Die Realwirtschaft. Kapitel 5. Übersicht des Kapitels. Teil III. Die Haushalte und der private Konsum

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1 Teil III Die Realwirtschaft Kapitel 5 Privatkonsum Kapitel 6 Investitionen Kapitel 5 Die Haushalte und der private Konsum Übersicht des Kapitels 5.1 Laufende Einkommen und Konsum 5.2 Vorausschauende Haushalte und Konsumglättung 5.3 Konsum und Fiskalpolitik: die ricardianische Äquivalenz 3 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

2 5.1 Laufende Einkommen und Konsum Gebrauchsgüter Verbrauchsgüter Dienstleistungen 4 Gewünschter Konsum: Vom Haushalt gewünschte Menge an Konsum Die Konsum- und Sparentscheidung eines Individuums Man kann weniger konsumieren als man gerade verdient (positive Ersparnisse) Man kann mehr konsumieren als man gerade verdient (negative Ersparnisse) 5 Die keynesianische Konsumfunktion (oder die absolute income Hypothese) Der bestimmende Faktor für den Konsum ist das gegenwärtige Einkommen, welches demzufolge die Budgetbeschränkung der Haushalte darstellt Aggregation über alle Haushalte: C = a + cy Eigenständiger Konsum: unabhängig vom Einkommen Letztendlich relevant ist das verfügbare Einkommen, so dass C = a + cyd Der Konsum nimmt zum Zeitpunkt t zu, wenn das gegenwärtig verfügbare Einkommen ansteigt 6 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

3 Grenzneigung des Konsums (MPC, marginal propensity to consume): zeigt uns wie der Konsum auf Änderungen des Einkommens reagiert Entspricht der Steigung der Konsumfunktion C C ' = YD 0 < MPC < 1 Analog gilt für die Grenzneigung des Sparens (MPS, marginal propensity to save): S S' = = 1 C' YD da S = YD C Vorausschauende Haushalte und Konsumglättung Die Theorie von Keynes anerkennt die Rolle des Sparens nur teilweise Kritik: zu simplifizierend. Es existiert ein Trade-Off zwischen gegenwärtigem und zukünftigem Konsum. Konsumenten sind vorausschauend und bilden Erwartungen bezüglich der Zukunft Ihre Entscheidungen basieren auf einer intertemporalen Budgetbeschränkung 8 TBox 5 Permanentes Einkommen und Barwert (PDV,present discounted value) Das Konzept des permanenten Einkommens ist eng mit dem Konzept des Barwerts/Gegenwartswerts verknüpft Allgemein ausgedrückt versucht der PDV den zukünftigen Zahlunssströmen (Einkommen, Gewinne, Mieten, ) einen Wert zuzuordnen Grundkonzept der Finanzwirtschaft Zukünftige Zahlungsströme werden mit Hilfe des Zinssatzes abgezinst Der Zinssatz kann als Mass für die Kosten eines Geldtransfers über die Zeit hinweg betrachtet werden Wollen sie lieber heute oder nächstes Jahr Franken erhalten? 9 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

4 Franken heute sind in einem Jahr * 1.05 = Franken wert Ein fairer Trade-Off wäre daher zwischen heute und in einem Jahr entscheiden zu müssen. Was ist der heutige Wert von in einem Jahr? Anders ausgedrückt: Wie viel soll ich heute zu 5% investieren um in einem Jahr zu erhalten. X * 1.05 = X = / 1.05 = Genau dies ist der Barwert (Present Discounted Value) Falls sie die Franken erst in 5 Jahren erhalten würden, müssten sie über 5 Perioden abzinsen PDV = /(1.05) 5 = Für jegliche zukünftige Zahlungsströme gilt; je höher der Zinssatz umso kleiner der Barwert (PDV) PDV = /(1.1) 5 = Allgemeine Formel für den Barwert PDV t = CF t + CF t+1 /(1+r)+ CF t+2 /(1+r) CF t+n /(1+r) n Falls die zukünftigen Einkommensströme nicht mit Gewissheit bekannt sind, beziehen sich Ökonomen/innen auf den erwarteten Barwert des zukünftigen Einkommens EPDV t = E t (CF t ) + E t (CF t+1 )/(1+r)+ E t (CF t+2 )/(1+r) E t (CF t+n )/(1+r) n 11 Die permanent income -Hypothese(Milton Friedman) und die life-cycle Hypothese(Franco Modigliani) argumentieren, dass Konsumentscheidungen auf einer langfristigen Perspektive basieren Prinzip: Wenn Haushalte sparen oder sich Geld leihen können, kann Einkommen - und somit auch Konsum über Zeitperioden hinweg transferiert werden. Zukünftiges Einkommen wird Teil der Ressourcen, welche heute genutzt werden können, genauso wie auch das gegenwärtige Einkommen zur Stützung des zukünftigen Konsums verwendet werden kann. Motiv zur Konsumglättung: Die Präferenz für eine über die Zeit relativ gleichmässige (optimale) Konsumsstruktur Wie sollte die Glättung des Konsums für die Konsumenten eine Rolle spielen?! 12 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

5 Erstens: Weil in ihre Nutzenfunktion die gesamte Lebenszeit einfliesst (life-time utility function) U = U ( C 1, C2) Zweitens: Weil die Finanzintermediäre dies ermöglichen Drittens: Weil die Grenzneigung des Konsum abnehmend ist MPC und die Konsumfunktion Konstante MPC, lineare Konsumfunktion Abnehmende MPC, nicht-lineare Konsumfunktion 13 MPC und die Konsumfunktion C C 1 C 2 C 1 = c YD a YD C 2 = C 2 '( YD) YD 2 C 2 YD 2 < 0 14 life-time Nutzenfunktion: U(C 1,C 2 ) = lnc 1 + βlnc 2 β 1 Y 1 *(1+r)+Y 2 C 2 Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens des Konsums impliziert konvexe Indifferenzkurven Konsumenten vermeiden unausgeglichene Konsumbündel U 3 U 2 U 1 Y 1 +Y 2 /(1+r) C 1 15 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

6 Betrachten wir ein Beispiel um zu sehen wie dies die intertemporale Allokation des Konsums beeinflusst Einkommen zum Zeitpunkt 1: Y 1 = CHF Einkommen zum Zeitpunkt 2: Y 2 = CHF Zinssatz r=0.05=5% S 1 = Y 1 -C 1 C 2 (1+r)S 1 + Y 2 =(1+r)(Y 1 -C 1 ) + Y 2 Gleichbedeutend mit: C2 Y Y1 + (1+ r) (1+ r) 2 C1 + PDV des Konsums PDV des Einkommens 16 Periode 1: Y1 + Y2/(1+r)= (5 000/1.05) Periode 2: Y1*(1+r) + Y2= * C 2 Y 1 *(1+r) +Y 2 U 20 Steigung der Budgetbeschränkung: -(1+r) U 2 C 2 U 1 C 1 C 1 Y 1 +Y 2 /(1+r) 17 Konsumglättung: Existiert sie tatsächlich? Aber sicher Hier einige konkrete Beispiele Sportprofis Studenten/innen Junge Leute welche in der Zukunft eine Familie gründen wollen Junge Berufstätige mit der Absicht ein eigenes Unternehmen zu gründen Altersvorsorge Daher: Heute zu Lasten eines höheren zukünftigen Einkommens mehr zu konsumieren ist ein rationales Verhalten. Ebenso aber auch die Investition in die Altersvorsorge bereits im erwerbsfähigen Alter 18 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

7 Effekte von Änderungen des heutigen Einkommens: Wenn sich das gegenwärtige Einkommen verändert, beeinflusst dies den heutigen und den zukünftigen Konsum. Effekte von Änderungen des zukünftigen Einkommens: Ein höheres erwartetes Einkommen in der Zukunft führt bereits heute zu höherem Konsum und somit tieferen Ersparnissen Realer Zinssatz: Substitutionseffekt Der Preis einer Einheit heutigen Konsums sind 1+r Einheiten zukünftigen Konsums, wobei r der reale Zinssatz ist. Ein höherer Zinssatz erhöht den Anreiz für die Haushalte heutigen durch zukünftigen Konsum zu substituieren 19 Realer Zinssatz: Einkommenseffekt Für die Sparer: Negativer Effekt auf das Sparen, da es weniger Ersparnisse braucht um einen bestimmten Betrag in der Zukunft zu erhalten (Zwecksparen) Für die Kreditnehmer: Positiver Effekt auf das Sparen, da der höhere Zinssatz zu einem Vermögensverlust führt Empirische Studien liefern gemischte Resultate; wahrscheinlich ist eine leichte Erhöhung der aggregierten Ersparnisse Effekte von Vermögensänderungen Eine Erhöhung des Vermögens erhöht auch den gegenwärtigen Konsum und reduziert die heutigen Ersparnisse 20 Konsumglättung funktioniert jedoch nicht immer. Rationale Erwartungen Perfekte Voraussicht. Finanzmarktkonditionen Weil es nicht so sein muss; Eminem könnte ein Extremfall sein und seine Geschichte beweist nicht, dass die Theorie auch wirklich zutrifft. Die Theorie bezieht sich auf das Zentrum der Verteilung. representative agent 21 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

8 Die Empirie zeigt gemischte Resultate. Hall, 1978: Veränderungen des Konsums sind nicht vorhersehbar perfekte Konsumglättung, Veränderungen des Konsums aufgrund unerwarteter Schocks. Cuddington, 1982: nebst vergangenem Konsum helfen auch die vergangenen Werte von Einkommen, Geld und Arbeitslosigkeit den Konsum zu erklären (Untersuchung für Kanada). Mishkin and Hall, 1982: Die beobachtete b t Kovariation von Einkommen und Konsum lässt sich bei 80% des Konsumverhaltens mit der life-cycle/permanent income Hypothese vereinbaren, die restlichen 20% folgen proportional den Einkommensänderungen. Krueger and Perri, 2005: bis zu einem gewissen Mass reagiert der Konsum auf Änderungen des gegenwärtigen Einkommens. 22 Grenzen der Konsumtheorie Wieso singen diese Typen immer noch? Hypothese 1: Sie haben noch nie etwas vom Prinzip der Konsumglättung gehört Hypothese 2: Es gibt über den Konsum hinaus noch andere Faktoren Konsummenge Grad des Wohlergehens Einige förderliche Faktoren für das persönliche Wohl haben nichts mit Konsum zu tun: Beschäftigungs-, Familienstatus, Religion und Glauben, Freiwilligenarbeit, Es gibt verrückte Leute die immer noch heiraten, obwohl dies ihr permanentes Einkommen mit Sicherheit reduzieren wird! Konsum und Fiskalpolitik: die ricardianische Äquivalenz Fiskalpolitik Beeinflusst den gewünschten Konsum durch Änderungen des heutigen und des erwarteten zukünftigen Einkommens Beeinflusst direkt die gewünschten nationalen Ersparnisse S d = Y C d G 24 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

9 Staatsausgaben (temporäre Erhöhung) Das durch aktuell höhere Steuern finanzierte höhere G reduziert das Einkommen nach Steuern und führt zu tieferem erwünschten Konsum Trifft auch zu wenn die Ausgaben durch höhere zukünftige Steuern finanziert werden, da die Leute erkennen wie ihr zukünftiges Einkommen dadurch beeinflusst wird Da C d weniger zurückgeht als G ansteigt, gehen die nationalen Ersparnisse (S d = Y C d G) zurück Somit reduzieren die Staatsausgaben sowohl den erwünschten Konsum wie auch die erwünschten nationalen Ersparnisse 25 Steuern Eine Senkung der Pauschalsteuern (lump-sum tax) heute wird durch zukünftig höhere Steuern finanziert Der Rückgang des zukünftigen Einkommens kann den Effekt der Erhöhung des gegenwärtigen Einkommens gleich wieder aufheben; der gewünschte Konsum kann zu- oder abnehmen Die These der Ricardianischen Äquivalenz Wenn zukünftige Einkommensverluste die aktuellen Einkommensgewinne genau aufheben wird sich der Konsum nicht verändern Steueränderungen betreffen nur das Timing der Besteuerung, nicht deren endgültigen Wert (Barwert) In der Praxis erkennen die Leute unter Umständen nicht, dass auf heutige Steuersenkungen zukünftig höhere Steuern folgen werden; die Steuersenkung führt zu höherem gewünschten Konsum und tieferen gewünschten nationalen Ersparnissen 26 US Steuerrabatt 2008 Frühling 2008: US Regierung zahlt den Haushalten 100 Mia USD zurück, etwa 950 USD pro Haushalt im Durchschnitt. Aufgrund der Theorie hätte man erwartet, dass der grösste Teil dieses Geldes gespart wird. Broda und Parker (2008) verwenden Mikrodaten zu zeigen, dass im Laufe von Q dank dieser Massnahme der durchschnittliche Haushalt die Konsumausgaben um 3.5% erhöht hat. Besonders stark war die Reaktion der Haushalte mit tieferen Einkommen. 27 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

10 Quelle: Broda & Parker (2008) Intermediate Macro - Uni Basel 28 Attilio Zanetti, VWL4, Uni Basel, Frühlingssemester

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