Morbidität und Versorgungssituation 2030 zukünftige Aufgaben für Psychotherapeuten. Dr. Christina Tophoven, Bundespsychotherapeutenkammer

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1 Morbidität und Versorgungssituation 2030 zukünftige Aufgaben für Psychotherapeuten Dr. Christina Tophoven, Bundespsychotherapeutenkammer Veranstaltung der PtK NRW Reform der Psychotherapeutenausbildung Düsseldorf, 19. Februar 2014

2 Prognosen? Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren. Gottlieb Daimler (1901) 2

3 Was wissen wir? 3

4 Versorgungsproblem Psychische Erkrankungen Psychische Erkrankungen sind Volkskrankheiten: DEGS: 26,9 Prozent der Bevölkerung (Alter Jahre) hatten im 12-Monats-Zeitraum klinisch bedeutsame psychische Störungen nach den Kriterien von DSM-IV TR Interventionsbedarf (präventiver, diagnostischer, therapeutischer Art) Aussagen über die Art und den Umfang der angezeigten Interventionen bzw. Adäquatheit der Therapie sind nicht möglich 4

5 12-Monats-Prävalenz psychischer Störungen nach Geschlecht Anorexia Nervosa Körperlich bed. PS 1,1 0,3 1,2 1,2 Frauen: 32,4 % (95 % KI: 30,3-34,6) Männer: 21,4 % (95 % KI: 19,5-23,4) Medikamentenst. PTBS Psychot. Störungen Bipolare Störungen Somatoforme St. Zwangsstörungen 2 1,7 0,9 3 2,1 1,8 1,3 1,7 3,6 4 3,3 5,2 Unipolare Depression Alkoholstörungen Angststörungen 10,9 4,9 1,7 6,9 21,3 9, Jacobi et al. in IJMPR Monats- Prävalenz (%) 5

6 Behandlungsraten psychischer Störungen nach Alter und Geschlecht bei DEGS Lifetime und 12-Monats-Fällen in % Lifetime: Frauen > Männer 8-34-Jährige niedrigste Rate ,1 40,1 36,3 23,3 51,8 49,4 46,2 43,4 9,2 15,8 13,3 4,5 27,5 25,5 21,9 14,1 12-Monatsraten niedrig für junge Männer und Altere (65+) Gesamt: M: 11,6 %, F: 23,5) 0 Männer Frauen Männer Frauen A. Lifetime-Diagnose und Lifetime-Behandlung B. 12-Monats-Diagnose und 12-Monats-Behandlung Mack et al. in IJMPR

7 Wartezeit auf ein psychotherapeutisches Erstgespräch in Wochen Quelle: BPtK,

8 AU-Fälle & psychische Erkrankungen 2012: rund 2,6 Mio. AU-Fälle wegen psychischer Erkrankungen Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer, 2013 Dargestellt sind die Anteile (%) der wichtigsten Krankheitsarten an den AU-Fällen seit 2000, gemittelt über die großen gesetzlichen Krankenkassen und gewichtetet anhand der jeweiligen Versichertenzahl. 8

9 AU-Tage & psychische Erkrankungen 2012: rund 82 Mio. AU-Tage wegen psychischer Erkrankungen Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer, 2013 Dargestellt sind die Anteile (%) der wichtigsten Krankheitsarten an den AU-Tagen seit 2000, gemittelt über die großen gesetzlichen Krankenkassen und gewichtetet anhand der jeweiligen Versichertenzahl. 9

10 Krankengeld & psychische Erkrankungen Quelle: Bundespsychotherapeutenkammer, 2013 Dargestellt sind die über die Angaben der BARMER GEK und BKK gemittelten und anhand der Versichertenzahl der beiden Krankenkassen gewichteten Anteile der wichtigsten Krankheitsarten an den Langzeit-AU-Fällen für

11 Frührente & psychische Erkrankungen 2012: Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen Quelle: DRV-Statistik Rentenzugang Dargestellt ist die Zahl der Rentenneuzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit pro Jahr aufgrund der sechs wichtigsten Krankheitsarten. am häufigsten Depressionen (39 %) Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (21 %) Suchterkrankungen (10 %) 11

12 Koalitionsvertrag CDU/CSU und SPD Wir wollen in der psychotherapeutischen Versorgung Wartezeiten reduzieren und mehr Betroffenen ein zeitnahes Angebot für eine Kurzzeittherapie eröffnen. Hierzu werden wir das Antrags- und Gutachterverfahren entbürokratisieren, die Gruppentherapie fördern und den Gemeinsamen Bundesausschuss beauftragen, in einer gesetzlich definieren Frist die Psychotherapie-Richtlinie zu überarbeiten. Die bestehenden Befugniseinschränkungen für Psychotherapeuten werden wir überprüfen. 12

13 Empfehlungen aus internationalen S3-Leitlinien (NICE) zur Therapie psychischer Erkrankungen ++ Empfehlung erster Wahl + Empfehlung x Option, wenn explizit vom Pat. gewünscht 0 kann erwogen werden / nicht als alleinige Therapie - keine Empfehlung 13

14 Wie lässt sich das Versorgungsproblem lösen, ohne das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem zu gefährden? Kompromisse zwischen den Beteiligten Starke Rolle der Vetospieler Ausgabenrisiken minimieren/effizienz steigern Pfadabhängig Was heißt das für die Zukunft der Psychotherapie? 14

15 Wer übernimmt die Lotsenfunktion? Steuert den Zugang Innerhalb vertretbarer Wartezeiten Hausärzte? Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie? Psychotherapeuten? 15

16 Psychotherapeuten als Lotsen Sprechstunden (zur Lösung des Verteilungsproblems) Qualifiziertes Praxispersonal, Delegation ( 28 SGB V), Case Management Psychotherapeutische Versorgungszentren ( 95 SGB V), große Gemeinschaftspraxen Befugnisse für die Wahrnehmung der Koordinationsaufgaben ( 73 SGB V) 16

17 Differenzierung des psychotherapeutischen Leistungsangebots jenseits der klassischen Richtlinienpsychotherapie Von niederschwelligen psychotherapeutischen Leistungen bis zur stationären Versorgung 17

18 Tapferkeit ist, wenn man sich schrecklich fürchtet und trotzdem aufsattelt. John Wayne 18

19 Niederschwellige psychotherapeutische Leistungen Adressierte Patientengruppe Vorrangig Patienten mit akuten bzw. wenig chronifizierten psychischen Erkrankungen und Beschwerden leichter bis mittlerer Ausprägung Leistungen Niederschwellige psychotherapeutische Leistungen sind psychotherapeutische Interventionen unterhalb der Kurzzeitpsychotherapie im Einzelsetting Bibliotherapie (mit psychotherapeutischer Begleitung) Selbsthilfe, geleitete Selbsthilfe Indikationsspezifische psychotherapeutische Gruppen mit einem psychoedukativen Schwerpunkt Kurzzeitinterventionen im Gruppensetting Kurzzeitintervention im Einzelsetting Kurzzeitgruppenpsychotherapie 19

20 Psychotherapie: Einzel- und Gruppentherapie Abbau von Bürokratie (Gutachterverfahren) Flexibler (z. B. leitliniengerechte Versorgung von Patienten mit Borderline-Störung, chronische Erkrankungen) Vernetzter (multiprofessioneller Behandlungsbedarf) aber keine Rationierung und keine Zwangspause! 20

21 Prozentuale Veränderung der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen von 2006 bis 2011 und Prognose bis 2020 für Rheinland-Pfalz , ,06 40, ,45 30,06 Veränderung 2006 bis 2011 Veränderungsprognose bis , ,54 13,98 0-5,26-3,78-10 Altersgruppe 0 bis U18 Altersgruppe 18 bis U45 Altersgruppe 45 bis U65 Altersgruppe 65 und älter Gesamt Quelle: Versorgungsatlas Rheinland-Pfalz

22 Diagnosespektrum der Behandlergruppen in der ambulanten fachärztlichen/psychotherapeutischen Versorgung 22

23 Patientengruppe mit psychischer Erkrankung und komplexem Leistungsbedarf sonstige psychische Erkrankung Psychose, bipolare Störung, rez. depressive Störung, schwere depressive Episode, OHNE komplexen Leistungsbedarf Psychose, bipolare Störung, rez. depressive Störung, schwere depressive Episode MIT komplexem Leistungsbedarf (GAF* 70) Psychose, bipolare Störung, rez. depressive Störung, schwere depressive Episode MIT komplexem Leistungsbedarf (GAF* 50) 23

24 Gute Ansätze: vernetzt und multiprofes-sionell (wie z. B. in IV-Verträgen) ambulant orientiert (wie z. B. in Regionalbudgets nach 64 SGB V) 24

25 Aber: Nur regional verfügbar Doppelstrukturen bei Ressourcenknappheit Unzureichend transparent Psychotherapie? Psychotherapeuten? Dringender Handlungsbedarf 25

26 Anzahl der in Krankenhäusern beschäftigten Psychotherapeuten 26

27 Quelle: Psychiatrie-Barometer,

28 Prognosen? Eine erstaunliche Erfindung. Aber wer sollte sie jemals nutzen wollen? US-Präsident Rutherford B. Hayes zur Erfindung des Telefons (1877) 28

29 Erhalt des Status quo und mehr vom Gleichen? Chancenlos langfristig! Aber kurzfristig attraktiv!!! Wie viel Reformbereitschaft kann man der Profession abverlangen? 29

30 Mut zu mehr Varianz? Psychotherapeuten als Lotsen! Differenziertes Versorgungsangebot! Differenzierte Praxisstrukturen! Mehr Vernetzung und Koordination! Angemessene Verankerung der Psychotherapie und der Psychotherapeuten im Krankenhaus! 30

31 Welche Kompetenzen brauchen Psychotherapeuten, um diesem Versorgungsprofil gerecht werden zu können? 31

32 Reformperspektiven des Gesundheitssystems Reformperspektiven der Psychotherapeutenausbildung 32

33 Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll. Willy Brandt (1992) 33

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