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1 ACTA UNIVERSITATIS UMENSIS DER GRAMMATISCHE TIGERSPRUNG. STUDIEN ZU HEIMITO VON DODERERS SPRACHTERMINOLOGIE. ULLA LIDÉN ALMQVIST &WIKSELL INTERNATIONAL STOCKHOLM SWEDEN

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3 Acta Universitatis Umensis Umeå studies in the Humanities 98 DER GRAMMATISCHE TIGERSPRUNG Studien zu Heimito von Doderers Sprachterminologie Akademisk avhandling som for avläggande av filosofie doktorsexamen vid Universitetet i Umeå kommer att offentligt försvaras den 30 oktober 1990 kl i Hörsal E, Humanisthuset Av Ulla Lidén Fil.lic.

4 Ulla Lidén: Der grammatische Tigersprung. Studien zu Heimito von Doderers Sprachterminologie. [The tiger salient. A study of Heimito von Doderer's language terminology.] German, with a summary in English. Department of German, University of Umeå, S Umeå. Monograph 1990, 271 pp. Acta Universitatis Umensis, Umeå Studies in the Humanities 98 ISSN ISBN Distributed by Almqvist & Wiksell International Box 638, S Stockholm ABSTRACT The Austrian novelist Heimito von Doderer ( ) gained his reputation after World War II with the novels Die Strudlhofstiege (1951) and Die Dämonen (1956). His interest in language, its functions and its innermost essence appears from his novels, his diaries and his essays. In order to express his energetic conception of language he used an individual and partly newly-created terminology. This dissertation deals in the main with an analysis of approximately 25 central sentences {Fundamentalsätze), containing more than 100 terms, according to the criteria of content and formal aspects. Chapter 5 focuses on Doderer's view of life (Lebensphilosophie), a combination of philosophy, psychology and religion. The role of memory, the exploration of t hinking and the depiction of c reativity constitute combined endeavours in his work, in which he was influenced by Weininger's and Swoboda's terms and theses. Chapter 6 treats linguistic terminology proper. Two different examples may demonstrate Doderer's remarkable intuition for linguistic essentials. Beginning with the indirect essence of language he supposes that there is no fundamental difference between the birth of language and the creation of metaphors. Secondly he conceives of a sentence as being formed as a structural unit, based on a formula (Strukturformel). Similar opinions are represented in modern linguistics. The formal aspects of his terminology are dealt with in Chapter 7, including the different types of terms and the possibilities of wordformation, to express definitions and thematic connections. In the novel Die Merowinger (1962) Doderer constructs a burlesque travesty of erudite professional language. Keywords: Heimito von Doderer; Austrian literature 20th cent.; theory of novel; conception of language; thought and memory; principles of terminology; word-formation; neologism.

5 Der grammatische Tigersprung Ulla Lidén Addenda et Corrigenda Seit Zeile Steht Soll stehen (von unten) Note 6 7 (von unten) 27 Hofmann-sthal Erkenn-tnissen Diesselbe Die Hausmeisterphilosophie Über glei-chmäßig Streben ihn ve-reinfachtes Hofmanns-thal Erkennt-nissen Dieselbe Die Hausmeisterphilosophie Doderers über gleich-mäßig Komma nach Streben ver-einfachtes

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7 DER GRAMMATISCHE TIGERSPRUNG Studien zu Hemito von Doderers Sprachterminologie

8 Ulla Lidén: Der grammatische Tigersprung. Studien zu Heimito von Doderers Sprachterminologie. [The tiger salient. A study of Heimito von Doderer's language terminology.] German, with a summery in English. Department of German, University of Umeå, S Umeå. Monograph 1990, 271 pp. Acta Universitatis Umensis, Umeå Studies in the Humanities 98 ISSN ISBN Distributed by Almqvist & Wikseil International Box 638, S Stockholm ABSTRACT The Australian novelist Heimito von Doderer ( ) gained his reputation after World War II with the novels Die Strudlhofstiege (1951) and Die Dämonen (1956). His interest in language, its functions and its innermost essence appears from his novels, his diaries and his essays. In order to express his energetic conception of language he used an idividual and partly newly-created terminology. This dissertation deals in the main with an analysis of approximately 25 central sentences (.Fundamentalsätze), containing more than 100 terms, according to the criteria of content and formal aspects. Chapter 5 focuses on Doderer's view of life (.Lebensphilosophie): a combination of philosophy, psychology and religion. The role of memory, the exploration of thinking and the depiction of creativity constitute combined endeavours in his work, in which he was influenced by Weininger's and Swoboda's terms and theses. Chapter 6 treats the linguistic terminology proper. Two different examples may demonstrate Doderer's remarkable intuition for linguistic essentials. Beginning with the indirect essence of language he supposes, that there is no fundamental difference between the birth of language and the creation of metaphors. Secondly he conceives of a sentence as being formed as a structural unit, based on a formula (istrukturformel). Similar opinions are represented in modern linguistics. The formal aspects of his terminology are dealt with in Chapter 7, including the different types of terms and the possibilities of word-formation, to express definitions and thematic connections. In the novel Die Merowinger (1962) Doderer constructs a burlesque travesty of erudite professional language. Keywords: Hemito von Doderer; Austrian literature 20th cent.; theory of novel; conception of language; thought and memory; principles of terminology; wordformation; neologism.

9 Acta Universitatis Umensis Umeå Studies in the Humanities 98 DER GRAMMATISCHE TIGERSPRUNG Studien zu Heimito von Doderers Sprachterminologie ULLA LIDÉN Universitetet i Umeå 1990

10 Ulla Lidén Redaktion: Per Råberg Humanistiska Fakulteten Umeå Universitet Humanisthjuset, S Umeå Distribution: Almqvist & Wiksell International Box 638, Stockholm ISSN ISBN Printed in Sweden by Trycksakshuset Box 9048 Bergsunds Strand Stockholm Stockholm 1990

11 VORWORT Es ist nicht leicht in der internationalen Literaturgeschichte einen gebührenden Platz für Heimito von Doderer ( ) zu finden. Die Ambivalenzen und Mehrdimensionalität des Werkes entzieht sich", so sagt ein polnischer Germanist, einer komplexen und eindeutigen Interpretation". Und bei der Feier seines sechzigsten Geburtstages 1956 soll ein alter Freund geäußert haben: Doderer stammt weder aus dem Ziller- noch aus dem Hofmannsthal". Einig ist man sich aber in einem Punkt: die Sprache Doderers ist in ihrer Vitalität unverwechselbar. Auch diejenigen, die seinen psychologischen und philosophischen Ideen kritisch gegenüberstehen, finden seine Sprache bemerkenswert: Das Verborgene bei Doderer betrifft nicht den ideologischen oder moralischen Standpunkt, sondern die tiefgründigen Strukturen seines Werks und seiner Sprache, den fehlenden Text, der hinter oder unter jeder konkreten und bestimmten literarischen Schöpfung lauert. (Claudio Magris, Wiener Symposium 1976/ 1978, 45) Die Erinnerung an meine erste Begegnung mit Doderers rhytmischer Prosa läßt sich sehr wohl mit Magris Worten von den tiefgründigen Strukturen" seiner Sprache beschreiben. Bei einem Deutschlehrerkurs des Münchener Goethe-Instituts im Sommer 1960 stand eine damals aktuelle Vorlesungsreihe auf dem Programm: potentielle deutschsprachige Nobelpreiskandidaten: Heinrich Boll, Uwe Johnson und Heimito von Doderer". Die Lesung aus Doderers Roman Die Dämonen hinterließ bei mir einen starken und nachhaltigen Eindruck. Allmählich erwachte eine Neugier, die Entstehung dieses Gefühls zu ergründen, d.h. Doderers Sprache und seine erzähltechnischen Mittel näher kennenzulernen. Mit diesem Wunsch kam ich im Herbst 1967 zur Stockholmer Germanistik, deren Leiter Professor Gustav Korlén mich zu einer Arbeit über Doderer im Rahmen eines Lizentiatenexamens ermutigte. Den direkten Anstoß zu der Wahl eines bestimmten Themas gab mir die Begegnung mit den Ideen Noam Chomskys, die in den 60er Jahren hochaktuell waren, und worin ich - mutatis mutandis - Übereinstimmungen mit Doderers Reflexionen über den kreativen Aspekt der Sprache zu finden meinte. Eine Untersuchung über Doderers Sprachauffassung schien mir ein zwar umfangreiches, aber interessantes Thema einer Lizentiatenabhandlung zu sein. Ohne Unterstützung von vielen Seiten wäre es jedoch nicht möglich gewesen, diese Pläne durchzuführen. An anderer Stelle spreche ich meinen Dank aus an alle, die mir dabei geholfen haben.

12 Hier soll nur die entscheidende Bekanntschaft mit der Witwe des Autors, Frau Maria von Doderer (gest. 1984), hervorgehoben werden. Sie sah in mir eine Heimitistin, eine begeisterte Leserin der Prosa Heimitos, die aber auf fast jedem Punkt zu dem Autor kontrastierte: Familienleben, politische und religiöse Einstellung etc. Diese tiefliegende Verschiedenheit solle ich, meinte sie, als Herausforderung ausnützen. Erst sehr viel später habe ich den Sinn ihrer Worte verstanden: bei der Lektüre der Doderer-Texte solle ich gegen seine autoritativ formulierten Thesen meine eigenen Erfahrungen und Werturteile ausspielen. Sie führte mich auch mit den Verwaltern des Nachlasses ihres Mannes zusammen: Dietrich Weber und Wendelin Schmidt-Dengler, die sich hinsichtlich des Oeuvres Doderers und der ganzen Doderer-Forschung die Jahre hindurch verdient gemacht haben. So waren mehrere Ansätze meiner Examensarbeit der Pionierabhandlung Webers (1963) verpflichtet, vor allem mein Versuch, den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis zu zeigen:,j5altus Grammaticus." Studien zu Heimito von Doderers Sprachauffassung in Theorie und Praxis, unter besonderer Berücksichtigung der Tangenten" und des.jiepertorium". (= Lidén 1970) Der Terminus Sprachauffassung deckt mehrere Aspekte, u.a. philosophische, psychologische und sprachtheoretische. Angesichts dieser Mannigfalt gab es bei der Seminarbehandlung der Arbeit im Frühjahr 1971 sowohl positive wie negative Kritik. Die Teilnehmer begrüßten die Begegnung mit einem bedeutenden Vertreter der österreichischen Romankunst, richteten aber Einwände gegen die Vielfalt der aufgegriffenen Themen. Die Schlußfolgerung der damaligen Diskussion war, daß eine weitere Arbeit sich auf ein Teilgebiet zu begrenzen habe. Erst nach Abschluß meiner Lehrertätigkeit war mir aber die Möglichkeit gegeben, die Studien zu Doderers Sprachreflexion wieder aufzugreifen. In der Zwischenzeit hatte mein Vorhaben Konturen gewonnen. Meiner Meinung nach mußte das gesuchte Teilgebiet" gewisse Bedingungen erfüllen: es sollte sich um ein bei Doderer zentrales und gleichzeitig wissenschaftlich aktuelles Thema handeln. Es sollte mir auch ermöglichen, die in der Lizentiatenabhandlung geleistete Vorarbeit weiterzuentwickeln. Meine Forschungen konzentrierten sich auf das Verhältnis Sprache und Denken, ein Hauptthema des ersten Teiles der Abhandlung, welches Thema auch in den anderen Punkten meinen Anforderungen entsprach.

13 Anläßlich dieser Pläne wandte ich mich 1986/87 an Professor Astrid Stedje, damals Dozentin am Stockholmer Germanistischen Institut, die seitdem meine Arbeit mit lebhaftem Interesse und ständiger Hilfsbereitschaft betreut hat. Sie riet mir, das Thema noch weiter einzuengen: das Verhältnis Sprache!Denken sei zwar eine überaus interessante Fragestellung, als Gegenstand einer germanistischen Dissertation aber zu vage und zu schwer erfaßbar. Beinahe von selbst ergab sich die neue Formulierung des Titels: Studien zu Heimito von Doderers Sprachterminologie. Hierbei hat auch der Wunsch beigetragen, an die Phraseologie-Forschung des Germanistischen Instituts in Umeå anzuknüpfen und wenigstens in der Schlußphase der Arbeit an einem Teamwork teilnehmen zu dürfen. Ein Schwerpunkt liegt fortan in der Relation Sprache/Denken, vor allem in Hinsicht auf den Verbalisierungsprozeß, der in Doderers Vokabular metaphorisch benannt wird: Saltus grammaticus oder mit leichter Variation Der grammatische Tigersprung, welchen Ausdruck ich gewählt habe, um dem Titel meiner Arbeit eine Doderersche Prägung zu geben. Die vorliegende Arbeit ist somit ein erneuter Versuch meinerseits, mich Doderers intensiver Beschäftigung mit der Sprache zu nähern und seine Sprachauffassung zu beschreiben, in der Hoffnung zeigen zu können, daß Doderers Werk nicht nur für die Literaturwissenschaft, sondern auch für die Sprachwissenschaft von großem Interesse ist.

14 INHALTSVERZEICHNIS 1. Einleitung 1.1. Die Sprachauffassung Doderers und seine individuelle Sprachterminologie Sprachauffassung, Sprachthematisierung, Sprachterminologie - Überblick über das Forschungsgebiet Das Wissen des Dichters von der Sprache" und dessen Aussagekraft - Wissenschaftstheoretische Vorüberlegungen Abgrenzung des Themas und Auswahl der Doderer-Termini Ziel, Methode und Gliederung der Arbeit Zur Doderer-Forschung 2.1. Zur Primärliteratur Bibliographien, Forschungsberichte und Rezeptionsübersichte Tendenzen und Probleme der Dodererforschung Forschungsgegenstand Forschungseinrichtungen Versuch einer chronologischen Einteilung der Forschung Das Doderer-Bild der Forschung Literatur zu Sprachauffassung und Terminologie Zur Problematik der Dodererschen Terminologie 3.1. Definitionen und Hilfsmittel Begriffs-Reinigung"- Probleme aus der Sicht des Autors Die Verstehenshaltung des Lesers Zur Verstehensproblematik Doderers schwieriger Wörter" Der Hausmeisterbegriff Vor fremden Denkmustern-eine Fallstudie Die Hausmeisterphilosophie Doderers Terminologie und Biographie 4.1. Zur Gliederung des Kapitels Frühe Eindrücke Technik kontra Latein (Kindheit und Jugend) Das Geheimnis des Reichs (Kriegserlebnisse und Kriegsgefangenschaft) 70

15 4.3. Begriffsbestimmungen"- Universitätsstudien Bekehrung zur Sprache - Rausch der Abstrakta Helles und Dunkles in der Freundschaft mit Gütersloh Das Ende des Falles Gütersloh Terminologie des Schriftstellers - Tangentenjahre Der Romancier - ein geborener Thomist 87 (Konversion zum Katholizismus 1940) Festigung der Terminologie Die Eskapade in die Wissenschaft 91 (Der Kurs am IföG ) 4.6. Die Rolle der Terminologie im chaotischen Zustand" des Lebens (Die Jahre der Commentarii I und 7/ ) Terminologie zur Lebensphilosophie 5.1. Auswahl der Termini und Aufstellung des Materials in Kap 5 und Die dialektische Psychologie - das Denken in Gegensätzen Die Wissenschaft vom Leben - Psychologie, Philosophie und Religion Entelechie und Menschwerdung Listel Sprache und Denken: Henide und Apperzeption Die Relation Sprache/Denken Die Henidentheorie Sprache und Denken: Die Stockwerke des Geistes Durch die Stadien des Denkens Das Henidenstadium Bildhaftes Denken Wörtliches Denken Inneres Sprechen Analytisches Denken Das Denken des Künstlers Liste Gedächtnis und Sprach werdung Weiningers Thesen über die Mechanismen des Gedächtnisses Swobodas Periodengesetze und Erinnerungstheorien 139

16 5.7. Die assoziative Erinnerungstechnik in Theorie und Erzählpraxis Die Rolle der Assoziationen Gedächtnis als Urgrund der Person Erinnerung und Sprachwerdung Liste Terminologie zu Wesen und Funktion der Sprache 6.1. Doderers Sprachauffassung - ein Überblick Der grammatische Tigersprung - energetische Grundzüge Harmonie mit Dissonanzen Stimmen der Forschung Doderers Gedanken über das Wesen der Sprache Das indirekte und metaphorische Wesen der Sprache Sprachtheoretische Parallelen Wörtlichkeit als Kernfestung der Wirklichkeit Strukturen und Strukturformeln als Grundfesten" der Sprache Grammatik - die Kristallographie des Logos Der Satz als Strukturformel Sprachtheoretische Parallelen Liste Einteilung der Sprache nach Funktionen und Gebrauchsformen Zweiteilung der Sprache Die Sprache des Schriftstellers Liste Romantheorie und Sprachterminologie Romantheoretische Schriften Liste Terminologisierung und Wortbildung 7.1. Versuch einer typologischen Charakteristik Vorbemerkungen Doderers Terminologie vor dem Hintergrund der psychoanalytischen Sprache Zu Pörksens Beschreibungsmodell Siglen und Chiffren Zu Doderers semiotischem System 202

17 Abkürzungen Eigennamen Terminologisierte Wörter Das Fremdwort bei Doderer V om Neologismus zum Fundamentalterminus Entlehnungen aus verschiedenen Fachbereichen Terminologisierte standardsprachliche Wörter Metaphern und Paraphrasen Metaphern als Termini Ausgeführte Beschreibungen Möglichkeiten der Wortbildung Komposita und feste Wortverbindungen Präfigierung und Suffigierung Ableitungen von Eigennamen Wortbildung als Parodie Zusammenfassende Schlußworte 8.1. Ausblick Summary Literaturverzeichnis 9.1. Texte Heimito von Doderers In Buchform Aufsätze und dgl., die in Wiederkehr nachgedruckt sind Aufsätze, die nicht in Wiederkehr nachgedruckt sind Texte aus dem unveröffentlichten Nachlaß Sonstiges Bibliographien Sekundärliteratur zum Werk Doderers Doderer-Symposien Tonbänder der Dokumentationsstelle Allgemeine Literatur Wörterbücher 271 Dank der Verfasserin Die sog. Fundamentalsätze finden sich auf folgenden Seiten:

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19 1. EINLEITUNG 1.1. Die Sprachauffassung Doderers und seine individuelle Sprachterminologie Das umfangreiche Werk Doderers läßt sich unter vielen Aspekten betrachten. Der Autor selbst sah sich in erster Linie als Erzähler, als Romancier, und für die Nachwelt ist sein Name mit den großen Romanen verbunden, deren Titel seltsam anregend sind und sich leicht einprägen: Ein Mord den jeder begeht (1938), Die Strudlhofstiege (1951), Die Dämonen (1956), Die Merowinger (1962) und schließlich Roman No 7 (erster Teil, Die Wasserfälle von Slunj, 1963, und das Fragment des zweiten Teils, Der Grenzwald, 1967). 1 Der gemeinsame Nenner ist die Unverwechselbarkeit der Sprache. Ein Bewunderer seiner Prosa nennt ihn Austriae poeta austriacissimus" (Torberg 1972), während mancher Kritiker seines eigenwilligen Sprachgebrauchs ihn als österreichischen Kauz" abtut (vgl. 3.3.). Daß er als professioneller Schriftsteller über die Sprache, ihr Wesen und ihre Funktionen nachdenkt, scheint uns ganz natürlich. Die Sprache ist ja das Material, das Medium, mit dem er im täglichen Schaffen arbeitet. Ein waches Sprachbewußtsein ist unter den Dichtern unseres Jahrhunderts nichts Außergewöhnliches 2. Wie unterschiedlich sich indessen das Verhältnis der Dichter und Schriftsteller zur Sprache gestalten kann, ist aus einer Anthologie ersichtlich, die Karlheinz Daniels 1966 zusammengestellt hat: Uber die Sprache. Erfahrungen und Erkenntnisse deutscher Dichter und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Es werden hier eine Fülle von Aspekten registriert, vom Lob des sprachlichen Reichtums bis zur Klage über die Begrenzung der sprachlichen Mittel. Vor allem aber betont der Herausgeber die fachmäßigen Reflexionen über die Bedingungen der Sprache von Seiten der Autoren, unter denen auch Doderer mit sprachtheoretischen und romantechnischen Erwägungen (224 und 304) vertreten ist. Das Besondere an Doderers Sprachdenken ist, daß er es als unumgänglich für sein schriftstellerisches Wirken auffaßte. Fast täglich no- 1. Im Lit.-Verz sind die vollständigen, oft zweigliedrigen Romantitel angegeben, ebenso die in d.a. verwendeten Kurztitel. 2. Siehe z.b die Sammlung von Allemann 1971, worin mit einer Ausnahme die Beiträge von europäischen Autoren verfaßt sind. 1

20 tierte er seine Reflexionen, denn bei ihm waren Leben und Werk eins und die Sprache ein zentraler Bereich im Leben: Immer mehr erkenne ich die Sprache als selbständig wirkende Kraft im Leben; (Comm , 30. Mai 1939, Ser. n ; von Doderer selbst gesperrt.) Diese Aussage Doderers könnte man als klaren, einfach formulierten Leitsatz lesen, denn er enthält seine Sprachauffassung in nuce. Wenn der Autor aber seine Beobachtungen und Gedanken näher erläutern will, genügen ihm die Mittel der Standardsprache 3 nicht, sondern er schafft sich eigene Termini, um seine Erfahrungen und Erkenntnisse deutlich und differenziert versprachlichen zu können: (1) Immer mehr erkenne ich die Sprache als selbständig wirkende Kraft im Leben und löse mich endlich bald ganz von der, in jedem von uns schulmäßig und hausmeisterisch steckenden Vorstellung, sie sei so was wie ein Mittel, Abdruck, Negativ. 4 Gerade dieser individuelle Sprachgebrauch stellt den Leser bisweilen vor Rätsel. Was meint Doderer mit den Worten schulmäßig und hausmeisterisch? Beide Wörter gehören zur Standardsprache, haben aber hier offenbar eine abweichende Bedeutung. Zwischen,Schule' und,sprache' läßt sich wohl ein Zusammenhang herstellen. Was aber ke n zeichnet die Sprachauffassung eines Hausmeisters? Das Suffix -isch verrät, daß Doderer diese negativ bewertet. Der Kontext zeigt auch, daß Hausmeister für ihn nicht nur die normale lexikalische Bedeutung hat, sondern darüber hinaus noch eine persönliche Interpretation enthalten muß. 5 Handelt es sich etwa um eine Metapher? Benennungen 3. Standardsprache,die über den Mundarten, lokalen Umgangssprachen u. Gruppensprachen stehende allgemeinverbindliche Sprachform; Hoch-, Nationalsprache' (DUW); vgl. auch Stedje 1989, 222: Standardsprache neuerer Terminus für Hochsprache oder Gemeinsprache: die überregionale, übergruppale, durch Sprachnormen festgelegte Sprache einer Sprachgemeinschaft." Zu den Abkürzungen der in d.a. zitierten Wörterbücher siehe Lit.-Verz Die mit Nummern in runden Klammern (1) eingeleiteten Zitate sind Leitsätze Doderers, weiter unten als Fundamentalsätze bezeichnet. 5. Um die Lektüre zu erleichtern, sind die Doderer-Termini durchgehend kursiv gedruckt, und beim ersten Erwähnen oder in zentralen Zusammenhängen durch fete Kursivschrift hervorgehoben. 2

21 wie diese, die auf ein spezifisches Denkmuster bauen 6, lernt der Leser erst nach und nach verstehen. Selbst einheimische Leser, die im Gegensatz zu dem internationalen Lesepublikum mit dem kulturellen Muster schon vertraut sind, verlieren dennoch manchmal beim Rätselraten die Geduld und zeigen Indignation über den abweichenden Dodererschen Sprachgebrauch. Sie haben nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, daß der Autor eine individuelle Terminologie verwendet. (Zu dieser Problematik siehe Kap. 3) Eine erste, spontane Deutung der Textstelle (1) wäre etwa folgende: In Jedem von uns", d.h. beim Durchschnittsmenschen, steckt eine falsche Vorstellung von der Sprache als Mittel" mit kommunikativer Funktion einerseits, als Abdruck" oder gar fotographisches Negativ" im Verhältnis zur Wirklichkeit andererseits. Der Autor hat selbst Schwierigkeiten, sich von dieser allgemeinen Vorstellung ganz" u lösen, obgleich er im selben Satz seine Gewißheit bekennt, die Sprache sei eine selbständig wirkende Kraft". In dem zitierten Leitsatz stellt Doderer, wenn wir seine private Aussage aus sprachtheoretischer und philosophischer Sicht beurteilen, zwei konträre Sprachauffassungen der traditionellen Geistesgeschichte gegeneinander, die sich am einfachsten durch die Bezeichnungen die positivistische und die energetische Sprachbetrachtung charakterisieren lassen. Die Vorstellung, die Sprache sei so was wie ein Mittel, Abdruck, Negativ" wurzelt - nicht nur nach Doderers Meinung, sondern nach herkömmlichen Ansichten im Geiste des Positivismus" des neunzehnten Jahrhunderts" (vgl. Doderer: Unschuld. In: Wdk, 113 ff 7 ). Für die energetische Auffassung, die seit Humboldt offen oder latent eine Strömung des deutschen Geistesleben ausmacht und vor 6. Zum Terminus Denkmuster siehe Stedje 1989 und 1990:, )enkmuster verstehe ich hauptsächlich als Wertungen und Prioritätensetzungen, die sowohl d urch den soziokulturellen und den situativen Kontext als auch durch die individuellen Erfahrungen bestimmt sind und die deshalb verschiedene mehr oder weniger kulturbedingte bzw. persönliche Handlungsmuster veranlassen, z.b. die Wahl einer Kommunikationsstrategie in einer bestimmten Problemsituation, der Gebrauch eines Sprechakts oder die Verwendung von Mimik und Gestik. Selbstverständlich beeinflussen auch die jeweiligen Persönlichkeitsmerkmale und individuellen kognitiven Voraussetzungen das persönliche Denkmuster und spielen eine Rolle bei der Wahl einer Sprachhandlung." (Stedje 1990, Einführung.) 7. Siehe zu dem Gebrauch des Bandes Wiederkehr für Quellenhinweise Lit.-Verz. Kap. 9., sowohl die einleitenden Bemerkungen 9.1. als auch Abschnitt

22 allem durch Weisgerber bekannt wurde, hat Doderer weder hier noch anderswo einen eigenen charakterisierenden Terminus gefunden. Seine Formulierung selbständig wirkende Kraft entspricht jedoch zweifellos der Humboldtschen Energeia. 8 Für den Schlüsselbegriff energetisch verwenden sowohl Weisgerber selbst als auch seine Schüler die Umschreibung,wirkende Kraft', die sogar wörtlich mit Doderers Tagebucheintragung übereinstimmt. Weisgerber zufolge ist die energetische Sprachauffassung nicht nur eine dynamische, sondern eine eigentlich ganzheitliche Betrachtung der Sprache". 9 Doderer glaubt auch an eine solche lebendige Kraft der Sprache, die für ihn sogar so stark ist, daß sie die ganze Persönlichkeit des Menschen zu verwandeln vermag: (2) Dich zur Sprache bekehren, das ist alles. (Comm. 1938, 3. Sept. 1938, Ser. n ) Die Wortwahl, sich zur Sprache zu bekehren, weist auf ein religiös gefärbtes Gefühl hin, von dessen Entstehung die Tagebücher der dreißiger Jahre Zeugnis geben. Es ist eine Bitte um innere Wandlung" zu einer neuen Lebensauffassung" (DUW), eine Hoffnung, daß eben die Bekehrung zur Sprache ein neues Leben garantieren soll. Da Doderer 1952 für eine literarische Zeitschrift ein Selbstporträt" verfaßte, wählte er als Überschrift Bekehrung zur Sprache. Das Gewicht jenes Ausdrucks wird dadurch unterstrichen, daß eben dieses Selbstporträt in die Schrift zum siebzigsten Geburtstags des Autors: Meine neunzehn Lebensläufe (1966) aufgenommen wurde (vgl ). In den 1938 und 1939 geschriebenen Leitsätzen (1) und (2) zeigt sich also eine energetische Sprachauffassung, und das damit verbundene Vertrauen zur selbständig wirkenden Kraft der Sprache sollte in zunehmendem Maße das Leben und Wirken Doderers prägen. (Siehe Kap. 4 und 5) Für solche Doderer-Termini, die - wie Bekehrung zur Sprache - eine grundlegende Sprach- und Lebensanschauung aus 8. Energeia a),wirksamkeit, Tätigkeit, Betätigung, Wirkung, Kraft'. (Menge 1,239; Lit.-Verz. 9.7.) 9. Zum Begriff energetisch siehe Lew., Stichwörter: Energeia (Humboldt) und energetische Sprachbetrachtung. (Weisgerber). Eine energetische Sprachauffassung ist eine dynamische oder eigentlich ganzheitliche Betrachtung der Sprache", ebda Vgl. den Titel von Weisgerber 1964: Zur Grundlegung der ganzheitlichen Sprachauffassung. Aufsätze Zur Vollendung des 65. Lebensjahres L.W.s, hrsg. von Helmut Gipper. Siehe auch Gipper 1967 und

23 drücken, werde ich die treffende Bezeichnung Schmidt-Denglers verwenden, nämlich Fundamentaltermini (Schmidt-Dengler 1984/1986, 11). Im Anschluß daran bezeichne ich im folgenden wichtige Aussagen Doderers über die Sprache, wie z.b. die obenstehenden Sätze (1) und (2) als Fundamentalsätze (vgl. Anm. 4 ). Es muß von Anfang an unterstrichen werden, daß jene beiden Termini zu meinem eigenen Begriffsapparat und nicht zur Terminologie Doderers gehören Sprachauffassung, Sprachthematisierung, Sprachterminologie - Überblick über das Forschungsgebiet Charakteristisch für Doderers Werk ist ein fruchtbares, obgleich manchmal widersprüchliches Wechselspiel zwischen theoretischen Reflexionen und Erzählpraxis. Gewisse Gedanken werden unmittelbar in das Erzählwerk integriert, etliche in theoretischen Schriften verschiedener Art veröffentlicht, und fast sämtliche sind in den Tagebüchern aufgehoben. Sprachreflexion und Sprachthematisierung sind sowohl im Werk Doderers als auch für sein Werk zentral. Mit wenigen Ausnahmen bestätigt die Sekundärliteratur zu Doderer die Wichtigkeit dieser Thematik 10. An dieser Stelle sollen nur einige Etappen der Forschung angedeutet werden; die nähere Beschreibung der Forschungslage folgt im 2. Kapitel. Schon die erste wissenschaftliche Gesamtdeutung, Weber 1963: Heimito von Doderer. Studien zu seinem Romanwerk, beachtete Doderers Verhältnis zur Sprache. Im Einverständnis mit dem Autor behandelte Weber die Sprachreflexion als natürlichen Teil der Dodererschen Romantheorie. Meine im Vorwort angeführte Arbeit,,J5altus Grammaticus". Studien zu Heimito von Doderers Sprachauffassung in Theorie und Praxis (1970), war ein Versuch, Doderers Aussagen über die Sprache aus der Romantheorie herauszulösen, um sie aus linguistischer Sicht genauer betrachten zu können. Den Begriff Sprachauffassung erklärte ich folgendermaßen: 10. Eine dezidierte Ausnahme bildet Schröder 1976, der zwar die sprachbezogene Sekundärliteratur höher als die inhaltsbezogene bewertet, aber dennoch von dem Sprachdenken Doderers und von der Betrachtungsweise seiner Interpreten demonstrativ Abstand nimmt. Schwankend ist die Einstellung von Docherty 1984, der anläßlich Lidén 1970 die Konzentration auf die sprachlichen Fragen als narrowness of Ulla Lidéns field of interest" bezeichnet. Vgl. hierzu Kap. 2 Anm. 8 5

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