Pitfall aus dem Praxisalltag

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Transkript:

Pitfall aus dem Praxisalltag 4. Ostschweizer Notfallsymposium 10. März 2016 Dr. med. Bert Maibaum Oberarzt ZNA Spital Grabs Notarztdienst

Einsatzmeldung: Patient bewusstlos an einer Tankstelle Einsatzort: Liechtenstein (Anfahrtszeit: 11 min) Anfangssituation vor Ort: Patient männlich 74 Jahre, vor der Kasse eines Verkaufsraumes einer Tankstelle am Boden liegend aufgefunden, keine Ersthelfer-Massnahmen Per Zufall: Videoaufzeichnung des Unfallgeschehens durch die Ueberwachungskamera der Tankstelle

Kreislaufstillstand Patient bewusstlos, reagiert nicht auf Ansprache bzw Rütteln an den Schultern, atmet nicht oder pathologische Atemform, z.b. Schnappatmung, Prüfung des Pulses nicht erforderlich

Unklare Bewusstlosigkeit / Koma Patient ebenso bewusstlos wie im 1. Fall, jedoch «normale» Atmung, ggf. Pulskontrolle

Unklarer Kollaps/vorübergehende Bewusstlosigkeit Patient wach bzw erweckbar, Check der übrigen Vitalparameter inklusive eines orientierenden neurologischen Status

Venöser Zugang mit kristalloider Infusion Komplettes Monitoring (EKG, RR, Puls-Oximetrie) inklusive Blutzucker und Temperatur Medikamente nur symptomatisch ggf zur Stabilisierung während des Transports Bei unklaren Zusammenhängen immer weitere Abklärung in einer geeigneten medizinischen Einrichtung

Sturz ohne Prodromi (Video), bei Eintreffen Rettungsdienst Patient erweckbar, verwirrt mit retround antegrader Amnesie, habe laut Tankstellenpersonal ein paar Minuten auf Ansprache nicht reagiert. Subjektiv keine Beschwerden. Patient sei 2 Std zuvor bereits ambulant im Spital Grabs zu einer CT-Kontrolle (?) gewesen. Eine weitere Anamnese ist zunächst nicht erhebbar.

Initial GCS 13 Puls rhythmisch 67/Min RR 89/50 mmhg SO2: 95% BZ 8,9 mmol/l Temp 35,5 C Zu Transportbeginn fraglich beginnendes Monokelhämatom rechts, bei Eintreffen im Spital diskrete Prellmarke rechts temporal

EKG: SR, Indiff.-Typ, normale Zeitintervalle, keine Erregungsleitungsstörungen, keine Extrasystolie, keine Pausen. Röntgen Thorax nativ: im wesentlichen unauffällig CCT: Neue Subarachnoidalblutung bifrontal, temporal links und präpont. Zisterne links, subdurale Blutanteile Tentorium rechts, komplexe Mittelgesichtsfraktur mit Beteiligung der Kieferhöhle, Orbita rechts, Jochbogen rechts und Mandibula rechts

Labor: Leuko 19,6 Tsd/µl Hb 13,2 g/dl Thrombo 329 Tsd/µl CRP 175 mg/l U-Status: Leuko+++, Nitrit pos., Protein +++, Urobili +++, Ery ++++, im Sediment Leuko>25, Bakt+++, Keimzahl i.u. 1.000.000/ml 2 Blutkulturen: gramnegative Stäbchen Klinik: Fieber bis 39 C über mehrere Tage

Häusliche Synkope nach Schwindel mit Subduralhämatom cerebellär rechts, Subarachnoidalblutung entlang der Kalotte, Parenchymblutung rechts temporal V.a. Mastoidfraktur rechts DD postentzündlich Nicht dislozierte Kalottenfraktur links mit Beteiligung von Jochbogen und Orbita links

Rezidivsynkope mit Sturz und Intrakraniellen Blutungen (ICB) sowie Komplexer Mittelgesichtsfraktur am ehesten i.r. einer Urosepsis Synkope nach Schwindel 2 Wochen zuvor mit Schädelkalottenfraktur, Orbita- und Jochbeinfraktur, ICB

Intensivüberwachung Ceftriaxon iv bezüglich Urosepsis Absetzen von Antikoagulantien (ASS) Operative Versorgung der Jochbeinfraktur rechts 1x unbeobachteter Sturz im Patientenzimmer, ohne Verletzungsfolgen Bradycardie- (ß-Blocker) und Extrasystolieneigung am Intensivmonitor

Die Synkope ist ein transienter kurzdauernder Bewusstseinsverlust aufgrund einer vorübergehenden globalen cerebralen Minderperfusion und geht oft einher mit einem Tonusverlust der Muskulatur, gelegentlich jedoch auch mit epileptiformen Muskelverkrampfungen aufgrund der cerebralen Hypoxie.

1. Reflexsynkopen Vasovagal («gutartige Ohnmachten») z.b. bei Angst, langem Stehen, Schmerz, abrupter Lagewechsel, emotionale Stimuli (Sehen von Blut ua) Carotissinussyndrom Situativ: Miktion Defäkation Schlucken Husten Spielen von Blasinstrumenten Gewichtheben 2. Orthostatische Synkopen Neurogen: M. Parkinson Polyneuropathie mit autonomer Beteiligung (Diabetes, Alkohol, Guillain-Barre und viele andere) Nicht-neurogen: Volumenmangel (Blutung, Erbrechen, Diarrhoe, Addison, Diuretika-Abusus) Vasodilatation (Alkohol, Nitropräparate, Hitze, Fieber) 3. Synkope bei kardiopulmonaler Erkrankung Rhythmusstörungen Kranker Sinusknoten, AV-Block Paroxysmale SVT / VT QT-Syndrome Strukurelle Herz- oder Lungenerkrankung Myocardinfarkt Valvuläre Kardiopathie Hypertensive Herzerkr. HOCM Perikarditis, Vorhofmyxom, Aortendissektion Lungenembolie

Mit Bewusstseinsstörung: Epileptischer Anfall Metabolische Entgleisung Intoxikation TIA im hinteren Stromgebiet Ohne Bewusstseinsstörung: Drop attacks TIA im vorderen Stromgebiet Kataplexie Dissoziative (psychogene) Anfälle

Diagnostisches Vorgehen? Wann ist welche Diagnostik erforderlich?: Wann ist die ambulante Untersuchung in der Hausarztpraxis sinnvoll? Wann ist das Spital gefragt? Wann ist (zunächst) keine weitere Abklärung nötig?

Durch gezielte Anamnese ist in 40-50% der Fälle eine gesicherte Diagnosestellung möglich:

1. Reflexsynkopen RR im Stehen und Liegen Kipptisch- Untersuchung Evtl Carotis- Druckversuch (bei Älteren erst nach Carotis-Duplex) 2. Orthostatische Synkopen Schellongtest ggf. fachärztliche neurolog. Untersuchung? (Unterscheidung neurogen/nicht neurogen) 4. DD Synkope Bei Verdacht auf Differentialdiagnosen gezielte Ergänzungs- Untersuchungen (z.b. CCT/EEG/Duplex Carotiden/Aa. subclavia..) 3. Synkope bei kardiopulmonaler Erkrankung EKG Echokardiografie Belastungstest Langzeit-EKG Externer Loop-Recorder Elektrophysiologische Untersuchung Implantierbarer Eventrecorder

Synkopen sind häufig, die Diagnostik ist schwierig. Ein synkopales Ereignis kann vielfältige Ursachen haben und bedarf bis auf wenige Ausnahmen einer allfälligen medizinischen Abklärung. Für die Ersteinschätzung ist die gezielte Anamnese, körperliche Untersuchung und das EKG grundsätzlich zu empfehlen. Damit ist in über 50% der Fälle der diagnostische Weg bereits vorgegeben. In etwa 1/3 der Fälle ist das Dilemma der diagnostischen Unsicherheit nicht zu beseitigen. Besonderes Augenmerk gilt der Gruppe 3 (strukturelle Herzerkrankung), hier versterben nach einer Synkope innerhalb eines Jahres 20% der Patienten am plötzlichen Herztod.

www.synkopen-pfad.de ERC-Leitlinien 2015, Notfall- und Rettungsmedizin 2015; Band 18/Heft 8 Ehlers C, Andresen D: Diagnostik von Synkopen, Dtsch Ärztebl 2006, 103(7): A-412/B-357/C-340 www.dgk.org: Pocketleitlinie Synkope, 2009 Humm A: Synkopen nichtepileptische anfallsartige Störungen auf kardiovaskulärer Basis, Epileptologie 2007; 24: 184-192

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