Betriebsamkeit zwischen Fakt, Fiktion und Fetisch. Eine Ökologie industrieller Prozesse.

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5 Diese neuen Black Boxes werden als Funktionen bezeichnet, da sie nichts weiter als ein Mittel zur Verbindung von Input und Output sind; sie artikulieren lediglich ihre äußere Grammatik und schließen ihr Inneres in eine Black Box ein. Alexander R. Galloway: Black-Box, Schwarzer Block. In: Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin 2011.

6 Dieses neue industrielle Szenario legt größten Wert auf die Schnittstelle, während das Innere keine besondere Rolle mehr spielt. Dabei geht man natürlich davon aus, dass sich alles an seinem Platz befindet und betriebsfähig ist. Alexander R. Galloway: Black-Box, Schwarzer Block. In: Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin 2011.

7 Value lies, first and foremost, in the intellectual and relational resources of subjects, and in their ability to activate social links that can be translated into exchange value. ( ) Thus, what is exchanged in the labour market is no longer abstract labour (measurable in homogenous working time), but rather subjectivity itself, in its experiential, relational, creative dimensions. To sum up, what is exchanged is the 'potentiality' of the subject. Cristina Morini und Andrea Fumagalli: Life put to work: Towards a life theory of value. Ephemera, 10 (3/4), 2010.

8 Maren Schwieger: Betriebsamkeit zwischen Fakt, Fiktion und Fetisch. Eine Ökologie industrieller Prozesse Was ist heute, lange nach dem sogenannten Zeitalter der Industrialisierung, überhaupt (noch) als Industrie beschreibbar? Diese Frage stellt sich umso mehr in einer Zeit, die gekennzeichnet ist durch globale Vernetztheit, durch eine immer weitere Ausbreitung von Steuerungs- und Regulierungsprozessen, und eine zunehmende Interrelationalität zwischen Mensch, Natur und Technik, eine Wechselwirklichkeit, die gerade nicht auf einen Gleichgewichtszustand hinausläuft, sondern sich vielmehr durch permanente gegenseitige Veränderungen und Verschiebungen auszeichnet Kurz: Was ist Industrie in einer Zeit einer generellen Ökologisierung (Erich Hörl) bzw. von media ecologies (Matthew Fuller)? Wie aus diesem anfänglichen Problemaufriss deutlich geworden sein dürfte, sind industrielle Prozesse, so die Grundannahme dieses Vortrags, mit einem historischen Index zu versehen, der die Rede von der Industrie zwangsläufig in Frage stellt, ja, unmöglich macht. Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll, eher von industriellen Prozessen zu sprechen, um verschiedene Arten, Ausprägungen, Mechanismen und nicht zuletzt Begriffe von Industrie zu unterscheiden. Dabei mache ich von einem weiten Industriebegriff Gebrauch, der sich, dessen Etymologie folgend, als 'Betriebsamkeit' anschreiben und auf die je historische Situation beziehen lässt. Industrielle Prozesse werden so auf die Frage gebracht: Wer oder was wird durch wen oder was in Gang gesetzt und am Laufen gehalten und mit welchen Folgen? Folgt man Gilles Deleuze' Bestandsaufnahme in seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, so wurde mit Beginn des 20. Jahrhunderts das Regime der Fabriken durch das Regime der Unternehmen abgelöst; die Bedeutung der Produktion trat zurück zugunsten des Produkts, des Verkaufs und des Marketings. Diese Ablösung stellt eine Gegenbewegung zur Konzentration des Herstellungsprozesses dar: Ging es, so Deleuze im Anschluss an Foucault, in der Fabrik darum im Zeit-Raum eine Produktivkraft zusammenzusetzen, deren Wirkung größer sein muss als die Summe der Einzelkräfte, d.h. um die Konstituierung eines Körpers aus einzelnen Individuen, so gehört das Unternehmen einer Topologie der Streuung und des offenen Milieus an. Es ist gekennzeichnet durch metastabile, koexistierende Zustände, durch die die Individuen nicht in eine Einheit, sondern in Gegensatz, in Rivalität zueinander gebracht und mehr noch in sich selbst gespalten werden: Die Individuen sind 'dividuell' geworden (Deleuze). 1

9 Diesem neuen Regime ordnet Deleuze in seinem Postskriptum vom 1. Mai 1990 einen neuen Maschinentyp zu den Computer. Heute, gut 20 Jahre später, scheint sich Deleuze' Einschätzung umso deutlicher manifestiert zu haben. In einer Zeit globaler Vernetzung sind Produktionsprozesse kaum mehr an einem einzigen Platz verortbar; Digitalisierung, hyperschneller Datentransfer oder die Forderung nach Flexibilität, Mobilität und 'Lifelong Learning' scheinen jenem Prinzip von Metastabilität und unendlicher Modulierbarkeit zu entsprechen, das Deleuze' bereits 1990 beobachtete. Doch versteht sich bereits Deleuze' Text als ein Postskriptum, als eine Nachschrift zum Regime der Kontrollgesellschaften. Und wenn auch Nachsätze nicht zwangsläufig das Ende von etwas herbei- und beschreiben, so drängt sich dennoch die Frage auf: Was hat sich seit Deleuze' Bestandsaufnahme in den letzten 20 Jahren geändert? Angesichts von Formen wie Peer-to-peer, crowd founding, Selbst-Management oder 'Entrepreneurship', die in neuer Weise auf das Individuelle abzielen; angesichts von Unternehmen wie Google oder Facebook, doch ebenso im Hinblick auf die große Bedeutung von Biotech oder Neuroscience ist heute nicht nur die Funktionsweisen industrieller Prozesse neu zu hinterfragen. Vor allem die damit einhergehenden Produkte gilt es zu diskutieren, die sich im Cognitive Capitalism des digitalen Informationszeitalters (Yann Moulier-Boutang) einerseits zu immaterialisieren scheinen, und die andererseits die Materialität des Körpers, ja den Körper als Material ins Spiel bringen, um diesen auf neue Weise gängig zu machen. Das Industrielle scheint gegenwärtig viel stärker als zuvor mit der Frage nach dem Individuum und Formen der Subjektivierung verknüpft, welche das traditionelle (Selbst-)Bild des Menschen durchkreuzen. Unternehmen wir eine kleine Zeitreise. In die 1950er und 1960er Jahre - in die Zeit, in der wohl eines der großartigsten Objekte der letzten 60 Jahre hergestellt wurde die Désse / D.S. Roland Barthes schreibt dazu in seinen Mythen des Alltags : Die 'Déesse' hat alle Wesenszüge ( ) eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt herabgestiegen sind, von denen die Neomanie des 18. Jahrhunderts und die unserer Science-Fiction genährt wurden: die Déesse ist zunächst ein neuer Nautilus. Um sodann Auf ihre Umhüllung genauer: ihre Verbindungsstellen einzugehen, auf die Übergänge, die das Publikum am meisten interessieren. Es betatset voller Eifer die Einfassungen der Fenster, es streicht mit den Fingern den breiten Gummirillen entlang, die die Rückscheibe mit ihrer verchromten Einfassung verbinden. In der D.S. Steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der 2

10 Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten. Die D.S. Ist eines jener Deleuze'schen Produkte oder Waren, die ganz im Zeichen von Verkauf und insbesondere Marketing stehen. So weist Barthes in seinem Text von 1956 auf die neugierige Erwartung des Publikums hin, die zunächst von dem Neologismus angestachelt, dann über Jahre von einer Pressekampagne geschürt worden seien. Ebenso erwähnt er die Ausstellungshallen, in denen der Wagen nicht nur besichtigt, sondern vor allem betastet werden kann. Allen voran ist die Déesse, die vom Himmel gefallene Göttin, aber ein Mythos, ja sie stellt mit ihren Flächen der Luft und Leere mit der gleißenden Wölbung von Seifenblasen, Übergängen und Oberflächen, die allen prüfenden Betastungen standhalten und den Sinn fürs Leichte im magischen Verstande unterstütz(en), einen Wendepunkt in der Mythologie des Automobils dar. Jenen mythischen Charakter dürfte zudem eine andere, nicht minder mythische Figur beigetragen haben. Auch in Deutschland sind zur selben Zeit Objekte auszumachen, die sich in Barthes' Sammlungen von Mythen des Alltags einreihen lassen. Etwa das Kleinsuper SK 2, zum ersten Mal auf der Düsseldorfer Funkausstellung von 1955 zu bestaunen kurz nach der Gründung der Abteilung Formgestaltung im Unternehmen Braun und just im selben Jahr, in dem die erste Déesse vom Himmel fiel. Obwohl das Kleinsuper, wie überhaupt die von Dieter Rams entworfenen Produkte auf frappierende Weise die äußere Erscheinung heutiger, bereits sogenannter 'Design-Ikonen' vorwegzunehmen scheinen, so besteht doch zwischen diesem hier und den mythischen Objekten der 1950er und 1960er Jahre ein entscheidender Unterschied. Alexander Galloway hat diesen Unterschied sehr klug und treffend analysiert und auf den Begriff gebracht. Beide lassen sich mit Galloway als Black Box beschreiben, doch es handelt sich sobald der Deckel des Notebooks geöffnet wird um zwei verschieden Arten: die Black-Box-Chiffre oder Cypher einerseits; die Black-Box-Funktion andererseits. Die Black-Box-Chiffre, gedankliches Erzeugnis der Moderne, entspricht, so Galloway, eben jener Logik, die Marx als Ware beschrieben hat: Unter einer mystischen Hülle verbirgt sich ein rationeller Kern, den es tunlichst zu ergründen, ja unter Zerschlagung des Blendwerks zum Vorschein zu holen gilt. Zumindest dem Anliegen einer Tradition der Kritik nach, die mit einem Gestus der Enthüllung, 3

11 Entlarvung einhergeht einer Bilderstürmerei, wie Bruno Latour es nennt, die, blind für Wechselwirkungen und Interrelationen, letztlich den Bruch zwischen Fakt und Fiktion erst herbeigeführt habe. Gegenüber dieser Logik der Chiffre von mystischer Hülle und zu ergründendem, rationellen Kern, verhält sich die neue Black-Box komplementär. Wir haben es, so Galloway, zu tun mit einer ganz neuen Wirklichkeit: einer rationellen Hülle und einem mystischen Kern. Ein sichtbares Außen, eine Bedienoberfläche, die Anschlussstellen für Interaktionen und Durchgänge bereitstellt,umgibt ein absolut unsichtbares, unleserliches Innen. ZITAT: Diese neuen Black Boxes werden als Funktionen bezeichnet, da sie nichts weiter als ein Mittel zur Verbindung von Input und Output sind; sie artikulieren lediglich ihre äußere Grammatik und schließen ihr Inneres in eine Black Box ein. Diese sog. Funktion ist aber nicht bloß die Beschreibung der Funktions- resp. Nutzungsweise eines Notebooks. Es ist die Betriebsweise unserer Gesellschaft wie Galloway schreibt: das Blackboxing des Selbst und sämtlicher Knotenpunkte in einem Netzwerk der Interaktion. ( ) Wir selbst sind diese Maschine; der Angestellte eines Callcenters, ein Kartenlesegerät an einem Kontrollpunkt, eine Software, eine Gensequenz, ein Klinikpatient. und etwas späterer: ZITAT Dieses neue industrielle Szenario legt größten Wert auf die Schnittstelle, während das Innere keine besondere Rolle mehr spielt. Dabei geht man natürlich davon aus, dass sich alles an seinem Platz befindet und betriebsfähig ist. Für heutige Prozesse und deren Beschreibung ist diese Betriebsamkeit entscheidend: das Angeschlossen-Sein, das Online-Sein. Nur so ist die Input-Output Funktion gewährleistet. Damit einher geht zum einen die Auflösung bisher geltender Kategorien und Unterscheidungen wie Konsument und Produzent oder Arbeitszeit und Freizeit, was dazu führt, dass sog. Prosumer den Markt bevölkern. Denn wenn der Konsument, der nur als angeschlossener, betriebsfähiger konsumieren kann Input erhält, immer auch einen Output generiert Datenereignisse generiert, Information erzeugt, sei es via Payback Card, RFID oder im Social Network, ist er auch Produzent zumindest Koproduzent, allerdings unbezahlt. Facebook ist hierfür wohl das einschlägigste Beispiel, wie auch dafür, dass es Beziehungen und Konnektivität sind, die Wert erzeugen. Zitat: Value lies, first and foremost, in the intellectual and relational resources of subjects, and in 4

12 their ability to activate social links that can be translated into exchange value. ( ) Thus, what is exchanged in the labour market is no longer abstract labour (measurable in homogenous working time), but rather subjectivity itself, in its experiential, relational, creative dimensions. To sum up, what is exchanged is the 'potentiality' of the subject. Die neue Betriebsweise hat weitreichende Konsequenzen, nicht bloß für Arbeits- und Produktionsprozesse oder Wertschöpfung, sondern für das Leben und die Existenz von Individuen insgesamt. Unter Begriffen wie immaterial labour, cognitive capitalism oder biocapitalism werden diese neuen Realitäten derzeit diskutiert. Das gemeinsame, zentrale Argument all dieser Ansätze ist dabei nicht, dass Erwerbsarbeit im gängigen Sinne oder die Produktion materieller Güter verschwunden wäre. Sondern dass die Produktion und der Handel immaterieller, im Sinne von nicht greifbarer Waren wie Dienstleistungen, Wissen, Kreativität oder Innovationen, eine immer größere Rolle spielt. Deutlich werde das etwa an der verstärkten Diskussion um Patent- und Urheberrechte. Inwiefern es sich bei den Outputs der immaterial labour tatsächlich noch um Waren handelt, bleibt im Einzelfall zu klären. (So ein im Mai erschienener Artikel herausgestellt, dass es sich bei den meisten Life Science Unternehmen um reine asset-based economies handelt, insofern sie bis heute so gut wie keine Ware für den Verkauf produziert hätten). Dass aber diese immaterial labour, die den Erwerb und die Anwendung von Bildung ebenso einschließt wie Skills oder tacit knowledge, ebenso so schwerlich messbar wie vergütbar ist, liegt auf der Hand. Die Folge sind nicht nur die Ununterscheidbarkeit von Arbeit und Freizeit und prekäre Arbeitsverhältnisse. Es geht auch und hierfür ist die Angeschlossenheit der Individuen gleichfalls entscheidend um die Produktion und Programmierung von Subjekten: von Subjekten, die online bleiben, von kreativen Subjekten, die sich im Lifelong-Learning immer neues Wissen aneignen, um immer neues Wissen zu produzieren, von flexiblen Subjekten, die sich selbst evaluieren und sich immer wieder neu formieren und formatieren. Der Wille zur Produktion von Wissen, Information und Kreativität, der einhergeht mit dem Kurzschluss von Konsumption und Produktion und the constant need of relational activity, scheint dabei vor allem eines zu Produzieren und zu reproduzieren: Produktion. Eine Produktion, die sich mitnichten nur aus Immateriellem speist. 5

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