Wer bin ich? Wer will ich sein? Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz Susann Gassmann, Psychotherapeutin FSP 17. September 2015 Fachveranstaltung we-care wisli Arbeitsintegration
Interview Teil I Aufbau Referat Entwicklungspsychologie der Adoleszenz Körperliche Veränderungen Kognitive Entwicklung Psychische Aspekte Bindungsverhalten, Reifungslücke Zentrale Aufgabe: das Finden einer eigenen Identität Eintritt in die Berufswelt Aspekte zu blockierten Entwicklungen Interview Teil II Was könnte förderlich sein?
Interview mit Klient Teil I 22 Jahre alt, Abschluss Sek C, jetzt 3. Lehrjahr Detailhandel EFZ im geschützten Rahmen Interviewfragen: Wie hast du zu deiner Lehre gefunden? Welchen Schwierigkeiten mit dir selbst, mit deiner Familie, mit der Schule, bist du bisher begegnet? Was gibt dir im Leben Sinn?
Begriffsklärung Adoleszenz Prozess des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen mit Veränderungen auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene frühe Adoleszenz: ca. 10. 14. Lebensjahr mittlere Adoleszenz: ca. 15. 17. Lebensjahr späte Adoleszenz: ca. 18. 25. Lebensjahr Pubertät die Geschlechtsreifung Beginn zwischen 10. und 15. Altersjahr (frühe Adoleszenz)
Körperliche Entwicklung Veränderung des Körpers neu erwachende Sexualität körperliche Aspekte werden überaus wichtig Integration des veränderten Körperbildes Jugendliche müssen sich im neuen Körper zurecht finden
Kognitive Entwicklung (1) Gehirn als Grossbaustelle! zunächst viele neue Verbindungen, dann rascher Abbau nur genutzte Verbindungen werden gefestigt Wichtig: Art der Betätigung sowie Erfahrung von Selbstwirksamkeit Frontalhirn, (zentral für u.a. Handlungssteuerung, Empathie) reift zuletzt, im Alter von ca. 25 Jahren
Kognitive Entwicklung (2) Neue denkerische und emotionale Fähigkeiten ermöglichen beginnende Reflexion sozialer Zusammenhänge erlauben eine breitere Sichtweise bedeuten innere und äussere Befreiung Fehleinschätzungen gehören noch (länger) dazu!
Psychische Aspekte: Verändertes Bindungsverhalten (1) Ablösung von den Eltern Der Jugendliche lässt sich emotional nicht mehr kontrollieren Werte und Ideale der Eltern werden in Frage gestellt manchmal mühsamer, aber wichtiger, notwendiger Prozess In Berufsbildung Tätige können etwas davon abkriegen
Psychische Aspekte: Verändertes Bindungsverhalten (2) Bindung erfolgt gegenüber Gleichaltrigen ein Platz in der Peer-Gruppe ist sehr wichtig Neue Beziehungen sollen Geborgenheit und andere Formen der Auseinandersetzung ermöglichen Ziel: neue Freundschaften, schliesslich Partnerschaft
Psychische Entwicklung (3) Reifungslücke Die Geschlechtsreifung findet immer früher statt, die seelische Reifung wird immer später abgeschlossen Dies führt zu einer langen Phase der Verletzlichkeit und häufig zu Überschätzung der (inneren) Reife der Jugendlichen Grössenfantasien Gehören zur Normalentwicklung, müssen zunehmend abgebaut werden
Identität als zentrale Aufgabe der Adoleszenz Sämtliche Entwicklungsschritte dienen letztlich der Hauptaufgabe der Adoleszenz: dem Bilden einer eigenständigen individuellen Identität, die sinnstiftend ist. Alle Entwicklungsaufgaben, die der Jugendliche zu leisten hat, stehen damit in Zusammenhang, ohne dass dies ins Bewusstsein geraten muss.
Eintritt in die Berufswelt und berufliche Identität Erste Weichenstellung zur Berufswahl findet Ende frühe / Beginn mittlere Adoleszenz statt: viele Jugendliche sind stark mit sich selbst beschäftigt und verändern sich schnell Rolle des Elternhauses bei Berufswahlprozess wichtig Betrieb, d.h. ob sich der Lernende dort wohl fühlt, ähnlich wichtig für Erfolg wie die Wahl des Berufes selbst Ziel nach Eintritt in Berufswelt: Finden einer Berufsidentität
Die Lehre als Fähre zwischen Kindheit und Erwachsenenleben Lehre stellt wachsende Anforderung an... Lernbereitschaft, Eigenmotivation, autonome Selbstorganisation und Leistungsfähigkeit Selbständigkeit und Eigenverantwortung soziale, emotionale und kognitive Reife an die Fähigkeit, eine Berufsrolle zu übernehmen, eine berufliche Identität zu entwickeln
Blockierte Entwicklungen Bedeutung der bisherigen Beziehungserfahrungen: mehrheitlich unsichere u./od. schlechte Beziehungserfahrungen in der Kindheit, erschweren oder blockieren einen positiven Identitätsbildungsprozess in der Adoleszenz Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens: Sinnlosigkeitserfahrungen ist einer von vielen Aspekten davon Bedeutet Lehre im geschützten Rahmen allenfalls Kränkung für Jugendlichen?
Interview mit Klient Teil II Was hat dir während der schwierigen Fase der Lehrstellensuche und der Krisen in der Lehre geholfen, dran zu bleiben, es doch durchzuziehen? Hast du eine Idee, was Jugendliche, die es schwierig haben sich eine Lehre zuzutrauen oder sie durchzustehen, von uns Erwachsenen brauchen könnten?
Was wäre förderlich? (1) Gute Balance zwischen fördern und fordern Möglichst konstante und stabile-flexible Bezugspersonen Zeit geben Zeit haben für Prozesse Mit der Identitätsvorstellung des Jugendlichen arbeiten, ihn dort abzuholen versuchen
Was wäre förderlich? (2) Vertrauensperson, idealerweise in «neutraler Position», die Jugendliche durch die verschiedenen Phasen (Ende Oberstufe, Zwischenlösungen, Lehrstellensuche, IV-Prozess, Lehrstellenantritt bis QV) begleiten kann. Flexibles Angebot, das Unterbrüche erlaubt Ein solches Angebot soll: niederschwellig,, psychosozial «stark» und vernetzt, therapeutisch kompetent, nicht psychiatrisch und für Jugendlichen kostenlos sein
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit