Steffanie Krank. Zwillingswelt. mundus geminarum

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3 Steffanie Krank Zwillingswelt mundus geminarum

4 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar. Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten novum publishing gmbh ISBN Lektorat: Sigrid Jost-Topitsch Cover: Steffanie Krank Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem Papier. AUSTRIA GERMANY HUNGARY spain SWITZERLAND

5 Widmung Ich widme dieses Buch all denen, die, wie ich und meine eigenen Kinder auch, in ihrem Leben schon einmal die Erfahrung gemacht haben, wie es ist, wenn man in der Schule sowohl von Schülern als auch von Lehrern gemobbt wird. Wie es sich anfühlt, wenn an sich streitbare Menschen sich plötzlich zu einer Art Geheimbund zusammenschließen, nur um dich zu quälen und fertigzumachen, und du keine legale Chance mehr hast, dich zur Wehr zu setzen. Und wie es sich anfühlt, wenn dann irgendwann dein ganzes Leben scheinbar am Boden ist. Zwillingswelt, mein zweites Buch, versucht euch allen, wenigstens in eurer Fantasie, ein wenig Linderung für diesen Schmerz zu verschaffen. Auch mir ist es lange so ergangen wie euch. Möge diese Geschichte euch den Glauben an die heilende Kraft der Fantasie wiedergeben und euch ein wenig den tristen, grauen und leider nur allzu normalen Alltag versüßen! Viele Grüße: Steffanie K. F. Krank 5

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7 Inhaltsverzeichnis 1. Hipkrids Das Unglück Neue Wege Die Pforte Alles anders Navigan Erklärungen Die Abreise Auf See Die Festung Wahrheiten Pandoras Weg Kassandras Weg Die Geburtstagsprüfung Das Disparierportal Der Weg nach Navigan Der erste Kampf Wiederaufbau Die Falle Aufbruch Erstes Aufeinandertreffen Der Weg des Amnestoren Reise in den Süden Lockstoffe Der Kampf Eingriff der Noctarier Kampf der Auserwählten Das Ende der Kämpfe Abschied auf Zeit Zwei neue Reiche

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9 1. Hipkrids Verpisst euch, Freaks! Geht dahin zurück, wo ihr hingehört!, schallte eine gehässige Mädchenstimme unter den Anfeuerungen ihrer Clique durch die dichte Hecke aus Lebensbäumen, die das alte Haus am Rande der Faithlane nahezu undurchdringlich umgab. Ja!, ließ sich ein Junge aus derselben Gruppe mitreißen: Auf den Kompost!, kreischte er. Die Jugendlichen lachten laut und höhnisch und begannen, Müll, Äste und größere Kiesel über die Hecke zu werfen. Uno, der junge weiße Staffordshire Terrier, der zur Familie de Miro gehörte, welche dieses Anwesen bewohnte, sprang im Garten aufgeregt an der Hecke entlang. Er versuchte die Müll- und Kompostteile, die von oben herabfielen, mit dem Maul aufzufangen. Vor Unsicherheit und Furcht hatten sich die Rückenhaare des kleinen Tieres aufgestellt und bildeten eine beträchtliche Bürste. Immer wieder stieß er ein schrilles Bellen aus und biss in den Kehricht, was klar zeigte, dass er sich noch nicht ganz sicher war, ob das alles hier schlimm oder vielleicht nur ein Spiel war. Die beiden Mädchen allerdings, die sich hinter der Hecke im Garten aufhielten, wussten, wie es gemeint war, denn es war immer wieder dasselbe Übel, seit sie hierher gezogen waren. Uno war noch immer voll in seinem Element, doch momentan hatte das Werfen aufgehört. Also legte er sich vor den Büschen ab, ließ sein Hinterteil steil in die Luft ragen, wedelte mit dem Schwanz und stieß ein paar kleine Quietscher aus, um den unbekannten Fremden auf der anderen Seite der Hecke zu überreden, doch weiter mit ihm zu spielen. 9

10 Die Jugendclique verstummte, als sie den bettelnden Welpen hörte. Doch nur für einen kleinen Moment, denn in der nächsten Sekunde stieß ein Mädchen ein schmales Eisenrohr durch eine Lücke in der kleinen Mauer, die bis zur halben Höhe der Hecke reichte, und auch durch die Hecke dahinter selbst. Dieses Rohr hatte sie eigentlich mitgebracht, um damit am Zaun entlangzurattern und so die Bewohner des Hauses auf diesem Grund maximal zu schikanieren. Man konnte den kleinen Uno kurz und schmerzerfüllt aufjaulen hören, als ihn die Stange mit voller Wucht in die Flanke traf. Das Tier taumelte rückwärts und versuchte zu begreifen, was da eben mit ihm geschehen war, doch ein kleines Stück weiter traf ihn ein weiterer, dicker Stock genau an der Schnauze. Dieser war von einem der Jungen aus der Gruppe durch die Hecke gestoßen worden. Ein kleiner, charakterloser Mitläufer, doch gerade durch sein fehlendes Ego besonders gefährlich. Der junge Hund winselte schrecklich, während die Jugendlichen gehässig lachten. Das hast du dir verdient, du hässliches Schwein!, höhnte das feige Mädchen vom Anfang und kam sich dabei, wie immer, wenn sie andere quälte, unheimlich stark und mächtig vor. Noch immer heulend fiel das kleine Tier auf die Seite. Ein dünnes Rinnsal Blut floss aus einer Wunde an seiner Nase. In diesem Moment erreichte eines der jungen Mädchen aus dem Garten den vollkommen verstörten Hund. Sie hatte das große Grundstück ganz durchqueren müssen und es deshalb erst jetzt zum Ort des Geschehens geschafft. Kassandra de Miro, wie das Kind hieß, war etwas mehr als dreizehn Jahre alt und von eher hagerer Statur. Ihre pechschwarzen Haare fielen ihr beinahe bis in die Kniekehlen und ließen ihre makellose, helle Haut geradezu weiß wirken. Ihre Augen waren von einem perfekten Grün, doch im Moment schienen sie fast von innen heraus zu lodern, denn sie war ausgesprochen aufgebracht, als sie das Tier trotz seiner schon recht beträchtlichen Größe auf ihre Arme nahm und in Richtung der großzügigen Veranda davontrug. Der Garten, in dem sich diese ganze unschöne Geschichte abspielte, lag einem gemütlichen Haus aus grauem Stein zu 10

11 Füßen. Seine Mauern waren aufgrund seines Alters schon ein wenig von der Witterung angegriffen und wirkten teilweise ein wenig porös. Auch hatte hier und da der Putz ein paar Risse, das tat allerdings seiner Erhabenheit keinen Abbruch. Im Übrigen war es sehr groß und mit einigem Aufwand gebaut. Immer wieder wurden die Außenmauern sichtbar von dicken Holzbalken durchzogen. An den seitlichen Wänden wuchs dichter, wilder Efeu bis unter das dunkle Satteldach und gab der ganzen Szenerie eine durchaus romantische Note. Die Fenster trugen dunkle Fensterkreuze und dahinter konnte man vage saubere, geteilte, weiße Spitzengardinen erkennen. Die Veranda war von umlaufenden Steintreppen begrenzt, an denen sich im Laufe der Zeit vereinzelt ein wenig Moos angesiedelt hatte. An der leicht überstehenden, dem Haus zugewandten Kante schloss ein steinernes Geländer die Terrasse zum Vorgarten hin ab. Der große, parkähnliche Garten selbst war von riesenhaften alten Bäumen eingerahmt. Fichten und Linden standen wild durcheinander, dazwischen einige hohe Büsche mit wunderbaren, lilafarbenen Blüten, an denen ein weißer Weg aus feinem Kies entlangführte. Das Haus, besser hätte man es als Villa bezeichnen können, hatte viele Jahre lang leer gestanden und war stark renovierungsbedürftig. Erst im Sommer vor zwei Jahren hatte die junge Familie es gekauft und war seitdem rund um die Uhr damit beschäftigt, es in kleinen Schritten im alten Stil wiederherzustellen und zu verschönern. Bisher hatte der idyllische und große Garten noch nicht viel Schmuck und Zuwendung erhalten, nur ein paar Gänseblümchen und Glockenblumen hatten sich auf der Wiese wild ausgesät. Genau genommen waren diese jedoch eigentlich Schmuck genug. Als Kassandra mit Uno die Veranda fast erreicht hatte, sah sie, dass sie bereits von Pandora, ihrer Zwillingsschwester, erwartet wurde, welche in heller Aufregung auch ihre Mutter Cathryn herbeigeholt hatte. Das Mädchen seufzte, denn schon aus der Ferne konnte sie die Verzweiflung ihrer geliebten Mutter sehen. Ihre Gesichtszüge spiegelten das deutlich wider, auch 11

12 wenn sie wie immer die Tränen unterdrückte, um niemandem zur Last zu fallen. Seit zwei endlosen Jahren lebten sie nun hier in diesem Haus. Ursprünglich hatten Cathryn und Lupo de Miro vorgehabt, in diesem Anwesen, wenn es erst einmal fertig saniert wäre, ihre Familie mit mindestens drei weiteren Kindern zu vervollständigen und dann dort bis zum Ende ihres Lebens glücklich und in Frieden zusammenzuleben. Kaum eine Woche nach ihrem Einzug jedoch hatte es bereits die ersten Schwierigkeiten gegeben. Das Mindeste, was sie sich gefallen lassen mussten, war, dass sich jeder an das Anwesen angrenzende Nachbar herausnahm, der jungen Familie mit aller nur möglichen Impertinenz und Unverschämtheit Vorschriften in Sachen Gartengestaltung und Kindererziehung machen zu wollen. Diese Leute bewachten sogar die Mülltonnen und das Abwasser im Kanal, damit auch ja nichts da hineingelangte, von dem sie der Meinung waren, dass es dort nicht hingehörte. Dafür hatten sie sogar spezielles Werkzeug, denn so ein Kanal öffnete sich ja schließlich nicht von alleine. Solche Gepflogenheiten sind in gewissen Kreisen bekanntlich an der Tagesordnung, aber für Familie de Miro war es vollkommen neu, denn sie stammte aus einer sehr alten, kultivierten und traditionsreichen Linie. Auch waren sie rundweg friedfertige Menschen, die Streit lieber aus dem Weg gingen. Daher ließen sie diese im Prinzip doch sehr bemitleidenswerten Menschen einfach gewähren, versuchten den Kontakt ein wenig zu meiden und blieben ansonsten höflich. Doch sehr bald ergaben sich auch echte Schwierigkeiten. Alles begann mit ihrer Nachbarin aus dem übernächsten Haus, Miss Pine. Sie war eine feiste, unzufriedene Arbeiterin mit humpelndem Gang, blondem strähnigem halblangem Haar, wässrig-blauen Augen und einem stets mürrischen Ausdruck um die alternden Mundwinkel. Diese Dame hielt sich auf jeden Fall für eine Art Stadtgröße. Das Selbstbewusstsein dafür schöpfte sie aus dem kleinen Handwerksbetrieb ihres Mannes, den sportlichen Erfolgen 12

13 ihrer Kinder und der Tatsache, dass sie es geschafft hatte, ihre älteste Tochter an den verwöhnten Sohn irgendeines reichen Typen aus einer entfernten Kleinstadt zu verkuppeln. Im letzten Fall war es Miss Pine sogar gleichgültig, dass dieser das junge Mädchen immer wieder mit mangelndem Respekt behandelte, es sogar bisweilen mit abfälligen Ausdrücken belegte und sich auch nicht scheute, dies vor anderen Leuten zu tun. Diese Miss Pine nun hatte sich nach jahrelangem quälenden Debattieren letztlich doch von ihrem jüngsten Kind zu einem Hund überreden lassen. Es handelte sich bei dieser bemitleidenswerten Kreatur um einen jungen Basset. Eigentlich war er ein nettes Tier, allerdings hätte man mit all dem, was diese Familie nicht über Hunde, das Leben mit ihnen und ihre Erziehung wusste, ganze Bibliotheken füllen können. Man hatte im Verborgenen wohl das eine oder andere Buch darüber gelesen und den Hund einige Male in die Obhut irgendeines Scharlatans gegeben, der sich Hundetrainer nannte, von Hunden aber offensichtlich kaum mehr verstand, als dass er einen Schwanz hat. Das war es mit der Erziehung gewesen. Was bei all der Beschäftigung mit dem Jungtier aus dem Heim aber vergessen worden war, war, dass ein Hund vor allem Vertrauen und Nähe braucht, besonders wenn er aus dem Tierheim kommt. Und davon bekam dieser Hund nahezu gar nichts. So war aus dem kleinen, verwirrten Tier in kürzester Zeit ein nervöser, unsicherer Angstbeißer geworden, der eifersüchtig jedes Tier und jeden Menschen anknurrte, welcher seiner Familie seiner Meinung nach zu nahe kam. Ansonsten stand er bei Wind und Wetter an einer langen Leine angebunden auf dem Hof vor dem Haus und winselte aus Langeweile und Einsamkeit vor sich hin. Nach der Schule kam dann meist entweder der einzige Sohn oder die besser geratene, älteste Tochter der Familie und erlöste ihn zum Spielen oder zu einem kleinen Spaziergang. So erging es ihm tagein, tagaus und es war wirklich bemitleidenswert. Ob man es glaubt oder nicht, dieser arme, kleine Kläffer wurde der Auslöser für ein Drama. Eines Tages, als das Tier wieder einmal an seiner langen Trainingsleine vor dem Haus 13

14 angekettet war, ging die Familie de Miro mit ihrem Uno, der damals zwar noch klein, aber doch gerade schon geschlechtsreifer Rüde war, am Haus der Familie Pine vorbei. Deren noch nicht so weit entwickelter Basset, dessen Name übrigens Buster war, senkte seinen Kopf, und anstatt dem erwachsenen Hund Respekt zu zollen, knurrte er ihn leise, durchdringend und wütend an. Uno ließ sich das verständlicherweise nicht gefallen, stutzte kurz und entschloss sich dann, zurückzuknurren und den Jungspund so in seine Schranken zu weisen. Spätestens jetzt hätte ein normaler Junghund die Segel gestrichen, doch Buster war eben nicht normal! Stattdessen ergab sich eine spontane Keilerei. Beide Tiere versuchten einander an der Kehle zu packen und zu unterwerfen, wie es eben normal ist unter Tieren. Dann ging plötzlich alles furchtbar schnell. Im selben Moment, als all das geschah, polterte Miss Pine mit ihrer Sippschaft aus der Tür. Wie nicht anders zu erwarten war, machte die grobe Frau ein unheimliches Geschrei und Gezeter beim Anblick der Tiere. Nicht, dass es ihr dabei wirklich um ihren Hund gegangen wäre, aber es war wieder eine fantastische Möglichkeit, sich wichtig zu machen. Seht euch diesen Köter an! Der bedroht sogar Welpen!, legte sie los und meinte natürlich Uno. Man konnte meinen, dass die schrille, durchdringende Stimme dieser Person noch weit über die Grenzen von Hipkrids zu hören sein musste. Geduldig, als wäre ihr Gegenüber ein zerbrechliches und mental ein wenig herausgefordertes Kind, versuchte Cathryn de Miro die Frau zu beruhigen und ihr zu erklären, dass es wichtig für die beiden Tiere sei, diese Sache jetzt ein für alle Mal miteinander zu klären. Für die Psyche der Tiere und auch, da sonst nie Frieden zwischen den beiden herrschen würde. Doch wie zu erwarten war, wollte Miss Pine das nicht hören. Zu groß war die Verlockung, durch einen neuen, gut gehegten Streitpunkt und etwas Zwietracht sich selber wieder ins Dorfgespräch zu bringen und das lahme Leben hier ein wenig aufzufrischen. Dagegen kam auch Cathryn mit ihren 27 Jahren Hundeerfahrung nicht an. 14

15 Und auf noch etwas war Verlass: Wie bei solchen Menschen meist der Fall, wurden alle übrigen Menschen im Dorf, welche das Geschrei bisher noch nicht vernommen hatten, im Nachhinein von Miss Pine und ihren kleineren Zöglingen brühwarm darüber informiert, was man sich im Dorf für eine undisziplinierte und avantgardistische Familie eingefangen hätte. Und erst ihr vermeintlicher Kampfhund! Viele, viele Jahre des intensiven Regenbogenpressenstudiums schafften sich hier endlich ein Forum. Von da an war es aus mit den schönen Träumen von Nachwuchs und einem ruhigen Leben, denn Ungewohntes wollten die Bürger von Hipkrids nicht zulassen. Immer wenn von da an etwas schiefging, oder immer wenn etwas Schlimmes oder Lästiges passierte, wurde die Schuld einem Mitglied der Familie de Miro angedichtet, sei es auch noch so sehr aus den Fingern gesogen. Eines Tages ärgerte das jüngste Kind der Pines zum Beispiel Pandoras Kater Red. Dieser wiederum wehrte sich und kratzte das Mädchen so, dass sein Daumen aus einem heftigen Kratzer blutete. Schon am selben Abend wusste jeder in Hipkrids, dass der Kater der neuen Familie eine gemeingefährliche Bestie sei, die aus dem Nichts kleine Kinder ansprang, angriff und verstümmelte. Das Erstaunlichste war, dass das auch noch jeder zu glauben schien, so verrückt es auch war. Das wegen seiner Ränkeschmiederei und seiner Boshaftigkeit bereits überall im Dorf verschriene Pflegekind der benachbarten Familie Stahl kam zu spät? Kein Zweifel daran, dass Kassandra ihm angeblich Lügen aufgetischt hatte, in der Art, dass sie bei der Pflegemutter geklingelt und diese um eine längere Spielzeit gebeten hätte. Darauf hätte sich das arme, gutgläubige Kind verlassen und daher wäre es arglos zu spät nach Hause gekommen. Die arme Mutter hätte sich vor Sorge die Augen ausgeweint! Ein paar Jugendliche besprühten eine Wand mit Farbe? Überhaupt kein Zweifel daran, dass das natürlich nur Pandora gewesen sein konnte, die sie dazu angestiftet und angeblich sogar den ersten Strich gemacht hatte. 15

16 Es wurde ein regelrechter Spießrutenlauf, besonders, als einige der frustrierten Frauen auf den Zug aufsprangen und sich aufhetzen ließen. Ein paar der übrigen Mütter, allesamt vom selben Schlag, traten mit Füßen an die Haustür der de Miros, trommelten mit den Fäusten dagegen und keiften in einem Umgangston auf niedrigstem Niveau. Schimpfwörter, die direkt aus der Gosse zu kommen schienen, verfolgten Cathryn sogar noch in ihren Träumen. Und dabei ging es diesen Frauen nur darum, sich mal wieder beschweren zu können und ihre neuesten Hetzgeschichten zu untermauern, die sie sich in ihren zahlreichen einsamen Stunden überlegt hatten und die von dem Zeitpunkt an jeder zu hören bekam, der auch nur annähernd in die Nähe dieser Furien kam. Wer diese Art von Kleinstädten, umgangssprachlich auch Käffer genannt, kennt, der weiß, dass solche Dinge dazu neigen, irgendwann eine gewisse Eigendynamik zu entwickeln. So war es auch in diesem Fall. Obwohl Cathryn eine durch und durch freundliche, wenn auch bisweilen ein wenig zu zurückhaltende Person war, schaffte sie es, trotz all ihrer Bemühungen, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, nicht, das Umfeld für ihre Kinder und sich zu verbessern. Auch Angebote, dem einen, oder anderen zur Hand zu gehen, Babys zu hüten oder Dinge für die Nachbarn mit einzukaufen, wenn sie ohnehin fuhr, halfen nicht. Im Gegenteil. Es wurde ihr eher noch als Arroganz ausgelegt. Sie wolle sich wohl als Übermutter hervortun oder mit ihrem großen Auto prahlen! Der Neid der Dorffrauen auf die junge Mutter, die es sich nicht nur leisten konnte, nicht zu arbeiten, sondern die obendrein auch noch seit vielen Jahren mit ein und demselben Mann glücklich verheiratet war, war schier unglaublich. Auch der Umstand, dass die noch recht junge Familie bereits in einem Haus derselben Größenklasse wohnte wie die älteren Leute hier, die ihr Leben lang hatten arbeiten müssen, um es sich leisten zu können, und welche ihren Besitz dann kaum noch genießen konnten, bevor sie starben, verursachte den Fauleren unter ihnen Bauchweh. All das war vielen ein Dorn in ihrem neidischen Auge. 16

17 Dass die Familie de Miro davor über zehn Jahre, seit ihrer Hochzeit, gespart und gekämpft hatte, dass Cathryn von ihrer eigenen Ausbildung zurückgetreten war, um das gesamte Geld in die mehr Lohn versprechende Ausbildung ihres Mannes zu stecken, und daher nicht arbeitete, das waren alles Dinge, die niemanden interessierten. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Kassandra und Pandora durch die nicht enden wollenden Querelen, die sich mittlerweile auch bis in die Schule ausweiteten, schon schwer traumatisiert waren. Immer öfter kam es vor, dass Pandora des Nachts panisch schreiend und weinend durch das Haus lief und sich wirr gegen ihre imaginären Mitschüler und die Lehrerin zur Wehr setzte. Auch Kassandra hatte Schwierigkeiten bekommen. Ihre Noten waren schlechter geworden und oft reagierte sie unverhältnismäßig. Cathryn schmerzte es im Herzen, ihre geliebten Kinder so zu sehen, doch wann immer sie das Gespräch mit den Lehrerinnen suchte, war es wie zu Hause in ihrem Dorf. Die Schuld wurde ausnahmslos ihren Kindern zugeschanzt. Sogar als Pandora in der Schule zusammengeschlagen wurde, wurde ihr die Schuld gegeben, immerhin hätte sie ja nicht antworten müssen, als ihre Klassenkameraden sagten, sie würde stinken und ob ihre Mutter ihre Schwester wäre, weil sie und ihre beknackte Schwester so außergewöhnlich aussahen. Das Leben war zunehmend eine Qual, denn es wurde immer schwieriger für Cathryn und Lupo, die beiden Zwillingsmädchen, das Haus und die Tiere vor dem wütenden Mob zu schützen. Immer öfter zog sich Cathryn in ihr Arbeitszimmer unter dem Dach zurück, las, schrieb oder mischte Tees, Säfte oder Kräutermischungen, doch sie verkaufte sie nicht mehr so wie früher. Sie hatte einfach keine Kraft mehr dazu. Langsam war der Verfall der Seelen in der Familie auch dem Haus anzusehen. Die Arbeiten an Fassade und Garten wurden eingestellt, denn man hatte keine Kraft mehr, sie fortzusetzen. Die wunderbaren Dekorationen zu Weihnachten, Ostern und Halloween wurden abgeschafft, denn erstens wären sie ohnehin geklaut oder zerstört worden, und zweitens sahen die Eltern der 17

18 Familie de Miro keinen Sinn darin, etwas zu schmücken, denn den Leuten im Dorf würde doch nur wieder etwas Schlechtes dazu einfallen. So zogen sich die vier immer mehr in den inneren Teil ihres Grundstückes und ihr Haus zurück. Sie lebten wie Eremiten. Stand wieder einmal der familiäre Großeinkauf an, schlichen sie zu Zeiten, zu denen garantiert niemand auf den Wegen und Straßen unterwegs war, in ihre Garage, und man konnte nur den großen, schwarzen Wagen mit den abgedunkelten Scheiben vorbeisausen sehen. Der Einkauf selbst wurde einige Kilometer weit entfernt in der nächsten größeren Stadt erledigt, in der weder die Schule noch jemand aus ihrem Dorf zu finden war. Wieder zu Hause angekommen fuhr Lupo den Wagen direkt vor die Eingangstüre ihres Hauses, die Sachen wurden kurz in den Flur gestellt, das Auto wieder in die Garage zurückgefahren und erst dann wurden die Nahrungsmittel aus dem Flur in Küche und Keller gebracht. Die Tiere ließen die de Miros bei jedem Ausflug dieser Art im verschlossenen Haus, um sie vor den Übergriffen der Nachbarschaft zu schützen. Sogar Kater Red, der seit seiner Geburt eigentlich als Freigänger gehalten wurde, musste drinnen bleiben. Doch dieser schien zu wissen, dass dies zu seinem Besten war, denn er hielt sich immer in der unmittelbaren Nähe des Hauses oder der Garage auf und hörte sofort, wenn ein Mitglied der de Miros seinen Namen rief. Sobald der Feierabend gekommen war, ließ Cathryn die Jalousien der zur Straße gelegenen Fenster herunter, um sich und ihre Familie vor den feindlichen Blicken, den bösen Handzeichen und natürlich dem Geschwätz, wenn es mal nicht perfekt sauber war, zu schützen. Selbst, wenn es draußen noch hell war. In den Garten ging außer Uno und Red fast niemals mehr jemand. Zu groß war die Angst, wieder beschimpft, gedemütigt, oder gar durch geworfene Gegenstände oder Knallkörper verletzt zu werden. So sah der ehemalige Park bald aus wie ein Dschungel. Das Spielen außerhalb der eigenen vier Wände, auf dem Spielplatz oder im Sportverein fiel nach und nach auch 18

19 aus, denn wo man hinkam, waren die Gerüchte schon vorher gewesen, und es gab kein Auskommen mit den Leuten dort mehr. Die Zwillinge hatten während dieser schlimmen Zeit das Lächeln nahezu völlig verlernt. Cathryn und die Kinder trauten niemandem mehr, aber an schnellen Umzug war nicht zu denken, denn all ihr Erspartes steckte in dem alten Fachwerkhaus. Lupo arbeitete den ganzen Tag in der eine Stunde entfernten Großstadt, um seiner Familie wenigstens in ferner Zukunft einen Umzug in ein hoffentlich besseres Leben ermöglichen zu können. Aufgrund dessen bekam er aber leider auch nicht alles mit, was in Hipkrids geschah, und oft ertappte er sich dabei, wie er die Erzählungen seiner drei aufgeregten Frauen auch ein wenig anzweifelte. Zu absurd schienen sie ihm manchmal, aber er wusste andererseits auch, dass seine Cathryn ihn niemals anlügen würde, denn Lügen war das Einzige, außer Intrigen spinnen, was sie nicht konnte. Doch die anhaltende Depression zu Hause betrübte auch ihn immer mehr und so verkroch er sich schließlich in seiner Arbeit, kam immer erst spät nach Hause und legte sich immer früher schlafen. Cathryn war also den ganzen Tag allein mit dem großen Haus und auch im Kampf mit den Bewohnern von Hipkrids. Und auch am Abend gab es nun niemanden mehr, an den sie sich hätte anlehnen können oder der ihr zugehört hätte. Ihre Einsamkeit war unvorstellbar. 19

20 2. Das Unglück Es war wieder einmal ein Montagmorgen. Die heiße, grelle Sonne bahnte sich unbarmherzig ihren Weg durch den friedlichen, weichzeichnenden Frühnebel und ließ die schillernden Tautropfen auf den Gräsern und jungen Blüten platzen. Cathryn schälte sich schlaftrunken und ausgesprochen widerwillig aus ihrem Bett. Vor diesem Wochentag hatte sie immer bereits am Freitag solch eine Angst, dass sie seit längerer Zeit das Wochenende schon nicht mehr wirklich genießen konnte. Ein Grund war, dass ab jetzt Lupo nicht mehr vor Ort war, um ihr zu helfen und sie und die Kinder vor möglichen Übergriffen zu beschützen. Die Boshaftigkeiten schienen das Wochenende über jedes Mal nicht existent zu sein, was wohl daran lag, dass diejenigen Mitbürger, welche die Ursache der Schwierigkeiten waren, an den freien Tagen oft zu ihren Brutstätten zurückkehrten. Der wöchentliche Familienrapport stand an, doch bereits am Sonntagabend kehrten sie zurück, um noch genügend Zeit zu haben, sich mit ihren Freunden die Mäuler über ihre schreckliche Verwandtschaft zu zerreißen. Danach gingen sie wahrscheinlich in ihre Häuser, um zu überlegen, woraus denn der nächste Klatsch bestehen könnte. Daher also kam Cathryns nahezu paranoide Angst vor den brutalen Montagen, denn ab da kehrten auch Gewalt und Intrigen mit voller Energie zurück. Lupo war an diesem Tag bereits wieder früh zur Arbeit gegangen, wie er es in letzter Zeit mit zunehmender Häufigkeit tat. Die junge Mutter selbst musste nun allein die Kinder für die Schule fertig machen, auch wenn die Zwillinge jeden Mor- 20

21 gen vor dem Unterricht Magenschmerzen hatten. In letzter Zeit fielen ihnen sogar die Lehrerinnen offen in den Rücken. Es waren junge, zierliche Frauen, die sich ihr Berufsleben eher so vorgestellt hatten, dass sie vor repressiven Kindern frontal unterrichten und dafür von allen Schülern und Eltern hofiert würden. Sie hatten aber nicht damit gerechnet, dass die Kinder, wie die der Stahls zum Beispiel, sie mit der Aussicht auf Gewalt bedrohen würden, sollten sie sich dem Mobbing an den de Miros nicht anschließen. Und da ein Teil der Clique um die Stahl-Kinder aus großen, kräftigen Landjungs bestand, die bereits mit vierzehn schon eine ganze Latte Vorstrafen sowie einige verpasste Klassenziele vorzuweisen hatten, gehorchten die kindlichen und oft leider auch recht charakterschwachen Frauen aus Angst lieber. In Gedanken versunken, brütend, ging Cathryn zuerst in Pandoras, dann in Kassandras Zimmer, um die Mädchen zu wecken und die Jalousie und die Fenster zu öffnen, denn da die Kinder die meiste Zeit im Haus verbrachten, war die Luft hier drinnen meist so stickig, dass man sie fast schneiden konnte. Das kurze, braune Haar der jungen Frau stand in wirren Strähnen von ihrem Kopf ab und ihre Hände waren auf den kurzen Wegen feucht vor Sorge. Sie war eine große, kräftige Frau, der die Sorge einige Kilos zu viel auf die Rippen gezwungen hatte, aber sie war dennoch ausgesprochen apart und wegen ihrer mütterlichen Weiblichkeit und vor allem ihrem netten, unkomplizierten Wesen noch immer hoch im Kurs bei der Männerwelt. Ihre Zwillinge waren wie erwartet noch sehr schlaftrunken. Glücklicherweise schienen sie dieses Mal ohne Unterbrechung und vor allem gut geschlafen zu haben. Was für ein besonderes Ereignis! Vielleicht würde dies ja ausnahmsweise doch kein so schlechter Tag werden, wagte die junge Mutter zu hoffen, denn sie war es gewohnt, immer allem im Leben das Beste abzugewinnen, auch wenn es oft kaum möglich war. Vor dem Haus konnte sie den Lastwagen der Müllabfuhr hören, der alle zwei Wochen über die Dörfer fuhr, und das gleichmäßige Klopfen ihrer Tonne, wie sie an den Rand der Schüttöff- 21

22 nung gestoßen wurde. Die beiden Mädchen blieben wie immer erst einmal schlaftrunken und waren auch beim Frühstück mit nichts zur Eile anzutreiben. So kam es, dass sie den Schulbus nur noch knapp erwischten. Die de Miros hatten sie im nächsten Ort auf die Schule geschickt, damit sie die schulischen Probleme nicht mit nach Hause schleppen mussten. Doch als dann eines der Stahl-Kinder aus arbeitstechnischen Gründen auch auf die Schule der Zwillinge gehen musste, ging dieses Prinzip nicht mehr auf. Es verkehrte sich sogar ins Gegenteil. Kaum dass Pandora und Kassandra das Haus verlassen hatten, fiel Cathryn auf, dass sie ihre Pausenpakete in der Garderobe hatten liegen lassen. Sie hob sie auf, ging in die Küche und legte sie mit viel Bedacht in den Kühlschrank. Dann ging sie ins Wohnzimmer zurück. Dort angekommen schloss Cathryn die Tür und kauerte sich auf das alte, große Sofa. Sofort kam Uno angelaufen und sprang seinem Frauchen auf den Schoß. Wie immer spürte er, dass eine gedrückte Stimmung herrschte, und Trösten war definitiv sein Spezialgebiet. Die junge Mutter wagte es auch jetzt noch nicht, die Rollläden in diesem, dem letzten Raum des Hauses, hochzuziehen, denn dann hätte sie nicht mehr abstreiten können, dass der Tag endgültig begonnen hatte. Stattdessen streichelte sie den Hund und weinte leise in sein Fell. Sie hatte schon lange nicht mehr die Kraft, weder nervlich noch körperlich, sich dem Alltag in diesem Hexenkessel zu stellen. Erst eine Stunde später erhob sie sich wieder. Langsam, fast wie in Zeitlupe, zog sie endlich die Jalousien nach oben. Das Sonnenlicht brach durch die Fenster herein und nahm dem gemütlichen Haus mit seinem gleißenden Licht jeglichen sicheren Winkel und jeden Frieden. Cathryn begab sich langsam in die Küche, um eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obwohl ihr der Ärger immer wieder den Appetit raubte, hatte sie in den letzten Jahren ihr Gewicht nahezu verdoppelt. Niemand wusste warum; das Einzige, was sie immer wieder hörte, wenn sie zum Arzt ging, war: Tja, Sie ernähren sich vernünftig, Sie bewegen sich ausreichend, wahrscheinlich ist es die Seele. Verzichten 22

23 Sie auf Stress, Miss de Miro, dann wird es mit ein wenig Geduld schon wieder werden. Wenn es doch nur so einfach gewesen wäre. Auch heute würgte sie ihre kleine Portion Haferflocken mit Milch nur mit Müh und Not herunter, denn das Genießen kannte sie schon lange nicht mehr. Ein guter Rest ihres Frühstücks landete, wie so oft, in der Toilette. Dann fütterte sie auch Uno und Red und begab sich wieder ins Wohnzimmer zurück. Während sie dort hingebungsvoll die riesenhafte weiße Orchidee pflegte, die ihr Lupo zu einem der letzten Feste geschenkt hatte, dachte sie darüber nach, was wohl an diesem Tag wieder geschehen könnte. Hatten sie in den letzten Tagen irgendwelche Dinge getan, die man ihnen hätte als Fehler auslegen können? Hatte sie überhaupt jemand an diesem Wochenende gesehen? Die Erfahrung hatte immer wieder bewiesen, dass, wenn sie über solche Dinge nachdachte und tatsächlich jemand sie getroffen hatte, auch immer am Wochenbeginn ein neuer Zwischenfall geschah. War es ein vermeintlich gut gemeinter Ratschlag in Sachen Garten, der sich nur wenige Tage später als gemeiner Grund zum Hetzen herausstellte, oder vielleicht wieder einmal eines der Tiere der de Miros, welches sich in falschem Terrain bewegt, auf die falsche Weise erleichtert oder sich gegen irgendetwas massiv gewehrt hatte? Doch wenn sie sich im Vorfeld darüber Gedanken gemacht hatte, dann war sie wenigsten darauf gefasst! Dieses Mal allerdings fiel ihr beim besten Willen nichts ein, bei dem sie das Haus verlassen hatte oder wobei sie irgendjemand gesehen haben könnte. Auch die Kinder nicht, denn sie waren bei den Großeltern gewesen, und Lupo bewegte sich außerhalb der Arbeit eigentlich prinzipiell nicht. Das erleichterte sie ein wenig, etwas Großes konnte heute also nicht geschehen. Oder gab es am Ende vielleicht mal wieder Ärger mit der Schule? Denn in letzter Zeit kamen von dort auch wieder neue Beschwerden. Sei es, dass eines der Mädchen die Hausaufgaben nicht oder nur unzureichend gemacht hatte oder dass sie 23

24 angeblich ihre Mitschüler zum Trösten nach einem Unfall in einer Weise in den Arm genommen hätten, dass diese sich moralisch betroffen gefühlt hätten Wie immer war es so, dass grundsätzlich eines der beiden de Miro Mädchen schuld daran sein musste, wenn in der Schule oder ihrem Umfeld etwas Außergewöhnliches geschah. Die neueste Problematik mit der Schule ging auf das Konto von einer von Kassandras neuen Klassenkameradinnen. Diese war wiederum ein weiteres Kind der Familie Stahl aus der Nachbarschaft. Ihr Name war Lina, und sie war scheinbar den ganzen Tag damit beschäftigt, sich zu überlegen, wie man den de Miros an den Karren fahren konnte. Lina wusste ganz genau, dass sie nur auf diese Weise ein kleines bisschen Aufmerksamkeit von ihrer Mutter bekommen konnte. Miss Stahl an sich war überall dafür bekannt, eine eiskalte Frau zu sein, was die meisten im Dorf schätzten, denn wenn es etwas auszutragen gab, konnte man sich prima hinter ihr verstecken. Sie war von Natur aus aggressiv und streitsüchtig. Auf die meisten Fremden hätte sie mit ihren kurzen, im typischen Rot der Endvierzigerinnen gefärbten Haaren und den groben Kleidern, die sie stets trug, wahrscheinlich auf den ersten Blick eher wie ein Mann gewirkt. Das einzig Positive an ihr waren die Tattoos, die ihr, aufgrund der verspielten Motive und der bunten Farben, wenigstens ein kleines bisschen Weichheit und Fraulichkeit verliehen. In schöner Regelmäßigkeit hörte man sie aus den Fenstern des Obergeschosses ihres Hauses ihre Kinder anbellen, wenn diese vom Spielen hereinkommen sollten. Die Kinder wiederum waren von diesem Moment an in heller Aufregung, denn wenn sie nicht Sekunden später vor dem Haus standen, ging das Geschrei über Stunden hinweg weiter. Das war der Grund, warum der nächstgelegene Nachbar schon das eine oder andere Mal die Polizei gerufen hatte. Bisweilen war auch die Jugendbehörde schon deswegen vor Ort gewesen, doch aus unerfindlichen Gründen konnte man ihr lange Zeit nicht das Handwerk legen. Dennoch sah man Miss Stahl auch weiterhin ihre Kinder niemals in den Arm nehmen, küssen, oder auf zärtliche Weise 24

25 mit ihnen reden. Doch wenn es um den Hass gegen die Familie de Miro ging, waren sich alle in dieser Familie einig. Eine Kostprobe der Aggressivität und Gewaltbereitschaft dieses Weibes hatte Familie de Miro selbst auch schon bekommen. Diese färbte natürlich mit der Zeit auch auf ihre Kinder ab. Also tat Lina, die eigentlich ein sehr empfindsames Kind war, das, wovon sie glaubte, dass es das Herz ihrer kalten Mutter für sie öffnen könnte: Sie mobbte die Leute, von denen sie spürte, dass ihre Mutter sie aus irgendwelchen Gründen nicht leiden konnte. Und dass eine glückliche Familie mit einem intakten Elternpaar und einem vermeintlich erfolgreichen Leben ihrer geschiedenen, unzufriedenen Mutter ein Dorn im Auge war, dafür musste Lina nicht hellsehen können. Miss Stahl selbst hatte es nämlich schwer, sich mit Pflegekindern und einem Nebenjob, den sie nur schwer halten konnte, über Wasser zu halten. Also suchte sich Lina andere Verbündete, denn sie wollte in jedem Fall erfolgreich sein. Das war bei der momentanen Lage im Dorf nicht schwer, denn mittlerweile war die Stimmung derart vergiftet, dass es schon beinahe Ehrensache war, gegen Kassandra, Pandora und ihre Mutter vorzugehen. Ihre ersten Verbündeten fand Lina natürlich in ihren Pflegegeschwistern. Allesamt aus gewalttätigen Verhältnissen in der nächsten Großstadt stammend, fanden sie schnell Gefallen am Intrigenspinnen. Der Nächste in der Gruppe war der mittlere Sohn der Familie Pine, Rob. Auch er war darauf aus, in seiner Familie endlich einmal wahrgenommen zu werden, denn als Junge war er für die Mitgiftjagd nicht zu gebrauchen und damit uninteressant. Auch handwerklich war er nicht unbedingt begabt, was ihn als Erbe des Familienbetriebes ebenfalls ausscheiden ließ. Die letzte im Bunde war ein Mädchen, das ein wenig weiter entfernt wohnte: Isa. Aufgrund der vielen Arbeit ihrer Mutter, war sie oft bei den Stahls, und obwohl sie noch ein Kind war, bezeichnete sie sich als Freundin von Miss Stahl. Zwar war sie schon einige Jahre älter als die anderen, aber sie war, was ihre geistige Reife betraf, noch lange nicht auf demselben Stand wie 25

26 die anderen Fünfzehnjährigen. Sie war ein grobes Mädchen mit verkniffenen Gesichtszügen und einem jungenhaften Erscheinungsbild. Wären ihre Haare kurz gewesen, man hätte sie nicht vom Sohn des Milchbauern nebenan unterscheiden können. Dieses Mädchen hatte eine einmalige kriminelle Energie. Es schien nahezu ein Hobby von ihr zu sein, andere einzuschüchtern und psychisch fertigzumachen. So war es für sie eine Fingerübung, die übrigen Mitglieder der neu entstandenen Clique so einzuschwören und unter Druck zu setzen, dass sie ihr und Lina bedingungslos gehorchten. Man konnte meinen, sie empfänden all das, was sie hier zu tun vorhatten, auch noch als in irgendeiner Weise erstrebenswert und richtig, wenn nicht sogar als etwas, auf das man stolz sein konnte. Auch einige Erwachsene im Dorf hatten Angst vor Isa, denn sie kannte weder Respekt noch Gewissen, und ein Gespür für Richtig und Falsch war ihr nie anerzogen worden. Diese Jugendgang war es dann auch, die das Leben der Familie de Miro für immer verändern sollte. Als an diesem Morgen nämlich Cathryn gerade voller Hingabe ihre Orchidee pflegte, hörte sie Uno vor der Haustür hinund herlaufen. Er schien ihr etwas mitteilen zu wollen, denn er kratzte immer wieder am Türfutter und blickte sich dann wiederholt nach seinem Frauchen um. Die Haustürglocke hatten sie schon lange abgeschaltet, denn laute und andauernde Klingelstreiche waren an der Tagesordnung, und das täglich zwei bis drei Mal. Durch das Abstellen des Tones konnte auch verhindert werden, dass sich Cathryn und die Kinder von den Jugendlichen, Miss Pine oder Miss Stahl beschimpfen, bedrohen oder gar wieder mit obszönen Finger- und Handzeichen belegen lassen mussten. Nun aber, da Uno sich so seltsam aufgeregt benahm, spürte Miss de Miro, dass irgendetwas nicht in Ordnung war und sie doch einmal vor der Tür nachsehen musste. Bereits auf dem Weg zum Flur hörte sie ein seltsames Klatschen und Klopfen an Haustür und Wand. Sie griff sich das Pfefferspray, das sie aus Angst vor den Übergriffen immer in einem Regal im Flur vor der Haustür deponiert hatte, und ging mit klopfendem Herzen 26

27 die wenigen Schritte bis zur Tür. Dann legte sie die Kette vor und öffnete sie sehr langsam und vorsichtig. Wie so oft war niemand draußen zu erkennen, doch schon als die Tür nur einen kleinen Spalt weit offen war, erkannte die junge Frau etwas anderes. Eine glibberige, tropfende Masse glitt an der Kante der eigentlich schönen teakfarbenen Tür hinab. Cathryn schloss sie kurzzeitig wieder, löste die Kette und öffnete die Tür dann wieder, dieses Mal allerdings vollständig. Ausgesprochen vorsichtig trat Cathryn auf den Weg vor der Haustür und wurde einiger leerer Eierschalen gewahr. Sofort fühlte sie wieder diese Übelkeit in sich aufkommen, welche sie in letzter Zeit öfter verspürte, wenn wieder einmal jemand auf perfide Weise gegen ihre Familie oder ihre Tiere vorging. Wie in Zeitlupe, wissend, dass sie nichts Gutes erwarten würde, drehte sie sich um, um die Hausfront in Augenschein zu nehmen. Was sie dort allerdings sah, übertraf ihre schlimmsten Erwartungen. Das gesamte Haus war mit Eiern beworfen worden. Die schmierige Masse lief in orangenen und weißlichen Bächen an Wand und Fenstern herab und die ersten Fliegen saßen bereits an einigen Stellen bei ihrer Mahlzeit. Cathryn fühlte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich, und sie begann zu zittern. Wie um alles in der Welt sollte sie allein diese Sauerei entfernen? Und vor allem: Wie sollte sie es schaffen, bevor die Mädchen zurückkamen? Miss de Miro machte auf dem Absatz kehrt, um wider besseres Wissen die Polizei über diesen neuerlichen Vorfall zu informieren. Aufgeregt und mit zitternden Fingern drückte sie die Tasten und wartete. Am anderen Ende der Leitung meldete sich kurz darauf eine latent gelangweilte Polizistin. Voller Verzweiflung erklärte Miss de Miro der Dame, was mit ihrem Haus geschehen war, doch wie erwartet war die Polizistin nur mäßig daran interessiert. Sollten Sie eine Anzeige gegen unbekannt ins Auge fassen, dann kommen Sie aufs Revier, aber ich würde Ihnen davon abraten. Sie würden sicherlich nichts erreichen, die Sache wird eingestellt, weil man solche Leute immer nur schlecht findet, und wenn doch, dann sind es meistens irgendwelche Jugend- 27

28 lichen, die dann am Ende doch nur verbal einen Klaps auf die Finger bekommen. Und überhaupt: Nehmen Sie sich doch einfach einen Schwamm zur Hand und wischen Sie es mit ein wenig Spülmittel und warmem Wasser weg. Ist doch nur Ei, das löst sich doch sofort. Dann noch etwas Desinfektionsmittel und alles ist wieder in Ordnung. Sie sollten solche Kindereien nicht so ernst nehmen, das macht nur traurig und gibt Falten, regte die Beamtin an. Dann legte sie ohne Gruß und ohne eine Antwort abzuwarten einfach auf. Cathryn stand wie vom Donner gerührt da und konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte. Sie starrte fassungslos auf den Hörer, den sie noch immer in der Hand hielt. Aber sie hatte keine Zeit, noch länger darüber nachzudenken, sie musste unbedingt schleunigst das Haus wieder in Ordnung bringen. Es war ihr nicht entgangen, dass Kassandra und Pandora sich immer große Sorgen um sie machten. So sehr sich Miss de Miro auch anstrengte, sie schaffte es doch nicht ganz, ihre Bedrückung, die Angst und ihren Kummer vor den Kindern zu verbergen. Beide hatten außerdem auch in ihren schulischen Leistungen zuletzt sehr nachgelassen. Immer im Wechsel mussten die Zwillinge nachsitzen oder brachten Mitteilungen mit nach Hause. Wenn sie versuchte, bei der Lehrerin Rat und Hilfe einzuholen, bekam sie nur zu hören, die Mädchen würden sich zu wenig anpassen, sie seien zu wild und müssten sich nicht wundern, wenn sie dann von den anderen gemobbt werden würden. Und außerdem solle Miss de Miro ihnen eben nicht immer so sehr das Gefühl von Sicherheit und bedingungsloser Liebe geben, denn das würde die Kinder zu Missetaten anregen, da sie ja keine Angst vor Sanktionen zu haben bräuchten. Unnötig zu erwähnen, wie schwachsinnig diese Äußerung war. Schweren Herzens, über all dies grübelnd, ging die junge Frau gerade in die Waschküche, um das Putzzeug zu holen, als ihr dunkle, klebrige Flecken an ihrer Hand auffielen. Sie roch daran und stellte fest, dass es sich um braunen Nagellack handelte. Irritiert stieg sie mit Schwamm und Eimer in der Hand 28

29 wieder hinauf ins Erdgeschoss. Beim Verlassen des Hauses fand sie dann die Ursache für die Lackflecken: Um und auf der gesamten Türklinke war mindestens eine Flasche dieses Lackes ausgekippt und flächig verteilt worden. Kopfschüttelnd holte Cathryn die Leiter aus dem Schuppen neben dem Haus. Auch das musste sie jetzt noch entfernen. Wieder versank sie dabei in ihren traurigen und düsteren Gedanken, immer auf der Suche nach einem Ausweg, der es ihr ermöglichen würde, wieder ein normales Leben, am liebsten in ihrem Traumhaus, zu führen. Nur zu gut erinnerte sich die junge Mutter, während sie die schwere Leiter an die Hauswand lehnte, auch wieder daran, wie vor einiger Zeit Kassandra zum wiederholten Mal von einigen Jungen in der Klasse beleidigt worden war. Sie riefen immer wieder: Du Schlampe! Du stinkst! Geh doch heim zu deiner Freakfamilie und zeuge Nachwuchs mit deinesgleichen wie auch schon deine Eltern. Es schüttelte sie bei dem Gedanken daran, was sonst noch an Worten gefallen war. Kassandra hatte sich schlagfertig gegen den Vorwurf, sie stinke, gewehrt, indem sie zu bedenken gab, dass es sich bei diesem Geruch auch um die Windeln der Rädelsführer handeln könne. Doch wie es so ist bei Menschen, die gerne ihren Mund weit aufreißen und austeilen: Sie können meist nicht oder nur schlecht einstecken. So passierte, was passieren musste: Die beiden Rowdys stürzten sich auf das Mädchen. Der Erste schlug ihr mit der Faust in die linke Brust, und als sie unter dem Schmerz schreiend zusammenknickte, sprang ihr der andere in die Beine. Alle anderen Klassenkameraden sahen zu, doch niemand griff ein. Einige feuerten die Jungs sogar an, die meisten aus Angst, selber ins Schussfeld zu geraten. Weinend lag Kassandra damals auf dem Boden, als die Direktorin den Raum betrat. Doch die erhoffte Hilfe blieb aus. Die magere, verhärmte Frau sah sich nur kurz an, wer sich da schreiend auf dem Boden krümmte, und sagte dann ungerührt, ihre gesamte Unemanzipiertheit zur Schau stellend: Tja, Kassandra, du solltest dir einmal überlegen, ob du dir das nicht selber zuzuschreiben hast! 29

30 Von diesem Tag an waren Cathryns Mädchen nahezu Freiwild für sämtliche Schläger in der Schule und der Umgebung und das quasi mit Freifahrschein der Direktorin. In diese und andere schlimme Erinnerungen vertieft, begann Cathryn damit, mit ihrem Schwamm und dem kleinen Eimer voll Seifenlauge auf der Leiter zu balancieren, um die Eimasse abzuwaschen. Sie beeilte sich so gut es ging, denn Lupo würde nicht vor Ende der Woche von seiner Geschäftsreise zurückkehren, um ihr dann eventuell helfen zu können, und die Mädchen hatten bereits in einer Stunde Schulschluss. Tief in ihren alltäglichen, tristen und mittlerweile von tiefer Depression durchzogenen Gedanken mühte sich die junge Frau Stück für Stück über die große, freie Fläche ihrer Hausfront. Ihre Hände stießen dabei immer wieder mit Wucht an den rauen Außenputz und begannen zu bluten, doch Cathryn bemerkte es nicht. Zu sehr war sie damit beschäftigt, ihre Kinder vor diesem Anblick zu bewahren, damit sie von diesem Wahnsinn nicht noch mehr spüren mussten. Einen kurzen Moment lang schweiften ihre Gedanken zu sehr ab und sie konnte sich vor Trauer und Wut nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren. Sie glitt an der Hauswandecke ab und ihre Hand fuhr ins Leere. Erschrocken stieß sie einen grellen Schrei aus, als sie das Gleichgewicht verlor und von ihrer Sprosse abrutschte. Ihr letzter Gedanke, als sie in die Tiefe stürzte, war: Mein Gott, wie werde ich tot aussehen? Hoffentlich entdeckt mich jemand vor den Kindern! Dann prallte ihr Körper auf die Eingangstreppe. Einen Moment lang wehrte sich ihr Körper noch gegen den Tod, doch dann brach die lange Leiter in sich zusammen, durchschlug das Esszimmerfenster und Cathryn wurde unter Glassplittern, Metallteilen und ihrer geliebten, weißen Orchidee begraben, die durch die berstende Leiter von ihrem Fenstersims gerissen worden war, auf dem sie ihr Leben gefristet hatte. Mit diesem letzten Eindruck vor Augen hauchte die junge Frau ihr Leben aus. 30