Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet"

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1 Geisteswissenschaft Anonym Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet" Essay

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3 Paradoxien der falschen Meinung in Platons Theätet Einleitung (S.1) (I) Wissen und Nichtwissen (S.1) (II) Sein und Nichtsein (S.2) (III) Anderes Meinen (S.2) (IV) Das Wachsblockmodell (S.3) (V) Das Taubenschlagmodell (S.4) (VI) Résumé (S.5) Proseminar Platon, Theaitet Sommersemester 2002 Zweiter Essay (Abgabetermin ) Philosophie / NdL / Kulturwissenschaft Semesteranzahl: 3/ 3/ 2 Textausgabe: Platon: Theätet, Übersetzung von Ekkehard Martens, Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1981/ 1999

4 Paradoxien der falschen Meinung in Platons Theätet 1 Inhalt dieses Essays ist die Möglichkeit von falschen Meinungen. Es mag zunächst evident erscheinen, dass es falsche Meinungen gibt, in Platons Dialog Theätet jedoch führt jeder Erklärungsversuch für ihre Möglichkeit in eine Paradoxie. Nachdem bereits die These verworfen wurde, dass Wissen nichts anderes als Wahrnehmung [151e] sei, wird das Wissen nun nicht mehr in den Einzelsinnen, sondern in einer zentralen Instanz, der Seele selbst für sich genommen [185d], verortet. Die Beschäftigung der Seele mit dem, was ist, wird Theätet zufolge als Meinen bezeichnet [Vgl. 187a]. Da Wissen aber unmöglich Meinung insgesamt sein kann, da es auch falsche Meinung gibt, vertritt er nun die These, Wissen sei gleichbedeutend mit wahrer Meinung [Vgl. 187b]. Dies wirft für Sokrates die Frage auf, wie überhaupt falsche Meinungen möglich sind [Vgl. 187d]. Um diese Frage zu beantworten, unternehmen die beiden Philosophen fünf Erklärungsversuche, die ich im Folgenden zu kennzeichnen versuche: (I) aus dem Wissen und Nichtwissen von den Dingen, (II) aus dem Sein und Nichtsein der Dinge, (III) aus der Möglichkeit, etwas anderes zu meinen, (IV)?als falsche Verknüpfung von Gedanke und Wahrnehmung (Wachsblockmodell), (V) aus dem Unterschied von Besitzen und Haben (Taubenschlagmodell). In der Beschreibung werde ich jeweils auch auf die Gründe eingehen, warum die Erklärungsversuche scheitern. In (VI) versuche ich, die Paradoxien in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und ihre Funktion zu erläutern. (I) Wissen und Nichtwissen Für den ersten Anlauf, die Existenz falscher Meinungen zu erklären, werden Wissen und Nichtwissen kontradiktorisch einander gegenübergestellt: Für alles und jedes gilt, dass wir es entweder wissen oder nicht wissen [188a]. Hilfreich zum Verständnis dieses Arguments (wie auch der folgenden) ist sicherlich der Hinweis, dass das hier verwendete griechische epistathai sowohl wissen als auch kennen bedeuten kann. Dasselbe zu wissen und nicht zu wissen ist unmöglich, wenn von den Zwischenbereichen des Lernens und Vergessens abgesehen wird [Vgl.188a-b]. Meinungen beziehen sich folglich ebenfalls auf etwas, was man weiß oder nicht weiß [Vgl. 188a]. Es ergeben sich vier Möglichkeiten der falschen Meinung: (i)?man kennt etwas und hält es für etwas anderes, das man ebenfalls kennt. (ii)?man kennt etwas nicht, und hält es für etwas anderes, was man ebenfalls nicht kennt. [Vgl. 188b]. (iii)?man kennt etwas, hält es aber für etwas, das man nicht kennt. (iv)?man kennt etwas nicht und hält es für etwas, das man kennt. [Vgl. 188c]. All diese Möglichkeiten sind jedoch schon durch die Prämisse ausgeschlossen, dass man nicht etwas wissen und gleichzeitig nicht wissen kann: Kennt man etwas [(i) und (iii)], so kann man es nicht für etwas anderes halten,

5 2 da man es kennt. Kennt man etwas nicht [(ii) und (iv)], so kann man es schwerlich für irgend etwas halten, da man es schließlich nicht kennt. Der Anlauf zeigt also, dass der Ausschluss einer dritten Möglichkeit etwas zu wissen und doch nicht zu wissen - falsche Meinungen unmöglich macht [ außer diesen Fällen ist kein Meinen möglich, wenn wir jedenfalls alles entweder wissen oder nicht wissen, 188c]. Offenbar greift der Ansatz zu kurz, weil etwa die Möglichkeit, dasselbe in einer bestimmten Hinsicht zu kennen, in einer anderen Hinsicht jedoch nicht, hier keinen Platz findet. Platon wird diese Unterscheidung selbst wieder aufgreifen (siehe IV). (II) Sein und Nichtsein Die Möglichkeit einer falschen Meinung wird nun im zweiten Anlauf nicht mehr im meinenden Subjekt, sondern im Gegenstand der Meinung verortet, indem Sokrates und Theätet nicht auf das Wissen und Nichtwissen achten, sondern auf das Sein und Nichtsein [188c-d]. So ließe sich eine falsche Meinung als eine Behauptung von etwas erklären, was nicht ist [188d]. Durch eine Analogie zur Wahrnehmung versucht Sokrates nun aber, auch diese Möglichkeit zu verwerfen: Wer etwas sieht, hört oder berührt, der bezieht sich in seiner Wahrnehmung notwendig auf etwas, das ist [Vgl. 188e-189a]. Folglich müsse auch der Meinende sich auf etwas beziehen, das ist. Eine Meinung von etwas, das nicht ist, ist also keine Meinung. [Vgl. 189a]. Offensichtlich führt die behauptete Korrespondenz von Meinung und Wahrnehmung zu einer Disanalogie. Das Argument ist eleatisch, weil es Sachverhalte wie Gegenstände behandelt. Wahrnehmung bezieht sich auf ein Objekt, eine Meinung bezieht sich auf einen meist komplexeren Sachverhalt. Durch die Gleichsetzung der beiden Ebenen kommt es zu dem Fehlschluss, dass falsche Meinungen nicht möglich sind. Natürlich muss der Meinung selbst als performativer Akt eine Existenz zugesprochen werden, ihr propositionaler Gehalt kann jedoch unabhängig davon wahr oder falsch sein. Er muss also nur in dem Sinne sein, dass der Meinende weiß, worauf er sich bezieht. (III) Anderes Meinen Im dritten Anlauf wird nun, weil sich Meinung nicht auf Nichtseiendes beziehen darf, Verschiedenes fälschlicherweise füreinander gehalten. Falsche Meinung ist für Sokrates jetzt etwas anderes meinen, zwei Entitäten, die beide sind, werden in Gedanken miteinander verwechselt [189b-c]. Eine rein bewußtseinsimmanente Verwechslung ist aber gar nicht möglich: Niemand sage zu sich selbst, der Ochse sei ein Pferd, gerade sei ungerade oder schön sei häßlich [Vgl. 190b-c]. Folglich ist falsche Meinung auch so nicht erklärbar.

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