Neues in Sachen Globalisierung?

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1 Hans-Michael Trautwein Hans-Michael Trautwein Neues in Sachen Globalisierung?...ein Theorienüberblick 1 Globalisierung 2 Ansätze Vorbemerkungen Stilisierte Fakten... und Vor-Urteile Neo&klassische Handelstheorie Neue Handelstheorie Geografische Ökonomik 3 Themen & Trends Die große(n) Zerlegung(en) Heterogene Firmen, DI & EX Fragmentierung, Jobs & Löhne schädliche Spezialisierung 1/20

2 1 Globalisierung Vorbemerkungen Theorienüberblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit, nach dem Motto: Was ist los im Mainstream? (... und was nicht!) - dabei Beschränkung auf International Trade (Handel, Direktinvestitionen, Arbeitsmärkte) = Ausblendung von International Finance / Open Economy Macro (Wechselkurse, Finanzmärkte, Stabilitätspolitik) vertretbare Dichotomie? Große Neuigkeiten?... oder nix Neues? übliches Antwortmuster: kurzfristig ja, mittelfristig nix, langfristig ja... umgekehrt bei Großteil der Literatur zu Globalisierung: Spannungsverhältnis von faktischen Umbrüchen, Innovationsansprüchen und angeblicher Robustheit der Freihandelsdoktrin? komparative Vorteile der VWL oder Vorurteile? - in Abschnitt 3 Beschränkung auf Ansätze mit Neuheitsanspruch und auf Vermisstenanzeigen 2/20

3 1 Globalisierung Stilisierte Fakten: Handelsvolumen Welthandel wächst erheblich schneller als Weltproduktion: vertikale Disintegration (transnationale Wertschöpfungsketten) Motoren : EU-Integration und Marktöffnung von Schwellenländern 3/20

4 1 Globalisierung Stilisierte Fakten: Handelsstruktur intrasektoraler Handel dominiert im OECD-Kern (60% des Welthandels) und nimmt in Schwellenländern zu überwiegend intersektoraler Handel mit übrigen Entwicklungsländern 4/20

5 1 Globalisierung Stilisierte Fakten: Kapitalverkehr starke zyklische Zunahme von Direktinvestitionen (DI) stark zunehmender Anteil einiger Schwellenländer (CHN, BRA, MEX...) 5/20

6 1 Globalisierung Stilisierte Fakten: Arbeit/Migration um das Jahr 1990 Erhöhung des disponiblen Weltarbeitsangebots um mehr als ein Drittel Im&Migranten aber nur ~ 3 % des weltweiten Erwerbspersonenpotenzials (86 Mio. Personen in 2005 lt. ILO) Überweisungen in Heimatländer (remittances) ca. 100 Mrd. USD / Jahr (~ BIP ARG, ISR, RSA) > Summe der weltweit geleisteten offiziellen Entwicklungshilfezahlungen > Welthandel in Standardgütern (commodities, ohne Öl) anhaltender Zuwanderungsdruck, v.a. an Außengrenzen der EU und der USA zunehmende räumliche Konzentration und Urbanisierung der Weltbevölkerung 6/20

7 1 Globalisierung Vor-Urteile Nr. 1 - populistisch: Globalisierung vernichtet Arbeitsplätze und senkt Arbeitseinkommen bei uns Nr. 2 - liberal, neomerkantilistisch: Globalisierung sichert Arbeitsplätze und erhöht Einkommen bei uns Nr. 3 - neoliberal: Globalisierung sichert Arbeitsplätze und erhöht Einkommen in den armen Ländern Nr. 4 kosmopolitisch +... : Arbeitslosigkeit in Deutschland ist keine Folge der Globalisierung, sondern... (wahlweise: des technischen Fortschritts / mangelnder Flexilibität der Arbeitsmärkte / verkehrter Makropolitik...) Nr. 5 - modernistisch: Nur Qualifizierung sichert Arbeitsplätze in Zeiten der Globalisierung Widerlegung oder Bestätigung der Vor-Urteile durch Theorie? 7/20

8 2 Ansätze Klassische Handelstheorie Smith (1776): freier internationaler Handel schafft Wohlfahrtsgewinne für alle beteiligten Nationen durch einen circulus virtuosus: Arbeitsteilung in Marktsystemen Spezialisierung auf Kernkompetenz (= Outsourcing) allgemeiner Anstieg der Produktivität & Produktion Erweiterung des Marktsystems und der Arbeitsteilung... aber Beschränkung des Handelsmotivs auf absolute Kostenvorteile Ricardo (1817): Verallgemeinerung der Vorteilhaftigkeit von Freihandel durch Nutzung komparativer Kostenvorteile Annahmen u.a.: - 2x2x1 (Länder, Güter, Faktor Arbeit) - vollkommene Konkurrenz, konstante Skalenerträge - identische Faktorausstattung - identische Konsumpräferenzen - unterschiedliche Technologie / Ressourcenausstattung - keine grenzüberschreitende Faktormobilität Klassiker bestätigen Vor-Urteile Nr. 2 und 3 8/20

9 2 Ansätze Neoklassische Handelstheorie Heckscher (1919) & Ohlin (1923): Erweiterung der Erklärung von Handel auf Fälle gleicher Technologie, aber unterschiedlicher Faktorausstattung: - 2x2x2 (Güter, Länder, Faktoren, z.b. Arbeit und Kapital)... aber ebenfalls keine Faktormobilität (keine Migration, keine DI) HO-Theoreme: Faktorproportionen und Faktorpreisausgleich - Spezialisierung auf Produktion derjenigen Güter, bei denen der relativ reichlich vorhandene Faktor intensiv eingesetzt wird - Handel = Ersatz für Faktormobilität = indirekter Faktorleistungstausch: erhöht (senkt) Nachfragen nach reichlichem (knappem) Faktor und erhöht (senkt) somit dessen Preis Stolper / Samuelson (1941): relativer Güterpreisanstieg führt zu Relativpreiserhöhung beim intensiv genutzten Faktor HOSS-Prognose bestätigt Vor-Urteile Nr. 1*, 3 und 5**!*** * aber: Zusatzeinkommen schafft politischen Kompensationsspielraum ** Modifikation der Faktorausstattung: hoch / gering qualifizierte Arbeit ***... gilt streng genommen nur bei Vollbeschäftigung! 9/20

10 2 Ansätze Neue Handelstheorie (NTT) Neo- & klassische Handelstheorien erklären nur intersektoralen Handel. Wie ist intrasektoraler Handel zu erklären? Krugman (1979), Helpman / Krugman (1985) u.a.: Erweiterung der Erklärung von Handel auf Fälle identischer Ökonomien (gleiche Technologie, Faktorausstattung, Ressourcenausstattung) mit: - steigenden Skalenerträgen - monopolistischer Konkurrenz Dixit-Stiglitz-Modell - Vorliebe für Vielfalt (mehr Varianten eines Gutes = höherer Nutzen = größerer Markt) Nachfrage nach Produktvarianten induziert intrasektoralen internationalen Handel, da Auslandsabsatz in der Nische bei fallenden Stückkosten Zusatzgewinne ermöglicht Brander (1981), Brander / Krugman (1983): Erweiterung der Erklärung von intrasektoralem Handel auf Welt mit homogenen Gütern: reziprokes Dumping von Inlandsmonopolisten: Wettbewerbseffekt kann Wohlfahrt erhöhen (Kollusion auszuschließen) 10/20

11 2 Ansätze Neue Handelstheorie (NTT) Strategische Handelspolitik (Brander / Spencer 1983, 1985, u.a.): - Wohlfahrt eines Landes kann bei unvollkommenem Wettbewerb durch Protektion inländischer Anbieter (Zölle, Subventionen, Kontingente u.a. Maßnahmen) erhöht werden - Weltwohlfahrt kann erhöht werden, wenn vorübergehende Protektion in nachholenden Ökonomien zusätzliche Industrien mit steigenden Skalenerträgen erzeugt List (1841): Erziehungszoll Bestätigung von Vorurteil Nr. 1? Verteidigung der Freihandelsdoktrin (v.a. Spieltheorie und NPÖ): - Subventionen u.a. Protektion = verzerrende Besteuerung = Wohlfahrtsverluste im Inland - Unwirksamkeit der Handelspolitik bei Vergeltung - Prognosefehler der Politik keine rigorosen Nachweise der Vorteilhaftigkeit des Freihandels 11/20

12 2 Ansätze Geografische Ökonomik (NEG) Krugman (1991), Krugman / Fujita / Venables (1995) u.a.: Erklärung der räumlichen Verteilung und Ballung von Produktion und Handel durch Mix & Modifikation von neoklassischer und neuer Handelstheorie mit Faktormobilität: kumulative Prozesse mit gegenläufigen Effekten Gleichgewichte 12/20

13 2 Ansätze Geografische Ökonomik (NEG) Komponenten typischer NEG-Modelle - Sektormix: Gut Skalenerträge Konkurrenz Sektor 1 (z.b. Agrar) homogen konstant vollkommen Sektor 2 (Industrie) Varianten steigend monopolistisch - Transportkosten: Eisbergschmelze, Teilverbrauch (von Thünen 1826) - Faktormobilität: Bewegung in Region mit höchstem Realeinkommen Anfangs identische Regionen differenzieren sich durch minimale Unterschiede in kumulativen Prozessen (Kern Peripherie): - Binnenmarkteffekt (home market effect, Marktgröße) senkt Stückkosten und erhöht somit Reallöhne o. Gewinne Export und Zuwanderung - Agglomerationsbremse: Transportkosten, Ballungskosten (bzw. Lohn-/Gewinnangleichung wegen Konkurrenz in Agglomeration) NEG-Prognose: Fall der Transportkosten = zunehmender Handel (= Globalisierung) + Agglomeration bislang keine plausible Modellierung der Handelskosten, auch sonst umstritten wegen Restriktivität der Annahmen 13/20

14 3 Themen & Trends Die große(n) Zerlegung(en) Baldwin (2006) Globalisation: The Great Unbundling(s): Globalisierung als Sequenz von Zerlegungen = räumliche Trennung von Aufgaben im Produktionsprozess Ausgangspunkt graue Vorzeit: Subsistenzwirtschaft oder lokaler Handel 1. Zerlegung, Jhdt.: zunehmend offene Ökonomien mit internationaler, horizontaler Arbeitsteilung: globaler Güterhandel 2. Zerlegung, 21. Jhdt.: offene, zunehmend integrierte Ökonomien mit transnationaler, vertikaler Arbeitsteilung: Aufgabenhandel trading tasks: neues Paradigma oder komparative Vorteile+? Grossman / Rossi-Hansberg (2006) u.a. (= LTT: Latest Trade Theory ): Aufgabenhandel (Offshoring) beruht auf komparativen Vorteilen analog zu HOSS oder NTT, aber stärkere Disaggregation LTT-Kernaussagen: - Verteilung der Gewinne und Verluste bei Aufgabenhandel weniger vorhersagbar als in älteren Handelstheorien: nicht mehr Auslagerung von Sektoren, sondern von Abteilungen und einzelnen Arbeitnehmern 14/20

15 3 Themen & Trends Die große(n) Zerlegung(en) - Zerlegung und Offshoring angetrieben durch Sinken von Transportkosten und Koordinationskosten: nichthandelbare Güter (v.a. Dienstleistungen) werden handelbar Prognose konträr zur NEG!? - keine direkte Korrelation von Qualifikation und Sicherheit von Arbeitsplatz und Einkommen = keine einfachen Prognosemuster für lohnende Qualifikation Widerlegung der Vorurteile Nr. 4 und 5? - politische Schlussfolgerung: komparative Vorteile+... = Flexibilität fördern und institutionelle Faktoren der Nichthandelbarkeit beachten! relevante Institutionen? Marktstruktur, Industrie- & Handelspolitik, Bildungswesen, Sozialpolitik, Finanzsystem, Währungsregime, Makropolitik... 15/20

16 3 Themen & Trends Heterogene Firmen, DI & EX Multinationale Unternehmen (Markusen / Venables 1998 u.a.): - endogene Bestimmung der Marktstruktur aus Entscheidungen der Unternehmensentscheidungen, im Inland zu bleiben (und ggf. zu exportieren) oder multinational zu operieren Abwägung: zusätzliche Fixkosten von Auslandsbetrieben (DI) / Transportkosten (Exporte) - Ergebnis: je ähnlicher die betrachteten Länder im Hinblick auf ihre Marktgrößen und Kapitalintensitäten sind, desto eher dominieren multinationale Unternehmen im Produktionsgleichgewicht verschiedene Faktorausstattungen: HO-intersektoraler Handel; Multistandorte wg. Skalenerträgen überwiegend in großen Ländern wenig nachvollziehbare Gewinnung der Ergebnisse (GAMS black box) 16/20

17 3 Themen & Trends Heterogene Firmen, DI & EX neuere Literatur zu Unternehmensheterogenität und Handel (nach Melitz 2003, Helpman 2006): - Firmen sind die wesentlichen Akteure der Globalisierung, nicht Nationen oder Regionen: gleichgewichtstheoretische Modellierung von Organisationsentscheidungen von Unternehmen über Outsourcing oder Integration, Export und/oder DI - nur wenige verallgemeinerbare Ergebnisse: -- Internationalisierungsstrategien sind mit Produktivität positiv korreliert: höhere Fixkosten werden durch geringere variable Kosten kompensiert -- Entscheidung über Integration oder Outsourcing hängt v.a. davon ab, ob der Bezug spezifischer Inputs vertraglich vollkommen geregelt werden kann Ausdifferenzierung nach Informationsasymmetrien, Verhandlungsmacht, institutionellen Rahmenbedingungen etc. keine eindeutigen Implikationen für Einkommensverteilung 17/20

18 3 Themen & Trends Fragmentierung, Jobs & Löhne HOSS-Prognose bei hoch / gering qualifizierter Arbeit: Lohndifferenzial (skill premium) steigt im Norden, fällt im Süden Empirischer Befund im Norden: skill premium steigt, auch absolut positive Reallohneffekte bei Hochqualifizierten und z.t. negative Effekte bei Geringqualifizierten schließt Arbeitsplatzverluste von Hochqualifizierten nach LTT nicht aus Empirischer Befund: skill premium steigt entgegen HOSS-Prognose weitgehend auch im Süden; uneinheitliches Bild bei absoluten Reallohneffekten der Marktöffnung bislang viel Empirie, wenig Theorie; Erklärungsmöglichkeiten: - Verbindung mit LTT: Auslagerung von Aufgaben für Hochqualifizierte in Schwellenländern ( Noch-Süden )? - generelle Nachfrage nach Hochqualifizierten im Süden wegen Koordinationsbedarfen in transnationalen Wertschöpfungsketten - Konkurrenzdruck auf Inlandsindustrien nach Marktöffnung schadet primär geringqualifizierten Arbeitnehmern 18/20

19 3 Themen & Trends Schädliche Spezialisierung Zwei ältere Einwände gegen klassische Freihandelsargumentation: - Prebisch-Singer-Hypothese (1950): Spezialisierung armer Länder auf Primärgüterproduktion (z.t. inferiore Güter, intensive Konkurrenz) langfristiges Sinken der terms of trade Zahlungsbilanzbeschränkung des Wachstums (BPCG) - Holländische Krankheit (Corden & Neary 1982): Spezialisierung auf Rohstoffexport (... oder auf Entwicklungshilfeempfang) kurz- bis mittelfristiges Steigen der terms of trade Strukturwandel zu Lasten anderer Wirtschaftssektoren VERMISSTENANZEIGE!... beide Themen aktuell vernachlässigt: - Beschränkung auf zeitreihenanalytische Debatten um Strukturbrüche und Trendstationarität bei PSH und Kointegrationsanalyse vereinzelter BPCG-Ländermodelle - Dutch Disease trotz des aktuellen Rohstoffbooms kein Thema Verschwinden struktureller Forschung mit Makroverbindung?... oder Fortführung der Diskussion unter anderen Vorzeichen? 19/20

20 3 Themen & Trends Schädliche Spezialisierung Petropolitics: Preistreiberei durch panikschürende Rhetorik und Symbolpolitik der Potentaten in Ölförderländern (NPÖ)... konträr oder komplementär zu Sinns grünem Paradox der schnellen Ölextraktion in Erwartung zurückgehender Nachfrage? (... nach der Basarökonomie nun die Theorie der rationalen Scheiche?) 20/20

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