Die Erstellung einer Mittelflussrechnung 1

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1 1 Prof. F. Angst 1 Fehr, Marcel; Angst, Florian: Betriebswirtschaftliches Rechnungswesen für angehende Führungskräfte, Zürich 2004; S. 159 ff.

2 Allgemeine Bemerkungen zu den Mittelflussrechnungen Ziel und Zweck Die Mittelflussrechnung kann neben der Bilanz und Erfolgsrechnung als dritte Abschlussrechnung betrachtet werden. Die Mittelflussrechnung ist keine Bestandesrechnung (wie die Bilanz) sondern eine Bewegungsrechnung (wie die Erfolgsrechnung). Bei der Analyse der Abschlussrechnungen stehen die Kennzahlen «Rentabilität» sowie «Liquidität» entsprechend den Zielen des Gesamtunternehmens im Vordergrund. Die beiden traditionellen Abschlussrechnungen «Bilanz» und «Erfolgsrechnung» vermögen in erster Linie Kennzahlen zur Rentabilität liefern. Die Liquiditätskennzahlen (aus der Bilanz) vermögen den Ansprüchen an ein Management Informationssystem (MIS) nicht zu genügen; sie sind rein statisch, d.h. auf einen Zeitpunkt bezogen. Ausserdem können weder Bilanz noch Erfolgsrechnung Ursachen für die Veränderung der Liquidität aufzeigen. Hier füllt nun die Mittelflussrechnung diese Lücke, indem sie eine zeitraumbezogene, dynamische Analyse der Liquidität zulässt. Diese dynamische Analyse der Liquidität sowie ihre Steuerung sind für Unternehmen von grösster Bedeutung. Während man über längere Zeit mit ungenügender Rentabilität, ja sogar mit Verlusten, als Unternehmen überleben kann, führt Illiquidität in Kürze zum Untergang eines Unternehmens. Das Obligationenrecht verlangt keine solche Rechnung, Rechnungslegungsnormen (FER Nr. 6, IAS Nr. 7) sehen hingegen zwingend eine Mittelflussrechnung vor. 2 Begriff Unter Mittelflussrechnungen verstehen wir Bewegungsrechnungen (wie z.b. die Erfolgsrechnung), welche den Umfang der Veränderung einer bestimmten Mittelgesamtheit sowie die Ursachen für diese Veränderung zeigen. 2 Seit dem ist die Geldflussrechnung in Swiss GAAP FER 4 (früher: FER 6) geregelt. Dabei hat auch die Fondswahl eine Restriktion erfahren (seit : NUV nicht mehr zulässig, früher: NUV nicht geeignet ). (siehe dazu auch Seite 3) - 1 -

3 Mögliche Definition des Begriffs «Mittel» In der Literatur findet man eine grosse Anzahl möglicher Definitionen des Begriffes «Mittel»: 1. Nettoumlaufvermögen (Umlaufvermögen kurzfristiges Fremdkapital) 2. Umlaufvermögen 3. Netto-monetäres Umlaufvermögen ([Geld + kurzfristig erwartete Geldzugänge] kurzfristig erwartete Geldabgänge) 4. Monetäres Umlaufvermögen 5. Netto-Geld i.w.s. ([Geld + rasch in Geld umwandelbare Vermögenswerte] rasch erwartete Geldabgänge) 6. Geld i.w.s. 7. Netto-Geld i.e.s. (Geld als sofort verfügbare Mittel Kontokorrentschulden bei Banken) 8. Geld (= Flüssige Mittel) 9. Aktiven 10. Passiven 11. Eigenkapital 12. Langfristiges Kapital (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) Bilanz Kasse, Post, Bank (Kontokorrent) Kassaeffekten, kurzfristige Festgelder, Besitzwechsel Kundenguthaben (kurzf- Fristige Kundenforderungen) Aktive Rechnungsabgrenzungen (Geldforderungen) Aktive Rechnungsabgrenzungen (Leistungsforderungen) Anzahlungen an Lieferanten Vorräte, angefangene Arbeiten Anlagevermögen Bank (Kontokorrent) Kreditoren, Schuldwechsel, Dividenden Passive Rechnungsabgrenzungen (Geldschulden) Kurzfristige Rückstellungen Passive Rechnungsabgrenzungen (Leistungsschulden) Langfristige Rückstellungen Übriges langfristiges Fremd- Kapital Eigenkapital Diese Mittel werden auch «Mittelgesamtheit» oder «Fonds» genannt. Rechnungen, welche über den Bestand und die Veränderung solcher Mittel Auskunft geben, heissen deshalb «Mittelflussrechnungen» oder «Fondsrechnungen». Es muss immer klar angegeben werden, zu welcher «Mittelgesamtheit» eine Mittelflussrechnung aufgestellt wird! - 2 -

4 Im Hinblick auf das erwähnte Ziel der Liquiditätsanalyse und steuerung drängt aus dieser Auswahl von Mittelgesamtheiten selbstverständlich ein geldnaher Fonds hervor, so zum Beispiel der Fonds Nr. 8. (Geld) bzw. Nr. 6. (Geld i.w.s.). Gemäss FER Nr. 6 können zwar die Fonds Nr. 3. bis 8. verwendet werden, die IAS Nr. 7 hingegen lassen lediglich flüssige Mittel (Cash, Geld; Kasse, Sichteinlagen bei Post und Banken) und geldnahe Mittel (Cash equivalents; kurzfristige Anlagen mit einer Laufzeit von höchstens 90 Tagen) zu (also Fonds Nr. 8. bzw. Nr. 6.). Der Aufbau einer Mittelflussrechnung Grundprinzip Das Grundprinzip der Mittelflussrechnung besteht darin, dass man Ursachen für die Veränderung der Mittel von Zeitpunkt 1 bis zum Zeitpunkt 2 ermittelt und diese nach folgenden Bereichen gruppiert a BILANZ p A ERFOLGSRECHNUNG E Investitionsbereich Fonds: Liquide Mittel Geschäftsbereich Finanzierungsbereich Ausgabenbzw. fondswirksamer Aufwand Einnahmenbzw. fondswirksamer Ertrag Kurzfristiges Fremdkapital Übriges Umlaufvermögen Langfristiges Fremdkapital Passiven Ausgabenbzw. fondsunwirksamer Aufwand Reingewinn Cash Flow Einnahmen Einnahmenbzw. fonds- unwirksamer Ertrag unwirksamer Ertrag Aktiven Anlagevermögen Eigenkapital Geschäftsbereich Operating activities Mittelfluss (meist Zufluss) aus erfolgswirksamen Vorgängen (Liquiditätswirksamer Ertrag liquiditätswirksamer Aufwand) wird CASH FLOW genannt. Investitionsbereich Investing activities Mittelzufluss aus Verkäufen von Anlagevermögen (Desinvestitionen) sowie Mittelabfluss aus Käufen von Anlagevermögen (Investitionen) ergibt meist einen Nettomittelabfluss Finanzbereich Financing activities Mittelzufluss aus Erhöhung von Fremdoder Eigenkapital (Aussenfinanzierung) sowie Mittelabfluss aus Rückzahlung von Fremdkapital bzw. Eigenkapital sowie Gewinnausschüttung (Definanzierung) - 3 -

5 Einführungsbeispiel Das Grundprinzip der Mittelflussrechnung, nämlich die Ermittlung von Ursachen für die Veränderung der Mittel von Zeitpunkt 1 bis zum Zeitpunkt 2 und die Gruppierung nach den Bereichen «Geschäft/Operatives», «Investitionen» und «Finanzierung» soll für die zwei Fondstypen «Flüssige Mittel» bzw. «Nettoumlaufvermögen» am folgenden einführenden Beispiel dargestellt werden: Einführungsbeispiel Erfolgsrechnung Warenaufwand 120 Verkaufserlös 195 Gehälter 32 Miete 7 Darlehenszins 3 Übriger Aufwand 1 27 Abschreibungen 7 Betriebsverlust 1 Betriebsverlust 1 Dividendenertrag 2 a.o. Aufwand 2 5 a.o. Ertrag 3 10 Unternehmensgewinn 6 1 inkl. Bildung kurzfristige Prozessrückstellung 2 Kursverlust auf Beteiligung Bilanzen _ _2 Flüssige Mittel Debitoren Warenvorrat Mob. & Einrichtungen Beteiligungen Aktiven Kreditoren Kurzfr. Prozessrückstellung 0 1 Darlehen Eigenkapital Passiven Im Berichtsjahr wurden Einrichtungen mit einem Buchwert von 20 für 30 verkauft - 4 -

6 Die Veränderung des Mittelbestandes (Liquiditätsnachweis) Aufgrund des Ausgangsbeispiels kann folgende Veränderung der beiden Fonds (Mittelbestände) «Flüssige Mittel» bzw. «Nettoumlaufvermögen» festgestellt (nachgewiesen werden): Liquiditätsnachweis Fonds Nr. 8 «Flüssige Mittel» Liquiditätsnachweis Fonds Nr. 1 (Nettoumlaufvermögen NUV) - 5 -

7 Die Cash-Flow Berechnung Der Cash-Flow ist definiert als «Mittelbeitrag aus Geschäftstätigkeit». Damit gemeint sind all diejenigen Erträge, welche die Mittel (den Fonds) erhöhen (= liquiditätswirksame Erträge) abzüglich all diejenigen Aufwände, welche die Mittel (den Fonds) verkleinern (= liquiditätswirksame Aufwände). Da Erträge und Aufwände nur entweder liquiditätswirksam oder nicht liquiditätswirksam sein können (entweder verändern sie den Fonds oder eben nicht), empfiehlt es sich, sämtliche Posten der Erfolgsrechnung auf ihre Liquiditätswirksamkeit zu überprüfen. Da dies für den Fonds «Nettoumlaufvermögen» meist einfacher ist als für die «Liquiden Mittel», wird zunächst die Cash-Flow Berechnung für diesen Fonds dargestellt: Fonds Nettoumlaufvermögen Einen Beitrag zur Mittelveränderung leisten also all diejenigen Posten in der Erfolgsrechnung, welche irgendein Konto des Nettoumlaufvermögens verändern! - 6 -

8 Es fällt auf, dass sich bei beiden Cash-Flow Berechnungen der Cash-Flow sowohl durch die Gegenüberstellung von liquiditätswirksamen Erträgen und Aufwänden (Cash-Flow direkt ) als auch durch die Gegenüberstellung von nichtliquiditätswirksamen Aufwänden und Erträgen (Cash-Flow indirekt ) ermitteln liess. Dies ist selbstverständlich kein Zufall. Gliedern wir die Erfolgsrechnung nach liquiditätswirksamen und nichtliquiditätswirksamen Vorgängen ergibt sich nämlich folgendes Bild: Erfolgsrechnung, gegliedert nach liquiditätswirksamen und nichtliquiditätswirksamen Vorgängen (Fonds Nettoumlaufvermögen) Wareneinkauf 100 Verkaufserlös (Kreditverkäufe) 195 Bestandesabnahme 20 Gehälter 32 Miete 7 Darlehenszins 3 Übriger Aufwand 26 Dividendenertrag 2 Bildung Prozessrückstellung 1 Abschreibungen 7 Kursverlust Beteiligungen 5 Unternehmungsgewinn 6 Buchgewinn Verkauf Einrichtungen = liquditätswirksam = nichtliquiditätswirksam - 7 -

9 Geht man bei der Cash-Flow Berechnung zum Fonds «Flüssige Mittel» analog vor, ergibt sich folgendes Bild: Fonds Flüssige Mittel - 8 -

10 Im Vergleich zur Cash-Flow-Berechnung für den Fonds «Nettoumlaufvermögen» stellt man fest, dass zu den bestehenden nichtliquiditätswirksamen Vorgängen noch vier weitere hinzukamen: Abnahme Debitoren Zunahme Kreditoren Abnahme Vorräte Zunahme Prozessrückstellung Es kamen also sämtliche Zu- und Abnahmen der Konten des Nettoumlaufvermögens hinzu mit Ausnahme derjenigen der Flüssigen Mittel, welche man ja mit der Mittelflussrechnung letztlich nachweisen will. Diese übrigen Konten des Nettoumlaufvermögen (mit Ausnahme der zum Liquiditätsfonds gehörenden) nennt man auch das Operative Nettoumlaufvermögen. Aus diesem Grund lässt sich die Cash-Flow-Berechnung für den Fonds «Flüssige Mittel» von derjenigen zum Fonds «Nettoumlaufvermögen» ableiten, indem man sie um sämtliche Veränderungen der Konten des Nettoumlaufvermögens (ausser jener der flüssigen Mittel) ergänzt. Diese summarische Methode ist in der Praxis sehr verbreitet: Fonds Flüssige Mittel Summarische Methode - 9 -

11 Investitions- und Finanzbereich Wie aus der Darstellung der Bereiche einer Mitteflussrechnung (vergl. Abbildung Seite 3) hervorgeht, sind die Ursachen für die Veränderung eines Mittelbestandes (Fonds) nicht nur in der Erfolgsrechnung zu suchen (d.h. im Cash-Flow), sondern auch im Investitions- und Finanzbereich. Die Beiträge dieser zwei Bereiche zur Fondsveränderung können mit verschiedenen Methoden ermittelt werden. Jede dieser Methoden verfolgt aber letztlich dasselbe Ziel: Es sollen diejenigen Buchungstatsachen aufgezeigt werden, welche den Mittelbestand ändern, und zwar entweder mit einer Gegenwirkung auf der Aktivseite (Investitionsbereich) oder mit einer Gegenwirkung auf der Passivseite (Finanzbereich). Eine mögliche und sehr anschauliche Methode der Ermittlung dieser Vorgänge, ist die sogenannte «Gegenfondsanalyse». Sie besteht darin, dass man die Aktiv- und Passivkonten, welche nicht zum Fonds gehören (= Gegenfondskonten) skizziert und danach folgende Schritte ausführt: 1. Anfangs- und Endbestände eintragen 2. Nichtliquiditätswirksame Aufwände oder Erträge sowie den Erfolg in diesen Konten verbuchen (nichtliquiditätswirksam bedeutet ja nichts anderes, als dass diese Vorgänge nicht den Fonds sondern den Gegenfonds verändert haben). 3. Differenzen zwischen Soll- und Habenseiten auf möglichst plausible Art erklären (möglicherweise helfen hier auch Zusatzinformationen im Anhang zur Bilanz und Erfolgsrechnung). Investitionstätigkeit Finanzierungstätigkeit

12 Die Darstellung der Mittelflussrechnung Entsprechend den auf der Seite 3 vorgestellten drei Bereichen (Geschäfts-, Investitions- und Finanzierungsbereich), wird eine Mittelflussrechnung wie folgt dargestellt: Nettoumlaufvermögen Geschäftsbereich + - Investitionsbereich Finanzierungsbereich

13 Geschäftsbereich Flüssige Mittel Investitionsbereich Finanzierungsbereich

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