Univ.-Prof. Dr. Thomas Retzmann Didaktik der berufsmoralischen Bildung im Berufsfeld»Wirtschaft und Verwaltung«. Essen 2008

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1 Univ.- Didaktik der berufsmoralischen Bildung im Berufsfeld»Wirtschaft und Verwaltung«09 Prinzipien und Optionen der berufsmoralischen Bildung Univ. Universität Duisburg-Essen, Campus Essen Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften und Didaktik der Wirtschaftslehre Literaturhinweise Retzmann, Thomas (2001): Didaktische Prinzipien der berufsmoralischen Bildung in kaufmännischen Ausbildungsberufen. In: Forum Ware. Hrsg. v. d. Deutschen Gesellschaft für Warenkunde und Technologie (DGWT) und der Österreichischen Gesellschaft für Warenwissenschaften und Technologie (ÖGWT) unter Mitwirkung der Internationalen Gesellschaft für Warenwissenschaften und Technologie (IGWT). 29. Jg., Heft 1-4, S Retzmann, Thomas (2005): Berufsmoralische Bildung für kaufmännische Auszubildende des Handels. Curriculare Systematik und systemische Kasuistik. In: H. Lungershausen / Th. Retzmann [Hrsg.]: Warenethik und Berufsmoral im Handel. Beiträge zur Innovation der kaufmännischen Bildung. Band 2 der Schriftenreihe der Deutschen Stiftung für Warenlehre. Essen, S Retzmann, Thomas (2006a): Systematik und Kasuistik der berufsmoralischen Bildung in kaufmännischen Berufen. In: A. Fischer [Hrsg.]: Ökonomische Bildung Quo vadis? Bielefeld, S Retzmann, Thomas (2006b): Didaktik der berufsmoralischen Bildung in Wirtschaft und Verwaltung. Eine fachdidaktische Studie zur Innovation der kaufmännischen Berufsbildung. Norderstedt. 2 1

2 Univ.- Anknüpfungspunkte berufsmoralischer Bildung: Woher stammt die Sache? Subjekt bezug im Sinne der Förderung der moral-kognitiven Entwicklung nach Kohlberg, Lempert, Oser u. a. (Betonung des individualethischen Aspekts) sbezug im Sinne der Reflexion des Handlungskontextes, der unternehmensinternen Spielregeln, der Infrastruktur (Betonung des unternehmensethischen Aspekts) Tätigkeit sbezug z. B. im Sinne der Reflexion des Handlungsvollzuges, der individuellen Spielzüge, der typischen Prozeduren (Betonung des berufsethischen Aspekts) Objekt sbezug z. B. im Sinne der Reflexion der offerierten Produkte (Waren und Dienstleistungen) (Betonung des produktethischen Aspekts) 3 sbezug z. B. im Sinne der Reflexion der Wirtschaftsordnung, allgemein verbindlicher Spielregeln, des Wettbewerbsmarktes (Betonung des ordnungsethischen Aspekts) Wie kann die Sache analysiert werden? öffentliche Aufmerksamkeit Restriktionen / Anreize Unternehmen Rahmenordnung Internationale NRO kritische Loyalität (als Rollenträger) Glaubwürdigkeit Wirtschaftsbürger Unternehmung Anreize Innovationen Markt Lenkung staatlich gesetzte Rahmenordnung Unterstützung Verpflichtung Mitglied ordnungspolitische Mitverantwortung kritische Öffentlichkeit Unternehmensverbände republikanisches Ethos 2

3 Univ.- Prinzipien berufsmoralischer Bildung Kontextualität Komplexität Situative Bedingungen moralischen Handelns im beruflichen Wirkungsraum Komplexität moralischer Anforderungen im beruflichen Wirkungsraum HANDLUNGSZUSAMMENHANG Historizität Kontroversität Vorgeschichte und Nachspiel der moralischen Anforderungssituation sowie Identität der (korporativen) Akteure Unterschiedliche Positionen zum (un)moralischen Handeln im beruflichen Wirkungsraum 5 Kontroversität als Prinzip berufsmoralischer Bildung Die drei Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses 1. Überwältigungsverbot: Es ist nicht erlaubt, den Schüler - mit welchen Mitteln auch immer - im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der Gewinnung eines selbständigen Urteils zu hindern [ ] 2. Kontroversitätsgebot: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muß auch im Unterricht kontrovers erscheinen. [ ] 3. Der Schüler muß in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren, sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen. [ ] 6 Quelle: Wehling, Hans-Georg: Konsens à la Beutelsbach? In: Schiele, Siegfried / Schneider, Herbert (Hrsg.) (1977): Das Konsensproblem in der politischen Bildung. Stuttgart: Ernst Klett Verlag, S

4 Univ.- Schlüsselfragen zur Fallanalyse 1. Komplexität: Welche anderen Sachverhalte bzw. Entscheidungen hängen mit der betrachteten Sache (Handlung / Situation) bzw. Entscheidung zusammen? Wie? 2. Kontroversität: Welche unterschiedlichen Positionen werden in der Sache vertreten? Von wem? Mit welchen Argumenten? 3. Historizität: Wie ist es zu dieser Handlung / Situation gekommen (Vorgeschichte)? Welche zukünftige Entwicklung könnte die Geschichte nehmen (Nachspiel)? Welche Identität hat der Akteur (Wirtschaftsbürger / Unternehmen)? 4. Kontextualität: In welchem Umfeld ist die Handlung / die Situation angesiedelt? Kulturell? Politisch? Wirtschaftlich? Fördern oder hemmen die situativen Anreize das moralische Handeln? 7 Optionen berufsmoralischer Bildung Bürger (1) Akteursperspektive Beeinflussung (4) Bürgerperspektive Akteur HANDLUNGSZUSAMMENHANG (un)moralisches Handeln Adressat (3) Beobachterperspektive Beobachtung (2) Adressatenperspektive Beobachter 8 4

5 Univ.- Schlüsselfragen zu den Perspektiven 1. Akteursperspektive: Soll der Schüler selbst zu einer legitimen, wirtschaftlichen Handlung befähigt werden? 2. Adressatenperspektive: Soll der Schüler lernen, als Betroffener (Opfer, Nutznießer) legitimer oder illegitimer, wirtschaftlicher Handlungen Anderer zu reagieren? 3. Beobachterperspektive: Soll der Schüler lernen, die Legitimität von Handlungszusammenhängen, in die er nicht unmittelbar einbezogen ist, unparteiisch zu beurteilen? 4. Bürgerperspektive: Soll der Schüler lernen, wie der Handlungszusammenhang durch Änderung der Rahmenordnung beeinflusst werden kann? 9 Eckdaten des ETHOS-Projekts Laufzeit: Ende 2007 bis Ende 2009 Ziel: Entwicklung von Unterrichtseinheiten zur Wirtschafts- und Unternehmensethik zuzüglich einer fachdidaktischen Einführung Projektleitung: (Universität Duisburg- Essen) Projektberater und Mitherausgeber: Prof. Dr. Tilman Grammes (Universität Hamburg) kostenlose Verbreitung der Unterrichtseinheiten im Internet Drucklegung nach Erprobung und Evaluation vorgesehen primäre Zielgruppe: Wirtschafts- und Politiklehrer am allgemein bildenden Gymnasium (Sek II) und Wirtschaftsgymnasium sekundäre Zielgruppen: Wirtschafts- und Politiklehrer Lehrer an (kaufmännischen) Beruf(fach)schulen 10 Autoren: Lehrerinnen und Lehrer sowie Hochschulangehörige mit fachdidaktischer Erfahrung 5

6 Univ.- Projektförderung durch DSW Deutsche Stiftung für Warenlehre 11 Die ersten Unterrichtseinheiten Ethisches Investment (Dipl.-Ökon. Siegfried Kaiser): Wirtschaftsbürger Akteursperspektive Nutzwertanalyse Versicherungsbetrug (Dipl.-Hdl. Mark Oliver Meßmer): Wirtschaftsbürger Beobachterperspektive Fallmethode Der Deutsche Werberat (Dipl.-Kfm. Markus Niederastroth): Selbst gesetzte Rahmenordnung auf Branchenebene Bürgerperspektive Konferenzspiel Unlauterer Wettbewerb / Cold Calling (Dipl.-Kfm. Markus Niederastroth): Staatlich gesetzte Rahmenordnung Adressatenperspektive??? Ombudsleute (Dipl.-Hdl. Mark Oliver Meßmer): Selbst gesetzte Rahmenordnung auf Branchenebene Akteursperspektive??? Whistleblowing (Dr. Thomas Faust): Wirtschaftsbürger Akteursperspektive Fallmethode Nachhaltigkeit und Sortimentspolitik des Versandhandels Produkt- und Markenpiraterie (Dr. Dirk Loerwald) Rationale Drogenpolitik (Dr. Dirk Loerwald) 13 6

7 Univ.- 1. Wirtschaftsbürger Konsument: Produktbezogene Umwelt- und Sozial-Siegel Anleger: Ethisches Investment Arbeitnehmer: Whistleblowing oder Bestechung Versicherte: Versicherungsbetrug Steuerzahler: Steuerverkürzung / -hinterziehung als Kavaliersdelikt Unternehmen Selbstschutz: Compliance-Management Markenhersteller: Sozial- und Umweltstandards Branchenstudie: CSR im Einzelhandel Gewinn- / Kapitalbeteiligung: Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmen(-serfolg) Corporate Governance: Führungsstrukturen 15 7

8 Univ.- 3. Markt Angebot: Sortimentspolitik im Einzelhandel Pioniere: Sozial-ökologische Produktinnovationen Trittbrettfahrer: Produkt- und Markenpiraterie Nachfrage: Jugendliche als Marktteilnehmer Preis: Der Handel mit menschlichen Organen Vom illegalen Schwarzmarkt zum staatlich reglementierten Markt? Staatlich / selbst gesetzte Rahmenordnung B2Business: GWB Wettbewerbsrecht: Preiskartelle / EU- Kronzeugenregelung im Kartellrecht B2Consumer: UWG Unlauterer Wettbewerb: Cold Calling Government2Citizen: EStG - Gerechtigkeit von Einkommensteuersystemen G2B: Patente für Medikamente B2B: Freiwillige Selbstverpflichtungen auf Branchenebene B2C: Ombudsleute auf Branchenebene P2B: Deutscher Werberat: Rüge einer Werbung? 17 8

9 Univ.- 5. Öffentlichkeit Öffentliche Aufmerksamkeit: CSR-Tests der Stiftung Warentest Öffentlicher Druck: NGO s, z. B CleanClothesCampaign Öffentliche Auseinandersetzungen Öffentliche Belobigungen: Öko-Manager des Jahres Öffentlichkeitsarbeit / Unternehmenskommunikation und die öffentliche Meinung 18 Vielen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit! 9

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