Junge und alte Wilde

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Transkript:

Junge und alte Wilde Herausforderndes Verhalten in Schulen, Werkstätten und Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung 25. März 2010 Arbeitsgruppe Möglichkeiten der Mediation bei sozialen Konflikten in Einrichtungen der Behindertenhilfe Bettina Wandtke 1

Was ist Mediation? Mediation heißt wörtlich übersetzt Vermittlung und ist ein Ansatz, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten und zu lösen. Mediation ist außergerichtlich und freiwillig und bearbeitet interpersonelle Konflikte Konflikte werden als Chance zu einer Entwicklung gesehen. Ziel ist das Finden eines Konsenses. Schuldzuweisungen oder die Frage von Recht oder Unrecht sind unter dieser Perspektive verzichtbar. Inzwischen wird Mediation als Überbegriff für unterschiedliche Dritt- Partei- Rollen (Indikationsstellung) betrachtet, z.b. Konfliktberatung, Prozessbegleitung. 2

Der Mediationsprozess Der Mediationsprozess erstreckt sich i.d.r. über 5 Phasen. Die MediatorInnen bieten einen festen Rahmen, in dem nach vereinbarten Regeln gearbeitet wird. Phase 1: Abstimmen der Regeln durch die MediatorInnen. Phase 2: Die Konfliktparteien stellen ihre Sichtweisen dar. Phase 3: Ziel dieser Phase ist das Gelingen des Perspektivwechsels. Die Hintergründe zu den Positionen des Anderen werden sichtbar. Der Weg zur Kommunikation zwischen den Konfliktparteien ist nun vorbereitet 3

Phase 4 : Es kommt zu ersten Lösungsansätzen oder prozessorientierter Vereinbarung. Phase 5 : Exakte Abstimmung und Formulierung der Vereinbarung, ggf. Absprache eines Überprüfungstermins. Die MediatorInnen Verhalten sich allparteilich, gestehen jeder Partei den Expertenstatus ihres Konfliktes zu, bringen jeder Partei Akzeptanz, Respekt, Anerkennung und Optimismus entgegen, bewerten keine Aussagen, unabhängig davon, ob es sich um Sachaussagen oder Emotionen handelt. 4

Die MediatorInnen geben daher keine Lösungen vor und machen auch in der Regel keine Vorschläge. Bei der gemeinsamen Betrachtung der Hintergründe der Positionen (Phase III Konflikterhellung) unterstützen die MediatorInnen den Perspektivwechsel. Handwerkszeug der Mediation Ich- Botschaften Spiegeln Aktives Zuhören Zirkuläres Fragen Aussagen umformulieren Einzelgespräche Das Modell des Inneren Teams Spinnwebanalyse 5

Verhalten Handlungen Hintergründe, Bedürfnisse, Interessen Partei 1 Konflikt Partei 2 Rolle? Standpunkte? Verhalten Handlungen Bettina Wandtke Sozialer Konflikt ist eine Interaktion zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen) wobei wenigstens ein Aktor Unvereinbarkeiten im Denken, Vorstellen, Wahrnehmen und/oder Fühlen oder Wollen mit dem anderen Aktor in der Art erlebt, dass im Realisieren eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (andere Aktoren) Erfolge (F. Glasl) Bettina Wandtke 6

Was ist kein sozialer Konflikt? Eine Krise Ein intrapersonaler Konflikt Unterschiede in der Wahrnehmung Psychische Störung mit Krankheitswert Bettina Wandtke Dynamik sozialer Konflikte Die Bandbreite der individuellen Handlungen und Befindlichkeiten ist fast unendlich groß; jedoch beeinflussen Konflikte unsere Wahrnehmungsfähigkeit, unsere Sicht verzerrt sich und wird einseitig. Emotionalisierung geht damit einher. Die Perzeptionen (subjektive Bilder der KP) lassen den Konflikt eskalieren. Pessimistische Antizipation Bettina Wandtke 7

Eskalationsstufen sind kulturabhängig. Sie werden unterschiedlich intensiv und geschlechtsabhängig wahrgenommen. Um sie voran zu treiben, benötigt es nur wenig Energie. Es gibt Eskalationstreiber und Eskalationsmechanismen. Je weiter der Konflikt eskaliert, desto mehr kommt es auf die Direktive der Dritt- Partei an. Bettina Wandtke 8

Besonderheiten sozialer Konflikte in der Behindertenhilfe? Kein Unterschied zwischen Menschen mit oder ohne Behinderung im Entstehen sozialer Konflikte. Die Eskalation ist geschlechts- und kulturabhängig. Mangelnde Impulskontrolle führt generell zu Einschränkung der Eskalationsstufen. Eskalation erscheint in sonderpädagogischen Bezügen eher offen (Taktieren ist seltener). In der Praxis der Behindertenhilfe werden soziale Konflikte zwischen Klienten bislang meist von den MitarbeiterInnen entschieden. Konfliktforschung findet in der Sonderpädagogik bisher wenig statt. 9

Möglichkeiten der Mediation in der Behindertenhilfe Durch Mediation soll nicht die Person verändert werden. Konfliktverhalten wird als sinnvolles Verhalten gesehen. Die Situation und die sozialen Beziehungen können sich verändern. Mediation beachtet immer das Potenzial, das Menschen mitbringen. Die mediative Haltung ist maßgeblich! Nach meiner Erfahrung gute Voraussetzung für Konsulentenarbeit oder Kooperationsdiskurs. 10

Grenzen der Mediation in der Sonderpädagogik Perspektiveübernahmefähigkeit muss vorhanden sein. Bei anpassender Erziehung entstehen Charaktere, die sich schlecht abgrenzen können. Mediation ist keine Therapie. Freiwilligkeit ist sehr wichtig! Machtgefälle muss berücksichtigt werden. Traumatische Erlebnisse hinterlassen Fußspuren. Bei gravierender intellektueller Einschränkung besteht die Gefahr der zu großen Interpretation, Bei Wahrnehmungsstörungen, pathologischem Verhalten, Wird in einer Einrichtung der Gedanke der Mediation generell nicht unterstützt, ist der Ansatz auch beim Klientel wenig erfolgversprechend. 11