Transregionale und transnationale Dienstleistungen in der maritimen Wirtschaft

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1 Transregionale und transnationale Dienstleistungen in der maritimen Wirtschaft 1. Die maritime Wirtschaft nahm in der vergangenen Dekade eine außerordentlich dynamische Entwicklung. Vor allem die internationale Seeschifffahrt profitierte dabei in besonderer Weise von der forcierten Globalisierung. Die enge Kopplung der maritimen Wirtschaft an die Weltkonjunktur zeigt nun jedoch im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise auch ihre Schattenseiten. Nahezu alle maritimen Branchen sind mit den Folgen krisenbedingter Einbrüche konfrontiert. Obwohl in mittel- bis langfristiger Perspektive eine Fortsetzung der Globalisierungstendenzen auch der maritimen Wirtschaft wiederauftrieb zu verleihen verspricht, wird für einige Segmente die Zukunft zunächst von spürbaren Strukturumbrüchen geprägt sein. 2. Zugleich erweist sich die Weltwirtschaftskrise für die maritime Wirtschaft als eine Transformationskrise, die den Strukturwandel hin zu einer Wissens- bzw. Innovationsökonomie beschleunigt. Mit dem strukturellen Wandel entstehen Ansatzpunkte für Innovationsaktivitäten und neue Märkte, insbesondere wenn es um Ressourceneffizienz, die Erschließung von neuen Energie- und Rohstoffquellen und erhöhte Sicherheitsanforderungen geht. 3. Die räumliche Lokalisation maritimer Branchen entlang der norddeutschen Küste sowie im Binnenland bewirkt äußerst differenzierte Standortstrukturen, die in ihrer Gesamtheit als ein maritimes Verbundcluster angesehen werden. Eine räumliche Verdichtung maritimer Kompetenzträger findet sowohl in den großen urbanen Zentren als auch in den eher ländlich geprägten Regionen Norddeutschlands statt. Als ein wesentliches Merkmal dieses Verbundclusters sind zugleich die zahlreichen Wertschöpfungsverflechtungen anzusehen, die innerhalb sowie zwischen den maritimen Kernräumen bestehen. 4. Maritime Cluster setzen sich aus einem sehr vielfältigen Branchenspektrum der maritimen Wirtschaft zusammen. Zu diesem Cluster zählen einerseits die Dienstleistungsbereiche der Reedereiwirtschaft, Hafenwirtschaft und-logistik sowie die maritimen Dienstleistungen im engeren Sinne (Klassifikationsgesellschaften, Schifffinanzierung etc.) und andererseits der Schiffbau, die Schiffsbauzulieferindustrie und das breite Spektrum der Meerestechnik. Wenngleich die einzelnen Kernsegmente in ihrer Genese und ihren Strukturen teilweise stark divergieren, ist die maritime Wirtschaft aufgrund der starken Wechselbeziehungen als eine in sich zusammengehörige Einheit zu betrachten. Die Besonderheit des Verbundclusters der maritimen Wirtschaft in Norddeutschland liegt in der Existenz verschiedener regionaler Kristallisationskerne

2 sowie den zahlreichen Wertschöpfungsverflechtungen, die innerhalb sowie zwischen den verschiedenen Teilräumen bestehen. 5. Die starke räumliche Konzentration der maritimen Wirtschaft deutet auf verschiedene regionale Zusammenhänge hin, die eine spezifische Definition der maritimen Teilräume erfordern. Vor diesem Hintergrund werden die Metropolregion Hamburg, die Metropolregion Bremen-Oldenburg, die Ems- Achse sowie Schleswig-Holstein (ohne die nördlichen Landkreise der Metropolregion Hamburg) und Mecklenburg- Vorpommern jeweils als voneinander abgrenzbare Clusterräume angesehen (vgl. Tab 1) Tab. 1: Beschäftigte in den Kernsegmenten der maritimen Wirtschaft in den norddeutschen Regionen 6. Eine wesentliche Voraussetzung für die Existenz eines maritimen Clusters sind vielfältige Interaktionen zwischen den Betrieben und Wissenschaftseinrichtungen. Interaktivität und Arbeitsteiligkeit sind zudem ein wesentliches Kennzeichen von Innovationsprozessen, die weniger von einzelnen Unternehmen, sondern verstärkt in Kooperationsverbünden hervorgebracht werden. 7. Die räumlichen Vernetzungsstrukturen der maritimen Wirtschaft in Deutschland auf der Ebene einzelner Betriebe und Institute repräsentieren ein dichtes, weitgehend zusammenhängendes Netzwerk, dessen Kooperationsachsen besonders innerhalb Norddeutschlands eine starke Verdichtung aufweisen. Die bedeutendsten Kooperationsachsen gehen maßgeblich von den großen urbanen Zentren aus, sind jedoch auch in peripher gelegenen Regionen zu verorten. Standorte, an denen eine ausgeprägte Verdichtung der Vernetzungsaktivitäten stattfindet, fungieren innerhalb des gesamtdeutschen maritimen Netzwerkes als wichtige Knotenpunkte. Die ausdifferenzierten räumlichen Verflechtungsstrukturen mit Fokus auf den norddeutschen Raum unterstützen die These, dass die maritime Wirtschaft als ein Verbundcluster bezeichnet werden kann.

3 8. Eine nähere Betrachtung der fünf norddeutschen Kernregionen unterstreicht die Rolle der Metropolregion Hamburg als mit Abstand bedeutendsten Knotenpunkt der maritimen Wirtschaft. Innerhalb dieser Region können die meisten Kooperationsbeziehungen identifiziert werden. Die stärkste interregionale Kooperationsachse verläuft zwischen den Metropolregionen Hamburg und Bremen-Oldenburg. Nahezu die Hälfte der bestehenden Austauschbeziehungen findet zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg und der Freien Hansestadt Bremen statt. Die zweitstärkste Kooperationsachse verläuft zwischen der Metropolregion Hamburg und der Ems-Achse. Abb. 1: Vernetzung innerhalb und zwischen einzelnen Segmenten der maritimen Wirtschaft in Norddeutschland 9. Für das maritime Verbundcluster sind neben einer intensiven nationalen Vernetzung auch die internationalen Netzwerkbeziehungen von entscheidender Bedeutung. Nur durch ausgeprägte internationale Kooperationen können die maritimen Betriebe und Wissenschaftseinrichtungen an der internationalen Forschung sowie an internationalen Trends teilhaben. Die Ausrichtung der internationalen Kooperationsbeziehungen zeigt ein deutliches Übergewicht zugunsten Westeuropas. Die maritime Wirtschaft ist also stark in die internationalen Wissensströme und Wertschöpfungsaktivitäten eingebunden ist.

4 10. In Abb. 1 sind die Verflechtungsbeziehungen innerhalb des norddeutschen Verbundclusters ausgehend von den Kernsegmenten der maritimen Wirtschaft dargestellt. Die von den Reedern ausgehenden Kooperationen betreffen beispielsweise zu 13 % die Zusammenarbeit mit anderen Reedern (horizontale Kooperationen). Deutlich stärker ausgeprägt ist die Kooperationsachse auf vertikaler Ebene zu den maritimen Dienstleistern (38 % aller Kooperationsbeziehungen der Reeder). Dabei zeigt sich, dass nahezu alle Kernsegmente der maritimen Wirtschaft wechselseitig miteinander verflochten sind. Es existieren vielfältige Querbeziehungen zwischen den einzelnen Wertschöpfungsaktivitäten, so dass weniger von einer Wertschöpfungskette, der ein linearer Produktionszusammenhang zugrunde liegt, als vielmehr von einem ganzen Wertschöpfungssystem gesprochen werden kann. 11. Die Analyse der Verflechtungsbeziehungen hebt besonders die klassischen Wertschöpfungsaktivitäten zwischen den Segmenten der maritimen Wirtschaft hervor. Charakteristisch für das Netzwerk ist die stark ausgeprägte Vernetzung zwischen den Reedern und den maritimen Dienstleistungsbetrieben (z.b. Schiffsmakler, Schiffsfinanzierer). Daneben existieren auch zahlreiche interessante Querbeziehungen innerhalb des Wertschöpfungssystems wie beispielsweise zwischen den Reedern und den Schiffbauzulieferern. Die Reeder übernehmen somit offensichtlich eine zentrale Vermittlungsfunktion im Exportgeschäft der Zuliefererindustrie, die durch diese ausgeprägte Kooperationsachse zum Ausdruck kommt. 12. Darüber hinaus treten starke Kooperationsbeziehungen zwischen den Betrieben der Meerestechnik und wissenschaftlichen Institutionen hervor. Die Kooperationen mit den Bildungsund Forschungseinrichtungen haben ihren Grund im hohen Technologiegehalt der meerestechnischen Wirtschaft. Dieser sehr heterogene Wirtschaftsbereich bündelt unterschiedliche industrielle und technische Disziplinen und liefert innovative und nachhaltige Lösungen für unterschiedliche Nutzungsarten der Meere. 13. Insgesamt ist festzustellen, dass es sich bei der maritimen Wirtschaft in Norddeutschland um ein intaktes Verbundcluster handelt. Es existieren intensive Austauschbeziehungen auf allen Ebenen des maritimen Wertschöpfungssystems. Die identifizierten Netzwerkstrukturen lassen nicht zuletzt auch eine gemeinsame Koordination und Arbeitsteilung in der Clusterpolitik im Bereich der maritimen Wirtschaft zwischen den norddeutschen Ländern sinnvoll erscheinen. 14. Vernetzungen sind kein Selbstzweck, sondern wirtschaftlich nutzenstiftende Institutionen, denen unterschiedliche Motive zugrundeliegen. In diesem Zusammenhang interessiert insbesondere die Frage, ob Netzwerkqualitäten in einem systematischen Zusammenhang zum Innovationsverhalten oder auch dem Wachstum von Unternehmen stehen. Erste Erkenntnisse im Rahmen dieses Projektes zur Erforschung der maritimen Wirtschaft in Deutschland zeigen, dass sich in diesem Wirtschaftsbereich ein positiver Zusammenhang zwischen der regionalen Vernetzungsintensität und den Innovationsaktivitäten der Betriebe nachweisen lässt und Letztere wiederum das betriebliche Beschäftigungswachstum begünstigen. Diese Ergebnisse geben erste Hinweise darauf, dass die Wahrscheinlichkeit betrieblicher Innovationsaktivitäten direkt

5 von Dichte und Kohärenz eines Netzwerks abhängt. Daraus lässt sich ableiten, dass durch ein Netzwerkmanagement das regionale Innovationssystem aufgewertet werden kann. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass Wachstums- und Schrumpfungsprozesse in einzelnen Segmenten die Erfolgsbedingungen anderer maritimer Kompetenzfelder zugunsten der einen oder anderen Richtung beeinflussen. Dieser Zusammenhang scheint insbesondere im Zeichen der aktuellen Weltwirtschaftskrise und den damit verbundenen krisenpolitischen Maßnahmen bedeutsam zu sein. Das maritime Cluster zählt zum überwiegenden Teil zu den wissensintensiven Wirtschaftsbereichen. Insgesamt vollzieht sich in diesem Cluster ein Strukturwandel zugunsten innovativer Kompetenzfelder. Vor allem dort, wo Ressourceneffizienz, der Zugang zu neuen Energie- und Rohstoffquellen und die Sicherheit im Vordergrund stehen, bieten sich Ansatzpunkte für Innovationsaktivitäten und neue Märkte.

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