1 Theoretische Grundlagen

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2 1 Theoretische Grundlagen In diesem ersten Kapitel wird das Konzept der Basalen Simulation definiert und übersichtlich dargestellt. Die verschiedenen Wahrnehmungsbereiche werden prägnant beschrieben, und die mit der Wahrnehmung eng verbundene Bedeutung von Bewegung, Kommunikation und Berührung wird erläutert. 1.1 Einleitung Das Konzept Basale Stimulation wurde von Andreas Fröhlich zwischen 1975 und 1983 für schwerst mehrfachbehinderte Kinder im Reha-Zentrum Westpfalz Landstuhl Deutschland entwickelt. Ende der 1980er-Jahre erweiterte Christel Bienstein gemeinsam mit Andreas Fröhlich das Konzept Basale Stimulation in der Pflege (Bienstein/Fröhlich, 2010). Definition Basale Stimulation in der Pflege ist ein wahrnehmungs-, kommunikations- und bewegungsspezifisches Konzept zur Unterstützung von Prozessen der Neuorganisation bei Frühgeburtlichkeit, schwerer Krankheit oder Unfallfolgen und in der Sterbebegleitung. «Basal» bedeutet: zurückgreifen auf die Basis, auf die elementaren Fähigkeiten menschlichen Handelns, um einen Menschen zu erreichen resp. mit ihm in Kontakt zu treten. «Stimulation» bedeutet: motivieren, anregen, ermuntern, um mit anderen Personen und der Umwelt in Kontakt zu treten und sich selbst deutlicher wahrzunehmen. Basale Stimulation ist gedacht für alle Menschen, die an einer schweren längerfristigen Einschränkung ihrer Fähigkeit zur Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation leiden. Das Ziel der Basalen Stimulation ist die Beglei- 19

3 1.1 Einleitung tung und Förderung individueller Lernprozesse in allen Lebensphasen eines zu früh geborenen, erkrankten oder behinderten Menschen. Dazu wenden Pflegepersonen wahrnehmungsorientierte Angebote an, wie beispielsweise: körperliche Nähe lassen, um andere Menschen wahrnehmen zu können Ausdrucksmöglichkeiten ergründen, erkennen und sich verstehend darauf einlassen, wenn eine sprachliche Verständigung nicht oder nur beschränkt möglich ist die Umwelt und das Selbst auf verständliche Weise nahebringen Fortbewegung und Lageveränderungen spüren und nachvollziehen lassen. In der Basalen Stimulation gestaltet sich die Pflege als wechselseitiger Lernprozess. Die Reaktionen des Patienten auf die Angebote werden bei den weiteren Handlungen berücksichtigt. Diese Reaktionen leiten die Pflegeperson in ihren Handlungen an. Die Aktivitäten der Pflege werden so vom Patienten gelenkt und mitbestimmt. So erfährt der Patient seine Wirksamkeit und Selbstbestimmung. Die Angebote selbst und deren Mittel orientieren sich am Erleben, der Biografie und am Lernpotenzial des betroffenen Menschen. Sie sind einfach, verständlich und interessant, haben eine Bedeutung für den Patienten und laden ihn ein, mitzumachen und aktiv kommunikativ zu werden. Der Patient soll ganzheitlich wahrgenommen werden, um eine ganzheitliche Entwicklung fördern zu können. Ganzheitlichkeit nach Fröhlich bedeutet, möglichst viele Bereiche des Menschen zur gleichen Zeit im Blick zu behalten wahrnehmen Erfahrungen mit Menschen machen und im weiteren Pflegeangebot zu be - rücksichtigen (Fröhlich, 2006). Abbildung 1-1 veranschaulicht den Gedanken der Ganzheitlichkeit. verstehen bewegen kommunizieren den eigenen Körper Abbildung 1-1: Ganzheitliche Betrachtung nach Fröhlich Gefühle spüren Wichtige Entwicklungsbereiche der Persönlichkeit sind auf das Engste miteinander verbunden und wirken aufeinander ein. Dies zeigt die komplexe Wirklichkeit von Beeinflussungen und Erfahrungen eines Menschen. 20

4 1 Theoretische Grundlagen 1.2 Konzeptübersicht Abbildung 1-2 stellt einen Überblick über das Konzept der Basalen Stimulation dar. Im Zentrum steht der Mensch mit seinen grundlegenden Fähigkeiten zur Wahrnehmung, Kommunikation und Bewegung. Zur Begleitung und Förderung dieser grundlegenden Fähigkeiten greift die Basale Stimulation auf wahrnehmungsorientierte Angebote zurück, welche die Sinnesbereiche der Wahrnehmung, also das Wahrnehmen der eigenen Person und der Umwelt die Welt entdecken Leben erhalten und Entwicklung Autonomie und Verantwortung leben visuell somatisch Körpersinn das eigene Leben spüren Sinn und Bedeutung geben Beziehungen aufnehmen und Begegnungen gestalten auditiv die Außenwelt oralgustatorisch/ olfaktorisch Kommunikation MENSCH Bewegung Wahrnehmung taktil-haptisch vestibulär Körpersinn vibratorisch Körpersinn den eigenen Rhythmus entwickeln sein Leben selbst gestalten Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen Abbildung 1-2: Konzeptübersicht nach Hatz-Casparis 21

5 1.2 Konzeptübersicht an sprechen. Dabei orientiert man sich an den folgenden zentralen Zielen (Bienstein/Fröhlich, 2010; Ackermann, 2008): Personbezogene Ziele Leben erhalten und Entwicklung das eigene Leben spüren Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen den eigenen Rhythmus ent wickeln sein Leben selbst gestalten Umweltbezogene Ziele die Außenwelt Beziehung aufnehmen und Begegnung gestalten Sinn und Bedeutung geben und Autonomie und Verantwortung leben die Welt entdecken und sich dabei entwickeln Die zentralen Ziele wurden in der siebten Auflage von Bienstein/Fröhlich (2012: 86 ff.) neu als sogenannte Lebensthemen zusammengefasst und beziehen sich analog zu den zentralen Zielen auf die folgenden zehn Themen: 1. Leben erhalten und Entwicklung 2. das eigene Leben spüren 3. Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen 22

6 1 Theoretische Grundlagen 4. den eigenen Rhythmus entwickeln 5. das Leben selbst gestalten 6. die Außenwelt 7. Beziehung aufnehmen und Begegnung gestalten 8. Sinn und Bedeutung geben und 9. Autonomie und Verantwortung leben 10. die Welt entdecken und sich dabei entwickeln. 1.3 Wahrnehmung «Es ist ein Merkmal jedes Lebewesens, dass es bestimmte Fähigkeiten hat, sich Informationen aus der Umwelt zu beschaffen, sie mit dem eigenen Körper in Verbindung zu bringen und daraus Vorstellungen zu entwickeln, die seine weiteren Aktivitäten beeinflussen.» (Fröhlich, 1998: 49) Mit den Wahrnehmungsorganen Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut werden spezifische Reizinformationen aus der Außenwelt vom Menschen durch bestimmte Rezeptoren aufgenommen und biologisch codiert. Durch die sensorische Codierung, in Verbindung zum Gedächtnis und zu weiteren Hirnarealen, erhält die Wahrnehmung erst ihren wahren Kern, nämlich die bedeutungsvolle und sinngebende Wahrnehmung. Wahrnehmung wird hervorgerufen durch die Bewegung des Objekts, Selbstbewegung des Subjekts und die Bedeutsamkeit des Objektes für das Subjekt. Diesem Grundsatz ist bei der Erstellung eines Stimulationsangebotes zu folgen (Fröhlich, 1998). Die sinngebende Wahrnehmung beginnt bereits intrauterin und setzt sich nach der Geburt immer differenzierter fort. Entwicklung der Wahrnehmungsaktivität wurde bereits ab dem 4. Schwangerschaftsmonat durch gezielte aktive Verhaltensweisen des ungeborenen Kindes festgestellt. Das ungeborene Kind ist fähig, auf seine Informationsaufnahme und Codierung mit eigenem Verhalten zu antworten. Demnach nehmen ungeborene Kinder rege am Leben teil. Sie können sich willkürlich bewegen, ihre Lage verändern und somit ihre Körpergrenzen spüren. Zudem hören sie, was im und außerhalb des Mutter- 23

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