Teil II: Leitfadeninterviews mit Absolventen der Fakultät für Sozialwissenschaft

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1 Teil II: Leitfadeninterviews mit Absolventen der Fakultät für Sozialwissenschaft

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3 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung Theoretische Grundlagen und Vorgehensweise Theoretische Grundlagen Qualitative empirische Sozialforschung Interview-Typen Auswertungsmethode Vorgehensweise Einordnung der empirischen Untersuchung Durchführung der Interviews und Verschriftlichung Auswertung durch Datenkomprimierung Weiterführende Auswertung durch Dateninterpretation und Hypothesen bildung Ergebnisbeschreibung und Interpretation Thesen Thesen Thesen Fazit...23 Anhang...25

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5 1 1 Einleitung Im Rahmen der kontinuierlichen Projektseminare wurde auch die Chance geboten, unmittelbare Erfahrungen mit der Planung, Durchführung und Auswertung von Leitfadengesprächen zu machen. Die Leitfadengespräche sollten generell die zurückliegenden Studienerfahrungen zum Thema haben und ergänzend und vertiefend Fragen behandeln, die so in der standardisierten Befragung nicht beantwortet werden konnten. Dieser explorative Charakter und auch die Übungsabsicht führten dazu, dass die Auswahl der Interviewpartner den Studierenden überlassen wurde und auf eine geschichtete Stichprobe verzichtet wurde. 1 Vorab soll auf einige Schwierigkeiten hingewiesen werden, welche unsere Forschungsarbeit begleiteten. Obwohl die Orientierung der Interviewer an einem Leitfaden zu einem gewissen Grad der Standardisierung der Antworten führte, zeigten sich dennoch beträchtliche Unterschiede hinsichtlich der Quantität, des formalen Aufbaus und der inhaltlichen Differenzierung der Interviews. Weiterhin erwiesen sich die Redeanteile der Interviewer bzw. der Interviewten in den einzelnen Interviews als uneinheitlich. Zudem wurden Zwischenbemerkungen von den meisten, nonverbale Äußerungen hingegen von niemandem wiedergegeben. Die genannten Probleme verweisen also auf die Uneinheitlichkeit des Ausgangsmaterials. Es sei zudem auf die eingeschränkte Gültigkeit unserer Ausführungen verwiesen, welche sich einerseits aufgrund des geringen Umfangs der Fälle und andererseits wegen der Tatsache, dass die Befragten nicht nach dem Zufallsprinzip ausgesucht worden sind, ergibt. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse sind daher eher der Hypothesengenerierung als der Bestätigung von Hypothesen zuzuordnen. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, ausgehend von Analysekategorien, aus den Leitfadeninterviews Typen von Studierenden zu entwickeln bzw. zu versuchen, Gruppen von Studierenden zu identifizieren, welche hinsichtlich mehrerer Kategorien gleiche Antworten gaben und darauf aufbauend zu interpretieren, weshalb sich diese Typen zeigen und dies anhand des vorliegenden Materials zu belegen. Die Interpretationen, die von der Arbeitsgruppe vorgenommen werden, stellen hierbei jedoch keine abschließenden Erkenntnisse dar, sondern sollen vielmehr als Orientierungspunkte dienen, auf welche aufbauend weitere Forschung im Bereich der Hochschulsozialisation erfolgen kann. Zum Aufbau der vorliegenden Arbeit sei bemerkt, dass wir in Kapitel 2.1 einige theoretische Grundlagen qualitativer Sozialforschung darlegen werden, welche uns als Orientierung für die vorliegende Arbeit dienten. Hierbei werden wir den Schwerpunkt auf die Ausführungen von Siegfried Lamnek legen, um dann in Kapitel 2.2 unsere eigenen Arbeitsschritte zu präsentieren, welche zu einer Themenmatrix führen, aufgrund derer wir in Kapitel 3 eine Typenbildung und Interpretation vornehmen. 1 Der folgende Bericht über die Auswertung der Leitfadengespräche wurde von einer studentischen Arbeitsgruppe erstellt und von Projektmitarbeitern redaktionell überarbeitet. Mitglieder dieser Gruppe waren: Kerstin Alms, Robert Brzezinski, Jacek Czarnota, Claudia Ell, Lisa Fleischmann, Martin Halotta, Christian Jansen, Badih Ben Khalifa, Thomas Krause, Jennifer Landwehrt, Christopher Meier, Christian Pihl, Marcus Roso, Esther Sebald, Charlotte Ullrich, Natascha Vugrin und Suat Yilmaz.

6 2 Zu dem Vorgehen in Kapitel 3 ist zu bemerken, dass die einzelnen Gruppenmitglieder arbeitsteilig die Themenmatrix jeweils hinsichtlich einer Kategorie sortierten und daraufhin untersuchten, ob sich gleichzeitig bei anderen Kategorien Häufungen zeigten. Auffälligkeiten wurden festgehalten, unter den Mitgliedern aufgeteilt, von ihnen interpretiert und anhand der Interviews versucht zu belegen. Im letzten Kapitel wird dann ein Fazit unserer Arbeit erfolgen, in welchem wir unsere Ergebnisse zum Gegenstand der Sozialisation und Qualifikation durch die Hochschule zusammentragen.

7 3 2 Theoretische Grundlagen und Vorgehensweise Dieses Kapitel soll einen kurzen Überblick über theoretische Grundlagen der qualitativen empirischen Sozialforschung geben (Kap. 2.1). Sachgemäß wird dabei der Schwerpunkt auf qualitative Interviews gelegt. Auf diesen Grundlagen aufbauend folgt in Kap. 2.2 die Beschreibung der Vorgehensweise bei der Durchführung und Auswertung der qualitativen Interviews. 2.1 Theoretische Grundlagen Qualitative empirische Sozialforschung Qualitative empirische Sozialforschung lässt sich durch folgende drei Eigenschaften charakterisieren: 1. Es handelt sich um Sozialforschung: Das heißt (Sozialforschung) in einem weiten Sinne, dass sich sämtliche sozialwissenschaftliche Disziplinen dieser Forschungsrichtung bedienen (bspw. Soziologie, Ökonomie, Sozialpsychologie, Psychologie, Politologie). Das heißt aber auch (Sozialforschung), dass die Vorgehensweise bei der Wissensgewinnung eine systematische ist: Sie geschieht unter bestimmten Zielen und mit zieladäquaten Methoden Es handelt sich um Empirie: Das heißt, der Forschungsansatz nimmt die Realität als Ansatz und versucht durch Induktion Hypothesen zu bilden Es handelt sich um qualitative Forschung: Qualitative Forschung steht der quantitativen gegenüber, wobei diese Einteilung historisch gewachsen 4 und in vielen Fällen nicht eindeutig zu treffen ist. Für unsere Zwecke reicht folgende (Negativ-)Definition: Qualitative Forschung ist Forschung, die nicht primär eine Hypothesenbildung oder -bestätigung bzw. -verwerfung durch quantitative Daten zum Ziel hat. 5 Während die quantitative Sozialforschung bis etwa Mitte der 60er Jahre in der theoretischen Forschung als dominierend angesehen werden konnte, vermochte es die qualitative Sozialforschung erst ab den 70er Jahren an Bedeutung zu gewinnen. 6 Die 2 vgl. Diekmann, Andreas: Empirische Sozialforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen, 4. Aufl., Reinbek (Rowohlt) 1998, S Der Gegensatz zur empirisch-induktiven Methode wäre die theoretisch-deduktive. 4 vgl. Kleining, Gerhard: Methodologie und Geschichte qualitativer Sozialforschung, in: Flick, Uwe; von Kardoff, Ernst; Keupp, Heiner; von Rosenstiel, Lutz; Wolff, Stephan (Hg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung, München (Psychologie Verlags Union)1995, S Das heißt, das Unterscheidungskriterium zwischen qualitativer und quantitativer Forschung liegt nicht im Untersuchungsobjekt, sondern in der Untersuchungsmethode. Bortz und Döring formulieren mit anderem Schwerpunkt: Ein erstes Unterscheidungsmerkmal zwischen qualitativer und quantitativer Forschung ist die Art des verwendeten Datenmaterials: während in der qualitativen Forschung Erfahrungsrealität zunächst verbalisiert wird (qualitative, verbale Daten), wird sie im quantitativen Ansatz quantifiziert (Bortz, Jürgen; Döring, Nicola: Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler, 2. Aufl., Berlin u. a. (Springer) 1995, S Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung, Bd. 1: Methodologie, München (Psychologie Verlags Union), 1988, S. 5-6 und Bortz, Jürgen; Döring, Nicola (1995), S. 281

8 4 Kritikpunkte, die gegen die quantitative Forschung gerichtet wurden, können wie folgt zusammengefasst werden: 7 - Quantitative Erhebungsmethoden erfordern die Existenz von Hypothesen mit einem recht genauen Spezifizierungsgrad. Da solche Hypothesen jedoch in vielen Fällen nicht existieren, läuft die quantitative Forschung Gefahr, Ergebnisse nicht zielkonform darzustellen. - Quantitative Forschung vermittelt durch die Darstellung von Ergebnissen in exakter (eben quantitativer) Form eine Genauigkeit, die de facto nicht (annähernd) der Realität entspricht (Scheingenauigkeit). Diesen Kritikpunkten kann der qualitative Untersuchungsansatz insofern Stand halten, als dass bei diesem für den Untersuchungsvorgang ein viel geringerer Standardisierungsgrad erforderlich ist (bspw. bei Beobachtungen oder narrativen Interviews) und die Ergebnisse zumindest nach der unmittelbaren Erhebung einen erheblich höheren Detaillierungsgrad aufweisen. Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung Die Systematisierungsmöglichkeiten und Ausgestaltungen der Methoden der qualitativen empirischen Sozialforschung sind vielfältig. In der Literatur hat sich bislang keine einheitliche Klassifizierung durchgesetzt. In Anlehnung an Berg können die Methoden wie folgt in vier Gruppen differenziert werden: 8 1. Interviews (oder allgemeiner: Befragungen), 2. Feldforschung, 3. nonreaktive Verfahren 9 und 4. Inhaltsanalyse. Gemäß des für unsere Zwecke definierten Forschungsdesigns soll im Folgenden das Interview als qualitative Methode im Vordergrund stehen Interview-Typen Es kann eine Vielzahl von Formen des qualitativen Interviews unterschieden werden. Die wichtigsten sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden Narratives Interview: Beim narrativen Interview handelt es sich um eine sehr offene Art des qualitativen Interviews. Der sich zurückhaltende Interviewer gibt lediglich zum Erzählen anregende Anstöße. 7 vgl. Lamnek, Siegfried (1988), S vgl. Berg, Bruce L.: Qualitative Research Methods for the Social Sciences, 4. Aufl., Long Beach (Allyn & Bacon) 2001, Kap.2 9 Nonreaktiv ist ein Verfahren, wenn das Untersuchungsobjekt nicht durch die Erhebung beeinflusst wird. Dies ist der Fall, wenn die Durchführung der Erhebung nicht bemerkt oder lediglich Verhaltensspuren beobachtet werden. 10 vgl. zu den folgenden Ausführungen Lamnek, Siegfried (1988), S und Schnell, Rainer; Hill, Paul B.; Esser, Elke: Methoden der empirischen Sozialforschung, 6. Aufl., München/Wien (Oldenbourg) 1999, S

9 5 - Problemzentriertes Interview: Ebenso ist das problemzentrierte Interview eine recht offene Art des qualitativen Interviews. Der wesentliche Unterschied zum narrativen Interview besteht darin, dass der forschende Interviewer bereits mit einem gewissen Vorverständnis und entsprechenden Erwartungen und Zielsetzungen in das Interview geht. Gemäß dem Vorwissen des Interviewers wird das Gespräch vorsichtig, aber bestimmt auf ein bestimmtes Problemfeld zentriert. Es können Leitfäden zur Gestaltung des Interviews eingesetzt werden. - Fokussiertes Interview: Das fokussierte Interview ist ein der quantitativen Methodologie näher stehender Typus. Anhand eines Leitfadens wird auf bestimmte Themenkomplexe und Fragestellungen bei einer bestimmten Zielgruppe fokussiert. Dabei stehen im Regelfall schon eine oder mehrere Hypothesen im Vordergrund, die es zu überprüfen gilt. - Tiefen- oder Intensivinterview: Das Tiefen- oder Intensivinterview ist eine Interviewform, bei welcher der forschende Interviewer versucht auf der Basis von theoretischen Vorstellungen dem Befragten eine bestimmte Bedeutungsstrukturierung für die beschriebenen Sachverhalte zu geben. Dies geschieht in der Annahme, dass der Befragte selbst sich möglicherweise gar nicht der Bedeutungszuweisungen bewusst ist und es so fremder Hilfe bedarf, diese aufzudecken. Insofern ist das Tiefen- oder Intensivinterview bei weitem nicht so offen wie bspw. das narrative oder problemzentrierte Interview. - Rezeptives Interview: Die rezeptive Interviewform baut auf der Idee auf, dass der Interviewer selbst weitestgehend zuhören soll. Ziel ist es dabei, die bei den anderen Interviewformen gegebene Reaktivität so weit wie möglich auszuschließen. Insofern sind rezeptive Interviews die offensten qualitativen Interviews, zumal hier keine Prädetermination durch den Forschenden erfolgt. Das Leitfaden-Interview wird häufig als explizite Interviewform angegeben. 11 Hier soll es definiert lediglich durch die Anwendung des Hilfsmittel eines Leitfadens als (mögliche) Form für problemzentrierte, fokussierte und andere Typen von Interviews genannt werden. Abbildung 1 gibt zusammenfassend eine Übersicht über mögliche Interviewformen und nennt wesentliche Charakteristika. 11 vgl. bspw. Bortz, Jürgen; Döring, Nicola (1995), S. 289

10 6 Abb. 1: Übersicht über die wichtigsten Interviewformen 12 narratives Interview problemzentriertes Interview fokussiertes Interview Tiefen- Interview rezeptives Interview Offenheit völlig weitgehend bedingt kaum völlig Kommunikation erzählend zielorientiert fragend/ erzählend Leitfaden fragend/ erzählend Flexibilität hoch hoch bedingt hoch hoch Theoretische Voraussetzungen Hypothesen Perspektive der Befragten gering Generierung Konzept Generierung / Prüfung weitgehendes Konzept eher Prüfung/ auch Generierung Konzept eher Prüfung/ auch Generierung erzählend/ beobachtend Vorverständnis Generierung/ Prüfung gegeben gegeben bedingt bedingt absolut Auswertungsmethode Die Auswertung von Interviews kann grundsätzlich in zwei Richtungen gehen: Entweder sollen Hypothesen generiert oder Hypothesen geprüft werden (zur Anwendbarkeit der verschiedenen Interviewformen auf die beiden Auswertungsrichtungen vgl. Abb. 1). Die Stärke von qualitativen Forschungsansätzen wird dabei gemeinhin bei der Hypothesengenerierung gesehen. Lamnek stellt ein allgemeines Schema zur Auswertung von qualitativen Interviews vor, das für spezielle Forschungsdesigns angepasst werden kann. Dieses Schema ist in vier Phasen unterteilt (vgl. Abb. 2), welche im Folgenden vorgestellt werden. 13 Abb. 2: Schema zur Auswertung qualitativer Interviews Transkription Einzelanalyse Generalisierende Analyse Kontrollphase - Phase 1: Transkription: Nach der Durchführung der Interviews beginnt der Prozess der Auswertung. Erster (eher technisch-pragmatischer) Schritt, ist hier die Transkribierung der Interviewdaten. Dabei wird das Datenmaterial, welches im Regelfall in Tonbandform vorliegt, zu Papier gebracht. Nonverbale Aspekte (bspw. Pausen, Räuspern, Lachen) werden ebenso verschriftlicht Phase 2: Einzelanalyse: Die einzelnen Interviews werden mit dem Ziel gelesen das Datenmaterial zu komprimieren. Der Detaillierungsgrad der vorliegenden 12 Modifizierte Abbildung aus Lamnek, Siegfried (1988), S vgl. zu den folgenden Ausführungen Lamnek, Siegfried (1988), S Als Transkription i. e. S. bezeichnet man die möglichst genaue Verschriftlichung von auditiven Daten. Im weiteren Sinne können auch Gedächtnisprotokolle o. Ä. darunter gefasst werden.

11 7 Daten sinkt, da aus den Texten unwichtige Passagen gestrichen werden, so dass ein stark gekürzter Text entsteht, welcher als Basis für die weitere Auswertung dient. Zudem werden die einzelnen Interviews durch prägnante und für die Hypothesenbildung bzw. -prüfung wichtig erscheinende Merkmale charakterisiert. Es sollte beachtet werden, dass diese zweite Phase bereits eine subjektivwertende Exklusion von Daten enthält, die im nachfolgenden Prozess nicht mehr verarbeitet werden. - Phase 3: Generalisierende Analyse: In der dritten Phase der Auswertung versucht man, das Gemeinsame bzw. die Unterschiede zwischen den einzelnen Interviews zu entdecken. Zu diesem Zweck schlägt Lamnek vor eine Themenmatrix zu erstellen, die auf der Ordinate sämtliche in allen Interviews behandelten Themen und auf der Abszisse die jeweiligen Interviews zeigt. Wird ein Thema in einem Interview behandelt, so erhält das zugehörige Tabellenfeld eine Markierung. In Abb. 3 ist ein Ausschnitt aus einer beispielhaften Themenmatrix gezeigt. Abb. 3: Ausschnitt aus einer beispielhaften Themenmatrix Behandeltes Thema Interview-Nr (...) Gesundheitliche Probleme Kindheitserinnerungen Probleme mit dem Partner Kopfschmerzen Erhöhte Benzinpreise (...) Zweck dieser Themenmatrix ist es zu erkennen, welche Themen schwerpunktmäßig behandelt wurden. Zur Hypothesengenerierung kann sie als optisches Hilfsmittel eingesetzt werden. Sie ist umso hilfreicher, desto unstrukturierter die Interviewform war. Insofern ist sie besonders bei narrativen Interviews zu empfehlen. Der nächste Teilschritt enthält (a) den Versuch, die Hypothesen zu prüfen, vor deren Hintergrund man die Untersuchung geführt hat, oder (b) den Versuch, Hypothesen zu generieren. Im Falle von (b) ist es zweckmäßig, die Befragten nach bestimmten Typen zu sortieren. So könnte es für den Fall der Beispielmatrix in Abb. 3 sinnvoll sein, einen Typ zu bilden, der benannt werden könnte mit Personen, die Probleme mit ihrem Partner haben (Interviewte Nr. 1 und Nr. 4). Als Hypothese, die hinter dieser Typbildung steckt, könnte formuliert werden: Personen, die Probleme mit ihrem Partner haben, haben auch häufig Kopfschmerzen Oder je nach Angemessenheit und Untersuchungszweck könnte man formulieren: Personen, die Probleme mit ihrem Partner haben, haben häufig Kopfschmerzen, aber denken wenig über die erhöhten Benzinpreise nach.

12 8 Diese Hypothesen können je nach Fallzahl, statistisch evtl. nicht mit einem sinnvollen Signifikanzniveau geprüft werden und als Ausgangsbasis für weitere quantitative Untersuchungen dienen. - Phase 4: Kontrollphase: Die bisherige Auswertung der Interviews war mit einer stetigen Reduktion von Daten verbunden, was mit einer Erhöhung des Risikos von Fehlinterpretationen einhergeht. Entsprechend soll in der Kontrollphase geprüft werden, ob die Ergebnisse der dritten Phase (Aufstellung bzw. Prüfung von Hypothesen) mit dem Ursprungsmaterial (den transkribierten Interviews oder gar den Tonbandaufnahmen) in Einklang zu bringen sind. Ist dies nicht Fall, ist nach den Fehlerursachen zu suchen und es sind notwendige Verbesserungen durchzuführen. Für die Auswertung der hier zu untersuchenden Interviews wurde eine Orientierung an dem vorgestellten Schema mit einigen Modifikationen als zweckmäßig angesehen. 2.2 Vorgehensweise Die folgenden Abschnitte (Kap bis 2.2.4) beschreiben und begründen das gewählte Forschungsdesign und die angewandte Auswertungsmethode Einordnung der empirischen Untersuchung Wie bereits in der Einführung dargestellt, ist die Durchführung und Analyse der Interviews im Zusammenhang mit dem gesamten Forschungsdesign des Leuchtturmprojektes Berufsfeldorientierung im sozialwissenschaftlichen Studium zu sehen. Insofern liefern die qualitativen Interviews nur ein Teilergebnis. Neben den weiteren Forschungsansätzen (vgl. Kap. 1) konnte das Ziel der qualitativen Interviews von Absolventen nur darin liegen, ergänzende Ergebnisse zu liefern, für die die qualitative Untersuchungsmethode prädestiniert erschien. Entsprechend lag der Schwerpunkt des Teilprojektes in der Hypothesengenerierung, allerdings nicht ohne bestimmte konzeptionelle Vorstellungen. Entsprechend wurde eine Interviewform gewählt, die zwischen problemzentrierten und fokussierten Interview angesiedelt werden kann. Die konzeptionell-theoretischen Vorstellungen von den Faktoren, die in Bezug auf eine Verbesserung der Berufsorientierung von Bedeutung sein könnten, kommt in dem Leitfaden zu Tage, der für die Durchführung der Interviews erstellt wurde (vgl. Abb. 4).

13 9 Abb. 4: Leitfaden zur Durchführung der Interviews Übersicht 0 Rahmen des Interviews (Ort, Zeit, etc.) 1 Kurzabriss Studium/Praktika/sonst. Tätigkeiten/beruflicher Werdegang 2 Studium 3 Beruf 4 Würden Sie Sozialwissenschaften nochmals studieren? Welche Tipps geben Sie heutigen Sowi-Studenten? 5 Angaben zur Person Zu 1 Bitte geben Sie einen kurzen Überblick über ihren studentischen und beruflichen Werdegang! Zu Aus welchem Grund entschieden Sie sich für das Fach Sozialwissenschaften? (Erwartungen) 2.2 Welche Qualifikationen meinen Sie während des Studiums erworben zu haben? - Tätigkeiten? (Hatten diese Tätigkeiten aus Ihrer Sicht Studienbezug?) - Wurden Zusatzqualifikationen erworben? Wenn ja, welche? 2.3 Haben Sie schon während des Studiums an spätere Berufsmöglichkeiten gedacht? - Wann kam dieser Gedanke auf? - Hatten diese Gedanken Konsequenzen für den Studienverlauf (Studienrichtung, Seminarwahl, Praktika, oder eher Interessen-bezogenes Studium)? 2.4 Welche Meinung hatten Sie damals über den Zusammenhang von Studium und Beruf? Übergangsfragen: (a) Wurde der Übergang vom Studium zum Beruf als großer Einschnitt empfunden? (b) Fühlten Sie sich mit den erworbenen Qualifikationen gut gerüstet für den Arbeitsmarkt? Zu In welchem Bereich haben Sie sich nach dem Studium beworben und welche Voraussetzungen waren an diese Stelle(n) geknüpft? - Welches waren die ausschlaggebenden Faktoren für den Erhalt der Stelle (Praktika (in der gleichen Firma), Sympathie, besondere Qualifikationen, Art der Präsentation, informelle Bekanntschaften ( Vitamin B ), Flexibilität (Einkommen, Mobilität, Inhalt der Tätigkeit, Risikobereitschaft, private Basis)) - Welche Opfer hätten Sie erbracht? 3.2 Wurden Ihre oben erfragten Erwartungshaltungen hinsichtlich des Studiums erfüllt? Wenn ja, in welchem Maße? Wenn nein, warum nicht? Zu Würden Sie Sozialwissenschaften nochmals studieren? 4.2 Welche Tipps würden Sie einem heutigen Sowi-Studenten geben? Zu 5 Angaben zur Person: Alter, Zeitpunkt des Studiums, Dauer des Studiums, Familienstand, usw.

14 10 Der Leitfaden wurde von einer studentischen Arbeitsgruppe im Sommersemester 2001 erstellt Durchführung der Interviews und Verschriftlichung Die Interviews wurden von verschiedenen Studierenden während des Sommersemesters 2001 im Rahmen eines Vertiefungsseminars durchgeführt. Jeder Studierende hatte dabei die Aufgabe, einen bis drei Absolventen der sozialwissenschaftlichen Fakultät anhand des Leitfadens zu interviewen, sich während des Interviews Notizen zu machen und das Interview anschließend zu verschriftlichen. Die Auswahl der Absolventen war dabei den Studenten frei überlassen. Insgesamt wurden 23 Absolventen von 12 Studenten befragt. Die Ergebnisse der Durchführung in Form von Gedächtnisprotokollen wurden einer anderen studentischen Arbeitsgruppe übergeben, welche im Wintersemester 2001/2002 die Aufgabe hatte, die Interviews auszuwerten und die Auswertung zu dokumentieren. Letzteres geschieht durch die vorliegende Arbeit Auswertung durch Datenkomprimierung Für die Auswertung der Daten wurde weitgehend das Schema von Lamnek verwendet (vgl. Kap ). Die Phase der Transkription entspricht hier der Verschriftlichung in Form eines Gedächtnisprotokolls (vgl. Kap ). Die weiteren Phasen (Einzelanalyse, Generalisierende Analyse, Kontrollphase) wurden zweckgemäß wie folgt modifiziert: - Einzelanalyse und Erstellung eines Themenschemas: Die einzelnen Interviews wurden gelesen, wobei festgestellt wurde, dass sich zwei grobe Gruppen von Interviewten unterscheiden lassen. Etwa die Hälfte der Befragten hat ihren aktuellen Job im wissenschaftlich-universitären Bereich, während die andere Hälfte im privatwirtschaftlichen Bereich arbeitet. Im Folgenden sollte untersucht werden, ob bereits innerhalb dieser beiden Gruppen unterschiedliche Anforderungen an ein sozialwissenschaftliches, berufsfeldorientiertes Studium gesehen wurden. Zudem wurde ein Themenschema entworfen, welches die Themenkomplexe benennt, die in den einzelnen Interviews behandelt wurden. Sachgemäß ergab sich hier eine große Ähnlichkeit mit dem zugrunde liegenden Leitfaden, jedoch erschien nach der Ausführlichkeit der beantworteten Punkte eine leicht modifizierte Gliederung sinnvoll. - Es ergab sich folgendes Themenschema (Abb. 5):

15 11 Abb. 5: Themenschema zur Auswertung Hard Facts Alter, Geschlecht, Familienstand Gründe für / Erwartungen an das Studium Verlauf und Organisation des Studiums Dauer / Zeitraum / Schwerpunkte / Qualifikationen / Zusatzqualifikationen / Nebentätigkeiten / Diplomarbeit / Kontakte / Sonstiges Einstieg in den Beruf (Übergang) Praxisschock / Gefühl der guten Vorbereitung durch die Universität / Probleme und Erfolgserlebnisse / Konkrete Vorstellungen vorhanden / Sonstiges / Einflussfaktoren für Erhalt der ersten Stelle Beruflicher Werdegang und jetzige Position Roter Faden / Kindererziehung / Kontakt mit dem Arbeitsamt / Weiterentwicklungen / Tätigkeitsbereich (Nähe bzw. Ferne zur Sozialwissenschaft) / Sonstiges Bewertung des Studiums Nochmaliges Studium der Sozialwissenschaft / positive Aspekte / negative Aspekte / Verbesserungsvorschläge / Tipps für jetzige Studenten / Sonstiges Sonstiges - Erstellung einer Inhaltstabelle: Auf der Basis des Themenschemas (vgl. Abb. 5) wurde jedes Interview detailliert untersucht und ein verkürzter den Wortlaut der ursprünglichen Interviews weitgehend behaltender Text verfasst. Die Ergebnisse wurden in eine sog. Inhaltstabelle geschrieben Erstellung einer Themenmatrix: Die Inhaltstabelle wurde analysiert, so dass für jedes Thema typische Ausprägungen festgehalten wurden. Auf der Grundlage dieser Ausprägungen wurde eine neue Tabelle (sog. Themenmatrix 17 ) erstellt, in der für jedes Interview binäre Felder angegeben werden konnten. Entweder die typische Ausprägung war bei dem Interviewten festzustellen oder nicht. Die Ergebnisse sind im Anhang 1 wiedergegeben. - Sortieren der Themenmatrix nach unterschiedlichen Kriterien und Hypothesenbildung: Die Themenmatrix wurde nach allen Themenausprägungen sortiert, so dass recht leicht optisch festgestellt werden konnte, ob sich bei der Sortierung nach einer Ausprägung eine hohe Korrelation mit einer oder mehreren anderen Ausprägungen vermuten lässt. 18 Entsprechend konnten Hypothesen generiert werden. Dabei wurde auch eine Sortierung nach den bereits in der Einzelanalyse festgestellten Gruppen vorgenommen. Die Ergebnisse dieser Phase werden in Kap. 3 dargestellt. 16 Die Inhaltstabelle kann auf Wunsch bei den Autoren eingesehen werden. 17 Diese Themenmatrix ist vom Aufbau nicht zu verwechseln mit der Themenmatrix nach Lamnek, wie sie in Kap beschrieben wurde. Während bei Lamnek lediglich die Aussage aus der Matrix gezogen werden kann, ob ein Thema in einem Interview behandelt wird oder nicht, enthält die hier erstellte Themenmatrix die Information, ob ein Thema mit einer bestimmten inhaltlichen Ausprägung im Interview behandelt wurde oder nicht. Die hier erstellte Themenmatrix enthält also wesentlich mehr Informationen. 18 Im Anhang 2 ist ein exemplarisches Beispiel solcher Sortierungen angeführt.

16 Weiterführende Auswertung durch Dateninterpretation und Hypothesenbildung Nach den Phasen der Datenkomprimierung fand in der letzten Phase der Auswertung der Interviews wieder ein Rückbezug zum ursprünglichen Datenmaterial statt: - Hypothesenplausibilisierung und Kontrollphase: In dieser letzten Phase wurde versucht, die aufgestellten Thesen zu plausibilisieren: Dabei wurden mögliche kausale Verknüpfungen aufgezeigt. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden und weitere Vermutungen für Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu gewinnen, wurden die Inhaltstabelle sowie die ursprünglichen Gedächtnisprotokolle benutzt. Die Ergebnisse dieser Phase sind in Kap. 3 zu finden.

17 13 3 Ergebnisbeschreibung und Interpretation Bei der Interpretation gingen wir von der Themenmatrix aus (siehe Anhang 1), welche anschließend nach verschiedenen Kategorien sortiert wurde. Diese Sortierungen waren Grundlage der folgenden detaillierten Auswertung. Es ergaben sich erste Auffälligkeiten, welche in nachfolgenden Thesen festgehalten wurden 19 : 1. Wer seinen Berufsweg nicht an der Universität beginnt, berichtet von einem Praxisschock. 2. Wer das Fach Sozialwissenschaft nicht noch einmal studieren würde, gab als Grund für die Wahl des Studiums sehr häufig Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen an. 3. Alle Absolventen, die als Studienrichtung Arbeit, Organisation und Personal (AOP) gewählt haben, würden das Fach Sozialwissenschaft noch einmal studieren. 4. Wer konkrete Vorstellungen von seinem Berufsziel hat, erwirbt häufiger Zusatzqualifikationen. 5. Fast alle Absolventen, die in den 90er Jahren ihr Studium aufgenommen haben, würden das Fach Sozialwissenschaft noch einmal studieren. 6. Absolventen, die in den 80er Jahren ihr Studium aufgenommen haben, gaben mehrheitlich Interesse an Politik als Studienmotiv an und hatten eine Nebenbeschäftigung an der Universität. 7. Studentische Hilfskräfte haben häufiger konkrete Vorstellungen über ihr Berufsziel. 8. Wer als studentische Hilfskraft gearbeitet hat, findet seine erste Anstellung häufig an der Universität. 9. Studentische Hilfskräfte fühlen sich durch die Hochschule für das Berufsleben gut vorbereitet. 10. Diejenigen, die von Problemen beim Berufseinstieg berichten, haben kaum Praktika nachzuweisen. 11. Absolventen, die von Problemen beim Berufseinstieg berichten, hatten häufig eine Nebenbeschäftigung ohne Studienbezug. 12. Absolventen, die jetzt eine Tätigkeit ohne Studienbezug ausüben, hatten während ihres Studiums ebenfalls häufig eine Nebenbeschäftigung ohne Studienbezug. 13. Absolventen, die jetzigen Studenten ein Praktikum empfehlen, haben ein solches während des eigenen Studiums nicht unbedingt absolviert. Diese Thesen werden im Folgenden näher ausgeführt, anhand der transkribierten Interviews überprüft, und es wird zu ihnen Stellung genommen Die zugrunde liegenden Sortierungen können auf Wunsch von den Autoren bezogen werden. 20 Die verschriftlichen Interviews können auf Wunsch von den Autoren bezogen werden.

18 Thesen 1-4 Eine Sortierung der Themenmatrix nach der Kategorie Berufseinstieg in die freie Wirtschaft zeigte, dass Absolventen, die nicht an der Universität geblieben sind, angaben, einen Praxisschock erlebt zu haben. Dieses scheint auch nicht weiter verwunderlich, da viele der Absolventen, die an der Universität beschäftigt sind, bereits als studentische Hilfskräfte dort gearbeitet haben und ihnen somit die Arbeitsabläufe bereits bekannt waren. Der Hauptgrund für den Praxisschock liegt in der mangelnden Absolvierung von Praktika während des Studiums und der damit einhergehenden unzureichenden Vorbereitung auf das Arbeitsleben in der freien Wirtschaft. Auch waren die Nebentätigkeiten, welchen diese Gruppe der Befragten nachging, in den meisten Fällen nicht im Bereich der Sozialwissenschaft angesiedelt, sondern dienten in erster Linie der Finanzierung des Studiums und des Lebensunterhaltes. So konnten die Nebentätigkeiten nicht dazu genutzt werden, um einen Einblick in spezielle Arbeitsbereiche zu erhalten. Die Änderung des Lebensrhythmus vom Studentenleben zum geregelten Arbeitsleben wurde als großer Einschnitt empfunden: Von einer sehr freien Einteilung der Zeit hin zu einem relativ starren Tagesablauf (vgl. Interview 1). Es wurde bemängelt, dass im Studium nur theoretische Grundlagen vermittelt werden, aber deren Anwendungsbezug nicht dargestellt wird. Ein großes Problem entsteht häufig beim Transfer theoretischen Wissens auf Praxisbelange, da viele mit den theoretischen Begriffen, die Ihnen während des Studiums vermittelt worden sind, in der Praxis nichts anfangen können. Teilweise wurde das an der Universität erworbene theoretische Wissen in der Praxis überhaupt nicht benötigt (vgl. Interview 8). Kritik wurde auch daran geübt, dass grundlegende Arbeitsweisen der freien Wirtschaft im Studium überhaupt nicht vermittelt wurden (vgl. Interview 6). Die Sortierung nach Zufälligem Entschluss, das Fach Sozialwissenschaft zu studieren ergab, dass die Mehrzahl der Befragten das Studium der Sozialwissenschaft nicht aufgrund von längeren Planungen und Informationen über den Lehrinhalt wählten, sondern sich eher spontan und nicht zielgerichtet dafür entschieden. Einige gaben auch an, das Fach nur gewählt zu haben, weil es nicht mit einem Numerus clausus (NC) oder sonstigen Zulassungsbeschränkungen belegt war und somit ein freier Zugang zum Fach bestand. Als Beispiel kann hier ein Absolvent angeführt werden, welcher primär eigentlich das Fach Biologie auf Diplom studieren wollte und Sozialwissenschaft nur als interessantes Begleitstudium, aufgrund seines privaten Interesses an kritischen Theorien und Politik, gedacht hatte, sich aber anders entschied und das Diplom im Bereich Sozialwissenschaft machte (vgl. Interview 7). Auffällig ist auch, dass Absolventen, die zufällig bzw. nicht zielgerichtet das Fach Sozialwissenschaft belegt haben, ihren Entschluss nicht bereuten und sich wieder für dieses Fach einschreiben würden. Bei einer Sortierung der Absolventen nach dem Kriterium nicht noch mal ein Studium der Sozialwissenschaft aufzunehmen zeigt sich, dass diese vor Beginn des Studiums vor allem Interesse an gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhängen, sowie für Politik angaben. Als Gründe dafür, warum das Fach Sozialwissenschaft nicht mehr gewählt werden würde, lassen sich zwei unterscheiden: Für einen Teil der Absolventen lieferte das Fach Sozialwissenschaft nicht die erhofften Antworten auf soziale Fragen und auch die Quantität des entsprechenden Lehrangebotes wurde kritisiert. Diese Absolventen hätten sich mehr Inhalte in Hinblick auf die sozialen

19 15 Fragen gewünscht, die sie auch dazu bewogen haben, dieses Fach überhaupt zu studieren. Das Wort sozial hat hier wohl zu falschen Erwartungshaltungen geführt. Bei dem anderen Teil der Absolventen hat sich ein genau entgegengesetztes Bild entwickelt. Diese Gruppe hat die Behandlung sozialer Fragen dazu gebracht, das Fach Sozialwissenschaft als Laberfach abzustempeln. Sie gaben an, bei einer neuerlichen Studienwahl einem Studium mit ökonomischer Ausrichtung den Vorzug zu geben, auch, um den Vorurteilen, mit denen das sozialwissenschaftliche Studium behaftet ist, zu entfliehen. Hier ist eine sehr starke Polarisierung bei den befragten Absolventen zu erkennen! Wird eine Sortierung nach Studienrichtung 21 vorgenommen, so zeigt sich, dass alle Absolventen, die den Schwerpunkt Arbeit, Organisation und Personal (AOP) wählten, erneut ein Studium der Sozialwissenschaft aufnehmen würden. Auffällig bei den Absolventen mit dem Studienschwerpunkt AOP war weiterhin, dass diese alle bereits während ihres Studiums konkrete Vorstellungen hatten, in diesem Bereich auch nach dem Studium arbeiten zu wollen. Dies schlug sich auch stark in der Planung des Studiums selbst nieder. So wurden bereits während des Studiums Praktika in diesen Bereichen (hauptsächlich im Personalbereich) absolviert. Die Chance Praktika intensiv (!) zur Orientierung im Berufsleben zu nutzen wird auch den jetzigen Studenten als Tipp mit auf dem Weg gegeben (vgl. Interview 5). Als weiterer Vorteil im Schwerpunkt AOP ist die zielgerichtete Auswahl der Diplomarbeit, da durch diese bereits erste Kontakte zu zukünftigen Arbeitgebern geschaffen werden kann. Des Weiteren wurde von diesen Absolventen empfohlen, sich auch in anderen Bereichen des Personalwesens umzuschauen. Hier wurde vor allem der Bereich Arbeitsrecht genannt (vgl. Interview 8). Eine Hauptforderung dieser Absolventen ist es, Praxisthemen aus dem Bereich Personal in das Studium zu integrieren. So wurde ein Absolvent während eines Vorstellungsgespräches gefragt, ob er denn bereits ein Assessment Center (AC) konzipiert hätte. Bei den AOP- Absolventen ist eine klarere Forderung nach mehr Praxisnähe auszumachen als bei Absolventen anderer Studienrichtungen (vgl. Interview 8). Auch wurde von diesen Absolventen mehr wert auf Zusatzqualifikationen gelegt. Hier wurden vor allem EDVund Sprachkenntnisse sowie Kenntnisse aus dem Bereich der Moderations- und Kommunikationstechniken genannt. Eine weitere Sortierung wurde unter dem Aspekt Absolventen, die bereits konkrete Vorstellungen bezüglich ihres Berufsziels besaßen, vorgenommen. Hierbei wird deutlich, dass sich diese Absolventen bereits während Ihres Studiums zielgerichtet Zusatzqualifikationen aneigneten. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da man sich bei konkreten Vorstellungen über den Bereich des späteren Berufs auch gezielt auf diesen vorbereiten kann (z.b. durch Anpassung an die jeweiligen Anforderungsprofile). Auffällig bei den Absolventen mit konkreten Vorstellungen, die im Bereich der Universität arbeiten, ist, dass diese alle spezifische Nebentätigkeiten in Form von studentischen Hilfskraftstellen ausübten. Da man im Rahmen dieser Stellen einen guten Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten erhält, lernt man auch die Anforderungen, die an eine Tätigkeit im universitären Bereich geknüpft sind, kennen und es ergeben sich bereits 21 Hier fallen alle Absolventen heraus, bei denen die Studienordnung noch keine Schwerpunkte im Rahmen des Studiums der Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum vorgesehen hatte.

20 16 erste informelle Kontakte, die für die Stellensuche in diesem Bereich genutzt werden können. Weiterhin wurden von den meisten Absolventen, die im universitären Bereich arbeiten, gute EDV-Kenntnisse als unabdingbar betrachtet. Bei Absolventen mit dem Studienschwerpunkt Wirtschaft und Verbände fällt auf, dass diese während Ihres Studiums ökonomische Sachverhalte in den Vordergrund stellten, um sich auf dem Arbeitsmarkt gegen die Konkurrenz der wirtschaftwissenschaftlichen Absolventen zu behaupten. Auch wurde bei der Diplomarbeit bereits auf den späteren Berufszweig geachtet und ein zielgerichtetes, praxisbezogenes Thema gewählt (vgl. Interview 12). Interessant ist weiterhin, dass Kenntnisse im Bereich Statistik immer wieder als positiv bewertet und sehr hilfreich empfunden wurden. Auch Kenntnisse des computergestützten Statistik-Programms SPSS wurden durchweg als wichtig erachtet. Auch wurden Fremdsprachkenntnisse als sehr hilfreich gesehen, da durch das immer stärkere Zusammenwachsen der Wirtschaftsmärkte im Zuge der Globalisierung Sprachkenntnisse mit Sicherheit in Zukunft einen noch höheren Stellenwert erhalten werden. Viele Absolventen, bei denen konkrete Vorstellungen über Ihr Berufsziel vorhanden waren, absolvierten während des Studiums Praktika, welche zum Teil dazu führten, die konkreten Vorstellungen nochmals zu überdenken oder gar zu revidieren. Hier zeigt sich ein weiterer wichtiger Aspekt von Praktika, da in Ihnen eine Chance liegt, Vorstellungen, die im Studium entwickelt wurden, zu überprüfen und das Studium an die Bedürfnisse der späteren beruflichen Tätigkeit anzupassen. 3.2 Thesen 5-9 Bei einer Sortierung der Themenmatrix nach Studienbeginn fällt auf, dass viele der Absolventen, die in den 90er Jahren ihr Studium der Sozialwissenschaft an der Ruhr- Universität Bochum begannen, Sozialwissenschaft noch einmal studieren würden. Allerdings würden viele von den Wiederholungstätern zusätzliche Schwerpunkte außerhalb der Sowi-Fächerkanons wählen, um Defizite, die das sozialwissenschaftliche Studium aufweist, auszugleichen. Hier wurden vor allem Kenntnisse im Bereich der Ökonomie genannt und es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bereits während des Studiums die Möglichkeit Praxisluft zu schnuppern ergriffen werden würde (vgl. Interview 20). Eine Sortierung der Themenmatrix nach den Aspekten Zeitpunkt des Studiums (Beginn), Gründe und Erwartungen an das Sowi-Studium: Interesse an Politik sowie Nebentätigkeiten (vgl. Themenmatrix, Anhang 1, Zeilen 3 und 56) zeigt, dass bis auf eine Ausnahme alle befragten Absolventen, die ihr Studium in den 80er Jahren aufgenommen haben, als Grund für ihr Studium Interesse an Politik angaben, und zudem, wiederum bis auf eine Ausnahme, während ihres Studiums als Wissenschaftliche Hilfskräfte an der Universität tätig waren. Im Vergleich zu den Sowi-Studenten der 90er Jahre scheint das Interesse der Studenten an Politik in den 80er Jahren besonders ausgeprägt zu sein. Eine plausible Erklärung dafür konnte jedoch auch unter Hinzuziehung der konkreten, transkribierten Interviewinhalte nicht eindeutig gefunden werden. Eine befragte Absolventin gab an,... dass sie primär Politik studieren wollte, dieses Fach in Bochum aber nur im Rahmen des sozial-

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