4.3 Schwingende Systeme

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Transkript:

Dieter Suter - 217 - Physik B3 4.3 Schwingende Systeme Schwingungen erhält man immer dann, wenn die Kraft der Auslenkung entgegengerichtet ist. Ist sie außerdem proportional zur Kraft, so erhält man eine harmonische Schwingung. Schwingungen treten auf sehr unterschiedlichen Zeitund Größenskalen auf, wie hier z.b. die Bewegung unseres Sonnensystems in der Galaxis. Wir diskutieren hier einige einfache Beispiele, welche auch analytisch lösbar sind. 4.3.1 Das mathematische Pendel Das System besteht aus einer punktförmigen Masse, die an einer masselosen, unelastischen Schnur der Länge l aufgehängt ist. Die Masse sei um einen Winkel β aus der Vertikalen ausgelenkt. Dieser Winkel ist die relevante Variable für die Beschreibung der Schwingung. Da die Masse an einer gespannten Schnur hängt kann sie sich nur senkrecht dazu bewegen. Wir erhalten eine Bewegungsgleichung indem wir das Newton'sche Gesetz mit der Schwerkraft kombinieren: F = - m g sin β = m a = m l!. Das Symbol deutet darauf hin, dass hier nur die Komponente senkrecht zur Schnur relevant ist. Für kleine Auslenkungen kann man den Sinus durch den Winkel annähern und erhält eine Bewegungsgleichung für einen harmonischen Oszillator! = - β g l. Durch Vergleich mit der allgemeinen Bewegungsgleichung des harmonischen Oszillators, d 2 x dt 2 = - ω 0 2 x sehen wir dass dieser Oszillator mit der Kreisfrequenz

Dieter Suter - 218 - Physik B3 g l, schwingt, welche nicht von der Masse des Pendels abhängt. Dieses einfache Fadenpendel hat eine Länge von 1 m und müsste demnach eine Schwingungsdauer von Exp. 4: Ebenes Pendel, Schwingungsdauer T = 2π(1/9.81) 1/2 sec = 2.0 sec haben in guter Übereinstimmung mit dem Experiment. Wird die Länge des Fadens auf 0.25 m verkürzt, so halbiert sich die Periode auf 1 sec. Dieser einfache Zusammenhang, und die Tatsache, dass nur die Länge des Pendels für seine Schwingungsdauer verantwortlich ist, waren einer der größten Erfolge der frühen physikalischen Forschung. Die Schwingungsdauer ist in dieser Näherung unabhängig von der Auslenkung. Verwendet man die Näherung sinβ ~ β nicht, findet man eine Periode, die man als Reihenentwicklung in β schreiben kann. Bei einer Auslenkung von 30 o ist der Fehler etwa 2%; bei 10 o beträgt der Fehler etwa 1%. 4.3.2 Torsionsschwinger Ein Torsionsschwinger oder Drehpendel kann sich um eine Achse drehen, wobei eine Rückstellkraft wirkt, die proportional zur Auslenkung β ist. Für die Drehbewegung gilt: M = I! = - c β. I ist das Trägheitsmoment für diese Achse und c die Winkelrichtgröße (Federkonstante). Somit erhält man eine Schwingung mit der Kreisfrequenz c I. Diese Beziehung kann man u. a. verwenden, um Trägheitsmomente zu messen: I = c/ω 0 2. Die Winkelrichtgröße c wird zunächst mit Hilfe eines Körpers mit bekanntem Massenträgheitsmoment bestimmt, danach wird der unbekannte Körper eingesetzt. 4.3.3 Das physikalische Pendel

Dieter Suter - 219 - Physik B3 Ein physikalisches Pendel ist ein starrer Körper, der um einen Punkt A drehbar gelagert ist. Wie beim Drehpendel ist das Produkt aus Winkelbeschleunigung! und Trägheitsmoment I gegeben durch die Rückstellkraft. Diese ist hier gegeben durch das Drehmoment als Produkt aus Schwerkraft F G = m g und Auslenkung des Schwerpunktes, d sinφ M = I! = - m g d sin φ. Wir können wiederum die Näherung sinφ ~ φ für kleine Auslenkungen machen. Damit wird die Kreisfrequenz m g d I. Dies entspricht der Schwingungsdauer eines mathematischen Pendels mit der Pendellänge l red = I m d. Exp. 49a: Reifenpendel Wir betrachten als Beispiel ein Rad mit Radius R, welches sich um einen Aufhängepunkt am Rand dreht. Der Abstand vom Drehpunkt beträgt somit d = R. Gemäß dem Steiner'schen Satz beträgt das Trägheitsmoment Somit ist die Kreisfrequenz I A = I 0 + m R 2 = 2 m R 2. g 2R = 4.34 s-1. Dies entspricht einer Periode T = 2π/ 1.47 s, in vernünftiger Übereinstimmung mit dem experimentellen Wert (T = 1.38 s).

Dieter Suter - 220 - Physik B3 4.3.4 Flüssigkeitspendel im URohr Wir betrachten eine Flüssigkeitssäule in einem U-Rohr. Sind beide Enden auf gleicher Höhe so ist das System im Gleichgewicht. Ist die Säule um y verschoben, so entsteht eine rücktreibende Gewichtskraft. Die Bewegungsgleichung enthält die Gesamtmasse m der Flüssigkeit m = l A ρ, wobei l die Länge der Flüssigkeitssäule darstellt, A die Querschnittsfläche und ρ die Dichte. Die resultierende Gewichtskraft ist proportional zur Massendifferenz zwischen den beiden Armen, Damit ist die Bewegungsgleichung oder Somit beträgt hier die Kreisfrequenz = Δm g = 2 y A ρ g. F = m a = l A ρ y = 2 y A ρ g y = 2 y g / l. 2g l, unabhängig vom Querschnitt der Flüssigkeit oder ihrer Dichte. Sie entspricht einem mathematischen Pendel mit der Länge l math = l/2. Ein interessantes Beispiel eines solchen Flüssigkeitspendels befindet sich an der kanadischen Ostküste: der nördliche Teil der Bay of Fundy zwischen New Brunswick (Neu Braunschweig) und Nova Scotia (Neu Schottland) bildet ein Flüssigkeitspendel mit einer natürlichen Periode von 12 Stunden. Damit wird es von Mond resonant angeregt und man findet Gezeitenunterschiede bis zu 16 m.

Dieter Suter - 221 - Physik B3 4.3.5 Elektromagnetische Schwingkreise Das einfachste elektronische System, das Schwingungen ausführen kann, besteht aus einem Kondensator C und einer Spule L. Eine Bewegungsgleichung für die Schwingung erhält man aus der Maschenregel: Die Spannung über der Spule muss entgegengesetzt gleich der Spannung über dem Kondensator sein: Mit I = dq/dt erhält man Die Kreisfrequenz beträgt somit U L + U C = 0 = L di/dt + Q/C. d 2 Q dt 2 = - Q L C 1 L C. Wir können die Oszillation verfolgen indem wir z.b. bei einem geladenen Kondensator anfangen, wobei der Strom verschwinden soll. Das System entwickelt sich somit wie Q(t) = Q 0 cos(ωt). Die Spannung über dem Kondensator führt zu einem Stromfluss durch die Spule, wobei deren Induktivität den Anstieg des Stromes beschränkt. Nach einer Viertelperiode ist der Kondensator entladen und der Strom durch die Spule auf ein Maximum angestiegen. Der Strom lädt jetzt den Kondensator umgekehrt auf. Dadurch entsteht eine Spannung, welche dem Stromfluss entgegenwirkt. Nach einer weiteren Viertelperiode ist der Stromfluss auf Null abgesunken, während der Kondensator umgekehrt geladen ist. In diesem System erhält man einen Austausch von Energie zwischen der elektrostatischen Energie im Kondensator und der magnetischen Energie in der Spule. Bei t = 0, T/2, T, ist die Energie im Kondensator gespeichert, bei t = T/4, 3T/4, in der magnetischen Energie der Spule. 4.3.6 Zusammenfassung Hier werden die behandelten schwingenden Systeme zusammengefasst. Die Bewegungsgleichung hat immer die Form

Dieter Suter - 222 - Physik B3 x = - ω 0 2 x. Die Unterscheidung ist jeweils die Variable x und die Form von ω 0 2.