Checkliste Notfallmedizin

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Transkript:

Checkliste Notfallmedizin von Thomas Ziegenfuß überarbeitet Thieme 2004 Verlag C.H. Beck im Internet: www.beck.de ISBN 978 3 13 109033 1 schnell und portofrei erhältlich bei beck-shop.de DIE FACHBUCHHANDLUNG

8.10 Zerebraler Krampfanfall. 8 8.10 Zerebraler Krampfanfall Definitionen Epileptischer Anfall: Zerebraler Krampfanfall aufgrund pathologischer synchroner neuronaler Depolarisationen. Status epilepticus: Anfallsdauer 5 Minuten oder Bewußtlosigkeit des Patienten zwischen einzelnen Anfällen. Ursachen Zerebrale Erkrankungen: Hereditäre Epilepsie. Hirntumoren. Zerebrovaskuläre Erkrankungen. Narbenbildung im Gehirn nach Verletzungen, Einblutungen, Ischämien oder Operationen. Meningitis und Enzephalitis. Extrazerebrale Erkrankungen: Hypoglykämie. Alkoholabusus und Alkoholentzugssyndrom. Eklampsie bzw. Präeklampsie (Schwangerschaft). Fieber (bei Kleinkindern). Zentral anticholinerges Syndrom (ZAS, S. 503). Formen Grand mal: Generalisierter tonisch-klonischer Krampfanfall. Vorkommen in jedem Lebensalter. Von großer rettungsmedizinischer Bedeutung. Petit mal: Anfall mit mehr oder weniger ausgeprägter Bewußtseinstrübung, oft ohne wesentliche Krampfanzeichen. Vorkommen oft altersbezogen. Insgesamt von untergeordneter rettungsmedizinischer Bedeutung. Beispiele: Myoklonische Anfälle des Kleinkindes. Absencen im Kindesalter. Impulsive Anfälle im Jugendalter. Propulsive Petit-mal-Anfälle (West-Syndrom; Blitz-Nick-Salaam-Anfälle) im Säuglingsalter nach frühkindlicher Hirnschädigung. Myoklonisch-astatische Petit-mal-Anfälle: Lennox-Syndrom im Kindesalter nach frühkindlicher Hirnschädigung. Symptomatik und Phasen des Grand-mal-Anfalls Präkonvulsive Phase: Allgemeinsymptome, die dem Anfall vorausgehen können: Kopfschmerzen. Müdigkeit. Optische oder akustische Halluzinationen: Sog. Aura. Konvulsive Phase I: Tonisches Stadium (ca. 30 Sekunden): Hinstürzen. Bewußtseinsverlust bei weit geöffneten Augen. Kurze Apnoe. Zungenbiß. 307.

8. 8.10 Zerebraler Krampfanfall Gelegentlich sog. Initialschrei. Strecktonus der Extremitäten und des Rückens (Opisthotonus). Konvulsive Phase II: Klonisches Stadium (1 2 Minuten): Rhythmische Kontraktionen der Muskulatur. Oft Einnässen und Einkoten. Postkonvulsive Phase: Zunächst kurzdauerndes Koma (wenige Minuten). Dann länger anhaltendes Schlafbedürfnis: Postiktualer Nachschlaf bzw. postiktualer Dämmerzustand. Gefahren des Grand-mal-Anfalls Hypoxie durch: Apnoe. Atemwegsverlegung. Aspiration. Verletzungen durch unkontrolliertes Hinstürzen. Zerebrale Zellzerstörung durch den Krampfanfall selbst. Diagnostik Anamnese. Ggf. Krampfbeobachtung. Typische Krampffolgen wie Zungenbiß, Speichelfluß. Anzeichen für Verletzungen bzw. Frakturen? Orientierende neurologische Untersuchung. Blutzuckerbestimmung: Ausschluß hypoglykämisch bedingter Krämpfe. Erstdiagnostik in der Klinik Elektroenzephalogramm (EEG): Charakteristische Krampfaktivitäten. Kranielle Computertomographie (CCT): Insbesondere bei erstmalig aufgetretenen Anfällen (Ursachensuche). Differentialdiagnose Vergiftungen, z. B. mit Ecstasy oder Amphetaminen. Bewußtseinsstörung anderer Ursache. Synkopen. Besonderheiten Fieberkrämpfe (sog. Gelegenheits- oder Okkasionskrämpfe, S. 433): Im Kindesalter häufiger im Rahmen fieberhafter Infekte auftretende Grand-mal-Anfälle. Ursache: Fieberhafte Infekte mit zerebraler Beteiligung. Vorkommen: Bei etwa 3 5% aller Kinder im Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren. Eklampsie (S. 408): Zerebrale Krampfanfälle im Rahmen einer Schwangerschaft bei Präeklampsie. Vorkommen: Meist nach der 30. Schwangerschaftswoche. Weitere Symptome: Zusätzlich Vorliegen anderer Präeklampsie-Symptome wie Hypertonie und Ödeme.. 308

8.10 Zerebraler Krampfanfall. 8 des Patienten mit abgelaufenem Krampfanfall Häufige Situation: Patient bei Ankunft des Rettungsdienstes wieder wach oder im postiktalen Dämmerzustand. Keine spezifische medikamentöse erforderlich. Entscheidung über weiteres Vorgehen: Patient allein, erstmaliger Anfall, unzureichende medikamentöse : Klinikeinweisung. Patient in kundiger Umgebung, bekanntes Anfallsleiden mit rezidivierenden Anfällen trotzoptimaler medikamentöser Einstellung: Patient kann auf eigenen Wunsch oder Wunsch der Angehörigen daheim gelassen werden; Hausarzt verständigen. des anhaltenden Anfalls und des Status epilepticus Ziele: Durchbrechung des Krampfanfalls (medikamentöse bis zum Verschwinden der sichtbaren Krampfaktivitäten). Verhinderung krampfassoziierter Komplikationen wie Hypoxie und Verletzungen. Sauerstoffzufuhr 4 8 l/min. Atemwegssicherung: Kopf leicht überstreckt halten, Seitenlagerung. Die Einlage eines Beißkeils ist obsolet. Benzodiazepine, z. B. Diazepam 10 20 mg, Lorazepam 2 4 mg, Clonazepam 1 2 mg oder Midazolam 5 10 mg i. v. Wiederholung der Benzodiazepingabe, wenn nach 5 Minuten keine Wirkung. Bei resistenz: Phenytoin (wenn vorhanden) 750 mg als Infusion über 20 30 Minuten. Cave: Bradykardie und Hypotension. Cave: Ausgeprägte Venenreizung. Bei weiterer resistenz: Thiopental 3 5 mg/kg KG (200 500 mg) i. v. oder ein anderes Injektionshypnotikum wie Etomidate oder Propofol; stets kombiniert mit Intubation und Beatmung, evtl. Relaxierung (Narkoseeinleitung). Beachte: Der Status epilepticus sit ein lebensbedrohlicher Zustand mit hoher Letalität (bei älterne Menschen bis 50%) und bedarf sofortiger, effektiver antikonvulsiver! des hypoglykämischen Krampfanfalls Siehe auch S. 299. Glukose 40 50% 40 100 ml i. v. bis zum Sistieren der Krämpfe und Aufklaren des Bewußtseins. des Krampfanfalls in der Spätschwangerschaft Siehe auch S. 409. Magnesiumsulfat 2 4 g (16 32 mmol) über 5 10 Minuten langsam i. v. Zur Eklampsietherapie effektiver als Benzodiazepine oder Phenytoin! Alternativ oder zusätzlich Diazepam 5 20mg i.v. 309.

8. 8.11 Hörsturz von Fieberkrämpfen im Kindesalter Siehe auch S. 433. Diazepam 0,3 0,5 mg/kg KG rektal. Alternativ: Chloralhydrat 1 2 Rectiolen à 0,6 mg. Paracetamol-Zäpfchen 10 20 mg/kg KG zur Fiebersenkung (keine antikonvulsive Wirkung im Anfall; kann jedoch, prophylaktisch gegeben, den Krampfanfall evtl. verhindern). 8.11 Hörsturz Definition Plötzlich auftretende Innenohrschwerhörigkeit bis zur Ertaubung, meist aus voller Gesundheit heraus. Ursache Wahrscheinlich regionale Durchblutungsstörungen und/oder Vasospasmen im Cochleabereich. Streß. Evtl. Virusinfektion. Symptomatik Schwerhörigkeit, Ertaubung auf der betroffenen Seite. Ohrensausen (Tinnitus). Druckgefühl im Ohr. Schwindel. Gelegentlich begleitender Nystagmus (= vestibuläre Symptome; prognostisch ungünstig). Diagnostik Anamnese. Blutdruckmessung. Spezifische, wirksame (präklinische) nicht bekannt! Vasodilatatoren wie Kalziumantagonisten oder Pentoxiphyllin sind unwirksam. Evtl. Versuch der rheologischen : Mikrozirkulationsverbesserung durch Kolloide, z. B. HAES 200 6% 500 ml i. v. (Cave Hyperhydratation, Linksherzinsuffizienz!). Präklinischer beginn nicht obligat! Umstrittene Wirksamkeit!. 310