EINLEITUNG: Nach der früheren Rechtsauffassung des BAG verfiel der Urlaubsanspruch

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1 Juli 2011 Seite: 2 EuGH, Schlussanträge des Generalanwalts in der Rechtssache C-214/10 KHS AG / Winfried Schulte Anspruch auf Urlaub, der wegen Krankheit nicht genommen wurde, darf zeitlich beschränkt werden. EINLEITUNG: Nach der früheren Rechtsauffassung des BAG verfiel der Urlaubsanspruch nach 7 Abs. 3 BUrlG endgültig, wenn der Arbeitnehmer ihn bis zum Ende des Übertragungszeitraums am des Folgejahres aus persönlichen Gründen, insbesondere auch wegen Krankheit, nicht realisieren konnte (BAG vom AZR 253/04). Nach der Schutz-Hoff-Entscheidung des EuGH vom hat das BAG seine bisherige Rechtsauffassung geändert und festgestellt, dass der Anspruch auf den gesetzlichen Mindesturlaub sowie der gesetzliche Schwerbehindertenurlaub weder zum Ende des Kalenderjahres noch zum Ende des Übertragungszeitraums verfällt, wenn der Arbeitnehmer ihn aufgrund einer Erkrankung nicht in Anspruch nehmen kann. Infolge der Schultz-Hoff-Entscheidung verlangten deshalb viele langjährig erkrankte, ausgesteuerte und/oder erwerbsunfähige Arbeitnehmer den Jahresurlaub seit Beginn ihrer Arbeitsunfähigkeit für die zurückliegenden Jahre. Die Einrede der Verjährung oder die Berufung auf Ausschlussfristen half nicht weiter, da der Urlaubsanspruch nach herrschender Meinung erst mit Rückkehr des Arbeitnehmers an seinen Arbeitsplatz bzw. der Urlaubsabgeltungsanspruch mit Beendigung des Arbeitsverhältnisses erfüllbar und damit auch fällig wird. Es entwickelte sich eine lebhafte arbeitsrechtliche Diskussion,

2 Juli 2011 Seite: 3 ob und gegebenenfalls für wie lange eine Urlaubsforderung für in der Vergangenheit liegende Zeiträume begrenzt werden kann. In der Rechtsache Schulte, die derzeit vor dem EuGH anhängig ist, zeichnet sich jetzt eine Entscheidung des EuGH im Sinne einer zeitlichen Begrenzung ab, nachdem das LAG Hamm ein dort anhängiges Verfahren ausgesetzt und dem EuGH vorgelegt hatte. SACHVERHALT: Herr Schulte war seit April 1964 bei der Firma KHS bzw. deren Rechtsvorgängerin als Schlosser beschäftigt. Aufgrund des auf seinen Arbeitsvertrag anwendbaren Tarifvertrages betrug sein Anspruch auf bezahlten Jahresurlaub jährlich 30 Arbeitstage. Am 23. Januar 2002 erlitt Herr Schulte einen Infarkt. Anschließend unterzog er sich einer Rehabilitationsmaßnahme, aus der er arbeitsunfähig entlassen wurde. Ab dem 1. Oktober 2003 bezog Herr Schulte jeweils befristet eine Rente wegen voller Erwerbsminderung sowie eine Invalidenrente, da er seit dem Jahre 2002 schwerbehindert ist. KHS und Herr Schulte vereinbarten am 25. August 2008 schließlich die Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Ablauf des 31. August Herr Schulte klagte beim Arbeitsgericht Dortmund K auf Abgeltung des Urlaubs für die Jahre 2006 bis 2008 in Höhe von jeweils 35 Arbeitstagen, insgesamt 9.162,30 Euro. Das Arbeitsgericht hat ihm die Abgeltung des gesetzlichen Mindesturlaubsanspruchs von 20 Arbeitstagen sowie des Schwerbehindertenanspruchs von fünf Arbeitstagen für die Jahre 2006 bis 2008, also 6.544,50 Euro, zugesprochen und im Übrigen die Klage abgewiesen. Gegen diese Verurteilung hat KHS Berufung beim LAG Hamm, eingelegt. Es stellte fest, dass der Urlaubsanspruch von Herrn Schulte für das Jahr 2006 auf der Grundlage des anwendbaren Tarifvertrags am 3. März 2008 erloschen sei. Da Herr Schulte über den Übertragungszeitraum hinaus und bis

3 Juli 2011 Seite: 4 zum Ende seines Arbeitsverhältnisses aus gesundheitlichen Gründen nicht nur voll erwerbsgemindert, sondern auch arbeitsunfähig gewesen sei, habe er somit, wie vom Gerichtshof in der Rs. Schultz-Hoff u.a. entschieden, bis zum Ende seines Arbeitsverhältnisses den Anspruch auf bezahlten Jahresurlaub nicht geltend machen können. Daher möchte das LAG Hamm vom EuGH wissen, ob das Unionsrecht, wie vom Gerichtshof in seiner Rechtsprechung ausgelegt, eine Ansammlung der Ansprüche des Arbeitsnehmers auf Urlaubsabgeltung für mehrere Jahre gebietet, und zwar auch dann, wenn dieser bedingt durch eine längerfristige Arbeitsunfähigkeit nicht in der Lage war, sein Recht auf bezahlten Jahresurlaub wahrzunehmen, und ob es den Mitgliedstaaten gestattet sei, eine zeitliche Begrenzung von 18 Monaten für diese Ansprüche vorzusehen. SCHLUSSANTRAG: Nach Ansicht von Generalanwältin Trstenjak steht das Unionsrecht einer Beschränkung des Anspruchs auf Jahresurlaub bzw. Urlaubsabgeltung nicht entgegen, sofern diese mit dem Erholungszweck vereinbar sei. Die Festlegung einer Beschränkungsfrist obliege den Mitgliedstaaten, wobei eine Frist von 18 Monaten, nach deren Ablauf Urlaubs- bzw. Vergütungsansprüche erlöschen, genüge. Die Richtlinie über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung räume jedem Arbeitnehmer einen Anspruch auf Jahresurlaub ein. Aus der Rechtsprechung des Gerichtshofs ergebe sich, dass dieser Anspruch auf Jahresurlaub sogar in Fällen langfristiger Krankheit unantastbar sei. Nach Ansicht der Generalanwältin gölte dies auch für den Anspruch auf Abgeltung des nicht genommenen Jahresurlaubs, der nicht mit dem Hinweis auf seine

4 Juli 2011 Seite: 5 fehlende Erfüllbarkeit aufgrund eines langen Krankheitszustandes verwehrt werden dürfe. Dieser Anspruch, in den sich der Urlaubsanspruch mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses umwandele, diene schließlich dem Zweck, den Arbeitnehmer finanziell in eine Lage zu versetzen, die es ihm erlaube, seinen Jahresurlaub nachzuholen, und zwar unter vergleichbaren Bedingungen, als wenn er weiter tätig gewesen wäre und ein Urlaubsentgelt beziehen würde. Eine zeitlich unbegrenzte Ansammlung von Urlaubs- bzw. Vergütungsansprüchen sei nach Ansicht von Generalanwältin Trstenjak allerdings unionsrechtlich nicht geboten, um den mit der Richtlinie im Wesentlichen angestrebten Erholungszweck zu erreichen. Das Ziel des Jahresurlaubs, sich von Anstrengungen und dem Stress des Arbeitsjahrs zu erholen und aus der Entspannung und der Freizeit während des Urlaubs neue Kraft für den Rest des Arbeitsjahrs zu schöpfen, werde nicht damit erreicht, dass dieser Urlaub erst Jahre später genommen wird. Eine Ansammlung von Urlaubsansprüchen über mehrere Jahre im Sinne einer Verdoppelung oder sogar Verdreifachung der Mindesturlaubszeit führe auch nicht zu einer Steigerung der Erholungswirkung. Hinzu komme, dass Nachteile, die sich für den Arbeitgeber sowohl aus einer langen Abwesenheit des Arbeitnehmers sowie aus einer finanziellen Belastung durch angesammelte Urlaubs- bzw. Abgeltungsansprüche ergeben, potenziell geeignet sind, dem Arbeitgeber unter Umständen einen Anreiz dazu zu geben, sich möglichst früh von langfristig arbeitsunfähigen Arbeitnehmern zu trennen, um diesen Nachteilen vorzubeugen. Hinsichtlich des Vergütungsanspruches hebt die Generalanwältin hervor, dass eine unbegrenzte Kumulierung beim Arbeitnehmer die irrige Erwartung wecken könnte, dass ihm statt eines Ersatzes für ein Urlaubsentgelt eine Abfindung anlässlich der Beendigung seines Arbeitsverhältnisses zusteht.

5 Juli 2011 Seite: 6 In Bezug auf die zeitliche Beschränkung der Möglichkeit der Geltendmachung von bereits erworbenen Urlaubs- bzw. Urlaubsabgeltungsansprüchen lehnt Generalanwältin Trstenjak zunächst einen vollständigen Verfall der Ansprüche ab. Gerade in Fällen lang andauernder Krankheit des Arbeitnehmers könnte dieser den automatischen, vollständigen Verfall von Urlaubsansprüchen durch Zeitablauf nicht verhindern. Hinsichtlich der vom vorlegenden Gericht benannten Frist von 18 Monaten, nach deren Ablauf Urlaubs- bzw. Vergütungsansprüche erlöschen, weist die Generalanwältin darauf hin, dass eine solche Frist dem Schutzzweck der Richtlinie über bestimme Aspekte der Arbeitszeitgestaltung gerecht werde, da der Arbeitnehmer damit bis zu zweieinhalb Jahren Zeit hätte, seinen Mindesturlaub für ein bestimmtes Urlaubsjahr zu nehmen. Gleichzeitig hätte der Arbeitgeber die Sicherheit, dass es nicht zu einer uferlosen Ansammlung von Urlaubsansprüchen und damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Arbeitsorganisation, oder zu erheblichen finanziellen Belastungen, die mit den über längere Zeiträume hinweg angesammelten Abgeltungsansprüchen einhergehen, komme. Generalanwältin Trstenjak kommt daher zu dem Ergebnis, dass eine Begrenzung des Übertragungszeitraums auf achtzehn Monate, nach deren Ablauf Urlaubsansprüche des Arbeitnehmers verfallen, lang genug und damit letztlich geeignet erscheinen, dem Arbeitnehmer die tatsächliche Ausübung des Anspruchs auf Jahresurlaub zu gestatten. Die Generalanwältin betont jedoch, dass der Zeitraum von 18 Monaten einen Richtwert darstelle, an dem sich die Mitgliedstaaten bei der innerstaatlichen Umsetzung möglichst orientieren sollen. In Ermangelung einer unionsweiten Regelung stehe es den Mitgliedstaaten schließlich frei, unter Beachtung der Grenzen der Richtlinie auch andere Regelungen zu erlassen. Eine Übertragungsmöglichkeit von lediglich sechs Monaten er-

6 Juli 2011 Seite: 7 achtet die Generalanwältin dagegen als nicht ausreichend. FAZIT: Nach diesem Schlussantrag ist die Erwartung begründet, dass der Urlaubsanspruch bei langjähriger Arbeitsunfähigkeit durch deutsche Gerichte zeitlich begrenzt werden darf. Das Schultz- Hoff-Urteil wird damit in seinen Auswirkungen abgemildert. Arbeitgeber sollten sich derzeit nicht auf Urlaubsabgeltungsforderungen einlassen, die einen Zeitraum von 18 Monate übersteigen. Das wegweisende Urteil des EuGH wird in wenigen Monaten vorliegen.

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