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Transkript:

3 Das n-dimensionale Integral Ziel: Wir wollen die Integrationstheorie für f : D R n R entwickeln. Wir wollen den Inhalt (beziehungsweise das Maß ) M einer Punktmenge des R n definieren für eine möglichst große Klasse von Teilmengen M R n. Dabei sollten die folgenden Eigenschaften vorliegen: (1) Positivität: M 0. (2) Bewegungsinvarianz: M = M, wenn M und M kongruent sind (das heißt durch eine abstandserhaltende Transformation wie Verschiebung, Drehung und Spiegelung des R n ineinander überführt werden können). (3) Normierung: W 1 = 1 wobei W 1 = [0, 1] n der Einheitswürfel ist. (4) Additivität: M N = M N = M + N. Kann man jeder Menge M R n einen Inhalt M mit diesen Eigenschaften (1) (4) zuweisen? Diese Frage wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts beantwortet: Nur im R 1 und R 2 gibt es eine Inhaltsfunktion für alle Teilmengen (Banach 1923), hingegen ist dies im R n für n > 2 nicht möglich (Hausdorff 1914). 3.1 Inhaltsmessung von Mengen in R n Wir beginnen mit der Definition von n-dimensionalen (abgeschlossenen) Intervallen (Rechtecke in R 2, Quader in R 3 ). Ein Intervall in R n ist gegeben als I := I 1 I n wobei I i = [a i, b i ] für i = 1,..., n mit a i, b i R, a i b i. Für den Inhalt solcher Intervalle gilt: I := n (b i a i ). i=1 Zerlegungen solcher Intervalle erhält man durch Zerlegung der eindimensionalen Intervalle. I i = I i,1, I i,mi in Teilintervalle I i,j und Bildung des kartesischen Produktes aus entsprechenden Teilintervallen. Die n-dimensionalen Teilintervalle von I haben also die Form I 1,k1 I 2,k2 I n,kn, mit 1 k j m j, 1 j n. Die endliche Vereinigung solcher Intervalle wird Intervallsumme genannt: S = k=1,...,m S ist nicht überlappend, wenn die beteiligten Intervalle paarweise disjunktes Inneres haben, d.h. Ik 0 I0 j = für k j. I k ( )( ) keine Überlappung (eindimensional) Definition 3.1 (Inhalt der Intervallsumme) Die Menge aller Intervallsummen wird mit S bezeichnet. Für Intervallsummen S S mit einer nicht überlappenden Darstellung S = k=1,...,m I k ist der Inhalt gegeben durch S := m I k k=1 1

Die Definition des Inhaltes einer Intervallsumme ist unabhängig von der Darstellung. S S S S S S S + S ; S S = S + S, falls S und S sich nicht überlappen. Definition 3.2 (Jordan-Inhalt und Nullmengen) (1) Für beschränkte (nichtleere) Mengen M R n sind der innere Inhalt M i und der äußere Inhalt M a definiert durch M i := M a := sup S S S,S M inf S S S,M S Für die leere Menge ist i = a = 0. Im Fall M i = M a =: M heißt die Menge messbar (oder quadrierbar) im Jordanschen Sinne mit dem sogenannten Jordan-Inhalt M. (2) Mengen M R n mit M a = 0 werden Nullmengen (Jordan-Nullmengen) genannt. Man sagt, eine Funktion f habe eine Eigenschaft (z. B. Stetigkeit) fast überall, wenn die Eigenschaft in allen Punkten bis auf die aus einer Nullmenge erfüllt ist. Eine beschränkte Menge ist gemäß dieser Definition genau dann quadrierbar, wenn für alle ɛ > 0 Intervallsummen S ɛ, S ɛ S existieren mit S ɛ M S ɛ, S ɛ S ɛ < ɛ Definition 3.3 Die Würfel in R n mit Eckpunkten p2 k (für p Z n ), Kantenlänge 2 k und Inhalt 2 nk bilden die Menge W k der Würfel k-ter Stufe. Die Würfel 0-ter Stufe sind gerade die Einheitswürfel mit Eckpunkten p Z n. Die Vereinigung solcher Würfel heißt Würfelsumme. Für beschränkte Mengen M R n setzen wir M k := {W W k : W M}, M k := {W W k : W M }. Wir bekommen M k M k+1 M M k+1 M k k N Lemma 3.4 Für beschränkte Mengen gilt Ein- und umbeschriebene Würfelsumme (in R 2 ) M i = lim M k, k M a = lim M k. k 2

Bezeichnungen: M : Inneres der Menge M M : Abschluss der Menge M M : Rand der Menge M M ɛ := {x R n dist(x, M) < ɛ} : (offene) ɛ-umgebung von M. Lemma 3.5 Für beschränkte Mengen M, N R n gilt (1) M N M a N a M i N i (2) M a = M a M i = M i (3) M N a M a + N a (4) M N = M N i M i + N i (5) lim ɛ 0 M ɛ a = M a Beispiel: Eine nicht quadrierbare Menge ist beispielsweise gegeben durch Wegen folgt Daher ist diese Menge nicht quadrierbar. M := {x Q := [0, 1] 2 R 2 : x i Q, i = 1, 2} M a = M a = [0, 1] 2 = 1, M i = M i = i = 0 M a M i. Lemma 3.6 (Nullmengen) Für Jordan-Nullmengen gilt: (1) Jede Teilmenge einer Nullmenge ist Nullmenge. (2) Jede endliche Vereinigung von Nullmengen ist eine Nullmenge. (3) Jede in einem echten Untervektorraum von R n enthaltene beschränkte Menge M R n ist Nullmenge. (4) Ist M R n kompakt und f : M R eine stetige Funktion, so ist ihr Graph G(f) := {(x, f(x)) R n+1, x M} eine (n + 1)-dimensionale Nullmenge. Endliche Mengen in R n sind Jordan-Nullmengen. Was kann man über abzählbare Mengen sagen? Zum Beispiel: Sei M = {x k, k N}, wobei (x k ) k N eine konvergente Folge ist, dann ist M eine Nullmenge. Ist hingegen M = Q n [0, a] n, a > 0 (diese Menge ist auch abzählbar), gilt M a = a n > 0, das heißt M ist keine Nullmenge. Wenn man bei der Inhaltsdefinition auch abzählbar unendliche Vereinigungen von Intervallen zulässt, dann ist für jede abzählbare Menge M = {x i, i N} ihr äußerer Inhalt M a = 0: Für alle ɛ > 0 ist jeder Punkt x k in einem Würfel I k mit I k = ɛ2 nk M a k=1 I k = k=1 ɛ2 nk = ɛ 1 2 n M a = 0. Wir haben damit eine Schwäche des Jordan-Inhalts identifiziert. Diese wird durch den allgemeineren Lebesgue-Inhalt überwunden (vgl dazu auch Abschnitt 1.6). 3

Satz 3.7 Eine beschränkte Menge M R n ist genau dann quadrierbar, wenn ihr Rand M eine Nullmenge ist. Wir zeigen, dass M i + M a = M a. Ein Würfel W M kann keinen Punkt von M enthalten. Jede Würfelsumme M k kann zerlegt werden in (M ) k und ( M) k, sodass gilt: Also ist und für k bekommen wir M k = (M ) k ( M) k und (M ) k ( M) k =. (M ) k + ( M) k = M k, M i + M a = M a M a = 0. Korollar 3.8 Für quadrierbare Mengen M, N R n gilt: 1. M N M N (Monotonie) 2. M N M + N (Subadditivität) 3. M N = M N = M + N (Additivität) 4. M N N \ M = N M Abbildungen von Mengen: Wir betrachten im Folgenden Abbildungen von quadrierbaren Mengen und fragen uns, wann deren Bilder auch quadrierbar sind. φ D φ(d) Lemma 3.9 Sei D R n (nichtleer) beschränkt und φ : D R n eine Lipschitz-stetige Abbildung mit Lipschitz-Konstante L. Dann gilt für die Bildmenge φ(d) φ(d) a α D a α := (L n) n (i) Für einen Würfel W (x) mit Kantenlänge 2µ > 0 und Mittelpunkt x D gilt: φ(x) φ(y) 2 L x y 2 Lµ n y W (x) D Also ist φ(d W (x)) in einem achsenparallelen Würfel W mit Mittelpunkt φ(x), Kantenlänge 2µL n und Inhalt W = α W (x) enthalten. (ii) Ist nun S = W i D irgendeine Würfelsumme mit dem Inhalt S. Dann ist φ(d) in der Vereinigung von Würfeln W j mit einem Inhalt W j α W j 4

enthalten. Also ist φ(d) a W j j W j α j W j = α S α = const > 0 Dies impliziert φ(d) a α inf S = α D a S S,D S Satz 3.10 Sei D R n nichtleer, offen und quadrierbar. Die Abbildung φ : D R n sei Lipschitzstetig in D und regulär in D (das heißt stetig differenzierbar mit det(φ (x)) 0). Dann gilt: (i) Die Bildmenge φ(d) ist offen und quadrierbar, und φ(d) = φ(d) sowie φ(d) φ( D). (ii) Ist φ in D injektiv, so gilt φ(d) = φ( D), und für alle A D ist φ(a) auch quadrierbar. Lemma 3.11 Sei D R n nicht leer und φ : D R n eine Lipschitz-stetige Abbildung. Dann besitzt φ eine Lipschitz-stetige Fortsetzung. φ : D R n mit φ D = φ Satz 3.12 Es sei D R n eine quadrierbare Menge und A R n n, b R n. Dann ist die Bildmenge φ(d) R n mit φ(x) := Ax + b (affin-lineare Abbildung) quadrierbar und es gilt φ(d) = det A D. Korollar 3.13 Der Jordan-Inhalt ist bewegungsinvariant, das heißt jede affin-lineare Abbildung φ(x) = Qx + b mit einer orthogonalen Matrix Q R n n und b R n führt quadrierbare Mengen in quadrierbare Mengen über und lässt die Inhalte unverändert, weil det(q) = 1. Wegen Q T = Q 1 folgt det Q = det Q T = det Q 1 = det Q 1 > 0, und es gilt notwendig det Q = 1. Aus Satz 3.12 folgt φ(m) = M. 5