Verletzendes Onlineverhalten aus medienethischer Sicht

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1 Verletzendes Onlineverhalten aus medienethischer Sicht Prof. Dr. Petra Grimm Institut für Digitale Medien, Hochschule der Medien Stuttgart 20. Fachtagung des Forums Medienpädagogik der BLM

2 Digitale Gesellschaft Erweiterung des Raums, in dem Menschen Konflikte austragen Online-Gewalt: Cybermobbing, Shitstorm, Bashing, Trolling, digitaler Pranger, Hass- und Schlampen -Seiten Verletzung der Integrität eines Menschen und Beschädigung seines sozialen Ansehens in der realen Welt Unvereinbar mit dem Wert- und Würdeprinzip unserer Gesellschaft Verhinderung eines gelingenden Lebens für die Betroffenen

3 Online-Gewalt Ethische Frage nach unserer Werte- und Lebensorientierung Wie wollen wir miteinander leben? Entwicklung eines mehrstufigen Reflexionsprozesses Ethischer Kompass Ziel: Erwerb einer digitalen Konfliktkompetenz Medienethisches Handbuch Kooperationsprojekt klicksafe & Institut für Digitale Ethik: Ethik macht klick! fürs digitale Leben Folie 3

4 1. Stufe: Sensibilisierung für Verletzbarkeit Verwundbarkeit ist also conditio humana eine Bedingung des Menschseins. Online-Attacken zielen auf das soziale Ansehen, den Ruf oder das Image eines Menschen und damit auf seine Anerkennung als Subjekt. Durch die Verletzung des Subjektcharakters wird Betroffenen die Möglichkeit auf ein gelingendes Leben verwehrt

5 Beleidigung, Beschämung, Demütigung Macht/ Überlegenheit Exklusion/ Desintegration Inklusion/ Integration Exklusion/ Desintegration Ohnmacht/ Unterlegenheit 5 Grafik in Anlehnung an Herrmann, S. (2013). Beleidigung. In: Gudehus, C. & Christ, M. (Hrsg.), Gewalt: Ein interdisziplina res 5 Handbuch. Stuttgart: J.B. Metzler, S

6 Merkmale der Online-Verletzungen Zeit und Raum Eingriffe in das Privatleben finden zeit- und ortsunabhängig statt. Wirkung Intransparenz der Folgen von Gewalttaten. Dynamik Mediale Inhalte verbreiten sich rasend schnell und sind nahezu unbegrenzt teilbar (z.b. über Facebook, WhatsApp, YouTube). Dauer Das Internet vergisst nichts. Anonymität Täter handeln oft anonym aus den Untiefen des Netzes heraus. Öffentlichkeit Publikum ist unüberschaubar. 6 6

7 Online-Verletzungsarten Cybermobbing Hass- und Schlampen -Seiten Shitstorms, Bashing, Trolling 7 7

8 2. Stufe: Erkennen der Rollen und Motive Aktanten-Schema Zivilcourage Auftraggeber Ziel/Wunsch Nutznießer Verantwortung Fürsorge Achtsamkeit Gewalt stoppen Täter infrage stellen/isolieren Fairness/Gerechtigkeit Opfer Gemeinschaft Helfer Handelnder/Held Gegenspieler Freunde Lehrer Moderatoren etc. Intrinsische Helfer Perspektivenwechsel Empathie Eingreifer Täter Bystander 8

9 Rolle der Bystander Mitläufer, Zuschauer/Dulder Bystander-Effekt: Verantwortlichkeitsdiffusion Verantwortung: nicht nur für Handlung, auch für Unterlassung 9 9

10 Täter: ethische Aspekte Fehlen von stabiler Wert- und Normorientierung, Unrechtsbewusstsein, familiärer Wärme und Empathiefähigkeit sowie der Fähigkeit, Probleme und Konflikte im Gespräch lösen zu können Täter können auch Opfer sein (vgl. Görzig 2011: 1 sowie Livingstone et al. 2011: 42) Täter oft gut integriert und zentrale Position im Klassenverband (vgl. Eisenschmidt 2012: 127, vgl. Schäfer 2013: 135f.) 10 10

11 Zweck der Gewalt Warum macht man jemanden im Internet fertig? Zementieren von sozialen Verhältnissen und Machtstrukturen Kompensation und Vergeltung Gewinnen von Anerkennung Aggressive Angstbewältigung 11 11

12 3. Stufe: Perspektivenwechsel und Empathie Motivation für engagiertes Verhalten & Netzcourage Ethisches Handeln und Urteilen nicht allein aus Vernunftgründen, sondern aufgrund von Gefühlen (Moral-Sense-Ethik, Ethik des Mitleids, Care-Ethik) Einflussfaktoren für Empathie: sich in die Perspektive eines anderen hineinversetzen können, Nähe zu einer Person, moralische Bewertung einer Situation/Handlung Empathietraining durch narrative Formen 12

13 4. Stufe: Reflexion der ethischen Prinzipien Das Verantwortungsprinzip: Freiheit und Verantwortung bedingen sich gegenseitig. Verantwortliches Handeln im Fall von Online-Gewalt: dem Opfer helfen, auch wenn es einfacher wäre wegzusehen, bereit sein, bis zu einer gewissen Grenze auch Nachteile in Kauf zu nehmen, sich gegen die Beleidigung und Verletzung auszusprechen, auch wenn die anderen das witzig oder okay ( selber schuld ) finden, sich auf das eigene moralische Empfinden beziehen und sich Hilfe bei anderen holen, wann immer diese nötig ist. 13

14 Ethik der Achtsamkeit Take Care-Phasen 1. Anteilnahme (caring about) als Ausdruck von Achtsamkeit: Feststellen, dass Unterstützung nottut Wahrnehmung eines Bedürfnisses Sich in die Perspektive anderer hineinversetzen 2. Unterstützung (taking care of) als Ausdruck von Verantwortlichkeit: Bereit sein, Verantwortung zu übernehmen Handlungsmächtigkeit (agency) Beurteilen, wie geholfen werden kann 3. Fürsorgliches Handeln (care-giving) als Ausdruck von Kompetenz: Direktes Eingehen auf den Bedarf Dafür sorgen, sich ggf. Hilfe zu holen Angemessen handeln 14

15 5. Stufe: Wertekonflikte thematisieren Wertekonkurrenz (z. B. Freundschaft versus Gerechtigkeitsempfinden) Anspruch der Jugendlichen, Konflikte selbst zu lösen Instrument: Storytelling eines moralischen Dilemmas 15

16 6. Stufe: Ethos von Fairness und Respekt Gemeinschaftsperspektive Reflexives Instrument: Szenario einer fairen Online-Community 16

17 7. Stufe: Handlungsoptionen Verständigung auf Regeln und Verhaltenskodex Isolierung und Ausbremsen machtvoller Täter 17

18 VIELEN DANK FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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