SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst. Pate gesucht! Zwischen Fürsorge und Finanzierungsmodell. Donnerstag, um 10.

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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Pate gesucht! Zwischen Fürsorge und Finanzierungsmodell Autorin: Redaktion: Regie: Ina Strelow Nadja Odeh Maria Ohmer Sendung: Donnerstag, um Uhr in SWR2 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben (Montag bis Freitag bis Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 erhältlich. Bestellmöglichkeiten: 07221/ Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem kostenlosen Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de SWR2 Leben können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter oder als Podcast nachhören: 1

2 MANUSKRIPT Stuhlpatin Frau G.: Also, Komische Oper, die Stuhlpatenschaft, Gedächtniskirche, die Fugenpatenschaft, Naturkundemuseum, ein Koboldmaki, eine Affenart. Ich bin also dreimal Pate. Buchpate Herr P.: Ein Pate ist immer derjenige, der jemand fördern soll, für den er Pate ist, nicht wahr. Bin ich eben Pate für die Bücher. Stuhlpatin der Komischen Oper Frau G. und Buchpate der Berliner Staatsbibliothek Herr P. Frau G.: Es ist einseitig, dass man einmalig eine Zahlung leistet und im Naturkundemuseum, das ist ja ein Skelett, ich weiß gar nicht wie viel Tausende von Jahre es alt ist. Das ist eine ausgestorbene Affenart und da hab ich auch eben einmal bezahlt, dass es weiterhin gut aufbewahrt wird. Und bei der Fugenpatenschaft, ist doch klar: unsere Gedächtniskirche ist ein Wahrzeichen von Berlin. Und da finde ich es wichtig, ich bin ja gebürtige Berlinerin, dass man grade in so ein Wahrzeichen auch als Privatperson, wenn man kann, was spendet und investiert. Herr P.: Wissen Sie ich bin also mein Leben lang hier n großer Leser, Bücherfreund, ich hab auch eine Büchersammlung. Erst mal bin ich seit zehn Jahren Witwer und zweitens habe ich zwei Kinder, aber keine Enkel. Und nun nagen meine Kinder ja nicht am Hungertuch und deswegen erlaube ich mir hier Geld für Dinge auszugeben für kulturelle Dinge hab ich immer was übrig. Frau G.: Zu achtzig Prozent mindestens sehe ich se als Spende an, denn bei Pate ist das Gegenseitige über Jahre und Jahrzehnte, das hört ja nie auf. Herr P.: Ich freue mich, dass ich das fördern kann, denn durch die vielen kulturellen Angebote hier in Berlin und gerade diese Museen und die Bibliotheken, möchte dadurch, sagen wir mal, eine Kleinigkeit zurückgeben. Klemens Karkow: Patenschaften spielen mittlerweile eine wichtige Rolle, bei der Projektfinanzierung. Zum einen ist der Begriff Patenschaft ein positiv belegtes Wort, das man eben auch aus der eigenen Familie kennt, mit Paten für ein Kind. Dieses Modell wurde ursprünglich von Entwicklungshilfeorganisationen übernommen, wo man auch Patenschaften für Kinder übernehmen konnte. Und das hat sich dort gezeigt, dass es ein erfolgreiches Modell war und viele andere Organisationen haben dieses Modell Patenschaft dann auch übernommen. Klemens Karkow vom Naturschutzbund Deutschland. 2

3 Klemens Karkow: Aus Sicht der Organisation unterscheidet den Paten erst mal vom Spender, dass er eine regelmäßige Zusage für die Spende gibt. Ganz klare Faktoren für den Erfolg sind auf jeden Fall, dass das Projekt wirklich konkret ist, dass man wirklich ganz genau dem Spender sagen kann, wofür das Geld gebraucht wird. Und der andere Erfolgsfaktor ist eben auch ein emotionaler Faktor von so einer Patenschaft. Dingpatin Katharina K.: Das ist eine Plastikspardose, Apple Bank heißt die, das ist eine Sparbüchse in Form eine Apfels mit einem Wurmmechanismus. Das heißt man füttert den Wurm, der aus dem Apfel heraus kommt, mit Münzen. Dingpflegerin Katharina K. im Museum der Dinge in Berlin. Übrigens, ein Geheimtipp unter den zirka 600 Museen der Stadt. Mit seinen Ausstellungen dokumentiert es ein großes Stück Alltagskultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Über Objekte - vom Tropfenfänger über die Höhensonne bis zur Geburtszange, eben Dinge des Alltags - zählt die Sammlung des Museums. Es gibt wohl kaum einen Besucher, der dort nicht wenigstens ein Ding aus seinem eigenen Alltag entdeckt. Und genau dieser persönliche Bezug, dieser emotionale Moment entscheidet oft den Beginn einer Patenschaft - auch über ein Ding. Katharina K.: Diese Patenschaft habe ich spontan übernommen, als ich dieses Exponat hier im Museum vor zwei Jahren gesehen habe bei einer Führung, denn das erinnerte mich an dieses Geschenk der Kreissparkasse Leitershofen zu meiner ersten Kontoeröffnung. Und dieses Exponat oder dieses Ding habe ich seit fast dreißig Jahren nun nicht mehr gesehen und es weckte also Kindheitserinnerungen. Dingpate Peter E.: Ich hab eine Patenschaft übernommen über ein wunderschönes Jugendstil- Weinglas. Und was ich hier eben wunderschön finde, ist, wie der Alltag verdeutlicht wird und auch für mich ganz privat, dass ich hier mal durch einen musealen Ort gehen kann, bei dem ich an einem gewissen Punkt meine eigene Biografie einklinke. Also irgendwann beginnt mein Lebenslauf mit den Dingen, die ich sehe. Dingpfleger Peter E. ist Stadtführer, Autor und Feinschmecker. Er hat seine Tätigkeit mit seiner Vorliebe verbunden - oder umgekehrt - und schreibt über Orte lukullischer Freuden in der Stadt, schreibt über den Genuss im Alltag. Was entspräche ihm da mehr, als eine Patenschaft über ein edles Weinglas zu übernehmen, hat er sich gesagt. Und was läge näher, als über diese Patenschaft einen Ort zu fördern, an den er auch gern die Gäste der Stadt führt. Zumal die Patenschaft zwar symbolisch ist, aber dennoch nicht nur auf dem Papier steht. Peter E.: Ich darf herkommen, ich darf es in die Hand nehmen, man zeigt es mir. Das ist irgendwie was, das trag ich so ein bisschen mit mir rum im Herzen und auf eine angenehme Art und Weise ist es auch ein schönes Vehikel, um ein Museum zu kommunizieren. Also ich glaube, das ist ein toller Werbefaktor. 3

4 Manja Weinert: Einerseits sind die Dingpfleger natürlich im Sinn des Fundraising wichtig fürs Museum mit ihren Spenden. Aber die sind natürlich auch Multiplikatoren, also sie veröffentlichen beispielsweise auch auf ihren Internetseiten, dass sie Dingpfleger sind, sie erzählen anderen Leuten davon oder verschenken selber Dingpflegschaften an andere, so dass das eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda ist fürs Museum. Manja Weinert betreut die Paten, die im Museum der Dinge, Dingpfleger heißen. Von deren Spenden werden sowohl der Erhalt und die Pflege der Sammlung als auch Neuerwerbungen finanziert. Darüber hinaus gibt es aber noch einen anderen Aspekt: Manja Weinert: Mein Ziel ist es, dass diese Dingpfleger sich auch ein bisschen mehr einbringen hier in das Museum über die Spende hinaus. Beispielsweise eben auch im Rahmen von Vorträgen. Wir haben Dingpfleger, die zu ihren Pflegedingen anfangen zu recherchieren. Das ist auch eine Hilfe für uns. Und anonym bleiben die Dingpfleger natürlich auch nicht. Ihre Namen stehen nicht nur im Internet neben den Abbildungen ihrer Objekte, sondern auch auf einer Tafel im Eingangsbereich des Museums. Manja Weinert: Sie identifizieren sich eben schon stark mit diesen Pflegedingen. Und man sieht das auch auf der Internetseite, viele Pfleger hinterlassen da auch Kommentare zu ihren Pflegedingen und da spielen wirklich Begriffe wie Liebe, Erinnerung, Kindheit eine Rolle. Und grade heute, wo eben die Patenschaft im religiösen Kontext ja immer weniger eine Rolle spielt, füllen solche Patenschaften wahrscheinlich auch so diesen Raum aus und man kann sich eben in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen engagieren. Musikaktzent Zitator, Zitatorin: Buchpate. Flusspate. Alleenpate. Wildkatzenpaten. Grünes-Band-Pate. Dingpate. Wetterpate. Familienpate. Engelspate. Wolfspate. Baumpate. Bankpate. Grabmalpate. Lesepate. Minenjagdbootpate. Kinderdorfpate. Wortpate. Fugenpate. Steinpate. Delphinpate. Mönchspate. Insektenkastenpate. Flugkörper-Schnellboot- Pate. Grünflächenpate. Futterpate. Grünes-Band-Patin Frau I.: Ich denke, ich habe eine grüne Ader. Das ist ein Teil von mir. Und der andere Teil von mir ist, dass ich immer in Grenzregionen aufgewachsen bin. Und meine Familie selbst, die kommt auch aus einer Grenzregion. Hier aus Sonneberg, die mütterliche Seite und aus Coburg, die väterliche Seite. Und als ich das gehört hab, dass das Grüne Band symbolisch aufgewertet wird, das hat mich fasziniert. 4

5 Das Grüne Band ist der ehemalige innerdeutsche Grenzstreifen, der über Kilometer durch Wälder, Auengebiete und Moore durch führt. Wie Frau I. ist jeder Pate symbolischer Besitzer eines Stückes des Grünen Bandes und erhält so diesen wiedergewonnenen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Frau I.: An der Ulster. an diesem kleinen Fluss, habe ich einen Eisvogel gesehen, da. wo ich als Kind nie hinkam. Das waren alles so persönliche Dinge, die mich sehr berührt haben. Also für mich, vom Projekt her, eigentlich die faszinierendste Idee, die ich jetzt in den letzten Zeiten beobachtet habe. Als Patin fühlt sie sich dennoch nicht. Für eine wirkliche Patenschaft müsste sie sich ja wohl viel mehr engagieren, sagt sie. Frau I.: Eine Patenschaft bedeutet wirklich für einen Menschen Verantwortung zu übernehmen und ihn zu begleiten. Was macht denn die Wetterpatenschaftsfrau? Wie begleitet denn die ihr Wetter? Wetterpatin Gudrun R.: Das war der Wahnsinn. Das war das unglaublichste Geschenk überhaupt. Ich fand das total irre. Dann kommt mein Tiefdruckgebiet, so Leute, stellt euch drauf ein. Die Wetterpatin Gudrun R. Gudrun R.: Dann kommt das Tiefdruckgebiet Gudrun. Wow. Und dann hab ich allen gesagt: Bin ich nicht toll, Leute, mein Tiefdruckgebiet bleibt jetzt über n Alpen. Das war Schnee auf der Zugspitze und ihr habt jetzt die Sonne. Ihre Tochter Hannah. Hannah R.: Der Grundgedanke war ein schönes Geschenk für sie und weil meine Mutter immer die Wetterkarten verfolgt und auch grad die Namen der Tiefdruck- und Hochdruckgebiete verfolgt und was schenkt man jemandem, der alles hat. Und dabei war es noch nicht einmal zum runden Geburtstag, dennoch, die 199 Euro für das Tiefdruckgebiet Gudrun waren es Tochter Hannah wert. Außerdem wusste sie, dass sie damit auch die Wetterbeobachtung im Wetterturm in Berlin-Dahlem unterstützt, die zum Teil von Studenten der Freien Universität übernommen wird. Und zwar jene Wetterbeobachtung, die eben nur durch das menschliche Auge möglich ist. 5

6 Katrin Krüger: Wir, am Institut für Meteorologie von der FU Berlin, vergeben schon seit 1954 Namen für Hoch- und Tiefdruckgebiete. Aber seit 2002 gibt es die Idee, dass man das im Rahmen von Patenschaften machen kann. Der Grund dafür war einfach, dass wir hier eine 24-stündige Wetterbeobachtung haben, seit mittlerweile über hundert Jahren. Diese Wetterbeobachtung sollte so nicht mehr aufrecht erhalten werden, weil die finanziellen Mittel nicht mehr vorhanden waren. Daher haben Studenten gesagt, sie übernehmen sechzehn Stunden. Und dann hat man sich überlegt, was kann man machen, damit die Studenten auch eine Aufwandsentschädigung erhalten. Katrin Krüger gehört nicht nur zu den Studentinnen und Studenten, die das Wetter im Wetterturm Dahlem 16 von 24 Stunden beobachten, sie kümmert sich auch um alte und um neue Wetterpaten. Gudrun R.: Das hat für mich nichts mit dem ursprünglichen Gedanken einer Patenschaft zu tun. Es wird zu inflationär gebraucht, ganz einfach. Und ich glaube auch, dass wirklich nicht mehr viele Leute drüber Bescheid wissen, was es eigentlich mal bedeutet hat. Bernhard Jussen: Die Anfänge sind eigentlich relativ einfach nachzuvollziehen. Der eine Impuls war, dass so lange es die Erwachsenentaufe gab. ging es darum, dass man so was wie die Seriosität der Taufbewerber prüfen wollte und deshalb bekamen die einen Zeugen, der bei der Taufe bezeugen musste, dass die sich seriös vorbereitet hatten und dass das gute Christen werden. Der andere Kontext war, als man zur Kindertaufe überging, das war im fünften Jahrhundert ungefähr, hatte man das Problem, dass es keinen Taufritus für Kinder gab. Den gibt s bis heute nicht. Der Taufritus tut immer so, als würden Erwachsene getauft. Also es heißt immer: Glaubst du an und dann muss der Täufling antworten: Ich glaube. Und das können Säuglinge nicht und deswegen brauchte man einen Stellvertreter. Die Patenschaft ist also aus der Mischung des Zeugen mit dem Stellvertreter entstanden. Das ist die liturgische Erklärung. Die interessantere allerdings sei die soziale Erklärung, so Mittelalterforscher Professor Bernhard Jussen von der Universität Frankfurt am Main. Bernhard Jussen: Und das ist eigentlich ein erstaunliches Phänomen. Wir können gut sehen in den Zeugnissen aus dem sechsten Jahrhundert, dass die Patenschaft als so eine soziale Institution, wie wir sie heute kennen, im Grunde sofort und auf ganz breiter Basis von der Bevölkerung aufgegriffen worden ist. Gruppen sind schon immer daran interessiert gewesen untereinander Netzwerke aufzubauen. Vor allem wenn Großinstitutionen, wie zum Beispiel der Staat, die soziale Sicherheit des Einzelnen nicht gewährleisten können, müssen insbesondere Netzwerke innerhalb der Verwandtschaft dafür aufkommen. Wobei das aber nicht nur eine Frage der Verpflichtung sein muss. 6

7 Frau R. Ist ja auch so n bisschen so eine Ehre innerhalb der Familie. ja. Und ich weiß, dass ich auch ein bisschen angestoßen war, als meine Schwester bei ihrem jüngsten Sohn mich nicht gefragt hat. Also das hatte für mich schon noch eine Bedeutung. Eine Würdigung auch: Du bist es mir wert, dich um mein Kind zu kümmern, falls ich es nicht mehr kann. Karl-Heinz M.: Also das ist erstens mein bester Freund, der mich gefragt hat. Das fand ich auch eine ganz interessante Bestätigung unserer Beziehung, dass er mich gefragt hat. Ich habe daran irgendwie so gespürt, dass sie tatsächlich so intensiv ist, wie wir immer dachten. Der klassische Patenonkel. Obwohl. so ganz klassisch ist er nun auch wieder nicht. Karl Heinz M. sagt von sich, er sei Atheist. Karl-Heinz M.: Ja, und dann fand ich das eher ein Problem der Kirche, also ob die das macht. Und die haben das gemacht. Ich hab mir selbst was ausgedacht und habe das auch in dem Sinne Eintritt in eine Gemeinschaft formuliert. Aber eben nicht aus einer christlichen Tradition heraus. Also soweit man das überhaupt sagen kann, dass es nicht aus einer christlichen Tradition heraus ist. In allen christlichen Regionen auf der Welt entstanden Patenschaften über das Ritual der Taufe. Seit Jahren. Der Pate ist zuständig für die geistliche Erziehung des Patenkindes. Das war lange die eindeutige Antwort auf die Frage nach der Patenaufgabe. Inzwischen zeichnen verschiedenste Motive und Modelle klassische wie übertragene Patenschaften aus. Die Rolle des Paten ist im Wandel und dennoch bleiben ursprüngliche Werte in heutigen Patenschaften erhalten. So wird auch eine Frage immer wieder gestellt: Wer kümmert sich um mein Kind. wenn mir etwas zustößt. Bernhard Jussen: Was wir bei allen Zeugnissen, die es überhaupt gibt. ausschließen können. ist, dass dieser Fall, dass ein Kind verwaist, irgendeine Rolle gespielt hat. Das ist, was uns zuerst einfällt, wenn die Eltern sterben, dann kümmern sich die Paten um das Kind. Dafür gibt s weder historisch noch in der Ethnologie überhaupt Beispiele. Es sei denn, die Paten sind sowieso Verwandte. Dennoch dachte auch der Freund von Karl Heinz M. an die Versorgung seines Kindes in einem Notfall, als er die Paten für seine Tochter Emma gewählt hat. Daran und an anderes, was Emma und ihr Leben bereichern könnte. Und das kann nie früh genug beginnen - Emma ist heute zwei Jahre alt. Karl Heinz M.: Dass sie so ein bisschen noch eine andere Sicht auf die Dinge über eine zweite beziehungsweise über eine dritte Person bekommt. 7

8 Das ist im Grunde genommen ja auch der Patengedanke, der im christlichen Kontext, dass man christliche Werte und so weiter und so fort vermittelt. Glauben nahe bringt. Bei uns geht s jetzt weniger um Glauben, sondern dann eher um weltliche Aspekte. aber unter einer weltlichen Betrachtung auch sicherlich mal um Glauben. Um Glauben. um Erziehung. um Werte. um Zeit und freie Zeit. um Verantwortung. Verabredungen und es geht um das Gefühl auch noch zu einer anderen Familie zu gehören. Karl Heinz M.: Ich finde, das ist so eine Form von Einbeziehung, von Selbstverständlichkeit, die ich einfach als angenehmes Gefühl erlebe. Anerkannt sein, einbezogen werden, wichtig für jemanden zu sein, in dieser Form. Seit ihren Anfängen wurde die Patenschaft mit dem Vokabular der Kleinfamilie benannt. Pate kommt von Pater, also Vater und so hießen die Paten pater spiritualis und mater spiritualis, geistlicher Vater und geistliche Mutter. Ins Deutsche auch mit Gevatter, Mit-Vater oder Mit-Mutter übersetzt. Die familiennahe Stellung der Paten zeigte sich auch dadurch, dass bestimmte innerfamiliäre Regeln auf die Patenschaft übertragen wurden. Zum Beispiel das Inzestverbot. Einen Paten durfte man genauso wenig heiraten wie einen Onkel. Ab dem 18. Jahrhundert bestimmten dann immer deutlicher weltliche Züge das christliche Patenamt. Neben Verwandten wurden Bekannte und Geschäftspartner als Paten benannt, von denen sich die Familie durchaus gesellschaftliche Vorteile versprach. Es ging nicht mehr nur um die Gottesfürchtigkeit des Paten. Es ging um Wohlhaben, um Einfluss, um Status. Und heute? Die Anzahl der Taufen in Deutschland und damit die christlichen Patenschaften gehen stetig zurück. In den letzten zwanzig Jahren um etwa dreißig Prozent. Patenschaften, die im nichtchristlichen Kontext über ein Kind übernommen werden, können nicht beziffert werden, weil sie nicht registriert werden, dass aber die Zahl der modernen Projektpaten stetig wächst, das steht außer Frage. Bernhard Jussen: Man überträgt etwas aus dem religiösen Bereich, in dem es auch heute noch seinen eindeutigen Ursprung hat, gewissermaßen metaphorisch auf andere Bereiche. Also erstens es ist offensichtlich hoch positiv besetzt, Pate zu sein und es ist ganz offensichtlich, dass es ein Freiwilligkeitssystem ist und funktioniert. Ja, also eine Patenschaft für was zu übernehmen, ist offensichtlich was Anstrebenswertes und etwas, womit man Ehre einsammeln kann. Karl Heinz M.: Ich fand das sehr schön, dass er auf die Idee gekommen ist, mich zu fragen. Doch ja klar. Ich war ganz stolz. Frau G.: Und heute nachher habe ich dann wieder Vorstellung, da geh ich meinen Stuhl besuchen. Da ist nämlich ein Schild mit dem Namen dran und dann Dankeschön für Ihre Spende für die Stuhlpatenschaft. 8

9 Frau I. Also wenn wir so davon sprechen, denke ich, ist der Begriff Patenschaft ein bisschen eine Bauernfängerei. Und letztendlich sind s alle finanzielle Unterstützungen. Gut. wenn da drüber Geld in die Kasse kommt, kann s der Sache nicht schaden. Klemens Karkow: Ich denke auf jeden Fall, dass das ein Modell ist, was noch wachsen wird in der Zukunft. Patenschaften durch die längere Bindung - wird für Organisationen wichtiger. Andererseits denke ich, dass es auch nur ein kleiner Teilbereich von vielen im Fundraising-Mix einer Organisation ist. Ziator/Zitatorin: Buchpate. Flusspate. Alleenpate. Wildkatzenpaten. Grünes-Band-Pate. Dingpate. Wetterpate. Familienpate. Engelspate. Wolfspate. Baumpate. Bankpate. Grabmalpate. Lesepate. Minenjagdbootpate. Kinderdorfpate. Wortpate. Fugenpate. Steinpate. Delphinpate. Mönchspate. Insektenkastenpate. Flugkörper-Schnellboot- Pate. Grünflächenpate. Futterpate Wortpate Rudolf K.: Und eines Tages kam er und meinte: Wie wär s denn mit einer Patenschaft? - ch sage, 36,80 jeden Monat? - So ist es nicht. Es ist eine moralische Patenschaft. Kostet kein Geld. Sie stehen nur dahinter. Ja, und dann hab ich gesagt, das mach ich natürlich. Wortpatin Angelika Sch.: Ich wollte es verschenken und dann hab ich mir gesagt: Warum will ich das verschenken? Ich behalte das selber: Arkadien. Die Wortpaten. Rudolf K. und Angelika Sch.. Thomas Mindner Unentwegt haben wir überlegt, wie können wir das positive Augenmerk auf die deutsche Sprache legen. Die Schönheit, die in ihr steckt, die Kraft, die Lebendigkeit, die Vielfalt, grad unter dem Einfluss des Englischen und die deutsche Sprache lebendiger gestalten. Am 21. Februar 2006, dem Internationalen Muttersprachentag. war es so weit. Aus der Idee wurde die Aktion Wortpatenschaft, der Thomas Mindner vorsteht. Thomas Mindner: Die Kernidee bei der Wortpatenschaft ist also. wir geben die Sprache in kleinen Häppchen bei jedermann in Pflege. jeder Pate schützt sein Wort und alle Paten zusammen damit die gesamte Sprache. Angelika Sch.: Ich hab mich zweieinhalb Jahre ganz intensiv mit dem Wort Arkadien beschäftigt aufgrund einer Ausstellung. Für mich ist es so, grad bei dem Wort Arkadien ist es mir bewusst geworden, weil es so missbräuchlich im Umlauf ist, dass es eigentlich wirklich schon fast Schutz verdient als Wort. 9

10 Denn das Wort Arkadien wird für Einkaufsstätten, für Marken und alles benutzt und eigentlich auch verramscht und verschleudert und diese Findung nach dem Ursprung des Wortes war für mich selber so ein irrer Bewusstseinsprozess, dass ich eigentlich mich immer mehr damit auseinander gesetzt hab. Thomas Mindner: Sobald das Wort Wortpatenschaft fällt in einer Runde. werden die meisten Leute sehr hellhörig. Und dann ist eigentlich der Zweck des Ganzen schon erreicht, es wird über die Sprache gesprochen, der Scheinwerfer des Lichts ist auf der Sprache und mehr können wir nicht wollen. Rudolf K.: Es ist ein Wort. eine Idee, die Patenschaft als Idee. Und daraus entwickelt sich so eine Lebenssituation. Wir sprechen jetzt zum Beispiel über das Wort Krawatte. Wir setzen uns jetzt mit der Sprache als solches auseinander, mit dem Wort im Besonderen, das es also globale Bewegung, europäische Bewegung verbaler Art immer schon gegeben hat. Das alles macht die Sache doch liebenswert, weil lebensnah. Oder? Peter E.: Für mich ist dieses Phänomen der Patenschaft eine sehr moderne und zeitgemäße Interpretation der klassischen caritativen Spende. Und, ich würd s nicht als inflationär sehen. Natürlich haben es immer mehr Einrichtungen für sich entdeckt, dass es eine Möglichkeit ist. Und nur weil wir jetzt heute in einem bürokratischen System leben, das vieles regelt, so heißt das nicht, dass dieses Phänomen des irgendwie gegenseitigen Unterstützens als moralische Verpflichtung nun aus der Welt wäre. 10

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