Sprachkompetenzdiagnose und Sprachbildung Anforderungen an Lehrkräfte Marion Döll & Sara Hägi Wien, 28. Februar 2013
Durchgängige Sprachbildung Anforderungen an Lehrkräfte und deren Ausbildung in der migrationsbedingt mehrsprachigen Gesellschaft Ebenen des Bildungswesens (Fend 2008) 1) Makroebene: Bildungssystem (Reglementarien, Gesetze, ) 2) Mesoebene: Schule (Schulorganisation, Schulleitung, Kooperation zwischen Lehrkräften, ) 3) Mikroebene: Unterricht & Lehrkraft (Unterrichtsgestaltung, Interaktionen zwischen Lehrkräften und SuS, )
Plan Kontext: Sprachliche Heterogenität und Bildungsgerechtigkeit Sprachliche Bildung in der Migrationsgesellschaft: empirische Befunde und Konzepte Alltagssprache Bildungssprache Fachsprache Beispiel Scaffolding Anforderung an Lehrkräfte und deren Ausbildung: Bilanz
Warum sprachliche Bildung ein Thema ist Sprachliche Heterogenität in Österreich: autochthone und allochthone sprachliche Minderheiten 24 % aller Schülerinnen und Schüler (SuS) an Volksschulen sprechen eine andere Erstsprache als Deutsch in Wien sind es 52,9 % (bm:ukk 2012, Schuljahr 2010/2011)
Warum sprachliche Bildung ein Thema ist signifikant ungleiche Bildungserfolge von SuS mit und ohne Migrationshintergrund in Österreich (u.a. Unterwurzacher 2007) demokratisch-meritokratisches Modell von Bildungsgerechtigkeit: Überwindung feudalistischer Relikte im Bildungswesen, Loslösen der Leistungen von Merkmalen wie Geschlecht, Herkunft, Religion, Sprachbiografie usw. (Prengel 2012)
Erfolg von Sprachbildungsmaßnahmen aus: Gogolin u.a. (2011a)
Erfolg von Sprachbildungsmaßnahmen Modellprogramm FÖRMIG (Gogolin u.a. 2011a) Merkmale besonders erfolgreicher Standorte: integrierte Modelle, d. h. die Aneignung der deutschen Sprache unterstützende Maßnahmen sind in den Regelunterricht integriert, Fokus auf Bildungssprache; z.t. vertiefende additive Zusatzangebote schulische und einrichtungsübergreifende Netzwerke, in denen konkret, systematisch und verbindlich an Förderkonzeptionen und deren Umsetzungen gearbeitet wird Lernziele, Methodik, Austausch
Durchgängige Sprachbildung (Gogolin u.a. 2011b) Qualitätsmerkmale für den Unterricht 1 2 3 4 5 6 Explizite Vermittlung von Bildungssprache Berücksichtigung sprachlicher Ressourcen Bereitstellung und Modellierung allgemein- und bildungssprachlicher Mittel Gelegenheiten Sprachkompetenzen zu erwerben und aktiv einzusetzen Unterstützung individueller Sprachbildungsprozesse Gemeinsame Überprüfung und Bewertung der Ergebnisse der sprachlichen Bildung
Sprachkompetenzdiagnose Verfahrenstypen (Döll 2012) Tests Profilanalysen Beobachtungsverfahren Test Profilanalyse Beobachtungsverfahren Schullaufbahn
Beispiel Beobachtungsverfahren: USB DaZ Unterrichtsbegleitende Sprachstandsbeobachtung DaZ in Österreich (Heller/Döll/Dirim 2013) Charakteristika Beobachtungsverfahren, Primar-/Sekundarbereich unterrichtsbegleitende Beobachtung zur Erstellung von Kompetenzprofilen, die als Grundlage für Förderentscheidungen herangezogen werden aneignungstheoretische Niveaumodellierung Verzicht auf Normierung im Sinne einer sozialen Bezugsnorm
Beispiel Beobachtungsverfahren: USB DaZ pragmatische Fähigkeiten (Produktion & Rezeption) lexikalisch-semantische Fähigkeiten (Produktion & Rezeption) morphologischsyntaktische Fähigkeiten (Produktion) literale Fähigkeiten (Produktion) Mündliche Sprachhandlungsfähigkeit Strategien Wortschatz Primar-/Sekundarstufe I Verbformen, Verbstellung in Aussagesätzen Realisierung von Subjekten und Objekten Aussageverbindungen Textkompetenz (schriftlich) Primarstufe/Sekundarstufe I Orthographie
Beispiel Beobachtungsverfahren: USB DaZ + Heller/Döll/Dirim
Durchgängige Sprachbildung (Gogolin u.a. 2011b) Qualitätsmerkmale für den Unterricht 1 2 3 4 5 6 Explizite Vermittlung von Bildungssprache Berücksichtigung sprachlicher Ressourcen Bereitstellung und Modellierung allgemein- und bildungssprachlicher Mittel Gelegenheiten Sprachkompetenzen zu erwerben und aktiv einzusetzen Unterstützung individueller Sprachbildungsprozesse Gemeinsame Überprüfung und Bewertung der Ergebnisse der sprachlichen Bildung
Alltagssprache Bildungssprache Fachsprache (Lange 2012: 127)
Scaffolding scaffold: Gerüst Methode aus dem englischsprachigen Raum (Gibbons 2002) aufbauende Sprachförderung (Roth 2010) SuS werden Gerüste angeboten, mit denen sie z.b. zu einer bildungssprachlichen Äußerung hingeleitet werden Demontage der Gerüste, wenn SuS Lernschritte abgeschlossen haben
Makro-Scaffolding (Gibbons 2002, Kniffka 2010) 1. Bedarfsanalyse, z.b. Stolpersteine in einem Text 2. Lernstandsanalyse (Welche Strukturen können in der jeweiligen Lerngruppe zu Schwierigkeiten führen?) 3. Unterrichtsplanung (Vorwissen aktivieren, Zusatzaufgaben einbeziehen, Arbeitsgruppen organisieren u.a.)
Beispiel: Sprachsensible Unterrichtsplanung nach Tajmel (2012: 58) Thema Aktivitäten Sprachstrukturen Vokabular Hören Sprechen Lesen Schreiben
Beispiel für konkretes Gerüst (vgl. Trapp/Quehl) Wir haben beobachtet, dass Wir haben gesehen, dass verdunsten Wenn das Wasser verdunstet sich verwandeln; verwandeln sich in Die Wassertröpfchen; die winzigen Wassertröpfchen Der Wasserdampf.
Aber auch (Trapp/Quehl) Es heißt auf der Fensterbank. Wasser geht doch nicht, es fließt doch.
Mikro-Scaffolding Unterrichtsinteraktion (Gibbons 2002, Kniffka 2010) z.b. 7 statt 2 Sekunden: Verlangsamung der Lehrer- Schüler-Interaktion, Gewährung von mehr Planungszeit für Schülerinnen und Schüler Ausbrechen aus Frage-Antwort-Schema z.b. Forscherkonferenz: Variation der Interaktionsmuster, authentische Kommunikationssituationen mit Raum für komplexere Äußerungen (statt einer Ein-Wort-Antworten)
Mikro-Scaffolding Unterrichtsinteraktion (Gibbons 2002, Kniffka 2010) aktives Zuhören durch die Lehrkraft Re-Kodierung von Schüleräußerungen durch die Lehrkraft, Verdeutlichung d. angemessenen Fachworts bzw. einer angemessenen Wendung im jeweiligen Kontext z.b. Eine Pfütze am Himmel heißt aber nicht Pfütze
Welche Anforderungen stellt die Umsetzung Durchgängiger Sprachbildung an Lehrkräfte? Fachkompetenz, linguistische Grundlagen, Bewusstsein über mögliche sprachliche Schwierigkeiten, Teamfähigkeit & Teamkultur an Schulen, Schülerorientierung, Methodenkompetenz interaktive Methoden, Haltung: trust based learning, Fehlertoleranz, Ressourcenorientierung, Differenzierung von Diagnose und Beurteilung, Wissen: Spracherwerbsmodelle,...
Welche Schlussfolgerungen lassen sich für die Ausbildung von Lehrkräften ziehen? Stellenwert von Querschnittsthemen erhöhen: Linguistik, Sozialkompetenzen; fachdidaktisch begleitete Praxiserfahrungen (Verzahnung), mehr Fachkompetenz in der VS-Ausbildung - mehr Sozialkompetenz & didaktische Kompetenz in der AHS-Ausbildung, Selbstreflexivität! z.b. sozioökonom. Aspekte bei der Bewertung von Leistungen, Aufbau von Handlungsroutine, Reflexion des eigenen Unterrichts, institutionelle Diskriminierung
Geschafft!
Literatur bmukk (2012): SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch. http://www.bmukk.gv.at/medienpool/8953/nr2_12.pdf. Döll, M. (2012): Beobachtung der Aneignung des Deutschen bei mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen. Modellierung und empirische Prüfung eines sprachstandsdiagnostischen Beobachtungsverfahrens. FörMig Edition Band 8. Münster: Waxmann. Fend, H. (2008): Schule gestalten. Systemsteuerung, Schulentwicklung und Unterrichtsqualität. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Gibbons, P. (2002): Scaffolding Language, Scaffolding. Learning. Teaching Second Language Learners in the Mainstream Classroom. Portsmouth NH: Heinemann. Gogolin, I. (2011a): Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund FörMig. Bilanz und Perspektiven eines Modellprogramms. Münster: Waxmann. Gogolin, I. u.a. (2011b): Durchgängige Sprachbildung. Qualitätsmerkmale für den Unterricht. FörMig Material Band 3. Münster: Waxmann. Heller, L./Döll, M./ Dirim, İ. (2013): USB DaZ Ö. Entwurf 02/2013. Informationen unter http://daf.univie.ac.at/projekte/aktuelle-daz-projekte/unterrichtsbegleitendesprachstandsbeobachtung-deutsch-als-zweitsprache-in-oesterreich Kniffka, G. (2010): Scaffolding. www.unidue.de/imperia/md/content/prodaz/scaffolding.pdf
Literatur (Fortsetzung) Lange, Imke (2012): Von Schülerisch zu Bildungssprache. Übergänge zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Konzept der Durchgängigen Sprachbildung. In: Fürstenau, Sara (Hrsg.): Interkulturelle Pädagogik und Sprachliche Bildung. Wiesbaden: Springer. 123-142. Prengel, Annedore (2012): Kann Inklusive Pädagogik die Sehnsucht nach Gerechtigkeit erfüllen? - Paradoxien eines demokratischen Bildungskonzepts. In: Seitz, S./ Finnern, N.-K./ Korff; N. Scheidt, K. (Hrsg.): Inklusiv gleich gerecht? Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 16-31. Roth, H.-J. (2007): Scaffolding ein Ansatz zur aufbauenden Sprachförderung. ww.kompetenzzentrumsprachfoerderung.de/fileadmin/user_upload/newsletterkompsprafeb07.pdf Tajmel, Tanja (2012): Wie sprachsensibler Fachunterricht vorbereitet werden kann. In: RAA Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Bildungssprache und sprachsensibler Fachunterricht. (=Praxisbaustein Deutsch als Zweitsprache 2). Unterwurzacher, A. (2007): Ohne Schule bist du niemand! Bildungsbiographien von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In: Weiss, H. (Hrsg.): Leben in zwei Welten. Zur sozialen Integration ausländischer Jugendlicher der zweiten Generation. Wiesbaden VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 71-96.