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1 Statistisches Bundesamt (Hrsg.) In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen, Mannheim (ZUMA) Datenreport 2006 Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland Auszug aus Teil 2

2 19 Einstellungen zu sozialer Ungleichheit Soziale Ungleichheit zwischen den Menschen wurde von Ralf Dahrendorf bereits in den 1960er-Jahren als»merkwürdige Tatsache«bezeichnet, die auch heute noch Bestand hat. Und noch immer ist die Frage nach ihren Ursachen nicht abschließend beantwortet. Man kann soziale Ungleichheit als Folge einer natürlichen Rangordnung sehen und würde sie dann als gegeben akzeptieren müssen. Man kann sie als Folge des Besitzes von Privateigentum sehen und würde dann zu dem Schluss kommen, dass sie durch Abschaffung von Privateigentum zu beseitigen wäre. Man kann sie aber auch als einen gesellschaftlichen Mechanismus zur Besetzung»schwieriger«Positionen mit den»besten Leuten«betrachten. Im Folgenden darauf bezogen soll dokumentiert werden, wie die heutigen Gesellschaftsmitglieder selber soziale Ungleichheit wahrnehmen und bewerten Einstellungen zur sozialen Ungleichheit in Ost und West In Abbildung 1 werden die Antworten auf eine Reihe von Fragen zur sozialen Ungleichheit dargestellt. Die beiden ersten Aussagen»Ich finde die sozialen Unterschiede in unserem Land im Großen und Ganzen gerecht«und»selbst wenn man es wollte, kçnnte man die sozialen Ungleichheiten kaum geringer machen als bei uns in Deutschland«erfassen allgemeine Überzeugungen zum Thema soziale Ungleichheit. Eine Zustimmung verweist auf eine legitimierende Haltung zur sozialen Ungleichheit, während Ablehnung eine eher kritische Haltung impliziert. In der Abbildung ist der Anteil mit einer legitimierenden Haltung zur sozialen Ungleichheit abgetragen. Nur eine Minderheit der Befragten glaubt, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland gerecht sind. Etwas häufiger vertreten wird die Ansicht, dass die sozialen Unterschiede, so wie sie sind, nicht weiter reduzierbar wären wobei die Personen mit dieser ungleichheitslegitimierenden Haltung immer noch knapp in der Minderheit sind. Generell zeigt sich auch, dass die ostdeutschen Befragten eine deutlich kritischere Haltung zur sozialen Ungleichheit einnehmen als die Westdeutschen. 35 % der Westdeutschen glauben, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland gerecht seien, aber nur 16 % der Ostdeutschen. Für nicht weiter reduzierbar halten die Ungleichheit 46 % der Westdeutschen und nur 34 % der Ostdeutschen. Eine mçgliche Rechtfertigung für soziale Ungleichheit basiert auf der Annahme, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, vorteilhafte gesellschaftliche Positionen zu erlangen. Das Ausmaß an sozialer Ungleichheit spiegele danach die Leistungen und 625

3 Abb. 1: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit Fähigkeiten der Menschen wider und sei notwendig, um die Bürger zu hohen Leistungen zu motivieren. Die Haltung der Bürger zu dieser Argumentation wurde durch die folgenden Fragen erfasst:»die Rangunterschiede zwischen den Menschen sind akzeptabel, weil sie im Wesentlichen ausdrücken, was man aus den Chancen, die man hatte, gemacht hat«und»nur wenn die Unterschiede im Einkommen groß genug sind, gibt es auch einen Anreiz für persçnliche Leistungen«. Eine Zustimmung zu diesen Aussagen verweist wiederum auf eine Haltung, die die Ungleichheit legitimiert (vgl. Abb. 1). Personen mit einer solchen Haltung sind im Osten in der Minderheit (41 bzw. 47 %), im Westen dagegen in der Mehrheit (60 bzw. 64 %). Insofern bestätigt sich die kritischere Haltung zur sozialen Ungleichheit in Ostdeutschland. Rangunterschiede kçnnen gerechtfertigt werden, wenn alle Menschen die gleichen Chancen haben, auf bevorzugte Positionen zu gelangen. Dies bedeutet zunächst, dass für den persçnlichen Erfolg ausschließlich eigene Leistungen und Fähigkeiten ausschlaggebend sein sollten, nicht aber Beziehungen zu anderen, soziale Herkunft oder ererbtes Vermçgen. Darauf bezogen sind die in der Bevçlkerung verbreiteten 626

4 Ansichten relevant, welche»eigenschaften und Umstände«dazu führen, dass man»in der Gesellschaft nach oben kommt«. Eine Reihe solcher Faktoren wurde erfasst und in Abbildung 1 wird der entsprechende Anteil von Befragten mit einer eher legitimierenden Ansicht dargestellt. Faktoren, die auf individuelle Eigenschaften verweisen, werden als ungleichheitslegitimierend, Faktoren wie Beziehungen, Vermçgen oder soziale Herkunft als ungleichheitskritisierend verstanden. Eine breite Mehrheit der Ost- und Westdeutschen glaubt, dass individuelle Leistungen und Fähigkeiten Fleiß, Bildung, Eigeninitiative, Intelligenz in Deutschland wichtig oder sehr wichtig sind um»nach oben«zu kommen. Die sehr hohe Zustimmung zu dieser Ansicht (92 bis 98 %) kann man als gesellschaftlichen Konsens in dieser Frage interpretieren. Dies heißt aber nicht, dass damit die Chancengleichheit als realisiert angesehen würde. Denn zugleich glaubt nur eine Minderheit daran, dass soziale Herkunft, Vermçgen und Beziehungen keine Rolle spielen würden. Bei der Bedeutung nicht individueller Erfolgsfaktoren treten wieder unterschiedliche Ansichten von Ost- und Westdeutschen zu Tage. Während 12 % der Westdeutschen Beziehungen und Protektion als weniger wichtig für Erfolg ansehen, vertreten nur 5 % der Ostdeutschen diese Meinung. ¾hnlich halten 33 % der Westdeutschen Vermçgen und 38 % soziale Herkunft für weniger wichtig, während dies nur 21 bzw. 30 % der Ostdeutschen tun. Die insgesamt kritischere Einstellung der Ostdeutschen zur sozialen Ungleichheit kçnnte damit zusammenhängen, dass diese die Chancengleichheit nicht in gleichem Maße für erfüllt ansehen wie die Westdeutschen Einstellungen zur Ungleichheit nach Bevçlkerungsgruppen Für die Relevanz der Einstellungen zu sozialer Ungleichheit ist es auch wichtig zu erfahren, ob und wie sich gesellschaftliche Gruppen in ihren Ansichten unterscheiden. Große Unterschiede zwischen Bevçlkerungsgruppen kçnnten Anzeichen für grundlegende Konfliktpotentiale darstellen. Männer und Frauen unterscheiden sich praktisch nicht in ihren Einstellungen zur sozialen Ungleichheit (Abb. 2 a, 2 b). Die grçßte Differenz zwischen den Geschlechtern findet man bei den Ostdeutschen hinsichtlich der Frage, ob Einkommensdifferenzen die Motivation erhçhen. Diese Meinung vertreten 52 % der ostdeutschen Männer, jedoch nur 42 % der ostdeutschen Frauen. Bei den übrigen Einstellungen zeigt sich keine durchgängig hçhere Toleranz gegenüber der sozialen Ungleichheit von Männern, sodass zumindest hinsichtlich der Einstellungen zur sozialen Ungleichheit kein Konfliktpotential zwischen den Geschlechtern besteht. Auffälliger sind dagegen die Meinungsunterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen. Zumindest in Westdeutschland zeigt sich, dass die über 65-Jährigen bei den allgemeinen Einstellungen zur Ungleichheit eine kritischere Haltung einnehmen als jüngere Altersgruppen. Am grçßten ist der Unterschied bei der Frage, ob 627

5 man die Rangunterschiede für akzeptabel hält, weil sie persçnliche Leistungen reflektieren. Dieser Aussage stimmen 79 % der über 65-jährigen Westdeutschen zu, aber nur 56 % der 18- bis 29-jährigen. Bemerkenswert ist, dass ¾ltere diese tolerante Ansicht vertreten, obwohl sie seltener glauben, dass soziale Herkunft keine Rolle für den persçnlichen Erfolg spielt (30 gegenüber 51 % bei der jüngsten Altersgruppe). Offenbar veranlasst diese kritischere Haltung bezüglich der Chancengleichheit die ¾lteren nicht dazu, eine auch insgesamt kritischere Haltung zur Ungleichheit einzunehmen. Erwähnenswert ist, dass sich die Einstellungen in Ostdeutschland wenig zwischen den Altersgruppen unterscheiden. Lediglich die Einschätzung der Erfolgsbedingung Abb. 2 a: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit nach Geschlecht»soziale Herkunft«hat in Ost- und Westdeutschland die gleiche Struktur. Hier zeigt sich wieder der breite gesellschaftliche Konsens darüber, dass individuelle Leistungen und Fähigkeiten wichtige Erfolgsvoraussetzungen sind. Von besonderem Interesse sind die Einstellungen unterschiedlicher Bildungs-, Erwerbs- und Einkommensgruppen. Denn Bildungsniveau, Erwerbsstatus und Einkommen sind Merkmale, die dem Einzelnen eine Position im Ungleichheitsgefüge der 628

6 Gesellschaft zuweisen. Es kçnnte sein, dass die Einstellungen zur sozialen Ungleichheit zur Legitimierung des Selbsterreichten dienen. In diesem Fall würde man eine kritischere Haltung bei Personen mit benachteiligter sozialer Lage erwarten, während Personen in privilegierten sozialen Lagen eine ungleichheitslegitimierende Haltung einnehmen sollten. Auf den ersten Blick scheinen diese Bevçlkerungsgruppen allerdings recht ähnliche Einstellungen zu haben (vgl. Abb. 3 a c). Besonders hoch ist diese Übereinstimmung wieder bezüglich der Bedeutung der individuellen Leistungen und Fähigkeiten. Bei Abb. 2 b: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit nach Altersgruppen den anderen Fragen zeigen sich zwar einige Differenzierungen, das Ausmaß der Meinungsunterschiede liegt aber unter dem der Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Einige Meinungsunterschiede in Ostdeutschland verdienen aber besondere Berücksichtigung. In Ostdeutschland sind die Arbeitslosen generell kritischer gegenüber der sozialen Ungleichheit als beispielsweise die Erwerbstätigen oder die Hausfrauen/ -männer. Insbesondere glauben sie seltener, dass Rangunterschiede akzeptabel seien (30 gegenüber 51 % bei den Hausfrauen/-männern) und seltener das Vermçgen 629

7 und die soziale Herkunft keine Rolle für den persçnlichen Erfolg spielt (10 und 21 % gegenüber jeweils 37 % bei den Hausfrauen/-männern). Zumindest bei den Arbeitslosen in Ostdeutschland zeigt sich damit ein Muster, wie man es erwarten würde, wenn man»die gesellschaftlichen Verhältnisse«für seine eigene prekäre Lage verantwortlich macht. Hierin lässt sich ein gewisses Konfliktpotential erkennen. Dafür spricht auch, dass man in Ostdeutschland eine zwar geringfügige, dafür aber konsistent hçhere Legitimierung sozialer Ungleichheit bei den hçheren Einkommensschichten findet. Abb. 3 a: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit nach Bildung In Westdeutschland neigen Personen ohne Schul- oder mit Hauptschulabschluss am stärksten dazu, die Ungleichheit als Resultat persçnlicher Leistungen zu legitimieren. Jeweils fast 70 % der Befragten aus dieser Gruppe stimmen den beiden entsprechenden Aussagen zu, während dies nur 49 bzw. 55 % der Personen mit Abitur oder (Fach-)Hochschulabschluss tun. Entsprechend sind Personen mit niedrigerer Bildung seltener der Ansicht, dass die soziale Herkunft für den persçnlichen Erfolg keine wichtige Rolle spielt. 630

8 Abb. 3 b: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit nach Erwerbsstatus 19.3 Entwicklung der Einstellungen zur Ungleichheit Betrachtet man die Einstellungen zur sozialen Ungleichheit im Zeitverlauf (vgl. Abb. 4), dann fällt das hohe Beharrungsvermçgen in Westdeutschland auf. Zwar unterscheiden sich die Anteile von Personen mit einer legitimierenden Haltung zur sozialen Ungleichheit in den einzelnen Jahren zum Teil deutlich, doch zeigen sich dabei keine systematischen Entwicklungen über die Zeit. So sind zum Beispiel die Ansichten gegenüber den nicht individuellen Erfolgsfaktoren im Jahr 1991 weniger kritisch als in den Jahren davor und danach. Bei einigen Fragen finden sich die am wenigsten legitimierenden Angaben im Jahr 2004, bei anderen im Jahr Von einer systematischen Veränderung der Einstellungen zur sozialen Ungleichheit über die Zeit kann nicht die Rede sein. In Ostdeutschland sieht die Lage anders aus. Hier findet man überaus deutlich stärkere Legitimierung einzelner Aspekte der sozialen Ungleichheit für den Zeitpunkt kurz nach der Wende glaubten noch 50 % der Ostdeutschen, dass die soziale Her- 631

9 kunft keine große Rolle für den»weg nach oben«spielt. Inzwischen sind nur noch knapp 30 % dieser Meinung. Ebenso schätzten % die Rolle von Beziehungen und Protektion als gering ein, während dies heute nur noch 5 % tun. Darüber hinaus zeigt sich in Ostdeutschland heute auch bei fast allen anderen Fragen eine geringfügig kritischere Haltung als in der Nachwendezeit. Im Osten kann eine insgesamt zunehmende Ungleichheitskritik diagnostiziert werden. Abb. 3 c: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit nach Einkommensquartil 19.4 Zusammenfassung Die Einstellungen zur sozialen Ungleichheit sind in Deutschland von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Einerseits glaubt nur eine Minderheit, dass die sozialen Unterschiede in Deutschland gerecht und nicht weiter reduzierbar wären, andererseits stçßt die Vorstellung, dass Ungleichheit motivierend und eine Folge von individuellen Leistungen sei, durchaus auf breite Zustimmung. Ein gesellschaftlicher Konsens besteht 632

10 Abb. 4: Anteil von Personen mit legitimierender Haltung zur sozialen Ungleichheit, Datenbasis: Allbus 1980, 1991, 1994, 2000, darüber, dass Faktoren wie Fleiß, Bildung, Intelligenz und Initiativkraft eine zentrale Rolle für persçnlichen Erfolg spielen. Gleichzeitig wird vom grçßten Teil der Bevçlkerung aber auch gesehen, dass die soziale Herkunft, Beziehungen und Vermçgen mindestens ebenso wichtig sind. Generell sind die Ostdeutschen gegenüber der sozialen Ungleichheit kritischer eingestellt als die Westdeutschen. Diese kritischere Haltung hat sich aber erst im zeitlichen Verlauf eingestellt. Darüber hinaus zeigt sich, dass in Westdeutschland grçßere Einigkeit in den Einstellungen zur Ungleichheit besteht. In Ostdeutschland ergeben sich Anzeichen dafür, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse für die eigene prekäre Soziallage verantwortlich gemacht werden. (Ulrich Kohler) 633

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