FAgsF 37. Stephen Makinya. Die politische Regulierung internationaler Finanzmärkte - eine wirtschaftsethische Reflexion

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1 FAgsF 37 Stephen Makinya Die politische Regulierung internationaler Finanzmärkte - eine wirtschaftsethische Reflexion Gefördert durch die Volkswagen-Stiftung Frankfurt am Main, Januar 2003

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3 Inhaltsverzeichnis Einführung Einwände gegen eine wirtschaftsethische Reflexion Selbstreferenz sozialer Systeme Niklas Luhmann: Warnung vor Moral Systemtheoretische Anschlussfähigkeit einer ethischen Reflexion Ökonomische Vernunft Das spieltheoretische Paradigma Offene Flanken des spieltheoretischen Paradigmas Spieltheoretische Anschlussfähigkeit einer ethischen Reflexion Der moralische Gesichtspunkt als Prüfstein allgemein verbindlicher Normen Partikuläre Orientierungen des guten Lebens Normative Grundsätze internationaler Finanzmärkte Gerechtigkeit als Fairness Der Gleichheitsgrundsatz Eingrenzung von Informations- und Machtasymmetrien Eingrenzung von Asymmetrien der Risikoverteilung Respekt vor eigenständigen Lebens- und Entwicklungsstilen Ziele der politischen Regulierung internationaler Finanzmärkte Stabilisierung bzw. Effizienz des Finanzsystems Ausschaltung negativer Externalitäten Begrenzung von Systemrisiken des Finanzsektors Förderung der Beteiligung schwacher Marktteilnehmer Förderung einer umfassenden und nachhaltigen Entwicklung Akteure der Regulierung internationaler Finanzmärkte

4 4.1 Grenzen der politischen Regulierung Die Globalisierung Grenzen nationalstaatlicher Regulierung Allgemeine Grenzen der Regulierung Öffentliche Akteure der Regulierung Aufsichtsbehörden Basler Ausschuss für Bankenaufsicht Das Financial Stability Forum (FSF) Private Akteure der Regulierung Die Großbanken Die Gruppe der Dreißig und das Internationale Finanzinstitut Rating-Agenturen Globales Kooperations-Netzwerk ( Global-Policy-Network ) Theoretische Grundlage Literatur

5 Einführung Das Plädoyer zugunsten einer Regulierung der internationalen Finanzmärkte ist allgemein mit der Hoffnung verbunden, diese dadurch zu stabilisieren. Über das Ziel sind sich die meisten Ökonomen mittlerweile einig, wenngleich die Frage des Wie damit nicht beantwortet ist. Die Finanzmärkte zu stabilisieren wird als notwendig erachtet, weil offensichtlich nur so das ökonomische Prinzip der Effizienz 1 gewährleistet werden kann. Die umfangreiche Literatur, die sich mit der Regulierung internationaler Finanzmärkte aus der Perspektive der Effizienz beschäftigt, ist ein Indikator der (unbestritten) zentralen Bedeutung dieser Kategorie für jede wirtschaftliche Aktivität. Das Gewicht der Effizienz-Kategorie berechtigt jedoch nicht zu der Annahme, dass die Reflexion aus anderen Perspektiven, etwa der Ethik 2, überflüssig oder zweitrangig wäre. Die folgenden Reflexionen thematisieren die politische Regulierung internationaler Finanzmärkte aus der ethischen Perspektive. Im ersten Kapitel wird das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Moral bzw. zwischen ökonomischer Analyse und ethischer Reflexion bestimmt. Gegenüber einem weit verbreiteten Vorbehalt von Wirtschaftswissenschaftlern und Vertretern der Systemtheorie wird begründet, dass ethische Reflexionen an sozioökonomische Analysen - sowohl in der systemtheoretischen als auch in der spielund entscheidungstheoretischen Spielart - anschlussfähig sind. Die ökonomische Analyse kann die ethische Analyse ebensowenig ersetzen wie die ethische Analyse die ökonomische. Vielmehr sind beide aufeinander bezogen - jedoch nicht im Sinne einer Unterordnung, sondern im Sinn einer Kohärenz von Fachwissen und ethischem Urteil. 1 Ökonomische Effizienz bedeutet im Allgemeinen, einen bestimmten Output mit einem Minimum an Input zu erzielen. Oder vorhandene knappe Ressourcen werden so verwendet, dass der Grad der Zielerreichung möglichst hoch ist. Effizienz der Finanzmärkte lässt sich im Sinn der Allokationsoder Pareto-Effizienz definieren. Im Bereich der Finanzmärkte überwiegt derzeit jedoch die Deutung von Effizienz im Sinne einer Informations-Effizienz" (Vgl. Frömmel 2001). 2 Ethik als Fachdisziplin ist die methodisch gesicherte Reflexion moralischen Handelns (d.h. eines Handelns, das normativen Regeln folgt). 5

6 Im zweiten Kapitel werden normative Grundsätze entwickelt, welche helfen sollen, die Handlungsregeln kollektiver Akteure auf den Finanzmärkten auf ihre Fairness hin zu überprüfen. Zu diesen gehören einerseits die Eingrenzung von Asymmetrien der Information, der Macht und der Risikoverteilung sowie andererseits der Respekt vor eigenständigen Lebens- und Entwicklungsstilen. Das dritte Kapitel geht der Frage nach, welche Ziele mit der Regulierung verfolgt werden sollen. Die Stabilisierung des internationalen Finanzsystems, die im Vordergrund der ökonomischen Analyse steht, wird zwar bejaht, aber aus ethischer Sicht und aus der Sicht der Schwellen- und Entwicklungsländer durch zwei weitere Ziele, nämlich die Förderung der Beteiligung schwacher Marktteilnehmer und die Förderung der Entwicklungschancen von Entwicklungsländern ergänzt. Das vierte Kapitel reflektiert konkrete Akteure der Regulierung. Die Ausführungen werden insbesondere auf internationale Regulierungsregime eingehen und diese auf ihre politische Legitimation, Repräsentativität und Durchsetzungsmöglichkeit hin überprüfen. Die Grenzen bisheriger politischer Regulierung eröffnen den Horizont für ein flexibles und kooperatives Regulierungsmodell, in dem private und öffentliche Akteure gemeinsam die Regulierungsaufgaben zu lösen versuchen. Die Chancen und Gefahren sowie die theoretische Grundlage dieser Kooperationsarrangements (auch global-policy-network genannt) werden dann herausgearbeitet. 6

7 1. Einwände gegen eine wirtschaftsethische Reflexion Bevor wir eine ethische Reflexion internationaler Finanzmärkte vornehmen, müssen wir zunächst das Verhältnis zwischen ethischer Reflexion und ökonomischer bzw. sozialwissenschaftlicher Analyse bestimmen. Denn trotz des Ethik-Booms der 80er Jahre gibt es genügend Stimmen derer, die den Nutzen einer ethischen Reflexion über die ökonomische Analyse hinaus in Frage stellen, ja für störend 3 oder überflüssig 4 halten. Die systematischen Einwände gegen eine ethische Reflexion der Strukturen und Regeln ökonomischen Handelns speisen sich aus zwei Quellen: Zum einen wird der Einwand generell durch die Beobachtung charakteristischer Merkmale moderner Gesellschaften begründet: Der Theorie sozialer Systeme zufolge sind moderne Gesellschaften durch funktional ausdifferenzierte Teilsysteme gekennzeichnet. Aufgrund ihrer Selbstreferenz sind diese Teilsysteme gegen einen Einfluss bzw. die Determination durch die Umwelt oder andere Teilsysteme abgeschirmt. Daher ist der Einfluss moralischer Kommunikation - und damit der ethischen Reflexion prinzipiell in Frage gestellt. Die Legitimation ethischer Reflexion konnte - so wird argumentiert - in vormodernen Gesellschaften dadurch gerechtfertigt werden, dass diese Gesellschaften durch eine allgemein anerkannte Moral zusammengehalten wurden. Diese Voraussetzung ist in den modernen Gesellschaften mehr oder weniger hinfällig geworden, weil in ihnen pluralistische, zum Teil gegensätzliche moralische Lebensentwürfe existieren. Damit ist die Legitimation einer ethischen Reflexion, die das Handeln der Menschen bzw. die gesellschaftlichen Strukturen/Regeln in modernen Gesellschaften normativ beurteilen und als allgemein verbindlich erklären will, einer prinzipiellen Kritik unterzogen. Der zweite Einwand wird speziell in Bezug auf das Wirtschaftssystem erhoben: Das Wirtschaftssystem steuert sich ausschließlich durch die Funktionscodes von Zahlen / Nichtzahlen. Daher genügt eine ökonomische Analyse, um die 3 Vgl. Luhmann

8 wirtschaftlichen Vorgänge zu verstehen. Dieser These zufolge ist eine ethische Reflexion insofern überflüssig, als sie nichts Neues über die ökonomische Analyse hinaus anzubieten vermag. Das ökonomisch Vernünftige ist nämlich letztlich mit dem ethisch Gebotenen identisch, wenn bei einer ökonomischen Entscheidung möglichst viele Folgen und Nebenwirkungen berücksichtigt werden. 5 In den folgenden Abschnitten wird überprüft, ob diese Einwände zutreffen oder ob doch eine ethische Reflexion system- und wirtschaftstheoretisch anschlussfähig und dadurch in der Lage ist, das wirtschaftliche Handeln auf den Finanzmärkten ethisch zu beurteilen. 1.1 Selbstreferenz sozialer Systeme Es war Max Weber, der zuerst die Anschlussunfähigkeit einer ethischen Reflexion an andere gesellschaftliche Sphären theoretisch erfasste. Durch seine Thesen von der Objektivität sozialwissenschaftlicher Erkenntnis und der Wertfreiheit soziologischer und ökonomischer Wissenschaften 6 sowie in seiner Darlegung der Politik als Beruf 7 begründete er den Dualismus zwischen Tatsachen- und Werturteilen, empirischen und normativen Wissenschaften sowie zwischen Ethik und Politik. 4 Vgl. Homann Vgl. Ebd. 6 Weber Weber

9 1.1.1 Niklas Luhmann: Warnung vor Moral Einen wichtigen zeitgenössischen Einwand gegen die ethische Reflexion liefert Luhmanns Theorie der sozialen Systeme. 8 Dieser Theorie zufolge sind moderne Gesellschaften im Unterschied zu vormodernen Gesellschaften durch die funktionale Differenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme (Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft, Recht etc.) gekennzeichnet. 9 In Anknüpfung an das Autopoiesis-Konzept der chilenischen Biologen Maturana und Varela charakterisiert Luhmann soziale Systeme als autopoietische 10 Systeme. Diese sind durch drei Eigenschaften gekennzeichnet: sie besitzen erstens die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren und zu erhalten. Sie sind zweitens operativ geschlossen und damit autonom, weil sie ausschließlich selbstreferentiell (auf sich selbst bezogen) operieren und weitere Operationen nur an die eigenen anschließen (z.b. das Nervensystem). Drittens sind sie materiell und energetisch offen, insofern sie die Austauschformen mit der Umwelt nicht von der Umwelt bestimmen lassen, sondern gemäß der eigenen Funktionslogik festlegen. 11 Bezogen auf unsere Thematik ist das Verhältnis von System und Systemumwelt von Bedeutung. Die Selbstreferenz und ausschließliche Selbststeuerung sozialer Systeme gemäß spezifischer binärer Codes übernehmen eine Art Filterfunktion für Inputs wie Outputs des entsprechenden Teilsystems. Das ökonomische System etwa operiert nach dem Code von Zahlen/Nicht-Zahlen und reagiert deswegen sensibel auf ökonomisch relevante Daten wie Geldmengenschwankungen oder Inflationsraten, nicht aber auf das gesunkene Selbstwertgefühl von Arbeitslosen. Das politische System dagegen operiert nach den Codes Machterhalt/Machtverlust und reagiert daher sensibel auf politisch relevante Daten wie Wahltermine, Wählerveränderungen oder die Entstehung 8 Vgl. Luhmann 1984; 1990; Zur Auseinandersetzung zwischen der Luhmannschen Theorie sozialer Systeme und Ethik vgl. Dabrock Vgl. Luhmann Maturana und Varela verwenden den Begriff Autopoiesis zur Bestimmung lebender Systeme. Darunter verstehen sie selbsterzeugende und selbsterhaltende Einheiten. (Kneer/Nassehi 1997, 56). 11 Vgl. Ebd. 9

10 neuer Akteure in der politischen Landschaft. Es reagiert jedoch schwerfällig auf objektiv drängende Probleme etwa der Umweltzerstörung oder der Verelendung ganzer Völker, weil diese nicht unmittelbar politische Relevanzkriterien ansprechen. 12 Das Verhältnis zwischen einem System und seiner Umwelt ist somit - betrachtet man die Idee der strukturellen Kopplung als letztlich systemimmanentes Phänomen - durch einen Ausschlusscharakter gekennzeichnet: Ein kausaler Durchgriff des Systems auf die Umwelt ist demnach ebenso ausgeschlossen wie eine Determinierung des Systems durch die Umwelt. 13 Welche Rolle weist die Theorie sozialer Systeme nun der Ethik als theoretischer Reflexion der Moral in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften zu? Kann sie ihre traditionelle Rolle der gesamtgesellschaftlichen Integration wahrnehmen? Ist sie in der Lage, die operativ geschlossenen und selbstreferentiell steuernden sozialen Systeme überhaupt zu beeinflussen? Der Ethik-Boom der 80er Jahre wird dadurch erklärt, dass die Gesellschaft sich mit zunehmenden technischen und ökologischen Risiken konfrontiert sah, die überwiegend daraus entstanden sind, dass die einzelnen Teilsysteme ausschließlich der ihnen eigenen Rationalität folgten. Daraufhin wurde ein allgemeines, die gesellschaftlichen Teilsphären übergreifendes Moralsystem eingefordert. Mit einer solchen Forderung kann Luhmann sich jedoch nicht anfreunden. Denn seine Theorie schließt die Möglichkeit eines alle gesellschaftlichen Teilsysteme integrierenden Systems aus. Der Grund dafür liegt erstens in der Einzigartigkeit der Teilsysteme. Als polykontextual strukturierte Gesellschaften verfügen moderne Gesellschaften über eine irreduzible Vielfalt von Beobachtungsmöglichkeiten, die von keinem archimedischen Standpunkt miteinander überführt werden könnten. Damit entfällt die Möglichkeit einer moralischen Integration - und ebenso die einer politischen, wirtschaftlichen usw. Integration der Gesellschaft. 14 Die Kernaussage, die sich auf das Verhältnis eines Systems zu seiner Umwelt bezieht, klingt so: 12 Willke 1998, Luhmann 1989, Kneer/Nassehi 1997,

11 Selbstreferentiell steuernde Systeme sind generell immun gegen Interventionen von außen und damit moralisch indifferent. Aufgrund dieser prinzipiellen Indifferenz hält Luhmann zweitens den Einfluss der Moral nicht nur für ausgeschlossen, sondern sogar für schädlich. Eine solche Auffassung hängt mit Luhmanns Verständnis von Moral zusammen. Er sieht nämlich in ihr eine besondere Art von Kommunikation, die nach der binären Unterscheidung von gut/schlecht operiert. Die Besonderheit moralischer Kommunikation liegt darin, dass sich die Codewerte gut/schlecht nicht auf spezifische Eigenschaften (z.b. guter Spieler oder schlechtes Essen) beziehen, sondern zugleich Hinweise auf Achtung oder Missachtung der ganze(n) Person 15 mitführen. Da in moralischen Fragen die Person als Ganze auf dem Prüfstand steht, kommt es dazu, dass eine moralische Aufladung von Kommunikationen häufig in aggressive Auseinandersetzungen einmündet. Hierin erblickt Luhmann eine Hauptgefährdung, dass nämlich die Moral gesellschaftliche Konflikte erzeugt oder verschärft. Daher plädiert er für eine Redefinition der Aufgabe von Ethik: Die Ethik soll sich nicht, wie es bisher in der philosophischen Tradition geschah, mit der Begründung moralischer Urteile beschäftigen, sondern mit der Beschreibung und Prüfung moralischer Sachverhalte begnügen. Luhmann begründet den Verzicht auf Letzt-Begründung moralischer Urteile mit dem Hinweis auf die Divergenz moralischer Vorstellungen in pluralistischen Gesellschaften. Die Grenze der Verwendung moralischer Kommunikation in anderen Teilsystemen sieht Luhmann drittens darin, dass in modernen Gesellschaften trotz verbreiteter Verwendung des Moralcodes, Dissens auf der Ebene der Programme existiert: In pluralistischen Gesellschaften ist es nicht möglich, gesellschaftseinheitliche Moralprogramme auszumachen, die den moralischen Code anleiten könnten: Für den Moralgebrauch unserer Gesellschaft scheint nun bezeichnend zu sein, dass man auf der Ebene der Programme keinen Konsens mehr unterstellen kann jedenfalls nicht in den kritischen Fällen, in denen eine explizite Verwendung von 15 Luhmann 1990,

12 Moral als Form der Kommunikation sich allein lohnt. 16 Diese These verweist auf einen wichtigen Sachverhalt, nämlich daß die moderne, funktional ausdifferenzierte Gesellschaft durch moralische Kommunikation nicht integriert werden kann. 17 Zwar habe sich die Moral im Unterschied zu anderen Sphären nicht zu einem funktionalen Teilsystem ausdifferenziert und könne daher sich parasitär in jede Kommunikation in jedem Funktionssystem einspielen. 18 Man kann aber keinen der Funktionscodes anderer ausdifferenzierter Teilsysteme mit einem der beiden Moralcodes gleichsetzen. Orientiert sich etwa das politische System an der Unterscheidung Regierung/Opposition oder das Wissenschaftssystem an der Unterscheidung wahr/unwahr, so ist die Gleichsetzung dieser Codes mit den beiden Codes moralischer Kommunikation unzulässig: In keinem dieser Fälle können die beiden Werte dieser Codes mit den beiden Werten des Moralcodes kongruent gesetzt werden. Es darf gerade nicht dahin kommen, daß man die Regierung für strukturell gut, die Opposition für strukturell schlecht oder gar böse erklärt. [...] Die Funktionscodes müssen auf einer Ebene höherer Amoralität eingerichtet sein, weil sie ihre beiden Werte für alle Operationen des Systems zugänglich machen müssen. 19 Zusammenfassend lässt sich Folgendes konstatieren: Funktionscodes sind moralisch indifferent strukturiert, d.h. sie sind nicht an der Unterscheidung gut/schlecht ausgerichtet. Zwar können moralische Kommunikationen innerhalb der Funktionssysteme wieder vorkommen, die Art und Weise ihres Vorkommens richtet sich aber nicht nach einem gesellschaftlichen Metacode, sondern nach den Strukturbedingungen der jeweiligen Funktionssysteme. 20 Die vorausgehenden Überlegungen legen eine Schlussfolgerung nahe, dass die Ethik wenn überhaupt - eine äußert begrenzte Rolle spielen kann. Luhmann kritisiert die traditionellen Ethikkonzeptionen weil sie die Paradoxien 21 der 16 Luhmann 1991, Kneer/Nassehi 1997, Dabrock 2002, 23. Herv. dort. 19 Luhmann, f. 20 Luhmann 1989a, In soziologischer Sprache entstehen Paradoxien, wenn eine Beobachtung sich selbst beobachtet. Jeder binäre Code, auch der der Moral, führt bei einer Anwendung auf sich selbst zu Paradoxien. 12

13 Moralcodes ausgeblendet hätten. Diese Konzeptionen, so Luhmann, hätten die Moral stets für etwas Gutes gehalten. 22 Daher plädiert Luhmann für eine Ethik, die an soziologische Beobachtung anknüpft, und deren Aufgabe es ist, beide Seiten des Moralcodes (negative und positive Seite moralischer Kommunikation) zu reflektieren. Insbesondere würde eine solche Ethik offenlegen, dass moralische Kommunikation, die mit der Missachtung von Personen droht, Streit, Gewalt und Krieg provozieren kann. Angesichts dieser Sachlage ist die vielleicht vordringlichste Aufgabe der Ethik, vor Moral zu warnen Systemtheoretische Anschlussfähigkeit einer ethischen Reflexion Eine ethische Reflexion wird zweifellos die systemtheoretischen Erkenntnisse, insbesondere die Ausdifferenzierung moderner Gesellschaft in funktionale Teilsphären, ernst nehmen müssen. Aber sie muss die These der ausschließlichen Steuerung eines Systems durch seine Funktionscodes und die sich daraus ergebende Indifferenz gegenüber der Umwelt 24 nicht teilen, 25 denn die binäre Codierung (wird) durch Programme 26 relativiert. Diese stellen Kriterien bereit, ob der positive oder negative Codewert zutrifft. Sie liefern Zwecke und Verfahren, die den funktionalen Codewerten systemfremde Rahmenbedingungen setzen und das vorher ausgeschlossene Dritte über einen Umweg wieder einführen. 27 Am Beispiel der Teilsysteme Recht und Wissenschaft kann dieser Sachverhalt verdeutlicht werden: Systemfremde Rahmenbedingungen, in diesem Fall Gesetze, Man kann nicht entscheiden, ob die Unterscheidung von gut und schlecht ihrerseits gut oder nicht vielmehr schlecht ist. (Luhmann 1990, 27). 22 Vgl. Luhmann 1989a, Luhmann 1990, Zwar schließt die Theorie sozialer Systeme eine Steuerung im Sinne von Intervention nicht gänzlich aus (Vgl. Luhmann 1988, 346), ihr Akzent liegt jedoch eindeutig auf der Betonung der Unbeeinflussbarkeit und Selbststeuerung sozialer Systeme. 25 Ausführlich zu den vier Filtern der Theorie sozialer Systeme und deren Aufnahme in eine sozialethische Reflexion vgl. Hengsbach 2001, 44f. 26 Programme sind Kriterien, nach denen die Codierung systemischer Kommunikation geschaltet wird. 27 Hengsbach 2001,

14 bestimmen die Anwendung des positiven oder negativen Codewertes. In der Wissenschaft werden Forschungsprojekte durch systemfremde Bedingungen (z.b. die zur Verfügung gestellten Förderungsmittel) in eine bestimmte Richtung gelenkt, ohne dadurch den für die Wissenschaft spezifischen Code wahr/falsch außer Kraft zu setzen. 28 Diese Beobachtung entkräftet den Eindruck der Unbeeinflussbarkeit bzw. ausschließlichen Selbststeuerung sozialer Systeme, den die Theorie sozialer Systeme vermittelt, und eröffnet die Möglichkeit ethischer Reflexion. Und schließlich ist die Redefinition der Funktion der Ethik gegen kritische Anfragen nicht immun: Indem Luhmann der Ethik die Aufgabe zuweist, vor Moral zu warnen, weil die philosophische Tradition nur die positive Seite der beiden Moralcodes gelten ließe, begeht er den gleichen Fehler wie diejenigen, die er zu kritisieren meint. Eine Ethik, die eine solche Aufgabe übernähme, beschränkte sich wiederum auf nur eine Seite des Moralcodes. Sachgerecht wäre eine Ethik, die negative und positive Folgen moralischer Kommunikation zu reflektieren versucht. Und zuletzt: Wenn Luhmann unterstreicht, dass Moral durchaus nach den Strukturbedingungen der jeweiligen Funktionssysteme 29 in deren Programmen vorkommen kann, so ist damit noch längst nicht ausgemacht, dass diese Infektion durch Moral 30 nur negative Folgen haben kann, vor denen zu warnen wäre. Die Ethik kann womöglich einen kontrollierten Gebrauch der Moral empfehlen. 1.2 Ökonomische Vernunft Inspiriert durch die Einsichten der Theorie sozialer Systeme vertreten einige Wirtschaftstheoretiker die These, dass Wirtschaft ein moralfreier Raum sei, dass wirtschaftliches Handeln eigengesetzlich verlaufe, ökonomischen Sachzwängen unterliege und durch die ökonomische Vernunft bestimmt sei. Darüber hinaus stimme wirtschaftliches Handeln, sobald es die überschaubaren Handlungsfolgen 28 Vgl. ebd., 168, Anm Luhmann 1989, Ebd. 14

15 im Ganzen und auf Dauer berücksichtige, mit dem moralisch Gebotenen überein. Folgerichtig könne der Maßstab der Beurteilung nur der Erfolg, die Effizienz, das ökonomische Ergebnis sein. Daher betrachten radikale Markttheoretiker wie Friedrich Hayek auf dem Hintergrund der Selbststeuerung der Wirtschaft den Wettbewerb als ausreichendes Kriterium der ethischen Qualität der Ökonomie. Jegliche externe Intervention wird falls sie nicht der Sicherung des fairen Wettbewerbs oder dem Schutz des Eigentums und der Einhaltung der Verträge dient als Störung und Verzerrung der autonomen Funktionsweise der Ökonomie kritisiert. Die empirischen Belege scheinen diese Hypothese zu bestätigen und dadurch ihre Faszination zu erhöhen: Durch den Zusammenbruch der zentralistischen Planwirtschaften schien erwiesen, dass die Funktionsweise einer Ökonomie, die auf den Prinzipien der Selbstorganisation und Selbststeuerung beruht, gegenüber der politisch gesteuerten Ökonomie überlegen sei. Denn diese Selbststeuerung ermöglichte eine Eigendynamik, Innovativität und Produktivität moderner westlichen Ökonomien, die wohl erst heute aus dem Vergleich mit dem leidvollen Konkurs des Modells einer politisch abhängigen, sozialistischen Ökonomie adäquat eingeschätzt werden kann. 31 Insofern wirtschaftliche Entscheidungen dem Grundsatz ökonomischer Rationalität folgen, d.h. dem Faktum der Vernunft, können diese sich als moralfreies Handeln behaupten, oder in sich bereits moralische Qualität beanspruchen. Folgerichtig genügt eine Wirtschaftstheorie, um wirtschaftliches Handeln umfassend zu verstehen und zu deuten. In den Wirtschaftswissenschaften hat sich die Spieltheorie 32 als ein bewährtes Instrument etabliert, situationsbezogene und zielgerichtete Entscheidungen gesellschaftlicher Akteure zu analysieren. 33 Insofern die Spieltheorie als formale Sprache der ökonomischen Theorie 34 gilt, wollen wir das spieltheoretische Paradigma aufgreifen, deren offene Flanken aufzeigen und nach Anschlussmöglichkeiten einer ethischen Reflexion fragen Das spieltheoretische Paradigma 31 Willke 1998, 263). 32 Vgl. Holler/Illing 1993; Dixit/Nalebuff Vgl. Holler/Illig

16 Unter Spielen versteht man Handlungs- und Entscheidungsfelder mit unsicheren Erwartungen, da mehrere Beteiligten miteinander konkurrieren oder kooperieren. 35 In dieser Deutung sind vier wesentliche Elemente einer Spielsituation erkennbar: Zunächst sind es Spieler bzw. Akteure, die durch bestimmte Spielzüge ihre Ziele zu erreichen versuchen. Und schließlich ist jedes Spiel durch bestimmte Spielregeln (z.b. Teilnehmerzahl, Dauer und Ablauf des Spiels) und gegebene Spielergebnisse (Erwartungen) gekennzeichnet. Gesellschaftliche Spiele weisen folgende typische Merkmale auf: 36 Erstens müssen die Spieler entscheiden 37, das heißt aus der Vielfalt objektiv gleichrangiger und damit miteinander konkurrierender Handlungsmöglichkeiten eine einzige Handlungsalternative auswählen, die sich auf Grund eines subjektiven Werturteils als vorzugswürdig erweist. 38 Das Ergreifen einer Handlungsmöglichkeit vollzieht sich nicht in einem neutralen Raum, sondern wird im Horizont der Wertorientierung und des Lebensentwurfs des Handlungssubjekts getroffen. Warum man gerade diese Alternative und nicht eine andere auswählt (Auswahlkriterium), zeigt, dass die getroffene Entscheidung von der Wertorientierung und vom Lebensentwurf des Entscheidenden abhängt. Zweitens zeichnen sich gesellschaftliche Spiele durch ein Interesse 39 aus. Die am Spiel Beteiligten orientieren sich an den eigenen Interessen aber auch an denen der Mitspieler. Im Spiel treffen gleichgerichtete und gegensätzliche Interessenlagen aufeinander. Beim Zusammentreffen konkurrierender Interessen wird das dritte Kennzeichen gesellschaftlicher Spiele offenkundig, nämlich die 34 Ebd., Hengsbach 2001, Vgl. Hengsbach 2001, 46ff. 37 Der Entscheidungszwang ist in der Freiheit des Handelns begründet. Eine Entscheidung zu verweigern, kann nicht ohne faktischen Widerspruch geschehen. Denn selbst die Verweigerung ist eine Entscheidung. Ausführlich dazu Vgl. Lübbe Vgl. Hengsbach 2001, Interesse kann als eine elementare Triebfeder des Willens, die das Erkenntnisvermögen leitet und den Entscheidungsvorgang orientiert, [als] die vitale, psychische, geistige Anteilnahme des Menschen an sich selbst, an einem anderen oder an einer Sache (Hengsbach 2001,48) definiert werden. 16

17 Machtverhältnisse 40, die ebenso die Entscheidung der Spieler beeinflussen. Schließlich sind gesellschaftliche Spiele durch das Moment der Unsicherheit (bzw. Unberechenbarkeit) gekennzeichnet. Jedes Handlungssubjekt trifft eine Entscheidung unter unsicheren Bedingungen, weil das Ergebnis nicht nur von den eigenen Interessen und Handlungsstrategie, sondern auch von den Entscheidungen und Handlungsstrategien anderer Mitspieler abhängt. Gesellschaftliche Spiele können in zwei Kategorien unterteilt werden: Kooperative und nicht-kooperative Spiele. Nicht-kooperative Spiele (auch Kampfspiele genannt) sind jene, in denen die Spieler ausschließlich ihrem eigenen Nutzen folgen und ihre Interessen strikt entgegengesetzt sind. 41 Zur Illustration dessen, welches Ergebnis erzielt wird, wenn die Spieler kooperieren oder nicht kooperieren, bietet sich das Gefangendilemma-Spiel 42 an: Das Gefangendilemma zeigt, dass bei einem nicht-kooperativen Arrangement, jeder Spieler zu einer dominanten 43 Entscheidungsregel greift, die zu einer individuell vorteilhaften Lösung des Dilemmas führen soll. Das führt jedoch zu einem Ergebnis, welches für beide Beteiligten keine optimale Lösung ist. Die individuell vernünftige, vom Eigeninteresse geleitete Entscheidungsregel führt zu einem Ergebnis, dass bei kooperativem Verhalten für beide hätte besser ausfallen können. Da die Spieler indessen weder die Möglichkeit haben, sich zu verständigen, noch bindende Absprachen über die Wahl ihrer Entscheidungsregel zu treffen, verfehlen sie die für beide vorteilhafteste Lösung der einjährigen Haftstrafe, zu der sie verurteilt worden wären, wenn sie beide geleugnet hätten. Die individuelle Rationalität, nämlich die Gefängnisjahre für den Einzelnen zu 40 Im Gegensatz zu Max Weber, der Macht subjektiv-theoretisch als jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht (Weber, 1964, 38) definiert, halte ich die strukturalistische Deutung der Macht als ein Bündel von Kräfteverhältnissen,...die durch den Zusammenprall von Entscheidungssubjekten [entstehen], die miteinander konkurrieren und ein Handlungsfeld organisieren (Hengsbach 2001, 49) als für unsere Thematik geeigneter. Ausführlich zu strukturalistische Machttheorie siehe: Foucault Hengsbach 2001, Vgl. Luce/Raiffa 1957, 95. Für die deutsche Darstellung des Gefangendilemmas siehe Holler/Illig 1993, 3f. 43 Dominant, weil keiner der beiden Spieler einen Anreiz hat, sie zu ändern, solange der andere an seiner Entscheidungsregel festhält. (Hengsbach 2001,54). 17

18 verringern, weicht von der kollektiven Rationalität ab, nämlich die Haftstrafe für beide zu minimieren. 44 Wenn nicht-kooperative Spiele eindeutig zu Ergebnissen führen, die für alle beteiligten Spieler schlechter sind als die Ergebnisse der Spiele unter kooperativen Bedingungen, so kann man fragen, wie das nicht-kooperative Verhalten in kooperatives Verhalten überführt werden kann. Dass kooperative Entscheidungsregeln in einer Welt eigeninteressierter Individuen sich ohne weiteres behaupten können, ist zunächst nicht selbstverständlich. Fehlt etwa eine zentrale Durchsetzungs- und Kontrollinstanz, so ist nicht auszuschließen, dass vom Eigeninteresse geleitete Individuen hinreichend Anreize finden, um nicht zu kooperieren und den Gegenspieler zum eigenen Vorteil auszubeuten. Robert Axelrod 45 hat die Bedingungen ermittelt, unter denen kooperatives Handeln Stabilität erlangen kann. Diese Bedingungen fasst Friedhelm Hengsbach in fünf Punkten zusammen: Die Spieler müssen erstens an der Kooperation interessiert sein und Kooperation erwarten. Sie müssen sich zweitens am Grundsatz einer behutsamen Gegenseitigkeit orientieren. Sie müssen drittens einen weiten Zeithorizont gelten lassen. Sie müssen viertens in der Lage und darin interessiert sein, ihre Gegenspieler wiederzuerkennen. Und sie müssen fünftens die Vorteile der Kooperation in einer Kosten-Nutzen-Kalkulation abwägen. 46 Es ist nun unwahrscheinlich, dass alle diese Bedingungen gleichzeitig auftreten. In Abwesenheit einer Strafinstanz steht die Kooperationsbereitschaft in Konkurrenz zu der Versuchung, den Gegenspieler doch im Eigeninteresse auszubeuten. Ferner wird der Zeithorizont des Spiels durch die begrenzte Lebenserwartung der Spieler eingeengt. Schließlich unterliegt die Bewertung der Kooperationsergebnisse dem individuellen Urteil sowie individueller Präferenzen einzelner Spieler. Aus diesen Gründen stehen die Stabilitätsbedingungen kooperativen Verhaltens noch auf einem schwankenden Fundament. So ist in 44 Hengsbach 2001, Vgl. Axelrod 1995, VIII. 46 Hengsbach 2001, 58, Herv. dort. 18

19 einem weiteren Schritt zu fragen, wie die Stabilität kooperativen Handelns gezielt herbeigeführt werden könnten. Offenkundig besteht das Hauptproblem kooperativer Spiele darin, dass die Spieler nicht wissen können, wie die Gegenspieler reagieren werden. Dieser unsichere Faktor lässt sich dadurch beseitigen, dass die Spieler Verträge abschließen. Dadurch werden die unsichere(n) Erwartungen vertraglich in sichere Erwartungen 47 überführt. Der Preis für diese Vereinbarung ist die Bindung des eigenen Handelns an feste Regeln sowie die Bereitschaft, sie einzuhalten. Akzeptieren alle Vertragspartner die Vereinbarung und verpflichten sich dazu, sie einzuhalten, so haben alle davon einen Nutzen: die Verlässlichkeit ihrer Handlungserwartungen ist gewährleistet. So erweist sich die Selbstbindung im eigenen Eigeninteresse als vorteilhaft für alle. Die Anziehungskraft vertraglicher Kooperation scheint darin zu liegen, dass die Eigeninteressen der Kooperationspartner nicht ausgeschaltet werden. Die vereinbarten Kooperations- und Spielregeln werden gerade nicht als Instrumente, die das Eigeninteresse einengen erlebt, sondern als Nebenbedingungen einer Kalkulation, die den individuellen Nutzen mit den Kosten eines knappen Gutes, das nicht zum Nulltarif zu haben ist, vergleicht. 48 Auch eine äußere Kontrollinstanz, die kooperatives Handeln gegen den Widerstand der Beteiligten durchsetzen müsste, (wäre) überflüssig, weil die positive Synthese individueller und kollektiver Rationalität von innen her erfolgen (kann), indem die überschaubaren Folgen und die konkret Betroffenen berücksichtigt werden. Die vertragliche Kooperation könnte sich als Resultat eines durch Versuch und Irrtum markierten Lernprozesses erweisen, der eigeninteressiertes Handeln gleitend in verbindlich geregeltes Handeln überführt, indem er die Reichweite der Nutzen- Kosten-Kalkulation zunehmend vergrößert Offene Flanken des spieltheoretischen Paradigmas 47 Ebd, Hengsbach 2001, Ebd. 19

20 Trotz dieser Vorteile, die eine vertragliche Kooperation im Gegensatz zu nichtkooperativen Spielen aufzuweisen vermag, gibt es offene Flanken, die auch die Stabilität vertraglicher Kooperation gefährden können. Erstens ist nicht geklärt, warum freiwillige Vereinbarungen verbindlich sein sollen, wenn vorher nicht eine allgemein anerkannte Regel vereinbart wird, welche die unbedingte Einhaltung von Verträgen festlegt. Zweitens ist anzumerken, dass auch dann, wenn es eine solche Regel geben würde, noch nicht garantiert wäre, dass die Geltung der Kooperationsregeln Bestand hätte, wenn etwa einzelne Spieler durch Trittbrettfahren die Kooperation verweigern. Mit anderen Worten: Die Einhaltung der Verträge setzt eine Sanktionsinstanz voraus. Der dritte Kritikpunkt, der die Stabilität der Kooperation gefährden kann, betrifft die Frage der Verteilung: Wenn zuvor keine allgemein anerkannte Verteilungsregel getroffen wurde, nach der Kooperationsgewinne konkret zu verteilen sind, so besteht die Gefahr der Aufkündigung der Kooperation, wenn die konkrete Verteilung der Kooperationsvorteile in Frage gestellt wird. Viertens garantiert allein die Zustimmung zu einem Vertrag durch die Beteiligten lange noch nicht seine Fairness. Denn es nicht auszuschließen, dass die asymmetrischen Machtverhältnisse eines nicht-kooperativen Gleichgewichts bzw. der vorvertraglichen Situation in den Kooperationsvertrag hineinreichen. 50 Sollte dies der Fall sein, dann verwandelt sich der Kooperationsvertrag in einen Unterwerfungs- oder gar Sklavereivertrag. 51 Und fünftens ist es nicht ausgeschlossen, dass die Kooperationspartner sich zulasten unbeteiligter Dritter oder zum Schaden der Allgemeinheit verständigen und den Kreis der Beteiligten gegen Einflüsse von außen abschirmen. 52 Als offene Flanke spieltheoretischer Analysen bleibt festzuhalten: Der Kooperationsvertrag, der sich an dem ökonomischen Nutzen-Kosten-Kalkül der Vertragspartner orientiert, enthält keinen neutralen Beurteilungsmaßstab, gemäß dem sich die Grenzkosten und Grenzerträge der Vereinbarung objektiv kalkulieren ließen. Weder das wohlverstandene Eigeninteresse noch die Verlässlichkeit der Erwartungen noch 50 Hengsbach 2001, Ebd., 60f. 52 Ebd.,

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