4 Elementare Vektorraumtheorie

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Satz 7. A sei eine Teilmenge des nichttrivialen Vektorraums (V,+, ). Dann sind die folgende Aussagen äquivalent.

Transkript:

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 51 4 Elementare Vektorraumtheorie Im folgenden sei K stets ein Körper. Definition. (i) Eine homogene Gleichung in den Unbekannten ξ 1,..., ξ n ist ein Ausdruck der Gestalt (1) α 1 ξ 1 + + α n ξ n = 0. (α i K) (ii) Ein homogenes Gleichungssystem von m Gleichungen in den Unbekannten ξ 1,..., ξ n besteht aus m homogenen Gleichungen (2) α 11 ξ 1 + + α 1n ξ n = 0 α 21 ξ 1 + + α 2n ξ n = 0.. α m1 ξ 1 + + α mn ξ n = 0. (α ij K; 1 i m, 1 j n) (iii) Eine Lösung von (2) ist ein Vektor x = (x 1,..., x n ) K n mit α 11 x 1 + + α 1n x n = 0 α 21 x 1 + + α 2n x n = 0.. α m1 x 1 + + α mn x n = 0. Bemerkung. Es gibt stets die triviale Lösung 0 = (0,..., 0). Definition. Die Menge L := {x K n ; x ist Lösung von (2)} heißt der Lösungsraum des Gleichungssystems (2). Lemma 4.1 L K n ist Unterraum. Beweis. (U0): L, da 0 L. (U1): Damit x, y L. Dann gilt: 0 = α ij x j = 0 (i = 1,..., m) j=1 α ij y j = 0 (i = 1,..., m). j=1 α ij x j + j=1 α ij y j = j=1 α ij (x j + y j ) j=1 (i = 1,..., m),

52 also gilt (x + y) L. (U2): x L α ij x j = 0 α( α ij x j = 0) j=1 j=1 α ij (αx j ) = 0 αx L. j=1 Lemma 4.2 (Fundamentallemma) Es sei m < n. Dann besitzt jedes homogene lineare Gleichungssystem von m Gleichungen in n Unbekannten eine nichttriviale Lösung. Beweis. Wir betrachten α 11 ξ 1 + + α 1n ξ n = 0.. α m1 ξ 1 + + α mn ξ n = 0. 1. Schritt: Sind alle α ij = 0, so ist jedes x K n Lösung, und man ist fertig. Es sei also ein α ij 0. Nach Umnumerieren der Gleichungen bzw. Unbekannten kann man annehmen, daß α 11 0 ist. 2. Schritt: Man kann annehmen, daß m = n 1 ist. (Gilt die Aussage für m = n 1, so auch für m < n 1.) 3. Schritt: Wir können α 21 = = α n 1,1 = 0 annehmen. Dazu betrachten wir α 11 ξ 1 + α 12 ξ 2 + + α 1n ξ n = 0 (mit α 11 0) α 21 ξ 1 + α 22 ξ 2 + + α 2n ξ n = 0.. α n 1,1 ξ 1 + α n 1,2 ξ 2 + + α n 1,n ξ n = 0. Dieses Gleichungssystem hat dieselbe Lösungsmenge wie α 11 ξ 1 + α 12 ξ 2 + + α 1n ξ n = 0 α 21 α 21 α (α 21 α 11 ) ξ 1 + (α 22 α 12 )ξ 2 + + (α 2n α 21 1n α α }{{ 11 α 11 )ξ n = 0 } 11 =0.. α n 1,1 ξ 1 + + α n 1,n ξ n = 0.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 53 Analog verfährt man mit den anderen Gleichungen. Dies führt auf ein homogenes Gleichungssystem der Form: α 11 ξ 1 + α 12 ξ 2 + + α 1n ξ n = 0 α 22ξ 2 + + α 2nξ n = 0 ( ).. α n 1,2ξ 2 + + α n 1,nξ n = 0. Die letzten n 2 Gleichungen sind Gleichungen in den n 1 Unbekannten ξ 2,..., ξ n. 4. Schritt: Wir beweisen nun die Lösbarkeit mittels vollständiger Induktion nach n. Für n = 2 ist die Aussage klar, wir haben die nicht-triviale Lösung ( α 12, α 11 ). Induktionsschritt: Es genügt ein Gleichungssystem der obigen Gestalt anzusehen. Nach Induktionsvoraussetzung besitzt das aus (n 2) Gleichungen bestehende System ( ) eine Lösung (x 2,..., x n ) 0. Wir setzen Dann ist x 1 := 1 α 11 (α 12 x 2 + + α 1n x n ). α 11 x 1 + + α 1n x n = 0 und 0 (x 1,..., x n ) ist eine nicht-triviale Lösung des ursprünglichen Gleichungssystems. Erzeugung von Unterräumen Es sei V ein K-Vektorraum und v 1,..., v n V seien Vektoren. Definition. Man nennt v = α 1 v 1 + + α n v n (α i K; i = 1,..., n) eine Linearkombination von v 1,..., v n. Die Linearkombination heißt trivial falls α 1 = = α n = 0 ist. Es sei A V eine Teilmenge. Definition. Man nennt Span A := {v V ; v = α 1 v 1 + + α n v n, v i A, α i K} den Spann oder das Erzeugnis von A. Bemerkung. (i) Span A ist ein Unterraum von V. (ii) Span A ist der kleinste Unterraum, der A enthält.

54 (iii) Ist A = {v 1,..., v n }, so schreibt man auch Span A = Span(v 1,..., v n ). Regeln. (i) Span{v} = Kv. (ii) A B Span A Span B. (iii) A = Span A A ist Unterraum von V. (iv) Span(Span A) = Span A. Konvention. Span := {0}. Definition. Eine Teilmenge E V heißt Erzeugendensystem von V, falls V = Span E ist. Bemerkung. Jeder Vektorraum V besitzt ein Erzeugendensystem, etwa E = V. Definition. Ein Vektorraum V heißt endlich erzeugt, falls es eine endliche Menge E V mit V = Span E gibt. Beispiele. (1) V = K n. Dann ist da für x = (x 1,..., x n ) V gilt i-te Stelle V = Span(e 1,..., e n ) mit e i = (0,..., 1, 0,..., 0), x = x 1 e 1 + + x n e n. (2) Der Raum V = R[x] der Polymone in einer Variablen ist nicht endlich erzeugt, da es Polynome von beliebig hohem Grad gibt. Lineare Abhängigkeit/Unabhängigkeit Definition. Die Vektoren v 1,..., v n V heißen linear abhängig, falls es α 1,..., α n K gibt, so daß nicht alle α i = 0 sind und α 1 v 1 + + α n v n = 0. Ansonsten heißen v 1,..., v n linear unabhängig. Bemerkung. (i) Linear unabhängig bedeutet also: α 1 v 1 + + α n v n = 0 α 1 = = α n = 0.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 55 (ii) Ein Vektor v 1 ist linear abhängig genau dann wenn v 1 = 0. (iii) Zwei Vektoren v 1, v 2 sind linear abhängig, genau wenn es (α 1, α 2 ) (0, 0) gibt mit: α 1 v 1 + α 2 v 2 = 0. Ist α 1 0, so folgt v 1 = α 2 α 1 v 2. Ist α 1 = 0, so ist α 2 0 und damit v 2 = 0. Definition. Eine Teilmenge A V heißt linear unabhängig, falls je endlich viele Vektoren v 1,..., v n A linear unabhängig sind. Beispiele. (i) Im K n sind e 1,..., e n linear unabhängig. (ii) Im R 3 sind je vier Vektoren der Form v = (α, β, γ), e 1, e 2, e 3 linear abhängig, da 1v αe 1 βe 2 γe 3 = 0. (iii) In Abb(R, R) ist die Menge der Monome A = {1, x, x 2,..., x n,... } linear unabhängig. Lemma 4.3 (Abhängigkeitslemma) Es seien v 1,..., v n V linear unabhängig. Sind x, v 1,..., v n linear abhängig, so ist x eine Linearkombination von v 1,..., v n. Beweis. Da x, v 1,..., v n linear abhängig sind, gibt es eine Linearkombination α 0 x + α 1 v 1 + + α n v n = 0 (nicht alle α i = 0). Wäre α 0 = 0, so hätte man α 1 v 1 + + α n v n = 0, und damit einen Widerspruch zur Annahme, daß v 1,..., v n linear unabhängig sind. Also ist α 0 0, und damit x = α 1 α 0 v 1 α n α 0 v n. Lemma 4.4 (Schrankenlemma) V besitze ein Erzeugendensystem bestehend aus n Elementen. Dann sind je n+1 Vektoren in V linear abhängig. Beweis. (1) V = {0}. Dann ist V = Span und man hat n = 0. Je 1 Element ist linear abhängig, da 0 dies ist.

56 (2) Wir erklären zunächst die Beweismethode am Beispiel n = 1. Dann ist V = Span v. Es seien x, y V. Dann gilt x = αv; y = βv Wir suchen γ, δ K mit (γ, δ) (0, 0), so daß (α, β K). 0 = γx + δy = (γα + δβ)v. Dies ist möglich, da das homogene Gleichungssystem αξ 1 + βξ 2 = 0 nach dem Fundamentallemma nichttriviale Lösungen besitzt. (3) Es sei nun V {0}, und V = Span(v 1,..., v n ). Ferner seien w 1,..., w n+1 V. Dann gibt es Darstellungen w i = α ji v j j=1 (i = 1,..., n + 1; α ji K). Wir suchen Elemente β 1,..., β n+1 K, nicht alle zugleich 0, so daß n+1 β i w i = 0. i=1 Nun ist n+1 n+1 β i w i = β i ( α ji v j ) = i=1 i=1 j=1 Man nun betrachte das Gleichungssystem n+1 ( β i α ji )v j. j=1 i=1 n+1 α ji ξ i = 0 i=1 (j = 1,..., n). Dies hat n + 1 Unbekannte und n Gleichungen, besitzt also nach dem Fundamentallemma eine nichttriviale Lösung (β 1,..., β n+1 ). Diese tut es. Der Begriff der Basis Wie stets sei V ein K-Vektorraum. Definition. Es sei V {0}. Eine (ungeordnete) Basis von V ist eine Teilmenge B V mit den folgenden Eigenschaften: (B1) B ist Erzeugendensystem.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 57 (B2) B ist linear unabhängig, (d. h.je endlich viele Elemente von B sind linear unabhängig). Konvention. ist Basis von V = {0}. Lemma 4.5 B = {v i } i I sei Basis von V {0}. Dann besitzt jedes Element v V eine eindeutige Darstellung v = α i v i (nur endlich viele α i 0). i I Beweis. Die Existenz einer solchen Darstellung folgt sofort aus (B1). Die Eindeutigkeit sieht man wie folgt: Es sei v = α 1 v 1 + + α n v n, v = β 1 w 1 + + β m w m. Nach einer eventuellen Umnumerierung kann man annehmen, daß v 1 = w 1,..., v r = w r ist und daß die anderen Vektoren v r+1,..., v n, w r+1,..., w m paarweise verschieden sind. Aus folgt durch Subtraktion, daß v = α 1 v 1 + + α r v r + α r+1 v r+1 + + α n v n, v = β 1 w 1 + + β r w r + β r+1 w r+1 + + β m w m 0 = (α 1 β 1 )v 1 + + (α r β r )v r + α r+1 v r+1 + + α n v n β r+1 w r+1 β m w m. Da B eine linear unabhängige Menge ist, folgt hieraus α 1 = β 1,..., α r = β r und α i = β i = 0 für i, j r + 1, und damit die gesuchte Eindeutigkeit. Beispiele. (1) Der Raum V = K n hat die Basis e 1 = (1, 0,..., 0),..., e i = (0,..., 1,..., 0),..., e n = (0,..., 0, 1). Man nennt dies die Standardbasis des K n. (2) Der Raum R[x] hat die (unendliche) Basis {1, x, x 2,... }.

58 (3) Wir betrachten den Raum der reellen Folgen, d. h. und darin den Unterraum F := Abb(N, R) F := Abb[N, R] := {a Abb(N, R); a(n) 0 für nur endlich viele n}. Für jedes n N definieren wir { 1 für m = n δ n : N R; δ n (m) = 0 für m n. Dann ist (δ n ) n N eine Basis von F, aber kein Erzeugendensystem von F. Legt man das Zornsche Lemma zu Grunde, so hat jeder Vektorraum, und damit auch F eine Basis. Satz 4.6 (Basissatz für endlich erzeugte Vektorräume) Es sei V {0} ein endlich erzeugter K-Vektorraum. Dann gilt: (i) V besitzt eine endliche Basis. (ii) Je zwei Basen von V haben gleichviele Elemente. (iii) Sind v 1,..., v r V linear unabhängig, dann ist entweder {v 1,..., v r } Basis von V, oder es gibt v r+1,..., v n, so daß {v 1,..., v n } Basis von V ist. Bemerkung. Man nennt die Anzahl der Elemente einer Basis auch die Länge der Basis. Beweis. (iii) Ist {v 1,..., v r } ein Erzeugendensystem, so ist man fertig. Ansonsten ist U = Span(v 1,..., v r ) = V. Es sei v r+1 U, v r+1 V. Dann sind {v 1,..., v r+1 } linear unabhängig, da sonst nach dem Abhängigkeitslemma v r+1 Span(v 1,..., v r ) = U gilt. Damit ist {v 1,..., v r+1 } linear unabhängig. Falls dies eine Basis ist, so ist man fertig. Sonst setze man das Verfahren fort, bis es abbricht, was durch das Schrankenlemma garantiert wird. Man kommt so in endlich vielen Schritten zu einer Basis, die v 1,..., v r enthält. (i) Da V {0} ist, gibt es ein v 0. Dann wende man (iii) auf v 1 = v an. (ii) Es sei B eine Basis bestehend aus n Elementen. Nach dem Schrankenlemma sind je n + 1 Elemente in V linear abhängig. Sei also C eine weitere Basis. Dann ergibt dieses Argument, daß #C n = #B. Durch Vertauschung von C und B erhält man #B #C, also #B = #C.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 59 Satz 4.7 (Basisauswahlsatz von Steinitz) Es sei {v 1,..., v r } ein Erzeugendensystem eines Vektorraums V {0}. Dann gibt es i 1,..., i n {1,..., r}, so daß {v i1,..., v in } eine Basis von V ist. Beweis. Es sei n := max{k; es gibt k linear unabhängige Elemente in {v 1,..., v r }}. Es seien v i1,..., v in linear unabhängige Vektoren. Wir betrachten U := Span(v i1,..., v in ) V. Ist U = V, so ist man fertig. Ansonsten gibt es v k mit v k U. Dann sind (v i1,..., v in, v k ) linear unabhängig (Abhängigkeitslemma). Dies ist ein Widerspruch zur Wahl von n. Der Dimensionsbegriff Es sei V ein K-Vektorraum. Definition. N(V ) := {m N {0}; Je m + 1 Elemente in V sind linear abhängig.} Bemerkung. m N(V ), n m n N(V ). Beispiele. (1) V = K n. Dann ist (2) V = Abb[N, R]. Dann ist N(V ) =. N(V ) = {n, n + 1,... }. (3) V = Abb(N, R). Auch hier ist N(V ) =. Abb. 31: Die Menge N(V ) Definition. Man nennt V endlich-dimensional, falls N(V ) ist. Dann heißt dim V := Min N(V ) die Dimension von V. Ansonsten heißt V unendlich-dimensional und man setzt dim V =.

60 Bemerkung. dim V = 0 V = {0}. Beispiele. (1) dim K n = n. (2) dim Abb[N, R] = ; dim Abb(N, R) =. (3) dim R[x] =. Satz 4.8 (Äquivalenzsatz) Es sind äquivalent: (i) V ist endlich-dimensional. (ii) V ist endlich erzeugt. Beweis. (ii) (i): Man kann V {0} annehmen. V ist endlich erzeugt, etwa V = Span(v 1,..., v n ). Nach dem Schrankenlemma ist dann n N(V ). Also ist N(V ) und damit ist V endlich-dimensional. (i) (ii) Es sei 0 < n = dim V = Min N(V ) <. Also gibt es Elemente v 1,..., v n, die linear unabhängig sind. Für alle x V sind x, v 1,..., v n linear abhängig (nach Definition von n). Also gilt nach dem Abhängigkeitslemma Damit ist x Span(v 1,..., v n ). V = Span(v 1,..., v n ) d. h.v ist endlich erzeugt. Korollar 4.9 Es sei V ein endlich erzeugter Vektorraum und U V ein Unterraum. Dann gilt (i) U ist endlich erzeugt und dim U dim V. (ii) dim U = dim V gilt genau dann wenn U = V. Beweis. (i) Es sei U V. Dann gilt N(V ) N(U), also ist N(U), d. h.u ist endlich-dimensional und nach dem Äquivalenzsatz auch endlich erzeugt. Aus N(V ) N(U) folgt Min N(V ) Min N(U) und damit dim V dim U.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 61 (ii) Es sei n = dim U = dim V. Wie beim Äquivalenzsatz zeigt man, daß es linear unabhängige Vektoren u 1,..., u n gibt mit U = Span(u 1,..., u n ). Sei x V. Dann sind x, u 1,..., u n linear abhängig. Nach dem Abhängigkeitslemma folgt x Span(u 1,..., u n ), d. h. V = U. Satz 4.10 (Basis-Kriterium) Es sei V {0}, n = dim V <. Dann implizieren je zwei der folgenden Aussagen, daß {v 1,..., v m } eine Basis ist. (i) m = n. (ii) (iii) v 1,..., v m sind linear unabhängig. {v 1,..., v m } ist Erzeugendensystem. Beweis. (ii) und (iii): Dies ist die Definition einer Basis. (i) und (ii): Es sei x V. Dann sind wegen n = m = dim V die Vektoren x, v 1,..., v m linear abhängig. Aus dem Abhängigkeitslemma folgt x Span(v 1,..., v m ) und damit V = Span(v 1,..., v m ). (i) und (iii): Wären v 1,..., v m linear abhängig, könnte man ein v i aus den anderen linear kombinieren, etwa v 1. Also wäre V = Span(v 2,..., v n ). Nach dem Schrankenlemma wäre dann n 1 N(V ). Dies ist ein Widerspruch zu n = dim V = Min N(V ). Satz 4.11 (Dimensionssatz) Es sei V ein K-Vektorraum. Dann tritt genau einer der folgenden Fälle ein: (i) dim V = 0 und V = {0}. (ii) 0 < dim V = n <. Dann gilt: (1) Es gibt eine Basis mit n Elementen und jede Basis hat n Elemente. (2) Je n + 1 Vektoren sind linear abhängig. (iii) dim V =. Zu jeder Zahl n N gibt es n linear unabhängige Vektoren. Beweis. Klar aus dem bisherigen. Beispiele. (1) dim R C = 2. Eine R-Basis von C über R wird gegeben durch 1, i. (2) dim Q R =. Um eine unendliche linear unabhängige Menge zu finden, betrachten wir die Menge der Primzahlen P = {p N; p ist ein Primzahl}.

62 Zunächst ist P eine unendliche Menge. Gäbe es nämlich nur endlich viele Primzahlen p 1,..., p k, so betrachte man p = p 1 p k + 1. Offensichtlich ist p p i für alle p 1,..., p k. Wir behaupten, daß p, im Gegensatz zur Annahme, wieder eine Primzahl ist. Ansonsten gäbe es eine Zahl p i, die p teilt. Aber dann gilt k 1 = p p 1 p k = p i p p 1 p k = p i (p p j ). Das heißt, daß p i ein Teiler von 1 wäre, ein Widerspruch. Wir behaupten nun, daß {log p; p P} eine linear unabhängige Menge ist. Falls dies nicht der Fall ist, gibt es verschiedene Primzahlen p 1,..., p n und rationale Zahlen α i = k i m i 0 mit Durch Potenzieren erhalten wir α 1 log p 1 + + α n log p n = 0. p α 1 1 p αn n = 1. Wir können nun annehmen, daß k 1,..., k r > 0 und k r+1,..., k n < 0, sowie alle m i > 0 sind. Dann haben wir die Gleichung j=1 j i k 1 m p 1 1 p kr mr r k r+1 m = p r+1 r+1 p kn mn n. Man erhält einen Widerspruch zur eindeutigen Zerlegbarkeit einer natürlichen Zahl in Primfaktoren, wenn man diese Gleichung mit dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen N von m 1,..., m n potenziert. Alternativ kann man damit argumentieren, daß Q abzählbar ist, R aber nicht. Bisher haben wir die Existenz von Basen für endlich erzeugte Vektorräume gezeigt. Allgemeiner gilt: Satz 4.12 Es sei V ein Vektorraum und {v i } i I eine Familie von linear unabhängigen Vektoren. Dann gibt es eine Familie {v j } j J mit I J, so daß {v j } j J eine Basis von V ist. Beweis. Hierzu benötigt man das Zornsche Lemma, oder das dazu äquivalente Auswahlaxiom der Mengenlehre. Hier verzichten wir auf die Details. Korollar 4.13 Jeder Vektorraum besitzt eine Basis.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 63 Homomorphismen von Vektorräumen V, V seien Vektorräume über demselben Grundkörper K. Definition. Eine Abbildung : V V heißt ein Homomorphismus (Vektorraumhomomorphismus, lineare Abbildung, lineare Transformation, linearer Operator), falls gilt (H1) (H2) f(x + y) = f(x) + f(y) (x, y V ) f(αx) = αf(x) (x V, α K). Lemma 4.14 f : V V sei ein Homomorphismus. Dann gilt (i) f(α 1 x 1 + + α n x n ) = α 1 f(x 1 ) + + α n f(x n ). (ii) f(0) = 0, f( x) = f(x). (iii) Sind f : V V und g : V V Homomorphismen, so ist auch g f : V V ein Homomorphismus. (iv) Ist f bijektiv, so ist auch f 1 : V V ein Homomorphismus. Beweis. (i) Sofort durch vollständige Induktion. (ii) f : V V ist ein Homomorphismus von abelschen Gruppen. Hierfür hatten wir die Aussagen bereits gesehen (Lemma (2.6)). (iii) Die Eigenschaft (H1) zeigt man wie bei Gruppenhomomorphismen. Die Eigenschaft (H2) folgt aus: (f g)(αx) = f(g(αx)) = f(α(g(x))) = α(f(g(x))) = α((f g)(x)). (iv) Wir hatten bereits in Lemma (2.5) gesehen, daß f 1 : V V ein Homomorphismus abelscher Gruppen ist. Um (H2) für f 1 zu zeigen, betrachten wir die Gleichung Da f bijektiv ist, folgt hieraus f(αf 1 (x)) (H2) = αf(f 1 (x)) = αx. αf 1 (x) = f 1 (αx). Definition. Ein Homomorphismus f : V V heißt ein (i) Monomorphismus, falls f injektiv ist, (ii) Epimorphismus, falls f surjektiv ist, (iii) Isomorphismus, falls es einen Homomorphismus g : V V mit g f = id V und f g = id V gibt,

64 (iv) (v) Endomorphismus, falls V = V ist, Automorphismus, falls f ein Isomorphismus und V = V ist. Wie bereits früher bei Gruppenhomomorphismen gilt auch hier: Lemma 4.15 Ein Homomorphismus f : V V ist genau dann ein Isomorphismus, wenn f bijektiv ist. Beweis. Sofort aus Lemma (4.14) (iv). Definition. Zwei Vektorräume V und V heißen isomorph (V = V ) falls es einen Isomorphismus f : V V gibt. Bemerkung. Es gilt: (1) V = V (2) V = V V = V (3) V = V, V = V V = V. Das heißt, daß der Begriff Isomorphismus eine Äquivalenzrelation auf der Menge aller Vektorräume definiert. Meist identifiziert man isomorphe Vektorräume. Beispiele. (1) Die Abbildung f : R 3 R 3 f(x 1, x 2, x 3 ) = (x 1 + x 2 + x 3, x 2 + x 3, x 3 ) ist ein Automorphismus mit Umkehrabbildung (2) Die Abbildung ist kein Homomorphismus. (3) Die Abbildung ist ein Isomorphismus. f 1 (y 1, y 2, y 3 ) = (y 1 y 2, y 2 y 3, y 3 ). g : R 2 R 3 (x 1, x 2 ) (x 1 + x 2, 7x 2, x 2 1) ϕ : K n n K (x 1,..., x n ) x 1. Satz 4.16 V, V seien Vektorräume über K. Es sei v 1,..., v n eine Basis von V, sowie v 1,..., v n V. Dann gibt es genau einen Homomorphismus f : V V mit f(v i ) = v i, i = 1,..., n. x n

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 65 Beweis. Existenz: Es sei x V. Dann besitzt x nach Lemma (4.5) eine eindeutige Darstellung: x = α 1 v 1 + + α n v n. (α i K) Wir setzen f(x) := α 1 v 1 + + α n v n. Nach Konstruktion ist f(v i ) = v i. f ist ein Homomorphismus; denn für x = α 1 v 1 + + α n v n, y = β 1 v 1 + + β n v n gilt: f(x + y) = (α 1 + β 1 )v 1 + + (α n + β n )v n = (α 1 v 1 + + α n v n) + (β 1 v 1 + + β n v n) = f(x) + f(y). Die Eigenschaft (H2) weist man analog nach. Eindeutigkeit: Es sei g : V V ein weiterer Homomorphismus mit g(v i ) = v i. Dann gilt g(x) = g(α 1 v 1 + + α n v n ) (H1),(H2) = α 1 g(v 1 ) + + α n g(v n ) = α 1 v 1 + + α n v n = f(x). Kern und Bild Es sei f : V V ein Homomorphismus von Vektorräumen. Definition. (i) Für U V setzt man f(u) := {f(u); u U}. (ii) Das Bild von f ist Im f := f(v ) = {f(v); v V }. (iii) Der Kern von f ist Lemma 4.17 (i) Ker f V ist ein Unterraum von V. Ker f := {v V ; f(v) = 0} = f 1 {0}.

66 (ii) Im f V ist ein Unterraum von V. (iii) f ist injektiv Ker f = {0}. (iv) f(span(v 1,..., v n )) = Span(f(v 1 ),..., f(v n )). (v) Ist E ein Erzeugendensystem von V, so ist f(e) ein Erzeugendensystem von Im f. (vi) Sind v 1,..., v n V linear abhängig, so auch f(v 1 ),..., f(v n ). (vii) Sind f(v 1 ),..., f(v n ) linear unabhängig, so auch v 1,..., v n. (viii) Ist V endlich erzeugt, so ist auch f(v ) endlich erzeugt, und es gilt dim Im f dim V. Beweis. Die Beweise von (i) (iii) verlaufen analog denen bei Gruppenhomomorphismen. (v) Es sei E = {v i } i I. Betrachte y Im f. Dann gibt es ein x V mit f(x) = y. Man hat eine endliche Teilmenge J I mit x = α j v j. j J Also gilt y = f(x) = j J α j f(v j ). Daher ist f(e) Erzeugendensystem von Im f. (iv) (vi) (vii) Dies folgt unmittelbar aus dem obigen. n i=1 α iv i = 0 n i=1 α if(v i ) = 0. Dies ist die logische Umkehrung von (vi). (viii) Da V endlich erzeugt ist, gilt nach dem Äquivalenzsatz (4.8), daß dim V =: n <. Es sei v 1,..., v n eine Basis von V. Dann ist nach (v) die Menge f(v 1 ),..., f(v n ) ein Erzeugendensystem von f(v ). Wiederum nach dem Äquivalenzsatz ist V endlichdimensional und nach dem Schrankenlemma (4.4) gilt dim f(v ) n = dim V. Beispiele. (1) Der Homomorphismus hat folgenden Kern und folgendes Bild: f : R 3 R 3 (x 1, x 2, x 3 ) (x 1 x 2, x 1 x 3, 0) Ker f = R(1, 1, 1) = Span(e 1 + e 2 + e 3 ). Im f = {(y 1, y 2, y 3 ); y 3 = 0} = Span(e 1, e 2 ). Es ist also dim Ker f = 1, dim Im f = 2.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 67 (2) Wir betrachten den Raum der konvergenten Folgen F konv = {(a n ) n N ; (a n ) ist eine konvergente Folge}. Dies ist ein Unterraum des Raums aller Folgen. Die Abbildung ist ein Vektorraumhomomorphismus mit f : F konv R (a n ) n N lim a n Ker f = {(a n ) n N ; (a n ) ist Nullfolge}. Dimensionssatz für Homomorphismen Satz 4.18 Zwei endlich-dimensionale Vektorräume V, V sind genau dann isomorph, wenn dim V = dim V. Beweis. (i) f : V V sei ein Isomorphismus. Dann ist f(v ) = V und nach Lemma (4.17) (viii) ist dim V = dim Im f dim V. Das analoge Argument gilt für f 1 : V V. Dies ergibt also dim V = dim V. dim V dim V, (ii) Sei dim V = dim V = n. Ferner sei v 1,..., v n eine Basis von V und v 1,..., v n eine Basis von V. Dann gibt es genau einen Homomorphismus f : V V mit f(v i ) = v i (i = 1,..., n). Nach Lemma (4.17) (iv) ist f surjektiv. f ist auch injektiv. Es sei nämlich 0 = f(x) = f( α i v i ) = i=1 α i f(v i ) = i=1 α i v i. i=1 Da die v i linear unabhängig sind, folgt α 1 = = α n = 0, d. h.x = 0. Also ist Ker f = {0} und damit ist f injektiv nach Lemma (4.17) (iii). Bemerkung. Es gibt Vektorräume V, V mit dim V = dim V =, aber V = V. Beispielsweise gilt Abb[N, Q] = Abb(N, Q). Der Grund hierfür ist, daß Abb[N, Q] abzählbar ist, aber Abb(N, Q) überabzählbar ist.

68 Korollar 4.19 Ist 0 < dim V = n <, so ist V = K n. Satz 4.20 f : V V sei ein Homomorphismus. Dann gilt: dim Ker f + dim Im f = dim V. Beweis. 1. Schritt: Wir können annehmen, daß dim Ker f <, dim Im f <. Ansonsten gilt dim Ker f = dim Im f = Ker f V dim V = (4.17)(viii) dim V =. In diesen Fällen gilt die Aussage des Satzes offensichtlich. 2. Schritt: Wir betrachten v 1,..., v n, w 1,..., w m V mit: (1) (2) v 1,..., v n Ker f ist Basis von Ker f f(w 1 ),..., f(w m ) Im f ist Basis von Im f. Dies schließt auch die Fälle Kerf = {0} oder Imf = {0} ein. In diesen Fällen ist {v 1,..., v n } oder {w 1...., w m } die leere Menge. Behauptung: v 1,..., v n, w 1,..., w m ist eine Basis von V. Daraus folgt die vorherige Behauptung, denn dann gilt Lineare Unabhängigkeit: Es sei Anwenden von f ergibt: dim Ker f + dim Im f = n + m = dim V. α 1 v 1 + + α n v n + β 1 w 1 + + β m w m = 0. β 1 f(w 1 ) + + β m f(w m ) = 0 (2) β 1 = = β m = 0. Also ist α 1 v 1 + + α n v n = 0 (1) α 1 = = α n = 0. Erzeugendensystem: Es sei x V. Also ist f(x) Im f, d. h. f(x) = β 1 f(w 1 ) + + β m f(w m ) x β 1 w 1 β m w m Ker f x β 1 w 1 β m w m = α 1 v 1 + α n v n x = α 1 v 1 + + α n v 1 + β 1 w 1 + + β m w m.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 69 Korollar 4.21 Es sei dim V = dim V <. Dann sind für einen Homomorphismus f : V V äquivalent: (i) f ist injektiv. (ii) (iii) f ist surjektiv. f ist bijektiv (d. h.ein Isomorphismus). Beweis. (i) (ii) Die Dimensionsformel ergibt Daraus folgt Im f = V nach Korollar (4.9). dim Im f = dim V = dim V. (ii) (iii) Im f = V. Also ist dim Im f = dim V = dim V. Nach der Dimensionsformel folgt dim Ker f = 0, d. h.ker f = {0}, und damit ist f injektiv. (iii) (i) Trivial. Bemerkung. Der Satz ist falsch in unendlicher Dimension: d (1) : R[x] R[x], f f ist surjektiv, aber nicht injektiv. dx x (2) : R[x] R[x], f f(t) dt ist injektiv, aber nicht surjektiv. 0 Definition. Für einen Homomorphismus f : V V heißt der Rang von f. Wir halten nochmals fest: Rang f := dim Im f dim Ker f + Rang f = dim V Direkte Summen und Komplemente V sei ein Vektorraum über K und U 1,..., U s seien Unterräume von V. Wir erweitern unsere früher gemachte Definition der Summe zweier Unterräume wie folgt: Definition. Man nennt die Summe von U 1,..., U s. Bemerkung. Es gilt U := U 1 + + U s = {u 1 + + u s ; u i U i ; i = 1,..., s} U 1 + + U s = Span(U 1 U s ). Insbesondere ist U 1 + + U s ein Unterraum von V. Schreibweise. s i=1 U i.

70 Satz 4.22 U 1,..., U s seien Unterräume von V und U = s i=1 U i. Dann sind äquivalent: (i) u 1 + + u s = 0 für u i U i u 1 = = u s = 0. (ii) Jedes Element u U besitzt eine eindeutige Darstellung u = u 1 + + u s mit u i U i. (iii) Für W i := s j=1,j i U i gilt U i W i = {0}. Definition. In diesem Fall nennt man U die direkte Summe von U 1,..., U s. Schreibweise. U = U 1 U s = s i=1 U i. Beweis. (i) (ii) Es sei u = u 1 + + u s u = u 1 + + u s (u i, u i U i ). Dann folgt Aus (i) folgt dann 0 = (u 1 u 1) + + (u s u s). (u i u i U i ) u 1 = u 1,..., u s = u s. (ii) (iii) Es sei W i U i {0}. Also gibt es 0 u i U i mit Dies ist ein Widerspruch zu (ii). u i = u 1 + + u i 1 + u i+1 + + u s. (u i U i ) (iii) (i) Es sei u 1 + + u s = 0 (u i U i ). Also folgt u i = (u 1 + + u i 1 + u i+1 + + u s ) d. h. u i U i W i. Daher folgt u i = 0 für i = 1,..., s. Korollar 4.23 dim(u 1 U s ) = dim U 1 + + dim U s. Beweis. Es genügt, dies für dim U i < zu zeigen, sonst stünde auf beiden Seiten. Es genügt ferner die Aussage für s = 2 zu zeigen. Die Aussage für allgemeines s folgt dann durch Induktion, da U 1 U s = U 1 (U 2 U s ). Sei also u 1,..., u n eine Basis von U 1, sowie v 1,..., v m eine Basis von U 2. Wir werden zeigen, daß u 1,..., u n, v 1,..., v m eine Basis von U 1 U 2 ist. Hieraus folgt die Behauptung, da dann dim(u 1 U 2 ) = n + m = dim U 1 + dim U 2.

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 71 Offensichtlich erzeugen u 1,..., u n, v 1,..., v m den Raum U 1 U 2. Diese Vektoren sind auch linear unabhängig. Es sei nämlich Nach Satz (4.22) (i) folgt daraus (α 1 u 1 + + α n u n ) + (β }{{} 1 v 1 + + β m v m ) = 0. }{{} U 1 U 2 α 1 u 1 + + α n u n = 0 β 1 v 1 + + β m v m = 0 Da u 1,..., u n und v 1,..., v m linear unabhängig sind, folgt α 1 = = α n = β 1 = = β m = 0. Beispiel. Es sei V = R 3. Ist U 1 = Span(e 1, e 3 ), U 2 = Span(e 2 ), so ist V = U 1 U 2. Ist dagegen U 3 = Span(e 2, e 3 ), so ist zwar V = U 1 + U 3, die Summe ist aber nicht direkt, da U 1 U 3 = Span(e 3 ). Definition. U V sei ein Unterraum. Ein Unterraum W heißt Komplement von U in V, falls U W = V. Bemerkung. Zu einem Unterraum U ist das Komplement W nicht eindeutig bestimmt. Definition. Ist V endlich-dimensional, so heißt die Kodimension von U in V. co dim U := dim V dim U Bemerkung. Ist W ein Komplement von U in V, so gilt co dim U = dim W. Satz 4.24 Jeder Unterraum U besitzt ein Komplement in V. Beweis. Es sei {u i } i I eine Basis von U. Dann gibt es nach Satz (4.6), bzw. Satz (4.12) eine Indexmenge J I, sowie eine Familie {u i } i J, die eine Basis von V ist. Es sei W := Span{u j ; j J \ I}. Dann ist offensichtlich U + W = V. Diese Summe ist sogar direkt, d. h.es gilt V = U W. Es sei nämlich u U W. Dann ist u = α i1 u i1 + + α in u in {i 1,..., i n } I, u = β j1 u j1 + + β jm u jm {j 1,..., j m } J \ I

72 also erhält man durch Subtraktion α i1 u i1 + + α in u in β j1 u j1 β jm u jm = 0. Aus der linearen Unabhängigkeit folgt, α i1 = = α in = β j1 = = β jm = 0, d. h.u = 0. Also ist die Summe direkt. Satz 4.25 (Dimensionsformel) U 1, U 2 V seien Unterräume von V. Dann gilt dim(u 1 + U 2 ) + dim(u 1 U 2 ) = dim U 1 + dim U 2. Beweis. Ist dim U 1 = oder dim U 2 =, so ist auch dim(u 1 + U 2 ) =. Es sei daher dim U i < für i = 1, 2. Dann gilt auch dim(u 1 +U 2 ) < (verwende den Äquivalenzsatz (4.8)) und dim(u 1 U 2 ) < (Korollar (4.9)). Es sei U := U 1 + U 2 W := U 1 U 2. Nach Satz (4.24) gibt es Komplemente W 1, W 2 von W in U 1 und U 2 ; d. h. (1) (2) U 1 = W W 1 U 2 = W W 2. Behauptung. U = W W 1 W 2. Dann folgt nach Korollar (4.23): dim(u 1 + U 2 ) = dim(u 1 U 2 ) + dim U 1 dim(u 1 U 2 ) + dim U 2 dim(u 1 U 2 ) = dim U 1 + dim U 2 dim(u 1 U 2 ). Beweis der Behauptung. U = W + W 1 + W 2 ist klar. Es bleibt zu zeigen, daß diese Summe direkt ist. Dazu sei Dann gilt Also gilt w + w 1 + w 2 = 0. (w W ; w i W i ; i = 1, 2) w 2 = (w + w 1 ) }{{} U 1 U 1 W 2 U 1 U 2 = W. w 2 W 2 W (2) w 2 = 0. Analog folgt w 1 = 0, und damit auch w = 0. Die Summe ist also direkt. Satz 4.26 V sei ein endlich-dimensionaler Vektorraum, und f : V V sei ein Endomorphismus. Dann sind äquivalent:

4. ELEMENTARE VEKTORRAUMTHEORIE 73 (i) V = Im f Ker f. (ii) Im f Ker f = {0}. Beweis. (i) (ii) Dies ist die Definition von direkter Summe. (ii) (i) Aus der Dimensionsformel (4.25) und aus Satz (4.20) folgt dim(im f + Ker f) = dim Im f + dim Ker f = dim V. Also ist Im f + Ker f = V und nach Voraussetzung ist die Summe auch direkt.