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1 Diese Kopie wird nur zur rein persönlichen Information überlassen. Jede Form der Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der ausdrücklichen vorherigen Genehmigung des Urhebers by the author S Ü D W E S T R U N D F U N K F S - I N L A N D R E P O R T MAINZ S E N D U N G: Zu gestört für die Schule: Immer mehr Kinder fliegen wegen angeblicher psychischer Krankheiten raus Autorinnen: Monika Anthes Claudia Butter Kamera: Schnitt: Helmut Fischer Christian Saal Thomas Schäfer Roland Wittmann Mario Wöhrmann Frank Schumacher Moderation Fritz Frey: Manchmal beginnen REPORT-Recherchen so: Verzweifelte Menschen melden sich bei uns, erzählen ihre Geschichte, und dann fängt die Arbeit der Reporter an. Nicht alle Hinweise werden zu REPORT-Beiträgen, dieser aber schon: Eltern hatten berichtet, dass ihr Nachwuchs die Schule verlassen musste und dass man jetzt nicht wisse, wie es weitergehen soll. Nein, es handele sich nicht um einen pubertierenden Rüpel, sondern um einen neunjährigen Grundschüler.

2 2 Kann das wirklich sein, dass ein Neunjähriger der Schule verwiesen werden muss? Monika Anthes und Claudia Butter sind der Geschichte auf den Grund gegangen. Bericht: Dieser kleine Junge muss zu Hause sitzen, während andere Kinder zur Schule gehen. Er ist von der Schule ausgeschlossen. Seit mehr als vier Monaten. Nennen wir ihn David. Er ist gerade mal neun Jahre alt, soll nicht erkannt werden. Seine Grundschullehrer wollen ihn nicht mehr unterrichten. David macht das traurig.»ich möchte in die Schule gehen. Und ich finde es blöd, dass ich nicht in die Schule gehen darf.«david ist intelligent. Aber auch hyperaktiv. Die Lehrer behaupten, er störe den Unterricht, könne sich nicht benehmen. Er sei zu krank, um in eine Grundschule zu gehen. Für seinen Vater ist das unerklärlich.»für das Kind ist das eine Katastrophe. Das ist ein toller Junge, ein intelligenter Junge, lebhaft, mit Temperament. Aber der hat niemandem irgendwie weh getan. Niemandem.«Ein Kind ohne Schule, ohne Klassenkameraden, ohne Lernen in der Gemeinschaft. Dabei müssen Kinder in Deutschland doch zur Schule gehen. Sie haben ein Recht darauf. Deutschland hat sich verpflichtet, alle Kinder in einer normalen Schule zu unterrichten. Auch Kinder mit Handicap oder Behinderung. Das nennt man Recht auf Inklusion. Dass Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen dürfen, das kann es also eigentlich gar nicht geben. Trotzdem passiert es. Auch Adrian hat das erlebt. Schon kurz nach seiner Einschulung klagen die Lehrer, er sei auffällig, wahrscheinlich gestört. In der 3. Klasse muss der damals Neunjährige die Schule verlassen. Seitdem hat er nie mehr in einer normalen Schule Fuß gefasst. Heute ist er 15 Jahre alt.

3 3 O-Ton, Adrian Klinik:»Man hat mir eigentlich mein halbes Leben genommen. Weil nicht in die Schule gehen, nicht das machen, was die anderen Kinder machen, Freunde, eigentlich praktisch alles, was mit Schule zu tun hat.«adrian hatte gute Noten. Dennoch wollten Lehrer und Schulamt ihn auf eine Sonderschule schicken, weil er schwer erziehbar sei. Seine Eltern lehnten das ab. Kurz darauf wurde er völlig von der Schule ausgeschlossen. O-Ton, Ulrike Klinik, Mutter:»Da wir in Deutschland Schulpflicht haben, hätten wir nie für möglich gehalten, dass ein Kind aus so Lappalien aus der Schule rausgeworfen werden kann.«das ist jetzt sechs Jahre her. Heute lernt Adrian zu Hause, per Fernschule. Einfach ausgeschult, wie ist das möglich? Das wollten wir sowohl von Adrians als auch von Davids Schule wissen. Doch keiner war zu einer Stellungnahme bereit, auch nicht in den zuständigen Schulämtern. Wer schwierig ist, fliegt raus. Dieses Phänomen nimmt zu. Das beobachtet Professorin Anne-Dore Stein, von der Hochschule Darmstadt. O-Ton, Prof. Anne-Dore Stein, Evangelische Hochschule Darmstadt:»Also für uns ist eindeutig, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Wir hören das aus allen Bundesländern. Wir haben den Eindruck dass es auch ein Phänomen ist, was zunimmt. Ich finde das ist eine Bankrott-Erklärung des gesamten Systems.«Dazu hat sie gerade ein Schwarzbuch veröffentlicht. Darin auch die Geschichte dieses kleinen Mädchens. Nennen wir sie Marie, auch sie soll nicht erkannt werden. Marie durfte zunächst nur zwei Stunden am Tag in die Grundschule kommen, später dann monatelang gar nicht, sagt die Mutter.

4 4»Ja, als Begründung hat die Schule angegeben, dass sie ein Kind ans Bein getreten habe und ein anderes Kind eben die Brotdose an den Kopf geworfen habe. Ich habe das als die absolute Willkür empfunden. Man hat sie einfach nur abserviert, man hat sie raus befördert, ohne ihr überhaupt nur eine Chance zu geben.«ein reibungsloser Unterricht sei mit Marie nicht möglich, behaupten ihre Lehrer. Sie halten sie für emotional gestört.»man hat es so hingestellt, als ob mit dem Kind absolut was nicht stimmt. Und hat eigentlich ja uns gezwungen dann beim Arzt so etwas feststellen zu lassen.«werden Kinder von Lehrern für krank erklärt, weil sie so von der Schule ausgeschlossen werden können? Diese Kinderärzte und Psychologen aus Schleswig-Holstein befürchten genau das. O-Ton, Dr. Matthias Rückemann, Kinder- und Jugendpsychiater:»Wir haben jetzt so beobachtet, dass im Laufe der letzten 1-2 Jahre immer mehr Kinder geschickt werden so im Grundschulbereich. Und dass es auch so ein Drängen gibt, dass die Kinder eine Diagnose bekommen.«o-ton, Dr. Wolfgang Broxtermann, Ärztlicher Leiter Kinderzentrum Pelzerhaken:»Die Kinder sind eigentlich nicht krank. Das sind primär gesunde Kinder, die weder eine psychische noch organische Erkrankung haben, jedenfalls die allermeisten.«gesunde Kinder abgestempelt und ausgegrenzt. Ein schwerer Vorwurf an die Lehrerschaft. Wie kann es dazu kommen? Nachfrage bei Ilka Hoffmann von der Lehrergewerkschaft GEW, sie räumt ein:

5 5 O-Ton, Ilka Hoffmann, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft:»Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind im Umgang mit schwierigen Schülern schlichtweg überfordert. Dieser Bereich Unterrichtsstörung, Kinder die mit emotionalen, sozialen Problemen in die Schule kommen, spielt überhaupt keine Rolle in der Lehrerausbildung und es gibt auch wenig Strukturen, die den Schulen Unterstützung bieten.«jedes Kind hat ein Recht auf Schule. Und dennoch werden schon Grundschüler aussortiert, abgeschoben. Mit fatalen Folgen. Professor Hans Wocken ist Mitglied der UNESCO-Kommission für Inklusion. Sein Urteil: O-Ton, Prof. Hans Wocken, Deutsche UNESCO-Kommission Inklusive Bildung: Abmoderation Fritz Frey:»Für das Kind bedeutet eine solche Stigmatisierung den Anfang eines sozialen Abstiegs und den Anfang einer sozialen Ausgrenzung, weil dieses Kind keinen Weg mehr zurückfinden wird in die Gesellschaft.«Unter haben unsere Autorinnen das Thema noch tiefer ausgelotet entstanden ist eine beeindruckende Kurzdokumentation. Anschauen lohnt sich.

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