Elterngespräch im Kontext Kinderschutz Inhalt Seite 1) Grundlagen der Gesprächsführung 2 2) Gesprächsleitfaden 3 3) Konkrete Gesprächsbausteine 6 4) Mögliche Gesprächsverläufe 7 5) Erläuterungen zum Dokumentationsformular 8 Dokumentationsformular Elterngespräch Schutzauftrag Elterngespräch I Inhalt
1) Grundlagen der Gesprächsführung In Elterngesprächen treffen verschiedene Erwartungen, Fragen, Haltungen, Vorstellungen und Unvorhergesehenes aufeinander. Ziel eines gelungenen Gespräches zwischen den Fachkräften und den Personensorgeberechtigten (Eltern) ist es, zum Wohle des Kindes gemeinsam eine einvernehmliche, die Gefährdung abwendende Lösung herbeizuführen. Daher ist es wichtig und hilfreich sich auf das Gespräch gut vorzubereiten. In Gesprächen gibt es mehrere Ebenen, deren Unterscheidung wichtig ist, um das eigene Gesprächsverhalten und das des Gegenübers besser einordnen und verstehen zu können. Eines der bekanntesten Modelle zur Differenzierung ist das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun, in dem er vier Aspekte einer Nachricht bzw. Botschaft unterscheidet: Sachinhalt (oder: worüber ich informiere) Selbstkundgabe (oder: was ich von mir selbst kundgebe) Beziehung (oder: was ich von dir halte und wie wir zueinander stehen) Appell (oder: wozu ich dich veranlassen möchte) In jedem Gespräch sind sowohl sachliche Informationen als auch Beziehungsbotschaften enthalten. Beachten Sie folgende Gesprächsregeln: Gesprächsleitfaden nutzen schwierige Gespräche sollten gut vorbereitet werden (Nehmen Sie sich Zeit für die Begrüßung, den Hauptteil, den Gesprächsabschluss und die Nachbereitung.) Rollenklärung - eigene Gefühle im Vorfeld reflektieren, eigene Grenzen und Möglichkeiten kennen Ich-Botschaften sind weniger anklagend als Du-Botschaften ( Mir ist aufgefallen, dass..., Ich bin besorgt um... ) offene Fragen (keine Warum-Fragen, keine Suggestivfragen) Fragen offen, positiv, wertfrei und verständlich formulieren Setting/Atmosphäre Achten Sie auf die Rahmenbedingungen des Gesprächs! (nicht zwischen Tür und Angel) aktives Zuhören Sorgen und Ängste der Eltern wahrnehmen und verstehen, spiegeln, Ankoppeln, Erscheinen der Eltern wertschätzen, Angleichen an Gesprächspartner (Pacen), Türöffner einsetzen Lösungsorientierung Bleiben Sie nicht auf das Problem fokussiert, helfen Sie den Eltern auf die Lösungsseite! klären, ob man für eigenen Schutz sorgen muss Dokumentation klären Schutzauftrag Elterngespräch I Grundlagen der Gesprächsführung 2
2) Gesprächsleitfaden Vorbereitung zu Dauer, Problem, Ziel Ordnen Sie Ihre Gedanken, legen Sie das Ziel des Gespräches fest, und planen Sie Inhalte und Struktur. Das benötigt zwar eine gewisse Zeit, spart diese im Nachhinein jedoch wieder ein, da das Elterngespräch zufriedenstellend endet und i. d. R. wenig nachbereitet werden muss. Wertschätzung und Respekt gegenüber den Eltern Die innere Haltung zum Gesprächspartner ist für erfolgreiche Elterngespräche ausschlaggebend. Wichtig ist Balance zwischen Empathie und Distanz Verstehen, aber nicht einverstanden sein. Reflektieren Sie sich bereits vor dem Gespräch: Was denke ich über die Eltern? Nehme ich die Eltern als gleichberechtigte Gesprächspartner wahr und ernst? Kenne ich ihre Werte, ihre Geschichte, ihre Probleme und vor allem: Erkenne ich das an? Nur wer seinem Gegenüber nicht die eigenen (Erziehungs-)Werte und Glaubenssätze aufdrückt und erkennt, dass jeder Mensch eigene (andere) Werte und Glaubenssätze hat, kann ihn als Persönlichkeit annehmen und respektvoll behandeln. Sollten Sie versuchen, Eltern Respekt und Wertschätzung zu vermitteln und dies nicht empfinden, werden Sie scheitern, da Ihre Körpersprache Sie verraten wird. Bleiben Sie also authentisch! Störungen ausschalten (Telefon umstellen, Schild an Tür) Achten Sie darauf, dass Sie sich genügend Zeit für das Elterngespräch nehmen und keine Störungen auftreten; daher Telefon umstellen, Schild an die Tür etc. Damit zollen Sie den Eltern bereits vor dem Gespräch Respekt und signalisieren: Die Eltern stehen im Fokus meiner Aufmerksamkeit, ich stelle mich auf ihre Bedürfnisse ein. Freundliches Begrüßen Begrüßen Sie die Eltern freundlich und zugewandt, gehen Sie ihnen entgegen. Ein Lächeln und ein kurzer Smalltalk über den Weg oder das Wetter können ein positiver Gesprächseinstieg sein. Egal, wie schwierig das Thema des Gespräches wird, lassen Sie die Eltern spüren, dass sie willkommen sind. Rahmen festlegen zu Dauer, Inhalt, Ziel, dazu das Einverständnis erfragen Informieren Sie Eltern über die Gesprächsdauer, die Gesprächsinhalte und das Gesprächsziel. Fragen Sie nach, ob die Eltern damit einverstanden sind. Das öffnet Ihnen die Tür zur Mitarbeit, da Ihre Gesprächspartner sich dadurch gewertschätzt fühlen und eine Wahl haben. Stellen Sie den Eltern ganz klar den Sachverhalt dar, um den es geht. Betonen Sie dabei, dass es Ihnen, genauso wie den Eltern, ausschließlich um das Kind und dessen Wohlergehen geht. Untermauern Sie bei Ihrer Gesprächsführung jeden kritischen Inhalt, den Sie benennen, mit einem gut ausgewählten, anschaulichen Beispiel oder einer Beobachtung aus dem typischen Verhaltensrepertoire des Kindes. Schutzauftrag Elterngespräch I Gesprächsleitfaden 3
Aktives Zuhören und Nachfragen Geben Sie den Eltern die Möglichkeit, ihre Sicht zum Problem ausführlich darzulegen. Wiederholen Sie wichtige Aussagen und fragen Sie nach, ob Sie diese richtig verstanden haben. Das signalisiert: Hier hört uns jemand gut zu und zeigt Interesse. Beispiel: Habe ich Sie richtig verstanden, Benny macht Ihnen auch zuhause Probleme?. Fragen und Vorschläge in Frageform Formulieren Sie Vorschläge zu Veränderungen als Fragen. Beispiel: Meinen Sie, dass es Sinn macht, eine andere Erziehungstaktik als bisher zu versuchen? Einerseits regen Sie durch Fragen die Gesprächspartner zum Nachdenken an. Andererseits haben Eltern die Wahl und das Gefühl, selbst auf die Idee gekommen zu sein und sind so eher bereit, eine Veränderung herbeizuführen. Sie haben die Gesprächsführung in der Hand, wenn es Ihnen gelingt, möglichst viele offene Fragen, so genannte W-Fragen, beispielsweise Wer? Was? Wann? Warum? Wie? Wogegen? Weshalb?, zu stellen, aber keine Warum?- Fragen oder Suggestivfragen (= eine Frage, die so gestellt wird, dass eine bestimmte Antwort besonders nahe liegt). Eltern loben Loben und wertschätzen Sie Eltern für die mit Fragen erarbeiteten Ideen. Das hebt das Selbstwertgefühl der Eltern. Formulieren von positiven Aussagen Auch wenn das Elterngespräch mit einem für die Eltern belastenden Ergebnis endet, sorgen Sie für eine Win-win-Situation. Formulieren Sie Ihr Anliegen so, dass eine positive Aussage entsteht. Beispiel: Ihr Sohn haushaltet zwar gut mit seinen Kräften und weiß seine Gesundheit zu pflegen, aber (statt: Ihr Kind ist faul und kriegt seinen Hintern nicht hoch ) Achten Sie darauf, sachliche Informationen zu vermitteln. Greifen Sie die Eltern nicht auf persönlicher Ebene an, denn Beziehungsbotschaften sind kontraproduktiv. Beispiel: Sie haben als Eltern versagt. Wenn ein Konsens zum Ziel nicht möglich ist, schließen Sie Kompromisse! Dann haben beide Seiten trotzdem einen Erfolg zu verzeichnen. Bahnen Sie im kritischen Elterngespräch immer Unterstützungsleistungen an, wie etwa eine begleitende Erziehungsberatung, eine Familientherapie oder die Inanspruchnahme verschiedener Angebote (Elternkompass). Ergebnisse dokumentieren Halten Sie die Ergebnisse und Maßnahmen fest (Protokoll). Fassen Sie am Ende des Gespräches noch einmal zusammen, was die Eltern übernehmen und wie sie mit dem Kind in Zukunft arbeiten möchten. Halten Sie diese Vereinbarungen schriftlich fest. Schutzauftrag Elterngespräch I Gesprächsleitfaden 4
Abschluss Gerade in Gesprächen, die sehr konfliktreich verlaufen sind, kommt der Abschlussphase eine besondere Bedeutung zu. Versuchen Sie im Sinne des Kindes, trotz des Unmuts, den Sie vielleicht empfinden, die Tür für eine weitere Zusammenarbeit mit den Eltern offenzuhalten. Kehren Sie Meinungsverschiedenheiten nicht unter den Tisch, aber heben Sie positive Ergebnisse unbedingt hervor. Beispiel: Auch, wenn wir nicht in allen Punkten übereinstimmen, haben wir doch etwas erreicht. Danken Sie Ihrem Gesprächspartner dafür, dass er sich die Zeit genommen hat und auch für seine Beiträge. Beispiel: Ich bin froh, dass wir miteinander gesprochen haben, denn jetzt kann ich besser verstehen, warum... Beenden Sie das Gespräch mit einer freundlichen Verabschiedung. Wichtig: Schätzen Sie ein, ob die Eltern kooperativ (Bereitschaft) und ausreichend kompetent (Fähigkeit) sind, um die Kindeswohlgefährdung abzuwenden. Wenn die Eltern nicht in der Lage oder nicht gewillt sind zu kooperieren, um den Schutz des Kindes zu gewährleisten, sind weitere Schritte notwendig, über die Sie die Eltern informieren sollten. Schutzauftrag Elterngespräch I Gesprächsleitfaden 5
3) Konkrete Gesprächsbausteine Gründe für das Gespräch klar benennen und Sorge formulieren Beispiel: Ich bin in Sorge um Ihr Kind, weil ich beobachtet habe, dass... Verdacht klar benennen / Aufzeigen von Konsequenzen Beispiel: Ich vermute, dass... oder Ich bin verpflichtet zu handeln, so dass ich mir keine Sorgen um das Kind mehr machen muss... Haltungen der Eltern dazu erfragen Beispiel: Wie sehen Sie das? Herausarbeitung des Unterschiedes in der Wahrnehmung Beispiel: Ich verstehe, was Sie meinen, ich sehe das etwas anders / ich vermute eher, dass... gemeinsames Ziel annehmen Schutz und gute Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes Beispiel: Sie wollen, dass es Ihrem Kind gut geht, dies ist auch mein Anliegen. Entpathologisieren Beispiel: Kinder sind herausfordernd. Es gibt viele Eltern, die hin und wieder an ihre Grenzen stoßen. Verantwortung klar vermitteln Beispiel: Es ist trotzdem wichtig, dass Sie in solchen Momenten die Bedürfnisse des Kindes wahrnehmen. Es ist Ihre Aufgabe als Mutter/Vater, für das körperliche und seelische Wohl des Kindes zu sorgen. Ressourcen abfragen und gemeinsam Ideen für Verbesserung der Situation entwickeln Beispiel: Wie sahen schöne gemeinsame Zeiten aus? Steht Ihnen jemand zur Seite? Hilfsmöglichkeiten aufzeigen und Kontaktdaten mitgeben bzw. Kontakt vermitteln Beispiel: In Ihrem Fall kann ich mir gut vorstellen, dass Ihnen... hilft. Bedürfnisse des Kindes gemeinsam reflektieren Beispiel: Können Sie sich vorstellen, was Ihr Kind jetzt brauchen könnte? klare schriftliche Vereinbarung über das weitere Vorgehen Beispiel: Wir haben jetzt vereinbart, dass Schutzauftrag Elterngespräch I Konkrete Gesprächsbausteine 6
4) Mögliche Gesprächsverläufe Verhalten der Eltern abwehrend, aggressiv, lassen sich auf die vorgebrachte Sorge überhaupt nicht ein zurückhaltend, können mit der vorgebrachten Sorge scheinbar nichts anfangen sehen auch Belastungssymptome beim Kind, stellen aber keinen Zusammenhang zu ihrem Verhalten her öffnen sich und sind bereit an Veränderungen auch des eigenen Verhaltens mitzuwirken - sachlich und ohne Vorwürfe feststellen, dass man momentan keinen Konsens findet - zeitnah einen zweiten Termin ausmachen, da die vorgebrachte Sorge weiter besteht - transparent den weiteren Verfahrensweg aufzeigen - vorschlagen, sich regelmäßig wöchentlich auszutauschen, wie man das Kind jeweils erlebt und wie sich die Situation weiter entwickelt - transparent den weiteren Verfahrensweg aufzeigen - mit den Eltern gemeinsam überlegen, was dem Kind helfen und Entlastung schaffen kann - entsprechende Hilfsangebote aus dem Elternkompass empfehlen und einleiten - Entwicklung des Kindes weiter verfolgen und mit den Eltern im Gespräch bleiben - transparent den weiteren Verfahrensweg aufzeigen - Vereinbarungen und Hilfen bezüglich der Eltern und Kinder treffen - entsprechende Hilfsangebote aus dem Elternkompass empfehlen und einleiten - Entwicklung des Kindes weiter verfolgen und mit den Eltern im Gespräch bleiben Reaktion der Fachkraft Schutzauftrag Elterngespräch I Mögliche Gesprächsverläufe Quelle: vgl.: Forschungsgruppe Petra 2009, www. Projekt-petra.de 7