Die beste Bildung. Prof. Dr. Wilfried Bos Schulfreiheitskongress

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1 Die beste Bildung Prof. Dr. Wilfried Bos

2 Allgemeine Bildungsziele Was ist gute Bildung? Qualifizierung = Vermittlung von Kompetenzen instrumenteller Wert z.b. ökonomische Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt Sozialisierung = Integration in die Gesellschaft Weitergabe von Werten und Normen z.b. demokratisches Gedankengut, Geschlechterrollen Subjektivierung = in liberaler Gesellschaft Gegenstück zur Sozialisierung eigene Identität und Lebensvorstellungen entwickeln z.b. autonom und unabhängig denken und handeln

3 If custom and law define what is educationally allowable within a nation, the educational systems beyond one s national boundaries suggest what is educationally possible. Arthur W. Foshay (1962) zur ersten internationalen Schulleistungsstudie

4 Internationale Schulleistungsstudien als Referenzrahmen für Deutschland Kernfächer sind gut abgedeckt 1 IGLU 2001, 2006, 2011 Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung PISA 2000, 2003, 2006, 2009, 2012 Programme for International Student Assessment TIMSS 2007, 2011 Trends in International Mathematics and Science Study Andere Bildungsziele werden vernachlässigt 2 : ICILS 2013 International Computer and Information Literacy Study CIVED 1999 Civic Education Study 15 Staaten haben an mindestens vier der fünf Studien teilgenommen 1 Bos et al. 2012a; Bos et al. 2012b; Prenzel et al., Bos et al., 2014; Torney-Purta et al., 2001

5 Primarstufe: Lesen, Mathe & Naturwissenschaften 3 Durchschnittliches Abschneiden in Kernfächern in Primarstufe Gute Leistungen in Kernfächern in Sekundarstufe Schwach in politischer Bildung und IT-Kompetenzen Ausgeprägte herkunftsbedingte Ungleichheit Primarstufe Lesen Mathe NaWi 1 HKG (0.45) HKG (1.19) FIN (0.60) 2 FIN (0.41) FIN (0.27) RUS (0.34) 3 RUS (0.41) RUS (0.23) USA (0.23) 4 USA (0.23) USA (0.21) CZE (0.11) 5 DEN (0.20) NLD (0.19) HKG (0.10) 6 NLD (0.08) DEN (0.15) SWE (0.07) 7 CZE (0.06) LTU (0.10) SVK (0.06) 8 SWE (0.02) DEU NLD (0.04) 9 ITA (0.00) AUS (-0.19) DEU 10 DEU CZE (-0.27) DEN (0.00) 11 SVK (-0.09) ITA (-0.32) ITA (-0.06) 12 LTU (-0.20) SVK (-0.34) AUS (-0.17) 13 AUS (-0.21) SWE (-0.39) LTU (-0.19) 14 POL (-0.23) NOR (-0.53) POL (-0.33) 15 NOR (-0.52) POL (-0.76) NOR (-0.49) 3 In Klammern angegeben sind standardisierte Leistungsunterschiede (anhand von Mittelwert und Standardabweichung in Deutschland

6 Sekundarstufe: Lesen, Mathe & Naturwissenschaft Durchschnittliches Abschneiden in Kernfächern in Primarstufe Gute Leistungen in Kernfächern in Sekundarstufe Schwach in politischer Bildung und IT-Kompetenzen Ausgeprägte herkunftsbedingte Ungleichheit Sekundarstufe Lesen Mathe NaWi 1 HKG (0.41) HKG (0.49) HKG (0.33) 2 FIN (0.18) NLD (0.09) FIN (0.22) 3 POL (0.11) FIN (0.05) POL (0.02) 4 AUS (0.04) POL (0.04) DEU 5 NLD (0.03) DEU NLD (-0.02) 6 DEU AUS (-0.10) AUS (-0.03) 7 NOR (-0.04) DEN (-0.15) CZE (-0.17) 8 USA (-0.11) CZE (-0.16) DEN (-0.27) 9 DEN (-0.13) NOR (-0.26) USA (-0.28) 10 CZE (-0.16) ITA (-0.30) LTU (-0.29) 11 ITA (-0.20) RUS (-0.33) NOR (-0.31) 12 SWE (-0.27) SVK (-0.33) ITA (-0.32) 13 LTU (-0.34) USA (-0.34) RUS (-0.40) 14 RUS (-0.36) LTU (-0.36) SWE (-0.41) 15 NOR (-0.52) POL (-0.76) NOR (-0.49)

7 Sekundarstufe: Politische Bildung und ICT Durchschnittliches Abschneiden in Kernfächern in Primarstufe Gute Leistungen in Kernfächern in Sekundarstufe Schwach in politischer Bildung und IT-Kompetenzen Ausgeprägte herkunftsbedingte Ungleichheit Politische Bildung Sekundarstufe Informations- & Computertechnologie (ICT) 1 POL(0.58) 2 FIN(0.47) CZE(0.38) 3 HKG(0.37) AUS(0.24) 4 USA(0.32) DEN(0.24) 5 ITA(0.26) NOR(0.18) 6 SVK(0.26) POL(0.18) 7 NOR(0.16) NLD(0.15) 8 CZE(0.16) DEU 9 AUS(0.11) SVK(-0.08) 10 DNK(0.00) RUS(-0.09) 11 DEU HKG(-0.18) 12 RUS(0.00) LTU(-0.37) 13 SWE(-0.05) 14 LTU(-0.32)

8 Primar- & Sekundarstufe: Herkunftsbedingte Ungleichheit 4 Durchschnittliches Abschneiden in Kernfächern in Primarstufe Gute Leistungen in Kernfächern in Sekundarstufe Schwach in politischer Bildung und IT-Kompetenzen Ausgeprägte herkunftsbedingte Ungleichheit Primarstufe Sekundarstufe Mathematik Mathematik 1 ITA (0.31) RUS (0.45) 2 NLD (0.32) LTU (0.52) 3 NOR (0.34) DNK (0.56) 4 HKG (0.40) HKG (0.56) 5 FIN (0.42) NOR (0.57) 6 RUS (0.45) FIN (0.58) 7 LTU (0.53) AUS (0.59) 8 SWE (0.60) ITA (0.61) 9 USA (0.60) SWE (0.64) 10 DNK (0.61) NLD (066) 11 DEU (0.63) USA (0.68) 12 CZE (0.63) DEU (0.73) 13 AUS (0.66) POL (0.73) 14 POL (0.68) CZE (0.76) 15 SVK (0.68) SVK (0.93) 4 Angegeben sind standardisierte Leistungsunterschied zwischen Kindern mit mehr bzw. weniger als 100 Büchern in TIMSS (Primarstufe) bzw. 200 Büchern in PISA (Sekundarstufe).

9 Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) IEA Progress in International Reading Literacy Study (PIRLS) IGLU 2011 IGLU Rahmenmodell für den Zusammenhang zwischen Schülerleistungen und deren Bedingungen Bildungspolitische und äußere schulische Rahmenbedingungen Soziales und kulturelles Kapital Sozioökonom. Status Bildungsniveau der Eltern Ethnische Herkunft Schulinterne Bedingungen Schulleitung / Kollegium / Schulprogramm / Schulentwicklung Lehrer Expertise, subjektive Theorien, Ausbildung, Interessen etc. Klasse Zusammensetzung, Klima, Arbeitshaltung etc. Unterricht Schüler Individueller Lernprozess Individuelle Lernvoraussetzungen Leistungsergebnisse Außerschulischer Kontext Elterliches Erziehungs- und Unterstützungsverhalten

10 Institutionelle Determinanten von Bildungsergebnissen Was sind die Ursachen für die beobachteten Unterschiede? Fokus auf institutionelle Faktoren des Bildungssystems: Autonomie Accountability Wettbewerb & Wahlfreiheit Krititsch Würdigung des deutschen Schulsystems

11 Autonomie im Schulsystem Unterscheidung zwischen Personal- (Auswahl, Einstiegsgehälter), Unterrichts- (Kursangebot/-inhalte, Lehrbuchwahl) und Budgetautonomie Forschungsstand 5 Leistungen steigen in den Staaten, die Schulen mehr Personal- & Unterrichtsautonomie gewähren Geringere Effekte bei Budgetautonomie (teilweise Zweckentfremdung?) Deutschland holt auf Zahlreiche Reformen (z.b. Vorreiter NRW Projekt Selbstständige Schule) Unterrichtsautonomie bereits hoch; noch Potenzial bei Personalautonomie 5 vgl. Hanushek, Link & Woessmann (2012); Hanushek & Woessmann (2011)

12 Accountability Bildungsziele definieren und prüfen Rechenschaftslegung durch zentrale (externe) Abschlussprüfungen Forschungsstand 6 Staaten mit zentralen Abschlussprüfungen schneiden deutlich besser ab als Staaten, die keine unabhängige Rechenschaftslegungssysteme haben Erste Ansätze in Deutschland Seit 2000: Bildungsstandards und Lernstandserhebungen in Kernfächern Aber: keine echten Abschlussprüfungen und weitgehend folgenlos für Schulen Engführung auf Kernfächer kann kritisch gesehen werden 6 vgl. Bishop (1997, 2006), Schneeweiss (2011)

13 Wettbewerb und Wahlfreiheit Konkurrenz privater Schulen (horizontaler Wettbewerb mit öffentliche Schulen) Befürworter: Leistungsverbesserung durch Konkurrenz um beste Konzepte Gegner: Soziale Segregation und Vergrößerung von Bildungsungleichheit Forschungsstand Horizontaler Wettbewerb 7 Bildungssysteme mit vielen Privatschulen schneiden tendenziell besser ab Keine erhöhte Ungleichheit, solange Privatschulen öffentlich finanziert werden Privatschulen bleiben in Deutschland ein Randphänomen Anteil der Kindern an Privatschulen bei etwa 8 Prozent International unterschiedliche Träger (z.b. Kirche, Non-profit, For-profit) 7 vgl. Dronkers & Robert (2008), Schütz, et al. (2007), Woessmann et al. (2009)

14 Wettbewerb und Wahlfreiheit Horizontaler Wettbewerb: Mehrgliedrigkeit (z.b. Gymnasium, Realschule,...) Befürworter: Leistungsverbesserung durch Konkurrenz um beste Konzepte Gegner: Soziale Segregation und Vergrößerung von Bildungsungleichheit Forschungsstand Vertikaler Wettbewerb 8 Frühe Aufteilung nach der Grundschule (Mehrgliedrigkeit) führt nicht zu einem höheren Leistungsniveau, aber vergrößert Bildungsungleichheit Unverändert frühre Trennung in Deutschland In keinem anderen Land werden Kinder früher aufgeteilt International: später und nach Leistungskriterien (z.b. nicht Elternwille) 8 vgl. Ruhose & Schwerdt (2015); Van de Werfhorst & Mijs (2010)

15 Handlungsempfehlungen Bildungsindikatoren erfassen Bildungsstandards für weitere Bildungsziele (neben Kernfächern) Rechenschaft einfordern Folgenreiche Abschlussprüfungen und Value-added Autonomie geben Entbürokratisierung und Flexibilisierung bei Personal (Lehrkräften) Privatschulen zulassen Anreize für die Umsetzung innovativer Ideen Mehrgliedrigkeit hinterfragen Spätere Aufteilung und nach Leistungskriterien

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