jüngerer Mensch erwartet oder verlangt, dass man dableibt. Nein, das wollte ich ihm nicht zumuten. Aber ich war nur darum so großzügig, weil er lebte

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2 jüngerer Mensch erwartet oder verlangt, dass man dableibt. Nein, das wollte ich ihm nicht zumuten. Aber ich war nur darum so großzügig, weil er lebte und weil ich mir nicht vorstellte, es würde, solange ich lebe, jemals anders sein. Zusammen konnte uns nichts geschehen. Ihn in eine dritte Person zu verwandeln, um von ihm zu erzählen, ist nach wie vor ein befremdlicher Vorgang. Eigentlich kann ich nur ihm von ihm erzählen. Aber wie soll ich ihm sagen, dass er gestorben ist? Ich habe Angst, dass er es glauben könnte und dass er dann nochmals stirbt. Inzwischen nämlich habe ich mich einigermaßen eingerichtet, lebe mit ihm sozusagen in gewandelter Form. In der ersten Zeit sind mir die Stimmen aller anderen fremd geworden, schlimmer noch, sie waren unerträglich. Ich lauschte nur der einen, seinen. Ich hob das Telefon nicht mehr

3 ab, um niemanden und nichts zu hören. Gleichzeitig durchzuckte mich mit jedem Klingeln die Hoffnung, er würde anrufen. Einmal noch. Und weil er es nicht sein konnte, wozu abheben? Niemand erreichte mich, mit keinem noch so gut gemeinten Angebot. Niemand brauchte mich, so wie er mich gebraucht hat, niemand redete mit mir, so wie er mit mir geredet hat. Panik ergriff mich, dass die Stimmen anderer seine überlagern oder verdrängen könnten. Und es beruhigte mich auch nicht, mit anderen über ihn zu sprechen. Ich wollte mit ihm sprechen, und wenn er schon nicht mehr da war, so wollte ich wenigstens, dass er aus mir spreche, dass ich er werde, um ihn am Leben zu halten für mich. Hatte ich überhaupt ein eigenes Leben, ein von ihm unabhängiges Leben? Wollte ich das? Mein Leben mit ihm war das schönste,

4 beglückendste, das, wonach ich mich immer gesehnt hatte. Unabhängigkeit ist gut und wichtig, aber verglichen mit dem Erlebnis der Liebe eine Art Notprogramm. Bevor ich ihn kannte, war ich sehr emanzipiert und war mir selbst die Wichtigste. Doch nach meinem Leben mit Ephraim konnte ich nicht wieder zurück in mein Früher steigen. Er ist mit mir, und der Wunsch, es möge ihm gut gehen, ist wie mein Herzschlag. Eigentlich kam es genau so, wie er es mir vorausgesagt hatte. Je länger er nicht mehr so da war wie früher, desto mehr verwandelte sich die Konfusion in Dankbarkeit. Nicht dass der Wunsch verging, es möge wieder so sein wie früher, aber das Leben handelt nun wieder mehr von mir. Ohne dass ich nur mit mir selbst sein muss. Ich bin und werde immer mit ihm sein. Er wusste, dass ich diese Bücher über den

5 Tod las. Er bezog es nicht nur auf sich, aber auch. Wir sprachen über die Auffassung der jüdischen Religion im Gegensatz zur christlichen und muslimischen. Bei aller Ehrfurcht vor dem Allmächtigen hingen wir keiner bestimmten Religion an. Ohne Religion hört sich beim Tod alles auf. Dann ist es aus. Gewesen. Wie immer agierte er prophylaktisch. Er schrieb ein Testament und sagte zu mir:»wenn dein Ubi nicht mehr ist, wirst du einen Hund haben.«auch ich schrieb ein Testament und fragte ihn, ob er, wenn ich nicht mehr wäre, einen Hund hätte. Für ihn aber war klar, dass er diese Welt vor mir verlassen würde, und falls es doch anders kommen sollte, werde auch er nicht mehr sein. Dasselbe dachte auch ich. Ich:»Wenn du stirbst, dann sterbe ich auch.«er:»das besprechen wir, wenn ich gestorben bin.«

6 Von Anfang an habe ich mir gesagt, dass es gut ist so. Er muss nicht mehr alt werden. Muss nichts erleiden. Muss sich keine Sorgen mehr machen. Er muss seine Brille nicht mehr suchen, muss sich nicht mehr ängstigen, er muss nicht fürchten, er könnte vielleicht gebrechlich werden, seine schöpferische Kraft dahinschwinden fühlen. Nicht einmal seinen Untergang muss er jetzt noch befürchten, nichts mehr, auch keinen Schnupfen, der nach dem Untergang Platz zwei in seiner Furcht-Skala einnahm. Aber mit all dem Schönen und Guten, mit seinem Lebenwollen, für mich, mit seinem Glücklichsein, mit mir, mit seiner Zufriedenheit und seinem berechtigten Stolz auf alles, was er erreicht hatte, mit all seinen Ideen und Überraschungen war es mit einem Schlag auch aus und vorbei. Vielleicht hatte er manchmal gedacht, unsere Liebe würde

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