer, die 3, 4, 5 oder alle 6 der ausgelosten Zahlen richtig vorausgesagt haben. Wie gross ist die W keit mit einem Zahlenfeld irgendeinen Gewinn zu erzielen? 12. Ein Apparat besteht aus drei Teilen, die unabhängig voneinander ausfallen können. Teil 1 fällt aus mit der W keit 0,2; Teil 2 mit 0,25 und Teil 3 mit 0,4. Der Apparat funktioniert genau dann nicht mehr, wenn mindestens einer dieser Teile ausfällt. Welches ist die W keit, dass der Apparat funktioniert? 13. Bei einem biologischen Experiment tritt eine bestimmte Erscheinung mit einer W keit von 20% auf. Wie oft ist das Experiment durchzuführen, damit man mit einer W keit von 95% erwarten kann, die genannte Erscheinung wenigstens einmal beobachten zu können? 14. Aus einer Urne mit zwei schwarzen und vier weissen Kugeln werden sechs Kugeln mit Zurücklegen gezogen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, vier weisse und zwei schwarze Kugeln zu erhalten? 5
6 15. Urs verkehrt mit einem Briefmarkenhändler und glaubt, für jede Marke in einer Sendung betrage die Wahrscheinlichkeit etwa 5 %, dass sie beschädigt wird. Er bestellt 100 Briefmarken, die er aufgrund einer Preisliste auswählt. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass darunter a) höchstens eine beschädigte Marke ist, b) höchstens fünf beschädigte Marken sind, c) mindestens fünf beschädigte Marken sind? 16. Die Wahrscheinlichkeit für das Versagen eines Gerätes bei einem Versuch betrage 0,2. Wie viele solcher Geräte sind zu untersuchen, um mit der Wahrscheinlichkeit 0,9 mindestens einen Versager zu erhalten? 17. Jedes Mitglied eines Komitees, das aus neun Personen besteht, kommt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 %. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine 2/3-Mehrheit anwesend ist? Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass in einer Familie mit 8 Kindern, die Anzahl der Mädchen gleich der Anzahl ist, die man vermutet? 18. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Ehe innerhalb 20 Jahren geschieden wird, betrage 60 %. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass von sechs eben erst getrauten Paaren a) keines b) alle c) genau zwei d) mindestens zwei innerhalb der nächsten 20 Jahren geschieden werden? 19. Wie oft muss man mindestens aus einem gut gemischten Kartenspiel eine Karte mit Zurücklegen ziehen, damit man mit mindestens 95 % Wahrscheinlichkeit mindestens ein As zieht? 20. Neun von zehn Ungeborenen bevorzugen im Mutterleib den rechten Daumen zum Lutschen. Forscher fanden heraus, dass alle Kinder, die rechts genuckelt haben, im Alter von 10 bis 12 Jahren Rechtshänder waren. Zwei Drittel der Kinder, die im Mutterleib am linken Daumen gelutscht hatten, waren Linkshänder. a) Wie viel Prozent der Kinder sind Linkshänder, wie viel Prozent Rechtshänder? b) Mit welcher Wahrscheinlichkeit hat ein Rechtshänder vor der Geburt am linken Daumen genuckelt? 21. In Yellow Citiy sind 35 % aller Autos gelb. Jemand stellt sich an den Strassenrand irgendeiner Strasse und beobachtet 12 vorbeifahrende Autos. Mit welcher Wahrscheinlichkeit a)sind genau drei Autos gelb? b) Ist kein Auto gelb? c) Ist mindestens ein Auto gelb? d) Sind höchstens zwei Autos gelb? 6
7 Kantonsschule Solothurn RYS 22. Aus der Urne [A, N, A, N, A, S] werden vier Buchstaben ohne Zurücklegen zufällig gezogen. Wie gross ist die W keit, das Wort ANNA zu erhalten? 23. Ein Würfel wird zweimal geworfen. Es seien X bzw. Y die Augenzahlen beim 1. bzw. 2. Wurf. Berechne folgende W keiten: a) P(X = 2) b) P(Y < 4) c) P(XY 18) d) P(X < 3) oder P(Y > 2) e) P(Y > X) 24. Stan und Oliver schliessen gleichzeitig auf dasselbe Ziel. Die Trefferwahrscheinlichkeiten sind 80% bzw. 70%. Wie gross ist die W keit, dass das Ziel mindestens einmal getroffen wird? 25. Die W keit, dass eine Ölbohrung fündig wird, betrage 10%. a) Mit welcher W keit haben 10 Bohrungen mindestens einen Erfolg? b) Wie viele Bohrungen müssen mindestens durchgeführt werden, damit die W keit für mindestens einen Erfolg grösser als 70 % wird? 26. Wie gross ist die W keit, dass von sieben Personen mindestens zwei am gleichen Wochentag Geburtstag haben? 27. Abel und Kain haben je zwei Kugeln. Sie schiessen abwechselnd auf eine Glasflasche. Abel beginnt. Ihre Trefferw keiten sind 1/3 bzw. ¼. Wie gross ist die W keit, dass Abel die Flasche zerstört? 28. A, B, C und D jassen zu viert. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler A a) neun Karten der gleichen Farbe, b) alle vier Asse, 29. Wer in Zelophanien zum Tode verurteilt wird, erhält eine letzte Chance. Mit verbundenen Augen darf er eine von drei Urnen auswählen und aus der gewählten Urne eine Kugel ziehen. Urne I : 5 weisse, 1 schwarze Urne II: 4 weisse, 2 schwarze Urne III: 3 weisse, 3 schwarze a) Eine weisse Kugel rettet sein Leben. Wie gross ist seine Überlebenschance? b) Der Verurteilte erhält die Erlaubnis, vorher mit offenen Augen die Kugeln zwischen den Urnen anders zu verteilten. Ermittle die Überlebenschance bei optimaler Verteilung. (Hinweis: Anzahl Kugeln ist nicht vorgegeben) 30. Wilhelm Tell soll der Überlieferung nach ein sehr guter Schütze gewesen sein. Nehmen wir einmal an, dass das nicht ganz stimmt und er (nur) mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 80% den Apfel getroffen hätte. (a) Tell übt seine Schiesskünste jeden Tag. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bei 4 Schüssen i....genau viermal trifft? ii....mindestens einmal nicht trifft? iii....genau einmal nicht trifft? (b) Wie oft muss Tell schiessen, damit die Wahrscheinlichkeit dass er das Ziel immer verfehlt kleiner als 1 Promille ist? (c) Die Sage berichtet, dass Tell beim Apfelschuss einen zweiten Pfeil bei sich gehabt hat, den er, hätte er mit dem ersten seinen Sohn getroffen, auf Gessler abgeschossen hätte. Mit welcher Wahrscheinlichkeit war Gessler in Gefahr? (Es kann angenommen werden, dass bei verfehlen des Apfels der Pfeil Walterli trifft) 7
8 Lösungen 1 p = , p 2 = , p 3 = %, 64,07 %, % 3 25 %, 65 %, 40 % 4 0.1, 0.9, 0.9, 0.12, a) 4.9 % b) 0.08 % c) 7.37 % d) % e)18.95 % f) 3.16 % 6 a) % b) 75 % c) % d) % 7 a) 0.25 b) 1.56 % c) % 10 a) 0.59 % b) 4.7 % c) % % % mal % 15 a) 3.7 % b) 61.6 % c) 38.4 % mal % 18 a) 0.4 % b) 4.6 % c) % d) 95.9 % mal 20 a) 6.67 %, % b) 3.3 % 21 a) % b) 0.57 % c) % d) % % 23. a) 16.67% b) 50% c) 27.78% d) % e) 41.67% a) % b) % a) b) 0.21 % 29. a) % b) 87.5 % 30. a) , , b) 5 c)
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