Faktenblatt: MElatonin

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Transkript:

Faktenblatt: MElatonin Mai 2015 Verantwortlich: PD Dr. J. Hübner, Prof. K. Münstedt, Prof. O. Micke, PD Dr. R. Mücke, Prof. F.J. Prott, Prof. J. Büntzel, Prof. V. Hanf, Dr. C. Stoll Methode/Substanz Melatonin ist ein Produkt der Hirnanhangsdrüse (Epiphyse). Melatonin wirkt biochemisch als Antioxidans und Radikalenfänger, hat aber auch das Immunsystem beeinflussende Eigenschaften. In Labor- und Tierexperimenten schützt Melatonin normale Zellen vor der Zellschädigung durch eine Bestrahlung oder Chemotherapie. Melatonin reguliert wichtige physiologische Prozesse wie den Schlaf-Wach- Rhythmus, die Entwicklung in der Pubertät und die Anpassung an die Jahreszeiten. Die Melatoninsynthese wird durch den Hell-Dunkel-Rhythmus reguliert. Melatoninspiegel sind nachts höher als tagsüber. Es gibt circadiane Rhythmen der Melatoninrezeptoren und ihrer Antworten. Melatonin hat starke antioxidative Eigenschaften, es interagiert mit den Membranrezeptoren MT1 und MT2 sowie intrazellulären Proteinen wie der Quinonreduktase2, Calmodulin, Calreticulin und Tubulin. Die Melatoninrezeptoren MT1 und MT2 sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren, die in verschiedenen Arealen des Gehirns vorkommen (suprachiasmatische Kerne, Hippocampus, Kleinhirnrinde, präfrontaler Cortex, Basalganglien, Substancea nigra, die ventrale tegmentale Region, der Nucleus accumbens) sowie bestimmte Zellen in der Retina und in peripheren Organen wie Blutgefäßen, Brustdrüse, Magen-Darm-Trakt, Leber, Niere, Harnblase, Eierstöcke, Hoden, Prostata, Haut und Immunsystem. Melatonin wirkt als direkter Radikalenfänger, indirektes Antioxidanz und hat immunmodulatorische Eigenschaften. In vitro und in vivo schützt Melatonin normale Zellen vor Zellschädigungen durch Radiatio oder Chemotherapie. Melatonin hat Einfluss auf das Zellwachstum und die Zellteilung. Es führt zur Differenzierung von Zellen und kann zumindest im Laborexperiment das Wachstum 1

und Eindringen von Tumorzellen in gesundes Gewebe sowie die Ausbildung von Metastasen verringern. Wirksamkeit in Bezug auf den Verlauf der Tumorerkrankung In einem systematischen Review mit Metaanalyse wurden die Daten zu Melatonin zusammengefasst. 21 klinische Studien zu soliden Tumoren zeigten, dass es zu einer höheren Rate an kompletten partiellen Remissionen und stabilen Verläufen kommt. In Kombinationsstudien Chemotherapie mit Melatonin war die 1-Jahres- Mortalität vermindert. (Seely 2011) Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien ergibt bei einer Dosis von Melatonin von 20 mg täglich oral eine signifikante Verbesserung der kompletten und partiellen Remissionsrate (16,5 versus 32,6 %; RR=1,95, 95%CI 1,49-2,54; P<0,00001), des 1-Jahres-Überlebens (28,4 versus 52,2 %, RR=1,90; 95%CI 1,28-2,83; P=0,001) und vermindert signifikant durch Radiochemotherapie ausgelöste Nebenwirkungen wie Thrombozytopenie, Neurotoxizität und Fatigue. Nebenwirkungen wurden nicht berichtet. (Wang 2012) Eine aktuell publizierte Studie zur Melatoninanwendung parallel zu einer Chemotherapie bei nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom konnte keine Besserung der Überlebensdaten nachweisen (Sookprasert 2014) Wirksamkeit als supportive Therapie Die genannte doppelblind placebokontrollierte Studie konnte bei Patienten mit nicht kleinteiligen Bronchialkarzinom durch die Gabe von 10 oder 20mg Melatonin die Lebensqualität verbessern, jedoch kam es zu keiner Verringerung der Toxizitäten der Chemotherapie (Sookprasert 2014) In einer randomisierten doppelblind plazebokontrollierten Studie erhielten Patienten mit fortgeschrittenem Karzinom, welche eine Kachexie hatten, über 28 Tage täglich 2

20 mg Melatonin oder Plazebo. Die Patienten litten an fortgeschrittenen Lungenoder gastrointestinalen Tumoren. Der Gewichtsverlust betrug mindestens 5%. Gemessen wurden Gewicht, Symptome auf der Edmonton Symptom Assessment Scale und Lebensqualität mittels Functional Assessment of Anorexia/Cachexia Therapy (FAACT). Nach einer Interimsanalyse von 48 Patienten wurde die Studie wegen nicht mehr erreichbarer positiver Endpunkte abgebrochen. Es ergab sich kein signifikanter Unterschied in Bezug auf Appetit, andere Symptome, Gewicht, FAACT- Score, Toxizität oder Überleben. (Del Fabbro 2013) in einer randomisierten doppelblind placebokontrollierte Studie mit Brustkrebspatientinnen wurden täglich 6 mg Melatonin über 3 Monate gegeben. Bei den Patientinnen konnten der Schlaf deutlich verbessert werden. Einen Einfluss auf die kognitiven Dysfunktion zeigte sich nicht (Hansen 2014). Interaktionen Nicht bekannt Unerwünschte Wirkungen Als negative Wirkungen werden Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hypothermie, Juckreiz, abdominelle Krämpfe und Tachycardie beschrieben. (Avary 1998, Brzezinski 1997, Sack 1998, Shamir 2001) In vitro und in vivo konnte durch die Gabe von Melatonin die Entwicklung bzw. das Wachstum von Tumoren stimuliert werden (Bartsch 1981, Kikuchi 1989, Anisimov 2001, Lin 2010) Kontraindikationen Nicht bekannt. Literatur Anisimov VN et al. Melatonin increases both life span and tumor incidence in female CBA mice. J.Gerontol.A Biol.Sci.Med.Sci.2001; 56.7: B311-B323 3

Avery D et al. Guidelines for prescribing melatonin, Ann Med 1998, 30: 122-30 Bartsch H. Bartsch C. Effect of melatonin on experimental tumors under different photoperiods and times of administration. J.Neural Transm 1981; 52.4: 269-79. Brzezinski A, Melaontin in humans, N Engl J Med 1997, 336: 1-95 Del Fabbro E, Dev R, Hui D, Palmer L, Bruera E. Effects of melatonin on appetite and other symptoms in patients with advanced cancer and cachexia: a doubleblind placebo-controlled trial. J Clin Oncol. 2013 Apr 1;31(10):1271-6. Kikuchi Y et al. Inhibition of human ovarian cancer cell proliferation in vitro by neuroendocrine hormones. Gynecol.Oncol. 1989;32.1: 60-64. Lin ZY, Chuang WL. Pharmacologic concentrations of melatonin have diverse influence on differential expressions of angiogenic chemokine genes in different hepatocellular carcinoma cell lines; Biomed.Pharmacother 2010;64.10: 659-62 Sack RL, Lewy AJ, Hughes RJ. Use of melatonin for sleep and circadian rhythm disorders."ann.med 1998;30.1:115-21. Seely D et al. Melatonin as Adjuvant Cancer Care With and Without Chemotherapy: A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Trials. Integr.Cancer Ther 2011) Shamir E et al. Melatonin treatment for tardive dyskinesia; a double blind, placebocontrolled, crossover study, Arch Gen Psychiatry 2001, 58, 1049-52 Wang YM et al. The efficacy and safety of melatonin in concurrent chemotherapy or radiotherapy for solid tumors: a meta-analysis of randomized controlled trials. Cancer Chemother.Pharmacol 2012 Sookprasert A et al. Melatonin in patients with cancer receiving chemotherapy: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Anticancer Res. 2014 Dec;34(12):7327-37. 4

Die Faktenblätter sind nach Kriterien der Evidenzbasierten Medizin erstellt. Angaben beziehen sich auf klinische Daten, in ausgewählten Fällen werden präklinische Daten zur Evaluation von Risiken verwendet. Um die Informationen kurz zu präsentieren, wurde auf eine abgestufte Evidenz zurückgegriffen. Im Falle, dass systematische Reviews vorliegen, sind deren Ergebnisse dargestellt, ggf. ergänzt um Ergebnisse aktueller klinischer Studien. Bei den klinischen Studien wurden bis auf wenige Ausnahmen nur kontrollierte Studien berücksichtigt. Die Recherche erfolgte systematisch in Medline ohne Begrenzung des Publikationsjahres mit einer Einschränkung auf Publikationen in Deutsch und Englisch. 5