Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg ARBEITSPAPIERE. Band 27. Harald Bolsinger

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1 Forschungsinstitut für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg ARBEITSPAPIERE Band 27 Harald Bolsinger Die Zukunft der Kreditgenossenschaften im Zeitalter neuer Technologien Nürnberg 2001

2 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN I INHALTSVERZEICHNIS 1 Einleitung Problemstellung Ziel und Aufbau der Arbeit Begriffliche Abgrenzungen Neue Technologien Kreditgenossenschaften Historischer Überblick Organisatorischer Überblick Besondere Prinzipien Ausgangsposition der Kreditgenossenschaften im Bankenwettbewerb Betrachtung der nationalen Wettbewerbslage Marktanteil Zinsüberschuss Provisionsüberschuss Betriebsergebnis Eigenkapitalrentabilität Exemplarische lokale Betrachtung der Wettbewerbslage Kostensituation...18

3 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN II Rentabilitätssituation Implikationen Neue Informationstechnologien verändern die Märkte Entwicklungspfad neuer Informationstechnologien ARPAnet Internet und World Wide Web Evernet Dynamik technologieinduzierten Strukturwandels Intermediation im Wandel Disintermediation Reintermediation Mischformen als Motor für Veränderungen Intermediationsentwicklung bei Kreditgenossenschaften Verbundgeschäfte Regionalprinzip Vertriebskanäle Transaktionskostenbetrachtung Theoretische Grundlagen...49

4 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN III Portalspezifikation Transaktionskostenkategorien Anbahnungskosten Verhandlungs- und Entscheidungskosten Abwicklungskosten Überwachungs- und Durchsetzungskosten Kreditgenossenschaft vs. Finanzportal aus Kundensicht Anbahnungskosten Verhandlungs- und Entscheidungskosten Abwicklungskosten Überwachungs- und Durchsetzungskosten Finanzportale als Treiber für Problemlösungskompetenz Folgen Bankenstruktur Auswahl einer Wettbewerbsstrategie Kostenführerschaft Differenzierung Spezialisierung...61

5 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN IV Zwischenergebnis Wachstumschancen durch Neubelebung traditioneller genossenschaftlicher Werte Wiederherstellung der Einzigartigkeit Instrumentalcharakter der Kreditgenossenschaft Mitglieder als Träger des Unternehmens Erfolgsverpflichtung Aktive Beratung Offene Gemeinschaft Lokale und regionale Verpflichtung Mitgliedschaft als Schlüssel zur Kundenbindung Customer Relationship Management (CRM) Co-operative Member Relationship Management (CMRM) Preisdifferenzierung mittels genossenschaftlicher Rückvergütung Bindung über genossenschaftliche Mitgliederclubs Regionalbezugsverstärkung über Mitgliederbeiräte und Förderpreise Qualifizierungsoffensive zur Stärkung der Betreuungsqualität Regionale Verwurzelung trotz neuer Dimensionen...96

6 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN V Kooperation statt Fusion Gemeinsame Plattform und Entwicklungen Vor Ort im Internet Innovative Gestaltung des Förderauftrags Asset Backed Securities für Mittelständler Elektronische Marktplätze Zusammenfassende Schlussbetrachtung Abbildungen...I 6.1 Zinsüberschuss nach Bankengruppen...I 6.2 Provisionsüberschuss nach Bankengruppen...II 6.3 Betriebs- und Bewertungsergebnis nach Bankengruppen...III 6.4 Eigenkapitalrentabilität Sparkassen / Kreditgenossenschaften...IV 6.5 ROI - Bankrentabilität im 3-Jahres-Zeitvergleich...V 6.6 Portalkonzepte...VII 6.7 Intermediation im kreditgenossenschaftlichen Vertrieb...VIII 6.8 Erfolgskreislauf durch die genossenschaftliche Idee...IX 6.9 Erweiterte Kosten-Nutzen-Dimension durch CMRM...X 6.10 Vom Käufermarkt zum Partnermarkt...XI

7 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN VI 6.11 Zeitliche Nutzendimension von Mitgliederbindungsmaßnahmen...XII 6.12 Erfüllungsgrad von Kundenforderungen als Zufriedenheitsindikator...XIII 6.13 Grundstruktur einer ABS-Konstruktion...XIV 7 Literaturverzeichnis...XV

8 DIE ZUKUNFT DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM ZEITALTER NEUER TECHNOLOGIEN VII ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS ABS Asset Backed Securities AG Aktiengesellschaft ARPA Advanced Research Projects Agency B2B Business to Business BVR Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken CERN Europäisches Zentrum für Teilchenphysik CMRM Co-operative Member Relationship Management CRM Customer Relationship Management DSL Digital Subscriber Line e- elektronisches/elektronischer EDV elektronische Datenverarbeitung EU Europäische Union GenG Genossenschaftsgesetz GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung HTML Hypertext Markup Language HTTP Hypertext Transfer Protocol IPO Initial Public Offering IT Informationstechnologie KWG Gesetz über das Kreditwesen m- mobiles/mobiler NSF National Science Foundation PC Personalcomputer PIN Persönliche Identifikationsnummer ROI Return on Investment SMS Short Message Service TAN Transaktionsnummer TCP/IP Transmission Control Protocol/Internet Protocol TV Television UMTS Universal Mobile Telecommunications System URL Uniform Ressource Locator US- United States- USA United States of America VR-Bank Volks- und Raiffeisenbank WAP Wireless Application Protocol WWW World Wide Web ZfgG Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen

9 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 1 1 Einleitung 1.1 Problemstellung Vielerorts bestimmen im Jahr 2000 negative, destruktive Stimmungen, die Angst um die eigene Existenz, die unausrottbare Idee der Konsolidierung, austauschbare Produkte und Leistungen, vernichtender Wettbewerb und ruinöse Preiskämpfe das Bild bei den Genossenschaftsbanken. 1 Nationale und internationale Finanzmärkte befinden sich in einem rasanten Wechsel der Umfeldbedingungen. Banken, welche die stetigen Veränderungen in ihrer strategischen Ausrichtung nicht mitvollziehen, geraten schnell ins Hintertreffen. Vor diesem Hintergrund agieren die Kreditgenossenschaften in einer spannenden Zeit voller Chancen und Risiken. Mit der hohen Marktdurchdringung besitzen die Genossenschaftsbanken einen hervorragenden Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Zukunft das ist jedoch noch lange kein Garant für automatischen Erfolg. Die beiden größten deutschen Bankengruppen, die Volks-/Raiffeisenbanken und Sparkassen, sehen sich momentan sogar selbst als Verlierer der letzten Jahre im Wettbewerb um die Gunst der Kunden. Eine Befragung von über 600 Führungskräften der Bankengruppen hat Erstaunliches hinsichtlich der Beurteilung von deren Leistungsfähigkeit und Erfolgspotenzial offenbart. Sicherlich nicht überraschend ist die Bewertung der Vergangenheit. Führungskräfte beider Bankengruppen betrachten die Direkt- und Großbanken als Gewinner der letzten Jahre. 2 Weitaus interessanter ist dagegen die Beurteilung der Zukunftsperspektive: Jeder Zweite der befragten Sparkassenführungskräfte blickt optimistisch und selbstbewusst in die Zukunft und räumt dem eigenen Institut künftig gute Chancen für den Ausbau der Marktposition ein. Ganz anders sieht es bei den Kreditgenossenschaften aus: Hier blickt man der Zukunft äußerst skeptisch entgegen. Nur jeder Fünfte der Befragten auf Seiten der Volksbanken und Raiffeisenbanken sieht die eigene Bank innerhalb der 1 [Muthers, H.], S. 3 2 [Mainstream/Resultate], S. 2

10 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 2 nächsten 10 Jahre als möglichen Gewinner. 3 Trotz der negativen Grundeinstellung gegenüber der vermuteten zukünftigen Wettbewerbslage, wird die Entwicklungsfähigkeit der eigenen Bank überwiegend positiv eingeschätzt. 79 Prozent der Befragten bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken behaupten, dass sich die Entwicklungsfähigkeit ihrer Bank verbessern wird. 75 Prozent gehen sogar von einer künftigen verbesserten Wettbewerbsfähigkeit der gesamten genossenschaftlichen Bankengruppe aus. Bei der Gewinnfähigkeit erwarten 54 Prozent eine Verbesserung. 4 Welche Faktoren bei diesen Einschätzungen eine Rolle spielen und in welcher Art und Weise sie sich auf die Zukunft der Kreditgenossenschaften auswirken, wird hierbei offen gelassen. In einem Zeitalter voll neuer revolutionärer Technologien wie beispielsweise des Internets stellt sich die Frage, inwiefern die in starkem Wandel begriffenen Rahmenbedingungen Einfluss auf die traditionelle Ausrichtung der Kreditgenossenschaften als Bank vor Ort haben und welche Zukunftsperspektiven sich hieraus für die Volksbanken und Raiffeisenbanken ergeben. Vor allem vor dem Hintergrund der investiven Finanzkraft der Großbanken bleibt es spannend, ob die diesbezüglich weitaus schwächer ausgestatteten Genossenschaftsbanken ihre starke Ausgangsposition verlieren, verteidigen oder sogar ausbauen werden. Allein die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Commerzbank forcieren 2001 den Ausbau des e-business-bereichs mit zusammengenommen circa 1,5 Milliarden Euro. 5 3 [Mainstream/Resultate], S. 3 4 [Mainstream/Resultate], S [Kursawe, P.]

11 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE Ziel und Aufbau der Arbeit Diese Arbeit will aufzeigen, in welcher Ausgangslage sich derzeit die Kreditgenossenschaften in einer sich stark wandelnden Kreditwirtschaft befinden und welche Wege unter Berücksichtigung der marktlichen Auswirkungen, die von neuen Technologien ausgehen, in eine positive Zukunft eingeschlagen werden können, um Schwächen zu beseitigen und Stärken hervorzuheben. Dabei bezieht sich die Analyse vor allem auf die Primärstufe des genossenschaftlichen Banksektors. Zu Beginn wird die momentane wirtschaftliche Situation der Kreditgenossenschaften mittels Vergleich mit anderen Bankengruppen aufgezeigt. Es schließt sich eine Einführung in die wichtigsten Entwicklungen im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnologie an und eine Darstellung möglicher Auswirkungen auf die Märkte, in denen sich die Kreditgenossenschaften bewegen. Aufbauend auf Erkenntnissen der vorhergehenden Kapitel wird nach Wegen und Möglichkeiten gesucht, um eine positive Zukunft der Kreditgenossenschaften sicherzustellen. 1.3 Begriffliche Abgrenzungen Neue Technologien Aus technischer Sicht sind Banken reine Informationsverarbeiter. Informationen und ihre Kombination sind dabei die einzigen Rohstoffe sowie die einzigen Produkte einer Bank. Das nominelle Gut Geld wird in wirtschaftsinformatischer Betrachtungsweise schlicht als besonderer Informationstyp betrachtet. 6 Aus diesem Grund werden Banken und damit auch die Kreditgenossenschaften in ihrer Existenz und Strategie durch die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie stärker geprägt als beispielsweise die Industrie oder andere Wirtschaftszweige. In dieser Arbeit werden vor allem Technologien der lokalen und globalen Vernetzung von Computern und 6 [Bodendorf, F.], S. 106

12 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 4 anderen Endgeräten, zum Beispiel über das Internet, unter dem Begriff neue Technologien subsumiert, da sich gerade durch diese unmittelbare Konsequenzen von großer Bedeutung für die genossenschaftlichen Finanzinstitute ergeben und sich alle Banken einer historischen Umbruchsphase stellen müssen 7. Neben der Aufgabe, den Einsatz bestehender Technologien (zum Beispiel Kartengeschäft, Dokumentenmanagement, einfaches Onlinebanking, usw.) zu optimieren, verlangt der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken zukünftig die Nutzung sich abzeichnender neuer Technologien wie beispielsweise: 8 Multimedia und Konvergenz elektronischer Medien Spezialisierte Mehrwertdienste im Telekommunikationsbereich Providerfunktionen für Kunden/Electronic Commerce Vernetzung mit Kunden Neuronale Netze Schriftenlesung, Archivierung, Spracherkennung Data Warehouses Neue Identifikations- und Sicherungssysteme (einschließlich digitaler Signaturen) Vor allem der erste Punkt das Zusammenwirken verschiedener innovativer elektronischer Medien wie etwa Onlinebanking mit dem PC über Internet, mit dem Mobiltelefon über WAP und SMS oder zukünftig mit anderen mobilen Endgeräten über UMTS und die zunehmende kostengünstige Vernetzung mit dem Kunden schaffen umfassende Veränderungen im Umfeld der Kreditgenossenschaften: Eintrittsbarrieren ins Bankgeschäft sinken oder fallen ganz weg, der branchenübergreifende Wettbewerb nimmt damit stark zu. Gleichzeitig wird die Markttransparenz erhöht, und das Kundenverhalten ändert sich; insbeson- 7 [Bürklin, W.], S [BVR 1999 I], S. 19

13 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 5 dere die Loyalität nimmt ab. Die Möglichkeiten zur Nutzung von Economies of Scale wachsen, was vermehrt zu Megafusionen und Übernahmen im Finanzsektor führt. Die Wertschöpfungskette im Kreditgewerbe wird grundlegend neubeziehungsweise umgestaltet. Mit all diesen Folgen der Entwicklung der neuen Technologien des Internets und des e-commerce werden die Kreditgenossenschaften nun verstärkt konfrontiert, da sie bis auf wenige Ausnahmen (die Sparda-Bank Hamburg bot beispielsweise in Deutschland schon 1996 die gesamte Produktpalette rund um den Zahlungsverkehr im Internet an) 9 den frühzeitigen Sprung auf den Online-Zug der letzten Jahre nicht konsequent vollzogen haben. 10 Im Laufe seiner kurzen Geschichte haben das Internet und die damit zusammenhängenden neuen Technologien einen Wandel durchgemacht weg von der chaotischen akademischen Spielwiese hin zum Marktplatz, auf dem der ganz normale Geschäftsalltag vorherrscht. 11 Die Veränderungen, die bereits vor einigen Jahren ihren Lauf genommen haben, sind noch lange nicht abgeschlossen, denn die Technologien werden laufend weiterentwickelt und die Umwälzungen in der Finanzwirtschaft dadurch beschleunigt Kreditgenossenschaften Historischer Überblick Anlass zur Gründung von Genossenschaften war die wirtschaftliche Not in breiten Bevölkerungsschichten. Diese sollte durch den Zusammenschluss von wirtschaftlich schwachen Individuen gemildert werden. 13 Die Kreditgenossenschaften führen ihre Anfänge auf Hermann Schulze-Delitzsch ( ) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen ( ) zurück. 14 Die genauen Wurzeln liegen 9 [Walter, T.], S [Rudolph, T.], S [Cole, T.],S [Heintzeler, F.], S [Aschhoff, G./Henningsen, E.], S [Arnold, W./Lamparter, F.], S. 37 ff.

14 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 6 bei Dr. Anton Bernhardi und dem Schneidermeister Bürmann aus Eilenburg (Sachsen), die als erste 1850 die für die Entwicklung der Kreditgenossenschaften entscheidenden Elemente, Kreditvergabe nur an Mitglieder gegen Sicherheiten und Solidarhaftung aller Genossen, einführten. 15 Während Raiffeisen der Begründer des ländlichen Genossenschaftswesen ist, wird Schulze- Delitzsch als Initiator des gewerblichen Genossenschaftswesens für Handwerker und kleine Gewerbebetriebe gesehen. 16 Schulze-Delitzsch gründete neben gewerblichen Warengenossenschaften 1850 die ersten Vorschussvereine, die später die Bezeichnung Volksbanken erhielten. 17 Dadurch war es Mittelständlern möglich, Betriebsmittelkredite zu erhalten, die ihnen Aktienbanken oder Sparkassen damals nicht gewährten, da diese vorwiegend Einlagengeschäft betrieben Organisatorischer Überblick Kreditgenossenschaften sind Banken im Sinne des Kreditwesengesetzes und üben Bankgeschäfte aller Art aus. 19 Es handelt sich in der Regel um relativ kleine Institute, die in einer begrenzten Region stark filialisiert sind dennoch sind die Volks- und Raiffeisenbanken zweitwichtigster Pfeiler des zentraleuropäischen Universalbankensystems in Deutschland nach den Sparkassen. 20 Um ihre genossenschaftliche Zielsetzung auszudrücken, firmieren die Kreditgenossenschaften mit dem Zusatz eingetragene Genossenschaft oder abgekürzt eg häufig als Volksbank, Raiffeisenbank, Raiffeisenkasse, Spar- und Darlehens- 15 [Faust, H.], S [Aschhoff, G./Henningsen, E.], S [Zerche, J./Schmale, I./Blome-Drees, J.], S [Aschhoff, G./Henningsen, E.], S [KWG], 1 20 [von Hagen, J./von Stein, J.H.], S. 463

15 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 7 kasse 21 oder auch als VR-Bank. Die Bezeichnung Volksbank darf nur von Instituten geführt werden, die in der Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft betrieben werden und die einem genossenschaftlichen Prüfungsverband angehören. 22 Als Universalbanken haben sie den gesetzlichen Auftrag, ihre Mitglieder mit Mitteln des Bankbetriebes wirtschaftlich zu fördern. Dabei werden sie von ihren regionalen Zentralbanken, der DG Bank als ihrem Spitzeninstitut sowie den Verbundunternehmen für spezielle Finanzdienstleistungen unterstützt, 23 wobei sich die DG Bank und die regionale Zentralbank GZ-Bank (als Fusionsergebnis aus GZB (Stuttgart) und SGZ-Bank) bereits auf weiterem Fusionskurs befinden. 24 Bis Ende 2001 ist mit dem Vollzug der Fusion von DG Bank und GZ- Bank zur DZ-Bank zu rechnen, die damit die sechstgrößte Bank in Deutschland darstellen wird. 25 Ihre Basis bilden die örtlichen Kreditgenossenschaften (Primärbanken), zu denen neben den Volks- und Raiffeisenbanken einige berufsständische Banken in genossenschaftlicher Rechtsform gehören. 26 Nach der Fusion zwischen SGZ-Bank AG und GZB-Bank AG zur GZ-Bank AG zum bestehen zusammen mit der WGZ-Bank nur noch zwei regionale genossenschaftliche Zentralbanken, welche die Kreditgenossenschaften im Westen und Südwesten Deutschlands betreuen. 27 Für die gesamten Kreditgenossenschaften im restlichen Bundesgebiet nimmt die DG Bank die 21 [Hahn, O. 1986], S [KWG] 39 Abs [Ringle, G.], S [Bauer, S.], S [Burgmaier, S.], S [Aschhoff, G./Henningsen, E.], S [o. V.: SGZ und GZB]

16 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 8 unmittelbare Betreuung wahr. 28 Nach Fusion mit der GZ-Bank übernimmt diese Aufgabe die DZ-Bank. Die genossenschaftliche Bankengruppe besitzt somit teilweise einen dreistufigen beziehungsweise mit der DZ-Bank einen zweistufigen Aufbau Besondere Prinzipien Charakteristisch für die Genossenschaften sind ihre besonderen Prinzipien 30, die sich im Laufe der Zeit herausbildeten. Davon sind die wichtigsten und übergeordneten Genossenschaftsprinzipien die Selbsthilfe (Förderauftrag), die Selbstverwaltung (Demokratieprinzip) und die Selbstverantwortung, die damit eine deutliche Trennung zu den gemeinwirtschaftlichen Unternehmen ergeben. 31 Dabei sind Träger als Eigentümer und Nutzer als Kunden der Genossenschaft identisch (Identitätsprinzip). Als genossenschaftliche Leitidee ist die wirtschaftliche Förderung in 1 GenG verankert. Dort sind Genossenschaften definiert als Gesellschaften mit nicht geschlossener Mitgliederzahl, deren Unternehmenszweck in der Förderung des Erwerbs oder der Wirtschaft ihrer Mitglieder mittels eines gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebes liegt. Hinsichtlich der Interpretation des Begriffs Förderauftrag besteht im Genossenschaftsbereich allerdings Uneinigkeit. 32 Das gilt besonders im Bankensektor, wo die Dienstleistungsangebote zwischen den Banken mittlerweile nur noch schwach differieren. Grundsätzlich kann die Förderung der Mitglieder einer Genossenschaft in unterschiedlicher Weise erfolgen, zum Beispiel durch günstige Konditionen im Aktiv- und Passivgeschäft. Unumstritten ist jedoch, dass die Verwirklichung des Förderauftrags durch den Wettbewerb verändert 28 [Aschhoff, G./Henningsen, E.], S [Steiner, J.], S [Münker, H.-H.], S [Schramm, B.], S [Kluge, A.H.], S. 18

17 KAPITEL 1 EINLEITUNG SEITE 9 wurde. Hierdurch hat er sich durch die geänderten Rahmenbedingungen hin zu einer mittelbaren Förderung verschoben, was sich in einer langfristigen Existenzsicherung der Mitglieder und in der Bewältigung verschiedenster Aufgaben im alltäglichen Geschäftsverkehr zeigt [Mändle, E.], S. 538

18 KAPITEL 2 AUSGANGSPOSITION DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM BANKENWETTBEWERB SEITE 10 2 Ausgangsposition der Kreditgenossenschaften im Bankenwettbewerb Ein Vergleich mit gängigen Kennzahlen anderer Bankengruppen liefert Hinweise auf Stärken und Schwächen der genossenschaftlichen Bankengruppe. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine eindeutige genossenschaftstypische Abgrenzung gegenüber den sonstigen Universalbanken de facto kaum mehr vorhanden ist und die Umwandlung zur Erwerbswirtschaft stetig fortschreitet. 34 Im Gegensatz zur ursprünglichen Zielsetzung, Mitgliederwirtschaften mit Krediten zu versorgen 35, ist festzustellen, dass diese spezielle Orientierung weggefallen ist 36 und die Kreditgenossenschaften gleichermaßen um alle universalbanktypischen Geschäftsbereiche bemüht sind. Seit der Aufhebung des Verbots von Nichtmitgliedergeschäften unterscheiden sich die Volksbanken und Raiffeisenbanken kaum noch von den übrigen Universalbanken 38. Aus diesem Grund ist durch einen analytischen Vergleich mit den Großbanken und Sparkassen mit schlüssigen Ergebnissen zu rechnen. 2.1 Betrachtung der nationalen Wettbewerbslage Marktanteil Die Mitgliederzahl der von der Anzahl der Institute her größten Bankengruppe hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt 39 auf circa 15 Millionen 40 Mitglieder. Von den Bankstellen Anfang 1999 in Deutschland (einschließlich Postbank AG), die von insgesamt Kreditinstituten betrieben 34 [Boettcher, E.], S [Pohl, M.], S [Eilenberger, G.], S [Kuhn, W.], S [Seuster, H. 1980], S [Harbrecht, W.], S [Pleister, C.], S [Heintzeler, F./Weber, M.], S [Heintzeler, F./Weber, M.], S. 56

19 KAPITEL 2 AUSGANGSPOSITION DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM BANKENWETTBEWERB SEITE 11 wurden, entfallen auf die Vertriebsstruktur der Kreditgenossenschaften. Das bedeutet einen geschäftsstellenbezogenen Marktanteil von fast 30 Prozent, der für den Vertrieb genossenschaftlicher Bankdienstleistungen genutzt wird. Diese Vertriebskraft schlägt sich direkt im Marktanteil für Kundeneinlagen nieder, der ,2 Prozent 45 betrug. Im gleichen Jahr besetzten die Kreditgenossenschaften jedoch nur 21,1 Prozent des Marktes für Kundenkredite. 46 Besonders eindrucksvoll werden diese Zahlen vor dem Hintergrund, dass die Kreditgenossenschaften bei Betrachtung des Geschäftsvolumens 1999 einen Marktanteil von nur rund 9,4 Prozent 47 inne hatten. Im Privatkundengeschäft besitzen die Kreditgenossenschaften vor allem im Bereich der Spareinlagen eine gute Ausgangsposition. Darüber hinaus besteht jedoch ein Missverhältnis zwischen der Anzahl der Geschäftsstellen und der Anzahl der selbständigen Kreditgenossenschaften. Immerhin über 66 Prozent der Kreditinstitute, mehr als das Doppelte des geschäftsstellenbezogenen Marktanteils, sind Genossenschaftsbanken. Der Marktanteil der Kreditgenossenschaften in Deutschland bezogen auf Bilanzsumme, Kundeneinlagen und Wertpapierkundendepots schrumpft seit 1990 langsam aber kontinuierlich. 48 Wie sich das auf die Ergebnissituation der Kreditgenossenschaften niederschlägt, wird im Folgenden noch untersucht. Gemessen an der Zahl der Hauptbankverbindungen hält die genossenschaftliche Bankengruppe immerhin 23,4 Prozent 49 Marktanteil, was bei einer von der Gesellschaft für Konsumforschung gemessenen Kundentreue von 86 Prozent 50 immerhin ein Kundenpolster von 20 Prozent des Marktes für zukünftige Geschäfte ergibt. 43 [Vollmer, K.-H.], S [Harbrecht, W.], S [Böhnke, W.], S [Böhnke, W.], S [o. V.: Marktanteile der Bankengruppen] 48 [Stappel, M./Henningsen, E.], S. 16 ; Steigende Marktanteile von Kreditgenossenschaften im selben Zeitraum finden sich in Dänemark, Österreich, Portugal, Spanien und insbesondere in Frankreich 49 [o. V.: Viel Bank], S [o. V.: Viel Bank], S. 179

20 KAPITEL 2 AUSGANGSPOSITION DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM BANKENWETTBEWERB SEITE Zinsüberschuss Der Zinsüberschuss als wichtigste Ertragsquelle der Kreditwirtschaft steuert circa drei Viertel aller im operativen Geschäft erzielten Überschüsse bei. 51 Die Entwicklung des Zinsüberschusses der Kreditgenossenschaften im Vergleich zu den Sparkassen und Großbanken zeigt Abbildung 6.1 auf Seite I im Anhang. Trotz des stetigen Rückgangs des Saldos aus Zinserträgen und Zinsaufwendungen sehen sich die Genossenschaftsbanken in einer vergleichsweise guten Ausgangsposition. Der ohnehin magere Zinsüberschuss der Großbanken ist weitaus stärker eingebrochen, was auf eine Schwerpunktverschiebung in dieser Bankengruppe weg vom zinstragenden Geschäft hindeutet. Der ständige Rückgang des Zinsüberschusses in den 90er Jahren bis Dato und die damit einhergehende Verengung der Zinsspanne kann zwar zum Teil auf das anhaltend niedrige Zinsniveau der letzten Jahre zurückgeführt werden, weist aber zusätzlich auf einen sehr harten Wettbewerb in der Kreditwirtschaft hin. Der Zinsaufwand ist aus diesem Grund stärker gestiegen als die Zinserträge. Die Volks- und Raiffeisenbanken weisen zusammen mit den Sparkassen die größten Zinsspannen (Relation zwischen Zinsüberschuss und durchschnittlichem Geschäftsvolumen) auf. Gleichzeitig findet man traditionell in diesen Institutsgruppen im Vergleich mit anderen Bankengruppen relativ hohe Verwaltungskosten in Relation zum Geschäftsvolumen vor. Dies ist ein Hinweis darauf, dass sich ausgedehnte Zinsspannen offensichtlich nur mit den höheren Betriebskosten des breiten Filialgeschäfts erzielen lassen. 52 Die im Vergleich zu großen Banken stärkere Verhandlungsposition gegenüber einem Kundenkreis, der vorwiegend die Banken vor Ort Volksbanken und Sparkassen zur Verschaffung eines Marktüberblicks nutzt, bot den Kreditgenossenschaften 51 [Bundesbank Monatsbericht Juli 1999], S [Christians, U.], S. 556

21 KAPITEL 2 AUSGANGSPOSITION DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM BANKENWETTBEWERB SEITE 13 traditionell einen größeren Spielraum bei der Preisgestaltung. 53 Dieser Vorteil scheint immer mehr zu schwinden. Zur Verengung der Zinsspanne trägt auch bei den Kreditgenossenschaften die starke Umschichtung von Einlagen in Wertpapiere bei Provisionsüberschuss Der Provisionsüberschuss macht etwa ein Fünftel der aggregierten Überschüsse im operativen Geschäft der Banken aus 55 und stellt einen Indikator für die Effizienz der bilanzunwirksamen Geschäfte dar. Durch die sich verengenden Zinsmargen kommt dem Provisionsüberschuss im Blick auf das Betriebsergebnis eine besondere Bedeutung zu. 56 Die aktuelle Entwicklung zeigt Abbildung 6.2 auf Seite II im Anhang. Ein Teil der Zinseinbußen konnte durch gestiegene Provisionserträge ausgeglichen werden. Das liegt in der stärkeren Hinwendung der Kunden zur Wertpapieranlage und der verstärkten allfinanzbezogenen Vermittlungstätigkeit innerhalb der Verbünde und Finanzgruppen. Trotz dieses Trends sind die Provisionserträge bei dem verhältnismäßig stark wachsenden Volumen des zinsunabhängigen Geschäfts nur unterproportional gestiegen. Der Wettbewerb mit Direktbanken, der Wettbewerb untereinander sowie zunehmende Tätigkeit freier Finanzberater und -vermittler drückt kräftig auf die erzielbaren Provisionssätze. Das gilt vor allem für standardisierte sowie beratungsarme Produkte, wie sie zum großen Teil in lokalen Kreditgenossenschaften angeboten werden. Circa 50 Prozent der Provisionserträge bestehen bei den Kreditgenossenschaften zudem aus Erträgen aus dem Zahlungsverkehr. 57 Gerade dieser Bereich bricht durch gänzlich kostenlose Leistung vieler Direktund reiner Internetbanken (z.b. first-e) stark ein, da immer mehr Kunden nicht mehr bereit sind, für diesen Bereich zusätzlich zur in der Regel schlechten Verzinsung des Kontokorrentguthabens auch noch Gebühren zu bezahlen. In Folge 53 [Betsch, O.], S [Pleister, C.], S [Bundesbank Monatsbericht Juli 1999], S [Schliessmann, U.], S [BVR 1999 I], S. 23

22 KAPITEL 2 AUSGANGSPOSITION DER KREDITGENOSSENSCHAFTEN IM BANKENWETTBEWERB SEITE 14 der Rückgänge bei den Gebühreneinnahmen aus dem Devisen- und Sortengeschäft wird die Provisionsspanne in naher Zukunft um weitere 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte sinken 58, sofern der Trend nicht durch höhere Cross-Selling- Quoten gestoppt wird Betriebsergebnis Das Betriebsergebnis vor Steuern ist ein wichtiger Indikator für die Ertragsstärke der Kreditgenossenschaften. Es beinhaltet all diejenigen betriebstypischen Positionen der Gewinn-und-Verlust-Rechnung, die den eigentlichen, satzungsmäßig bestimmten Leistungserstellungsprozess betreffen. 59 Dabei werden das außerordentliche Ergebnis, Finanzergebnis, sowie aperiodische Erfolgskomponenten aus dem Jahresüberschuss abgespalten. 60 Eine grafische Darstellung der Betriebsergebnisentwicklung findet sich in Abbildung 6.3 auf Seite III im Anhang. Auch diese betriebswirtschaftliche Kennzahl weist auf eine vergleichsweise gute Wettbewerbsposition der Volksund Raiffeisenbanken hin zum Beispiel in Relation zu den Großbanken. 61 Trotzdem ist seit 1995 ein ständiger Rückgang des Betriebsergebnisses der Genossenschaftsbanken zu beobachten. Darüber hinaus bewegt sich das Betriebsergebnis der Sparkassen in diesem Zeitraum ständig leicht über dem der Genossenschaftsbanken. Im Jahre 1999 verzeichneten die Sparkassen eine ungewöhnlich starke Steigerung ihres Betriebsergebnisses, während das der Kreditgenossenschaften stagnierte. Die Frage, warum die Kreditgenossenschaften diese Bewegung der Sparkassen nicht mitvollziehen konnten, hängt mit deren Bewertungsergebnis und damit eng mit der Risikosituation zusammen. Abbildung 6.3 auf Seite III im Anhang zeigt deutlich, dass sich dieses Bewertungsergebnis in einem begrenzten Band seitwärts bewegt, während die Sparkassen kontinuierlich ihre Risikovorsorge 58 [Thiesler, E.], S [Coenenberg, A. G.], S [Coenenberg, A. G.], S [Harbrecht, W.], S. 43

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