Prostatakarzinome richtig einschätzen

Ähnliche Dokumente
MRI Diagnostik und Therapien beim Prostatakarzinom

Aktive Überwachung (Active Surveillance)

Prostatakarzinom wann operieren oder bestrahlen wann überwachen?

Active Surveillance & Watchful Waiting. Überwachungsstrategien beim lokal begrenzten Prostatakarzinom ohne aggressive Tumoranteile

Prostatakrebs entdecken. Kay M. Westenfelder

ERFAHRUNGEN MIT DER MRI-GESTEUERTEN PROSTATABIOPSIE IN DER RE-BIOPSIE

Prostatakarzinom lokal Dr. med. J. Heß

Neue Datenlage bestätigt PSA gestützte Vorsorge

Pro und contra Früherkennung. Thomas Enzmann Steffen Lebentrau Klinik für Urologie und Kinderurologie

ProKOMB Eine Berliner MRT-Studie zur Früherkennung des Prostatakarzinoms

Prostata-Karzinom Vorsorge und Chirurgie

Wo steckt der Krebs?

PET-CT in der urologischen Diagnostik speziell bei Prostatakarzinom

Symposium Sindelfingen Stellenwert der Interstitiellen Brachytherapie

Organbegrenztes Prostatakarzinom

Watchful waiting- Strategie

Active Surveillance- Wer profitiert (nicht)?

Prostatakrebs Diagnostik

Prostatakarzinom Überversorgung oder Unterversorgung? Rüdiger Heicappell Urologische Klinik Asklepios Klinikum Uckermark Frankfurt /Oder,

Aussagewert der ultraschallgezielten Prostatabiopsie zur Diagnostik des Prostatakarzinoms: 6 fach- vs. 10 fach-biopsie

Lehrserie 289. Prostata

Bis vor einigen Jahren basierte die lokale Bildgebung der Prostata auf dem transrektalen Schall.

PROBASE: Große deutsche Studie zum Prostatakrebs-Screening. PROBASE Große deutsche Studie zum Prostatakrebs-Screening

Klinik für Urologie Universitätsmedizin Mannheim Heilig-Geist Hospital Bensheim

Was tun, wenn der Tumor wieder ausbricht

MR-gestützte Prostatakarzinomdiagnostik - welche Indikation ist sicher?

DNA-Bildzytometrie bei Prostatakarzinomen. Spannungsfeld zwischen Patientennachfrage und Skepsis der Urologen

Ausgangssituation und Zielsetzung

MRT Prostata (3 Tesla) Sicher und angenehm ohne Endorektalspule. Früherkennung Lokalisation Verlaufskontrolle

Klinische Angaben. Lehrserie Nr. 208

Muss Mann zur Früherkennungsuntersuchung?

Klinik und Dokumentation des Prostatakarzinoms. M.Niewald

Pressespiegel Sinn und Unsinn der Prostatakarzinomvorsorge. Inhalt. Axel Heidenreich. Zielsetzung des Screening/ der Früherkennung beim PCA

VII. Inhalt. Vorwort...

PSA active surveillance Psyche, Karzinom oder mehr?

Prostatakrebs: Abwarten, Operieren, Bestrahlen? Oktober 2014 T. Knoll, Urologische Klinik Sindelfingen P. Stadler, rocc Böblingen

Stefanos Papadoukakis Funktionsoberarzt Urologie

Männergesundheit - neue Entwicklungen in der Diagnose und Behandlung von Prostataerkrankungen

Aktuelle Entwicklungen in der Behandlung des Prostatakarzinoms

PET/CT beim Prostatakarzinom. Stefan Dresel HELIOS Klinikum Berlin Klinik für Nuklearmedizin

Operationstechnik und Therapien bei Prostatakarzinom. Dr. med. Malte Rieken Urologische Universitätsklinik Basel-Liestal

Neues zur Bildgebung beim Prostatakarzinom

PSA Screening Sinn oder Unsinn? Prof.Dr.Rüdiger Heicappell Asklepios Klinikum Uckermark Schwedt

Operative Therapie des Prostatakarzinoms Die robotergestützte radikale Prostatektomie (DaVinci ) Revolution oder Evolution der EERPE?

Therapie: wenn ja, wann?

Entwicklung und Validierung genomischer Klassifizierer (GK): Prädiktion aggressiver Prostata-Ca's

Lehrserie 247. Prostata

Zusammenarbeit von Zentren und Netzwerken in der Onkologie

Wichtige Beckenorgane. Beckenuntersuchungen. Harnblase. Multifokale Wandverdickung mit zystischen Einschlüssen: Cystitis Cystica

PSA? PSA ist ein von der Prostata gebildeter Eiweißkörper. auch bei gesunden Männern vorhanden.

Prostatakarzinom Vorbemerkungen (Fall 2)

Von der Fusionsbiopsie zur fokalen Therapie beim lokal begrenzten Prostatakarzinom

Lokale Bildgebung der Prostata

Operative Behandlung von. Prostatakrebs

Prostatakarzinom - Screening und Therapie

Multiparametrische MRT der Prostata ohne Enddarm-Spule

Prostatakrebs. Prof. Dr. med. Jürgen E. Gschwend

Prostatakarzinom lokal

Prostatakrebs - Diagnostik in den verschiedenen Stadien - PD Dr. M. Thalgott, Dr. C. Rischpler

Qualität und Sicherheit in der Diagnostik und Therapie des Prostata-Karzinoms. IQN Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein

PROSTATA. Radiologen-Gemeinschaftspraxis

kurativ (Ziel der langdauernden Tumorfreiheit, z. B. nach 5 oder 10 Jahren) bei lokal begrenztem Karzinom, Alternative zur Prostatektomie palliativ

Lehrserie 289. Prostata

Die nerverhaltende radikale Prostatektomie

Prostatakrebs - Diagnose & Therapie dank Medizin & Forschung

invasive endoskopische Verfahren in der Urologie unter besonderer Berücksichtigung der multimodalen Therapiemöglichkeiten des Prostatakarzinoms

3.1 Altersverteilung und Patientenanamnese

VORLESUNG ALLGEMEINMEDIZIN. Auswahl Folien Früherkennung

Prostata MRT Hands on-workshop

Patienteninformation

Vorsorge im Alter Was ist möglich? Oder Vorsorge für wen und wie?

Welcher Knoten muss weiter abgeklärt werden? Schilddrüsenknoten in der Praxis Fortbildung im Herbst, 8. Oktober 2016, Wels

Bildgebung zur Suche von Metastasen und Rezidiven

Prostatakrebszellen produzieren mehr gebundenes PSA

Therapie des Prostatakarzinoms Operation oder Überwachung?

Prostatakarzinom: Neue Wege in der Diagnostik durch PET/CT. Prof. Dr. Frank M. Bengel, Prof. Dr. Axel S. Merseburger Medizinische Hochschule Hannover

Prostatakrebs: Abwarten, Operieren, Bestrahlen?

Prostatakarzinom Diagnose und Therapie

Früherkennung des Prostatakarzinoms in der hausärztlichen Praxis

TECHNISCHE UNIVERSITÄT MÜNCHEN. Urologische Klinik und Poliklinik. am Klinikum rechts der Isar. 1. Univ.-Prof. Dr. J. E. Gschwend

Hat die Phlebographie in der Diagnose einer tiefen Venenthrombose noch einen Stellenwert?

Prostatakarzinom aus klinischer Sicht - alles beim Alten oder gibt es doch Platz für innovative Bildgebung?

abteilungsinterne Fortbildung ( )

Pilzpneumonie. CT Diagnostik

Lokale Therapie des Prostatatumors (durch OP oder RT) bei Patienten mit metastasiertem Prostata-Ca

Diagnostisches Vorgehen bei Leberraumforderungen. H. Diepolder

Die aktuelle S3-Leitlinie zur Diagnsotik, Therapie und Nachsorge des Ovarialkarzinoms. Diagnostik

In der Diagnostik mittels multiparametrischer Magnetresonanztomografie

DIAGNOSTIK UND BEHANDLUNG VON NIERENTUMOREN. Norbert Graf

Transkript:

FORTBILDUNG Prostatakarzinome richtig einschätzen Das Ende von Überdiagnostik und Übertherapie ist absehbar Die Diskussionen über Sinn und Unsinn der PSA-Bestimmungen liegen hinter uns. Die Spreu lässt sich vom Weizen trennen, indem wir immer klarer erkennen, welche Prostatakarzinompatienten von einer kurativen Therapie langfristig profitieren. Entscheidend dazu beigetragen hat die multiparametrische Magnetresonanztomografie (mpmrii der Prostata. Jean-Luc Fehr Die Prostatakarzinomprävalenz ist sehr hoch, jedoch erkranken nur 8 Prozent dieser Männer ernsthaft, das heisst an einem signifikanten Prostatakarzinom (PCA). Trotzdem ist das Prostatakarzinom die zweithäufigste Tumortodesursache der Männer. Nur Männer mit einem signifikanten Prostatakarzinom profitieren von einer kurativen Therapie. Entscheidend sind deshalb die Selektionskriterien für eine weiterführende Diagnostik und in zweiter Linie die Tumorselektionskriterien für eine kurative Therapie (Kasten). Ziel einer guten Selektion ist, möglichst wenig insignifikante Tumoren (Gleason 6 und kleinvolumige Gleason 7; Low-risk-Tumoren) zu diagnostizieren respektive zu therapieren, dafür die Rate der Detektion der signifikanten Tumoren (Gleason 7 und höher; Intermediate/High-risk-Tumoren) zu erhöhen. Abbildung 1: Negative Selektion durch TRUS-Biopsie bei einem Patienten mit PSA 4,2 ng /ml und Prostatahyperplasie; die TRUS-Biopsie liefert 3-mm-Infiltrat eines Karzinoms Gleason 3 +3 = 6 in 1 von 12 Stanzen; kein signifikanter Tumor vorhanden, aber Diagnose insignifikanter Tumoren (grün). Abbildung 2: TRUS-Biopsie (links) versus gezielte MRI-Biopsie (rechts); rot: signifikanter Tumor; grün: insignifikante Tumoren; mit der TRUS verpasst man das Karzinom, typischerweise geschieht dies bei anterior gelegenen Karzinomen. Überdiagnostik und Übertherapie Die PSA-Bestimmung ist eine einfache und kostengünstige sowie für den Patienten unbelastende Massnahme. Hingegen ist die Aussagekraft des Wertes häufig ungenügend; diese wird besser, wenn man auf einige Werte im Verlauf zurückblicken kann. Hauptproblem der PSA-Wert-Diskussionen der letzten Jahre war nicht der Laborwert an und für sich, sondern die daraus folgende Massnahme einer transrektalen, ultraschallgeführten Mehrfachbiopsie der Prostata (TRUS- Biopsie) bei Werten über 3 oder 4 ng,/ml. Einerseits werden damit die in der Prostata anterior gelegenen Tumoren verfehlt, andererseits werden per Zufall («Schrotflinte») insignifikante Tumorherde (Gleason 6) nachgewiesen (Abbildung 1 und 2), was in der Folge zu einer Übertherapie führt. Diese Form der Überthe- Ausschnitt Seite: 1/7

rapie wurde in den letzten zehn Jahren durch die «Active Surveillance Strategy» (aktive Nachsorge mit der Möglichkeit einer späteren kurativen Therapie im Falle eines Krankheitsprogresses) gemildert. Die kalkulierte Rate der Übertherapie wird in der Studie von Loeb et al. mit 5 bis 46 Prozent beziffert (1). Multiparametrische MRI der Prostata ( mpmri) und gezielte Biopsie Neu kommt ein entscheidendes Selektionskriterium ins Spiel, das multiparametrische MRI der Prostata (mpmri) (Kasten). Als mpmri wird eine Kombination morphologischer Sequenzen und funktioneller Bildgebungstechniken definiert, bei einer Feldstärke von 3 Tesla und einer endorektalen Spule. Mit der T2-gewichteten Darstellung wird die Morphologie der Prostata dargestellt. Funktionelle Untersuchungen umfassen die diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI) und die dynamische Kontrastmittelverstärkung (DCE), während die MR-Spektroskopie aufgrund der Datenanalyse in den meisten Fällen keine wesentliche Aussagekraft hat und darum in den Beurteilungsklassifikationen (PI-RADS: Prostate Imaging Reporting and Data System) nicht mehr berücksichtigt wird (Abbildung 3). Frühere Befürchtungen, das mpmri könnte zur vermehrten Diagnostik insignifikanter Tumoren führen, haben sich nicht bewahrheitet; im Gegenteil lassen sich die insignifikanten Tumoren in der Prostata bildmässig kaum darstellen. Dies ist der Grund, dass mit dem mpmri eine positive Selektion (verpasst die meisten Low-risk-Tumoren) bewirkt wird. Von der Mehrfachbiopsie (TRUS) zur gezielten Biopsie Beim Nachweis eines pathologischen Herdbefunds kann dieser gezielt biopsiert werden (Abbildung 4). Dies erfolgt entweder durch direkte Punktion im MRI ( «in-bore») oder durch eine Bildfusion des MRI mit dem transrektalen Ultraschall der Prostata (z.b. Artemis- oder Kodis-System); Letzteres verhindert eine erneute MRI-Untersuchung. Die MRI-gestützte Biopsie vermindert die Diagnose eines Low-risk-Prostatakarzinoms um 89,4 Prozent gegenüber der TRUS-Biopsie. Die gezielte Biopsie erhöht die Diagnose eines Intermediate- und High-risk-Prostatakarzinoms um 17,7 Prozent gegenüber der TRUS-Biopsie (2). Primäre Diagnostik mit dem mpmri (vor einer bioptischen Abklärung) Aufgrund des günstigen Selektionseffekts durch das mpmri drängt sich diese Methode für die Primärdiagnostik auf. Bei einem pathologischen Tastbefund der Prostata oder einer pathologischen PSA-Konstellation kann als erste Massnahme ein mpmri durchgeführt werden anstatt einer Mehrfachbiopsie (TRUS-Biopsie). Falls im mpmri ein suspekter Herd nachgewiesen wird, kann dieser in der Folge gezielt punktiert werden. Der diagnostische Einsatz des mpmri als erste Massnahme verhindert die Durchführung einer Prostatabiopsie in 51 Prozent der Fälle (2). Viele Männer haben aufgrund ihrer Prostatahyperplasie einen pathologischen PSA-Wert und weisen im mpmri keinerlei Anzeichen eines relevanten pathologischen Herdbefunds auf; all diesen Männern kann eine Biopsie erspart werden. Sechs Jahre Erfahrung mit mpmri in der Primärdiagnostik Im Zentrum für Urologie Zürich (Klinik Hirslanden) wurde das mpmri im Jahre 2007 standardisiert; die hohe Korrelation zwischen Untersuchung und Prostatektomiepräparaten führte nachfolgend zur raschen Etablierung der MRI-gesteuerten Biopsie. Diese wurde vorerst lediglich bei Patienten eingesetzt, welche bereits negative TRUS-Biopsien hatten. Gegenüber der TRUS-Biopsie konnte eine deutlich höhere Detektionsrate nachgewiesen werden, und dies mit gesamthaft deutlich weniger Biopsien. Aufgrund der günstigen Resultate wurde seit 2010 das mpmri in der Primärdiagnostik eingesetzt (erste Massnahme bei pathologischem PSA und/oder pathologischem Tastbefund). Unsere Studie über radikal prostatektomierte Patienten der letzten beiden Jahre, welche ausschliesslich durch das mpmri in der Primärdiagnostik detektiert wurden (n = 170), ergab in keinem Fall ein insignifikantes Karzinom im Prostatapräparat (0%) (Tabelle). Die Signifikanz der Karzinome wurde analog zu den Epstein- und Stamey-Kriterien analysiert. In dieser Serie konnte kein Patient für eine «Active Surveillance» rekrutiert werden, da die nicht relevanten Tumoren im mpmri mehrheitlich nicht diagnostiziert werden. Zusammenfassend wird einerseits eine Übertherapie verhindert, andererseits wird vielen Patienten eine «Active Surveillance» erspart. Ausschnitt Seite: 2/7

Die Tabelle zeigt unsere Resultate im Vergleich zur Martini- Klinik in Hamburg (3). Mit den höchsten Fallzahlen europaweit und dokumentierter Behandlungsqualität gilt diese Klinik als unbestrittene Referenzklinik. Allerdings ist die Zahl operierter Patienten aus dem «Active Surveillance»-Kollektiv nicht unbedeutend. Von der «Active Surveillance» zur «MRI-Surveillance» Ein Patient in der «Active Surveillance» hat ein nachgewiesenes niedriggradiges Karzinom und ist wegen der Erkrankung und der Nachsorge mit TRUS-Biopsien in seiner Lebensqualität entsprechend belastet. Die psychische Belastung führt bei den Patienten gelegentlich zum Wunsch einer kurativen Therapie, obschon lediglich ein nicht signifikantes Karzinom vorliegt. Die «MRI-Surveillance» wird alle zwei Jahre durchgeführt, sofern die folgenden Kriterien zutreffen: + bei steigendem PSA-Wert trotz primär negativem MRI bei pathologischem Herdbefund im MRI und negativer gezielter Biopsie mpmri statt TRUS-Biopsie in der «Active Surveillance». Fokale Therapie Bei einer fokalen Therapie wird lediglich der maligne Hauptbefund an der Prostata behandelt (Indexläsion) in der Hoffnung auf weniger therapiespezifische Nebenwirkungen. Eine fokale Therapie ist lediglich bei Intermediate-risk-Tumoren angezeigt (Gleason 7; Low-risk-Tumoren brauchen keine Therapie, sondern Überwachung; High-risk-Tumoren brauchen ein kuratives, langfristig gesichertes Therapieverfahren). Fokale Energiequellen sind: HIFU (hochintensiver fokussierter Ultraschall) + Cyberknife (stereotaktische Radiotherapie: Punktbestrahlung) Kryoablation + gezielte intraprostatische Laserablation Nanoknife (Elektroporose). Die fokalen Therapie hat jedoch auch Nachteile: keine gesicherten Langzeitergebnisse - onkologischer Verlauf? kurativ? - funktionelle Resultate (Kontinenz, Potenz)? Das Prostatakarzinom ist in 80 Prozent der Fälle multilokulär. Derzeitiger Stand Wegen des ungünstigen Selektionseffekts haben wir in unserem Zentrum die Mehrfach-TRUS-Prostatabiopsie vor fünf Jahren durch die gezielte Biopsie ersetzt. Wir befinden uns gegenwärtig in einer Übergangsphase, da die mpmri-technologie erst an wenigen Zentren zuverlässig und mit genügender Erfahrung angeboten werden kann. Entsprechend ist die TRUS-Biopsie in den deutschen und europäischen Leitlinien noch als primäre Diagnostik bei pathologischem PSA oder pathologischem Tastbefund empfohlen. Ein grossse Aufgabe steht bevor, die Qualität des Prostata-MRI flächendeckend zu etablieren. Aufgrund der Komplexität dieser Untersuchung werden, analog zur Mammografie, zertifizierte Zentren entstehen. Schlussfolgerungen und Ausblick Das mpmri... erleichtert die Lokalisation und den Nachweis eines Prostatakarzinoms.... ist die Voraussetzung für eine gezielte Biopsie.... erlaubt eine zuverlässigere Führung und Information des Patienten.... ermöglicht die Planung im Hinblick auf eine Da-Vinci- Prostatektomie (Landkarte), indem es die bevorzugte Lokalisation der Schnellschnittuntersuchung zeigt und die Planung des Ausmasses einer Gefässnervenschonung ermöglicht.... bietet zusätzliche Sicherheit für Patienten in der «Active Surveillance»; bei uns ersetzt das mpmri die Re-Biopsie in der «Active Surveillance» weitgehend «MRI-Surveillance».... dient als MRI-Verlaufskontrolle bei negativer Biopsie trotz pathologischer PSA-Konstellation, suspektem Tastbefund, pathologischem MRI-Herdbefund (PI-RADS 3-5). Die MRI-gesteuerte Biopsie...... erhöht die Detektionsrate gegenüber der TRUS-Biopsie.... führt zu weniger Probeentnahmen gegenüber TRUS- Biopsien. Die mpmri der Prostata in der Primärdiagnostik...... führt zu einer 50-prozentigen Reduktion von Prostatabiopsien.... verhindert eine Übertherapie durch positive Selektion (die meisten Low-risk-Tumoren sind im MRI nicht diagnostizierbar).... vermindert die Anzahl von Patienten in einer «Active Surveillance». Cave! Auch mittels mpmri der Prostata können relevante Karzinome verpasst werden. Gemäss neuester Literatur Ausschnitt Seite: 3/7

werden damit 3 bis 8 Prozent der Intermediate-/High-risk- Tumoren verpasst. Dies entspricht einem negativ prädiktiven Wert (NPV) von 92 bis 97 Prozent. Das mpmri ist ein noch junges Verfahren und hat dementsprechend ein grosses Entwicklungspotenzial. Somit ist zu erwarten, dass sich der negative prädiktive Wert in den nächsten Jahren noch weiter verbessern wird; zusätzlich werden in Zukunft vermehrt Biomarker im Sinne genomischer Gewebsanalysen Hinweise auf die Signifikanz und Prognose eines Prostatakarzinoms geben können. Die dargestellte Entwicklung in der Prostatakarzinomdiagnostik ist ganz im Sinne der «Smarter Medicine»-Kampagne der SGIM zu sehen (4). Weniger Medizin kann mehr sein. Umgesetzt auf die Diagnostik des Prostatakarzinom heisst dies: differenzierte PSA-Bestimmung und multiparametrisches MRI in der Primärdiagnostik anstatt einer Mehrfach- TRUS-Prostatabiopsie. Der Effekt: 50 Prozent weniger Biopsien höhere Detektionsrate für relevante Tumoren keine Übertherapie kleinere Kollektive von Patienten in «Active Surveillance». Offen bleibt die Frage, ob wir uns nun weg von einer Übertherapie, aber hin zu einer Untertherapie bewegen. Dr. med. Jean-Luc Fehr Zentrum für Urologie Klinik Hirslanden Witellikerstrasse 40 8032 Zürich E-Mail: jean-luc.fehdahirslanden.ch Interessenkonflikte: keine deklariert. Literatur: 1. Loeb Set al.: Overdiagnosis and overtreatment of prostate cancer. Eur Urol 2014; 65(6): 1046-1055. 2. Pokorny MR et al.: Prospective study of diagnostic accuracy comparing prostata cancer detection by transrectal ultrasound-guided biopsy versus magnetic resonance (MR) imaging with subsequent MR-guided biopsy in men without previous prostate biopsis. Eur Urol 2014; 66(1): 22-29. 3. Huland H, Graefen M: Changing trends in surgical management of prostate cancer: the end of overtreatment? Eur Oral 2015; 68(2): 175-178. 4. Schweizerische Ärztezeitung 2014: 95: 20. MERKSÄTZE Die transrektale, ultraschallgeführte TRUS-Biopsie, welche bei erhöhten PSA-Werten empfohlen wird, kann sowohl relevante Prostatakarzinomherde verfehlen als auch zu einer Übertherapie aufgrund irrelevanter Befunde führen. Die multiparametrische Magnetresonanztomografie (mpmri) der Prostata erleichtert die Lokalisation und den Nachweis eines Prostatakarzinoms, und sie ermöglicht eine gezielte Biopsie. Wir befinden uns gegenwärtig in einer Übergangsphase, da die mpmri-technologie erst an wenigen Zentren zuverlässig und mit genügender Erfahrung angeboten werden kann. Ausschnitt Seite: 4/7

Kasten: Selektionskriterien Patientenselektionskriterien für eine Diagnostik im Hinblick auf eine kurative Therapie Lebenserwartung von mehr als 10 Jahren keine belastenden Komorbiditäten bis 75 Jahre (cave: biologisches Alter entscheidend!) Tumorselektionskriterien für eine kurative Therapie Gleason-Score 7 und höher Neu: MRI-Selektionskriterien für gezielte Biopsie pathologische Herdbefunde, nach PI-RADS* klassifiziert (Stadium 1-5) - 1 bis 2: signifikantes Karzinom unwahrscheinlich (keine Biopsie) - 3: leicht bis mässiggradig suspekter Herdbefund - 4: karzinomverdächtiger Herdbefund - 5: dringend karzinomverdächtiger Herdbefund Zusatzinformation und Kriterien für kurative Therapie: - Tumorvolumen - Tumorlokalisation - Einzelherd versus multilokuläre Herdbefunde - Prostatakapselinfiltration, Samenblaseninfiltration - Lymphknotenstatus * PI-RADS: Prostate Imaging Reporting and Data System; eine Klassifikation verdächtiger Prostatabefunde im MRI von 1 (klinisch signifikantes Karzinom sehr unwahrscheinlich) bis 5 (klinisch signifikantes Karzinom sehr wahrscheinlich) Ausschnitt Seite: 5/7

Abbildung 3: mpmri der Prostata; A: T2-Gewichtung; B: DWI (diffusionsgewichtete Bildgebung, Darstellung der Brownschen Molekularbewegung); C: ADC (apperent diffusion coefficient; Darstellung des Fliessverhaltens); D: DCE (dynamische Kontrastmittelverstärkung) Gleason Score 4+4 = 8 Abbildung 4: Beim Nachweis eines pathologischen Herdbefunds im mpmri kann dieser gezielt biopsiert werden. Ausschnitt Seite: 6/7

1 Datum: 29.01.2016 PSA rekt. Befund verdächtig mpmri 4 gezielte Biopsie Low-ris -Tumor Intermediate- Intermed'ate- oder High-risk-Tumor «Active Surveillance» kurative Therapie «MRI Surveillance» Abbildung 5: Von der aktiven Überwachung «Active Surveillance» zur MRI-Überwachung «MRI-Surveillance» Tabelle: Erfahrungen mit mpmri eigene Zahlen Martini-Klinik (3) n = 170 insignifikante Tumoren n = 913 insignifikante Tumoren Epstein (< 0,2 ml, kein Gleason 4 oder 5) Stamey (< 0,5 ml, kein Gleason 4 oder 5) Wolters (< 2,5 ml, kein Gleason 4 oder 5) AS-Patienten, radikal prostatektomiert n = 00(0%) 1% n = 0 (0%) 2,8% n = =1 1 (0,59%) 8,8% n = 0 (0%1 (0%) 14,7% Ausschnitt Seite: 7/7