Mentales Training. Leseprobe

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Transkript:

Mentales Training

Kapitel 6 Stressmanagement und Entspannungstechniken 6.1 Stress als natürlicher Verteidigungsmechanismus 6.2 Stressoren und Überforderungsreaktionen 6.3 Stressregulierung in der Praxis 6.4 Maßnahmen zur aktiven Entspannung 6.4.1 Autogenes Training 6.4.2 Progressive Muskelrelaxation (PMR) 6.4.3 Atementspannung 6.4.4 Geschichten zur Entspannung 6.4.5 Entspannungsmusik 6.5 Überforderung und Stress in der Schule Seite 91 von 181

Lernorientierung Sie werden nach Bearbeitung des folgenden Kapitels in der Lage sein: Stress zu definieren, Stress als Alarmreaktion des Körpers zu begreifen, interne und externe Reizeinflüsse sowie Überforderungsreaktionen wiederzugeben, die Analyse von individuellen Stresssituationen ausführlich zu erläutern, allgemeine Bewältigungsstrategien zu nennen, vielfältige Verfahren zur aktiven Entspannung näher zu beschreiben sowie die Schule als spezielles Handlungsfeld vorzustellen. Seite 92 von 181

6.4 Stressregulierung in der Praxis Stressbewältigung (coping) ist, wie der Stress selbst, eine sehr individuelle Angelegenheit. Manch einer betreibt den Stressabbau durch Entspannen bei schöner Musik, ein anderer geht hinaus zum Joggen, ein Dritter geht Spazieren und lässt die Gedanken schweifen, ein Vierter hingegen unterhält sich gerne mit Freunden. Das kognitive Stressmodell von Lazarus (1974) geht davon aus, dass nicht die Charakteristika der Reize oder Situationen für die Stressreaktion von Bedeutung sind, sondern die individuelle kognitive Verarbeitung des Betroffenen. Nach seinem Stressmodell wird jede neue oder unbekannte Situation in zwei Phasen kognitiv bewertet: Primäreinschätzung ( primary appraisal ) Welche Bedrohungen gehen von der Situation für mich aus? ( Bewertung, ob die Situation eine Bedrohung enthält) Sekundäreinschätzung ( secondary appraisal ) Welche Mittel stehen mir zu Verfügung um die Situation zu lösen? ( Bewertung, ob die Situation mit den verfügbaren Ressourcen bewältigt werden kann) Wenn beide Formen der kognitiven Bewertung abgeschlossen sind, entscheidet sich für das Individuum, ob Stress entsteht oder nicht (Stress: persönliche Ressourcen reichen nicht aus; kein Stress: eigenen Ressourcen übersteigen in der subjektiven Wahrnehmung die Gefahren des Reizes). Nach erfolgter Reaktion kann eine Neubewertung ( reappraisal ) der Situation erfolgen. Die äußeren Reize sowie die persönlichen Ressourcen können neu eingeschätzt und auch neu eingeordnet werden. Der Prozess der Neubewertung ermöglicht es, Erfahrungen zu sammeln, die bei wiederholtem Auftreten der Person-Umwelt-Konstellation berücksichtigt werden. Dadurch wird der Stressprozess dynamisch, auf gleiche Reize kann je nach Erfahrung zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich reagiert werden. Lazarus differenziert nach der Frage, ob das Individuum glaubt, die Situation kontrollieren zu können und ob die Gefahr höher eingeschätzt wird als die eigenen Kräfte. In diesem Modell werden Persönlichkeitsfaktoren sowie Variablen der Situationsdeutung als wichtige vermittelnde Größen berücksichtigt. Seite 98 von 181

Sich mit den eigenen Stressbelastungen auseinander zu setzen, ist oft schwer angesichts der vielen unterschiedlichen Auslöser, die zu Stress führen. Als hilfreich für die Analyse und Beschreibung eigener Stresssituationen hat sich laut der Techniker Krankenkasse (2008) folgende Unterteilung herausgestellt: Welches sind die Stressoren? Welches sind meine individuellen Strategien zur Bewältigung der Belastungssituationen? Wie reagiere ich auf die Belastungssituationen? Diese Betrachtung ermöglicht einen schnellen Überblick über die Zusammenhänge und hilft, die persönlichen Reaktionen leichter zu analysieren und damit zu entscheiden, was sinnvollerweise vorrangig verändert werden soll. Wirksames Stressmanagement erfordert also zunächst eine Analyse des eigenen Verhaltens, auf der dann gezielt neue Handlungsmuster aufgebaut werden können (vgl. Abbildung 5): Seite 99 von 181

Abbildung 5 - Individuelle Stressanalyse (vgl. Techniker Krankenkasse, 2008) Seite 100 von 181

So individuell wie die Wege in den Stress, sind auch die Wege aus dem Stress Patentrezepte gibt es nicht. Es liegen allerdings bewährte Methoden vor, die helfen können, sich ein eigenes Repertoire an Bewältigungsstrategien anzueignen. Grundsätzlich sollte man bei dem anknüpfen, was man schon hat, oder zumindest einmal hatte. Die Orientierung an den persönlichen Stärken bzw. individuellen Erholungsressourcen ist für das persönliche Stressmanagement von großer Bedeutung. Grundempfehlungen Handeln nicht abwarten! Körper und Verstand einsetzen! Bereit sein, sich zu verändern! Individuelles Stressmanagement bedeutet: Stressenergie auch positiv nutzen, die persönliche Situation analysieren, Spannungs- und Entspannungszustände in ein richtiges Verhältnis bringen, Ansatzpunkte zur aktiven Entspannung und Stressbewältigung finden, verschiedene alltagstaugliche Methoden zur aktiven Entspannung und Stressbewältigung kennen lernen, eigene Gesundheitsressourcen nutzen, Folgeschäden von Stress abbauen oder ihnen vorbeugen, die geeigneten Maßnahmen auswählen, sie erlernen und in konkreten Situationen einsetzen sowie ein persönliches Antistressprogramm entwickeln und dessen Wirksamkeit laufend kontrollieren. Verschiedene Balancestrategien können verhindern, dass sich ein Stressplateau bildet: Pausen einlegen Passive Pause: Ruhe, Entspannung, Erholung Aktive Pause: Hobby, Tapetenwechsel, Sport, Gespräch Quantitative Pause: aufgewendete Zeit Qualitative Pause: Spaß, Freude, Befriedigung vermittelnd (Belohnung) Prioritäten setzen Wertigkeiten überdenken bzw. in Reihenfolge bringen Ansprüche reduzieren, verzichten Ausmisten bzw. sich Luft verschaffen Verantwortung teilen Anforderungen mit Ressourcen in Einklang bringen Seite 101 von 181

Lernen, um- und abzuschalten Sich auf das jeweils Neue, momentan Bedeutsame konzentrieren Umschaltpausen einfügen Umschalthilfen nutzen Kein schlechtes Gewissen bekommen Weitere Verhaltensmaßnahmen sind zur Bewältigung von Stresssymptomen und -situationen von großer Bedeutung: 1. Teufelskreise unterbrechen (z. B. durch Sport, Hobbys oder aktive Entspannungsübungen) 2. Konfliktstrategien anwenden 1. Innere Konflikte 1. Wichtige Entscheidungen treffen, auch wenn das Resultat unangenehm ist 2. Love it, change it or leave it 2. Äußere Konflikte 1. Von der Gewinner-Verlierer-Denkweise abrücken 2. Sich öffnen und das Gespräch suchen 3. Gemeinsam Lösungen suchen Krisen bewältigen je nach Art der Krise bzw. Konfliktsituation kann es sinnvoll sein, den Weg über die Besinnung auf zentrale persönliche Wertigkeiten zu finden (das Problem relativiert sich oder das Problem wird umbewertet ), den Mut zu haben, gänzlich neue Wege zu gehen oder durch Kontakte und Gespräche den Weg aus der inneren Isolation zu finden. Darüber hinaus sind folgende Punkte hinsichtlich der Verhaltensänderung als Form des eigenen Stressmanagements besonders wichtig: Freundschaften pflegen Ausgelassenheit, Freude und Spaß Hobbys (z. B. Kunst, Kultur, Theater, Konzerte) Tapetenwechsel (Urlaub) Zeitmanagement Zuneigung und Liebe Naturerlebnisse Lieblingsmusik Bewegung und Sportaktivitäten Besinnung und Ruhe Seite 102 von 181

In nachfolgender Übersicht werden einige Tipps zur Planung von Stressbewältigungsmaßnahmen vorgestellt: Checkliste Stressbewältigung Was will ich machen? Wie häufig? An welchen Tagen? Wie will ich vorgehen? Zu welcher Zeit Wo? Wie komme ich dorthin? Welche Ausrüstung benötige ich dazu? Mit wem? Wer kann mich unterstützen? Welche Hindernisse können auftreten? Wie kann ich sie vermeiden? Wodurch will ich mich belohnen? Wie werde ich mich fühlen, wenn ich es geschafft habe? Was bedeutet das für meine Umwelt? Entscheiden sie, was sie verändern möchten und wo sie dabei am besten ansetzen. Wählen sie zunächst nur eine oder zwei Gegebenheiten, die sie verändern möchten weniger ist hier mehr. Führen Sie regelmäßig Buch über ihre Maßnahmen und freuen sie sich über jeden kleinen Erfolg. Akzeptieren sie aber auch Rückschläge. Seite 103 von 181

6.4 Maßnahmen zur aktiven Entspannung Entspannungsübungen lassen sich auf drei Ebenen beschreiben. Im Folgenden werden die bekanntesten und einfachsten Entspannungsverfahren der einzelnen Ebenen kurz vorgestellt: Primär muskuläre Ebene Progressive Muskelentspannung (PMR) Feldenkrais-Übungen Primär organisch-physiologische Verfahren Atemübungen Entspannung mit Musik Entspannungsmassage Primär psychologische Ebene Meditation Entspannungsgeschichten Autogenes Training Unabhängig von der Wahl des Verfahrens treten bei Übungen zur aktiven Entspannung folgende typische Veränderungen bzw. Wirkungen auf: Wirkungen auf die Muskeln bzw. den Bewegungsapparat Herabsetzung der Muskelgrundspannung Entspannung von spezifischen Muskelgruppen im Hals- Schulter-Nackenbereich sowie im Bereich der Lendenwirbelmuskulatur Entspannung der Brust-, Bauchund somit auch Atemmuskulatur Organisch-physiologische Reaktionen Periphere Gefäßerweiterung Atemregulation Beruhigung der Herzaktivität und Weitstellung der Blutgefäße Tabelle 3 - Wirkungen von aktiven Entspannungsmaßnahmen (vgl. Steiner et al., 1999) Psychische Wirkungen Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens Höhere Gelassenheit gegenüber unangenehmen Einflüssen, Problemen und Konflikten Verbesserte Erholungsfähigkeit nach Belastungen Verringerung des Blutdrucks Veränderte Hirnstromaktivität Verbesserte Selbstkontrolle Insgesamt verbessertes Körpergefühl und Körperwahrnehmung Senkung des Grundumsatzes Abbau von Spannungen und Aggressionen Seite 104 von 181