Entgrenzung von Arbeit und Auswirkungen auf die seelische Gesundheit

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1 Dieter Sauer Entgrenzung von Arbeit und Auswirkungen auf die seelische Gesundheit Jahrestagung der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.v. zum Thema Immer flexibel schnell erschöpft am 24. Juni 2014 in Hannover

2 Wandel der Arbeitswelt Die Arbeitnehmer heute sind flexibel, mobil und ständig erreichbar. Sie arbeiten hochmotiviert, projektbezogen, übernehmen mehr Verantwortung für ihr Unternehmen als sie müssten und brechen eines Tages zusammen. Aus der Pressemitteilung der Herausgeber des AOK Fehlzeiten - Report 2012 im August 2012

3 Übersicht Arbeitsbedingungen heute - Schlaglichter Umbruch in der Organisation und Steuerung von Unternehmen und Arbeit Arbeitspolitische Schlussfolgerungen: Konsequenzen für Unternehmen, Beschäftigte und Interessenvertretungen

4 Die Arbeit hat mich umgebracht Ich habe mich wegen meiner Arbeit umgebracht. Das ist der einzige Grund: permanenter Druck, Arbeitsüberlastung, fehlende Weiterbildung, Desorganisation des Unternehmens, Terrormanagement. Abschiedsbrief eines Mitarbeiters der France Telecom, der sich im Juli 2009 das Leben genommen hat.

5 Rapide Zunahme psychischer Belastungen und Erkrankungen Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen haben seit dem Jahre 1998 um 80% zugenommen. 13 Mill. Menschen leiden unter depressiven Störungen. Die Kosten für das Kurieren von Angststörungen, Depressionen, Herzinfarkten oder Hörstürzen haben sich binnen eines Jahrzehnts nahezu verdoppelt. Arbeitsbedingten psychischen Belastungen können direkte Krankheitskosten von 9,9 Mrd. und indirekte Kosten von bis zu 19,3 Mrd. zugerechnet werden. Die Kosten für den dadurch verursachten Produktionsausfall betragen 26 Mrd (BKK). Verabschiedeten sich 1993 noch 18% aller Frührentner wegen psychischer Probleme in den Ruhestand, sind es heute schon fast 40%. Aber die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen haben sich auch unter den Berufstätigen zwischen 15 und 35 Jahren Frauen wie Männern seit 1997 verdoppelt.

6 Die Verbreitung unterschiedlicher Arbeitsbelastungen Quelle: PARGEMA/WSI Betriebsrätebefragung 2008/09 zu Arbeitsbedingungen und Gesundheit im Betrieb

7 Von der produktions- zur marktzentrierten Produktionsweise Die neue historische Dominanz der Märkte Markt (Absatz-, Finanz- und Kapitalmärkte) als Bezugspunkt unternehmensinterner Prozesse Unternehmen als Anlageobjekte der Finanzmärkte Arbeitskraft als abhängige Variable Permanente Reorganisation Finanzialisierung der internen Unternehmensstruktur oder die neue Herrschaft der Zahlen Dynamisierung oder Finalisierung der Leistungssteuerung, also ihre Ergebnis- und Erfolgsorientierung

8 Systematische Überlastung: das Prinzip der Maßlosigkeit Überlastung durch unerreichbare Ziele

9 Jedes Jahr mehr, besser, schneller, billiger Ich höre jedes Jahr von den Führungskräften den Satz: Wir legen noch eine Schippe drauf. Und das Merkwürdige ist: Wir schaffen das jeweils und die Konsequenz ist davon dann, dass sich die Spirale wieder weiterdreht, wir am Ende des Jahres wieder hören, dass wir noch eine Schippe drauflegen sollen, obwohl wir eigentlich ständig schon am Limit arbeiten. (Finanzdienstleister) Wir wollen in fünf Jahren verdoppeln. Und das wird jetzt einfach fortgeschrieben, was natürlich nicht funktioniert zurzeit. Und eine Diskussion über das, was realistisch ist oder nicht realistisch ist, ist für mich nicht sichtbar (Entwicklung Funktechnik) Wir haben jedes Jahr die freundliche Aufforderung, 10% Produktivität zu machen. (Auftragsbearbeitung Messgerätebau)

10 Systematische Überlastung: das Prinzip der Maßlosigkeit Überlastung durch unerreichbare Ziele Herrschaft der Zahlen und die Ökonomie der Unsicherheit Vom Organisationsproblems zum individuellen Problem Unrealistische Ziele als Kernelement der Leistungsdynamisierung Organisationsarbeit oder die Leistung der Selbststeuerung

11 Die Leistung der Selbststeuerung Und da habe ich das gemacht, was früher die Vorgesetzten gemacht haben: Ich habe mich dazu gebracht, immer effektiver zu arbeiten. Ich habe mich selber unter Druck gesetzt. Das ist natürlich die optimale Form, ist doch klar. Kein Vorgesetzter kann mich so unter Druck setzen wie ich mich selber, das ist doch klar. Weiß ich doch auch. Aber Sie kommen ja nicht raus aus diesem Prozess. Das ist eben so. Sie sind gezwungen, effektiver zu arbeiten, oder Sie schaffen es nicht, Sie schaffen das Volumen an Arbeit früher nicht als andere. Und keiner will doch der erste sein, der sagt: Ich schaffe es nicht. (Mitarbeiter Sachbearbeitung)

12 Interessierte Selbstgefährdung der Gesundheit Wo früher die Flucht in die Krankheit einen Ausweg aus einem unerträglich gewordenen Leistungsdruck ermöglichte verstärkt heute die Angst vor der Krankheit den Druck am Arbeitsplatz. Wenn früher die Arbeitgeber fürchteten, dass die Beschäftigten zu Hause blieben, obwohl sie gesund waren müssen sie heute fürchten, dass die Beschäftigten zur Arbeit kommen, auch wenn sie krank sind.

13 Ansatzpunkte betrieblicher Arbeitspolitik Arbeitspolitischer Paradigmenwechsel Das strategische Feld: der Konflikt zwischen Leistung und Gesundheit Die Rolle der Führungskräfte Ansätze beteiligungsorientierter Leistungspolitik Widerstand gegen den Marktimperativ: den Aufwandsbezug ( das Menschenmögliche ) wieder herstellen bzw. einführen Transformation der Marktsteuerung: Einflussnahme auf leistungspolitische Steuerungsgrößen und Instrumente

14 Arbeits- und Gesundheitsschutz ein voraussetzungsvoller Hebel Psychische Belastungen zum Thema machen Gefährdungsbeurteilungen zu psychischen Belastungen Beteiligungsorientierte Interessenpolitik entwickeln

15 Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen Die Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen, als Folge des zunehmenden Drucks in der Arbeitswelt, sollte nicht nur dazu führen, dass die Menschen widerstandfähiger werden. Die Menschen sollten auch widerständiger werden gegen Verhältnisse, die sie krank machen und die sie immer wieder krank machen werden, wenn sie sie nicht ändern.

16 Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! Prof. Dr. Dieter Sauer ISF München Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.v. Jakob-Klar-Str. 9, München 089/ ;

17 Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen

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