Spinodale Entmischung

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Transkript:

Benjamin Andrae Spinodale Entmischung Seminarvortrag im Hauptseminar zur statistischen Mechanik bei Prof. Dr. Erwin Frey

Inhalt: Vorbemerkung zur Methode Qualitatives Quantitatives Weiterführendes: Van-der-Waals Gas Ergänzungen Literatur

Ziel: Vorbemerkung zur Methode Quantitative und Qualitative Beschreibung von Entmischungen Zugrundeliegende Theorie: Thermodynamik der Gleichgewichte, Beschreibung der Dynamik als Wechselwirkung von vielen Gleichgewichten Ergebnis: zumindest qualitativ richtige Beschreibung der beobachteten Entmischung

Entmischungsvorgänge Prozesse bei denen sich eine Phase in verschiedene Phasen teilt. Im Folgenden : Zwei Phasen einer binären Mischung (z.b. Metall-Legierung)

Stabilität von Legierungen Fig. 1 Mischung in Fig. 1 ist stabil Eine homogene binäre Mischung wird durch eine Konzentration vollständig charakterisiert (insgesamt konstante Teilchenzahl) Das örtliche chemische Potential µ=v * df/dc. (konstantes örtliches Volumen, konstante Temperatur) Koexistenz nur für µ 1 = µ 2, also für Doppeltangente in F/c Diagramm.

Eine Form der freien Energie, die Koexistenz zweier Konzentrationen ermöglicht Koexistenz in Fig. 2 möglich. Fig. 2 Abhängigkeit der Form der freien Energie von der Temperatur in Fig. 3. Für weitere Überlegungen: Form der freien Energie fest, also ideales quenching. Fig. 3

Fig. 4 Fig. 5 Fig. 6 Metastabil stabil instabil Binodal und Spinodal Stabile Konzentrationen gegen Temperatur angetragen ergeben Koexistenzkurve, genannt Binodal Für beide Konzentrationen c 0 und c 0 in Fig. 5 Entmischung in Gebiete mit c 1 und c 2. Ziel: Verringerung der freien Energie. Örtlich dµ/dc>0 Bewegung zu niedrigen Konzentrationen. Örtlich dµ/dc<0 Bewegung zu höheren Konzentrationen Wendepunkte in Fig. 5 definieren eine Spinodal.

Nukleation (Berg-ab-Diffusion) Meta-stabiler Bereich: Ausgleich kleiner Fluktuationen. Trotzdem Koexistenz: große Fluktuation Örtliches Einstellen der günstigen Konzentrationen normale Diffusion führt zur Entmischung. Die Zeitskala solcher großen zufälligen Fluktuationen ist Unterkühlung verlängerbar um Entmischung zu verhindern. Fig. 7

Spinodale Entmischung (Berg-auf-Diffusion) Unterhalb des Spinodals Verstärkung jeder Fluktuation. Entmischung geschieht eine Wellenlänge wird maximal verstärkt. Langwellige Fluktuationen langsam wegen Teilchentransport. Sehr kurzwellige Fluktuationen schaffen zuviel energetisch ungünstige Oberfläche wachsen garnicht. Bisher: Freie Energie der Entmischung als Summe der freien Energien der Gebiete. Nun: Oberflächenterm. Fig. 8

Fig. 9 Vergröberung ( coarse-graining ) Vergröberung des Systems schon implizit verwendet (örtliches chem. Potential). kleinen Volumenelemente, in denen schnell ein Gleichgewicht entsteht. Annahme: Wellenlängen innerhalb der Volumenelemente energetisch ungünstig Betrachte nur Fluktuationen, die die Konzentration innerhalb eines Volumenelementes weitgehend konstant lassen.

Das Funktional der freien Energie Jetzt: Ausdruck für freie Energie der Entmischung mit Oberflächenterm. Wahl: κ( ρ) 2 (einfache, stets positive Abhängigkeit von Gradienten der Dichte) F = f(ρ(r)) + κ( ρ(r)) 2 dv Dabei ist κ eine von beiden Materialien abhängige Konstante. Geometrischer Einfluss durch verschieden große Teilchen vernachlässigt.

Kontinuitätsgleichung und Flussdichte Erhaltung der Teilchenzahl Kontinuitätsgleichung dρ/dt = - j(r,t) Die gewöhnliche Definition der Flussdichte (mit D = konst.) j = - D ρ ist nicht ausreichend, weil so nur Berg-ab-Diffusion stattfindet. Fluss in Richtung der Gebiete mit geringerem chem. Potential: j = - M µ(r,t) M ist Mobilitätskonstante µ wird abhängen von F, also von ρ.

Das Chemische Potential als Funktionalableitung δf = µδn. Änderung von F bei Änderung von N (und somit von c) gibt einen neuen Ausdruck für das chemische Potential, der den Einfluss des Gradiententerms beinhaltet. µ( r, t ) = δ F[ρ( r, t )] / δ ρ( r, t ) Es ergibt sich nach Funktionalableitung: µ( r, t ) = d f(ρ( r, t )) / d ρ( r, t ) - 2κ 2 ρ( r, t ) Erster Term: Abhängigkeit des chem. Potentials eines Volumenelements von der Änderung der örtlichen freien Energie mit der örtlichen Konzentration (ohne Formulierung der Form der freien Energie nicht näher zu bestimmen). Zweiter Term: Einfluss der Oberflächen.

Die Herleitung der Cahn-Hilliard Gleichung Einsetzen in die Definition der Flussdichte: j( r, t ) = -M [δ 2 f / δ ρ 2 ρ - 2κ 3 ρ ] Einsetzen in Kontinuitätsgleichung ergibt Differentialgleichung: Cahn-Hilliard Gleichung. dρ/dt = M [δ 2 f / δ ρ 2 2 ρ - 2κ 4 ρ ] Bei dem zweiten Schritt wurde die Annahme gemacht, dass δ 2 f / δ ρ 2 unabhängig von ρ und damit von r ist. Das gilt offensichtlich nicht allgemein, sondern nur für den Anfang der Entmischung, wo wegen der kleinen Konzentrationsabweichungen vom Anfangszustand Fig. 2 durch ein Polynom 2ter Ordnung angenähert werden kann.

Die Lösung der Cahn-Hilliard Gleichung Zur Lösung: Fourier-transformation. (-ik) dρ/dt = -M ρ( k, t) [δ 2 f / δ ρ 2 k 2 + 2κk 4 ] Lösung dieser Gleichung ist offensichtlich: ρ( k, t) = ρ( k, 0) exp[-mk 2 (δ 2 f / δ ρ 2 + 2κk 2 )t] Es wachsen also solche Wellenlängen λ = 2π/κ exponential an, für die (δ 2 f / δ ρ 2 + 2κk 2 ) < 0 gilt. ρ( k, 0) ist anfängliche Dichte-Fluktuation.

Fig. 10 Fig. 11 Interpretation Ableiten von M k 2 (δ 2 f / δ ρ 2 + 2κk 2 ) ergibt den am schnellsten wachsende Wellenvektor als: k max = [-(δ 2 f / δ ρ 2 ) / 4κ] Nullsetzen von M k 2 (δ 2 f / δ ρ 2 + 2κk 2 ) ergibt den Kritische Wellenvektor k c = [-(δ 2 f / δ ρ 2 ) / 2κ] Fig. 11: Durch spinodale Entmischung einer Polystyrene- Polybutadiene-Toluene Mischung entstandenes Muster. Links oben in Fig.11: Fouriertransformierte zeigt die Existenz einer typischen Wellenlänge.

Fig. 12 Fig. 13 Van-der-Waals Gas Analogien zu einem Phasenübergang beim Van-der- Waals Gas. Grenzen des Koexistenzbereichs in Fig. 12 sind gleichzeitig die Punkte mit Doppeltangente in Fig. 13. Wegen P = - ( F/ V) stimmen die Wendepunkte in Fig. 13 mit den Extrempunkten der Van-der- Waals Isotermen überein Beim Van-der-Waals Gas durch Unterkühlung eine Phasentrennung verhinderbar, bis das System in den Bereich innerhalb der so definierten Spinodalen kommt.

Funktionalableitung Um die erste Funktionalableitung eines Funktionals nach einer bestimmten Funktion zu bestimmen, betrachet man, wie sich das Funtional bei einer kleinen Änderung der Funktion verändert: (1) δf[ρ(r)] = dr [ (ρ(r ) + δρ(r ))] 2 = (2) = dr 2[ (ρ(r )] [ δρ(r )] = (3) = - dr 2[ 2ρ(r )] δρ(r ). Bei Funktionalen der Form F[g(r)] = dr G(g(r )) ist die Funktionalableitung erster Ordnung definiert über δf[ρ(r)] = dr (δf[g]/ δρ(r )) δρ(r ) wobei (δf[g]/ δρ(r )) die Funktionalableitung darstellt. In unserem Fall ergibt sich also (δf[ρ]/ δ ρ(r )) = -2[ 2ρ(r )] Von (1) nach (2) wurde verwendet, dass, um die Änderung zu erhalten, noch der unveränderte Term abgezogen werden muss. Von (2) nach (3) wurde partiell integriert, wobei der Randterm nach dem Satz von Gauss, bei an den Rändern verschwindender Funktion, wegfällt.

Mit Hilfe der Funktionalableitung kann auch formal klar gemacht werden, warum µ(r,t) = δ F[ρ] / δ ρ(r,t) gilt. Es ist nämlich V = dr und eine Veränderung der freien Energie δ F liegt an Veränderungen δ dn(r ) der Teilchenzahl in so einem Volumen, die wiederum eine Änderung der Dichte δ ρ (r ) = δ dn(r ) / dr. Damit lässt sich δ F schreiben als µ(r ) δ dn(r ) = = dr µ(r ) δ ρ (r ). Hier ist nun gemäß der Definition der Funktionalableitung gezeigt, dass µ(r) = δ F[ρ] / δ ρ(r) gilt

Für die hier verwendeten Funktionen gilt: Fourierentwicklung f ~ (k) = (1/2π) - f(x) e ikx dx und mit g(x) = f(x) also auch g ~ (k) = (1/2π) - e ikx f(x) dx und mittels partieller Integration dann g ~ (k) = (-ik) (1/2π) - e ikx f(x) dx = = (-ik)f(x). Man kann also beim Übergang in der Fourierraum Gradienten durch (-ik) ersetzen.

Literatur 1. Hellmig, Ralph Jörg: Phasenumwandlungen, Technische Universität Clausthal, Ws 2005/2006 (Fig. 7 und Fig. 8) 2. Bhadeshia, H.K.D.H.: Thermodynamics of Diffusion 3. Dhont, Jan K.G.: An Introduction to Dynamics of colloids, Elsevier Science B.V., Amsterdam, 1996 (Fig. 9) 4. Saidov, A.A. & Khabibullaev: Phase Seperation in Soft Matter Physics, Springer Verlag, Berlin-Heidelberg, 2003. 5. Liquid-liquid unmixing-kinetics of phase seperation (Fig. 10 und Fig. 11) 6. Schwabl, Franz: Statistische Mechanik, Springer Verlag, Berlin-Heidelberg, 2000. (Fig. 12 und Fig. 13) 7. http://math.gmu.edu/~sander/movies/spinum.html (Titelanimation) Bei Fragen wegen der Unvollständigkeit des Literaturverzeichnisses bitte e-mail an: benjamin.andrae@web.de