Ralph Schumacher: Was sind Farben?

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1 Ralph Schumacher: Was sind Farben? Ein Forschungsbericht über die Wahrnehmung und den Status sekundärer Qualitäten Was sind sekundäre Qualitäten? Wenn man uns auffordert, Beispiele für wahrnehmbare Eigenschaften zu nennen, dann werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit Qualitäten wie Farben, Geschmackseigenschaften, Geräusche und Gerüche aufführen. Aber obwohl wir diese Qualitäten umgangssprachlich realen Dingen als Eigenschaften zuschreiben - wenn wir beispielsweise behaupten, dass die Tomate rot ist, der Zucker süß schmeckt oder der Braten verbrannt riecht - stellt sich bei näherer Betrachtung die Frage, ob es tatsächlich angemessen ist, sie zu den Bestandteilen der Wirklichkeit zu rechnen. (2) Unsere Begriffe sekundärer Qualitäten (1) Im Essay concerning Human Understanding führt John Locke eine Unterscheidung Subjekte bezogen. So werden beispielsweise sind in besonderer Weise auf wahrnehmende zwischen zwei Arten von Eigenschaften ein, Farbbegriffe unter Bezugnahme auf das Aussehen von Dingen unter normalen Beleuch- die er als primäre und sekundäre Qualitäten bezeichnet (II, viii, 8 26). In sachlicher tungsverhältnissen für normalsichtige Hinsicht findet sich diese Unterscheidung menschliche Subjekte festgelegt. Demnach zwar bereits bei Galeio Galilei, Robert Boyle, René Descartes und Nicolas Malebranche. Tageslichtbedingungen für normalsichtige ist ein Objekt genau dann rot, wenn es unter Aber diese Autoren verwenden noch nicht Menschen rot aussieht. In die Definition sekundärer Qualitäten gehen damit durch den die erst seit Locke gebräuchlich gewordenen Bezeichnungen primäre und sekundäre Bezug auf Wahrnehmungsbedingungen und Qualitäten. Zu den primären Qualitäten rechnet Locke Eigenschaften, die im Rahmen najektive Bestimmungen wesentlich ein. Dieser sinnesphysiologische Voraussetzungen subturwissenschaftlicher Erklärungen zugrunde Bezug auf subjektive Faktoren wird vor allem deshalb als etwas angesehen, das mit der gelegt werden. Vor dem Hintergrund der zu seiner Zeit gängigen mechanistischen Modelle zählt Locke vor allem geometrische und lich ist, weil die Entscheidung darüber, wel- Realität sekundärer Eigenschaften unverträg- kinematische Eigenschaften wie Form, Größe, Gewicht und Bewegung zu den primären Beobachter als normal gelten sollen, letztlich che Wahrnehmungsbedingungen und welche Qualitäten. Als sekundäre Qualitäten betrachtet er hingegen Eigenschaften wie Farmaten für den einen rot und für den anderen von Konventionen abhängig ist: Wenn Toben, Geschmackseigenschaften, Geräusche grün aussehen, wie lässt sich dann ohne mehr und Gerüche, die keine Erklärungsfunktion oder minder willkürliche Festsetzungen entscheiden, welches ihre wirkliche Farbe ist? in naturwissenschaftlichen Theorien besitzen sollen. Primären und sekundären Eigenschaf- Hingegen stellt sich dieses Problem im Fall 1 ten ist laut Locke zwar gemeinsam, dass beide sinnlich wahrnehmbar sind. Sie sollen sich aber darin unterscheiden, dass für die Erklärung des Auftretens von Wahrnehmungen primärer und sekundärer Qualitäten allein die Existenz primärer Qualitäten angenommen werden muss. Seit dem 17. Jahrhundert ist diese Überlegung in verschiedenen Versionen immer wieder vorgebracht worden, um dafür zu argumentieren, dass es aus der Sicht der Naturwissenschaften ausreicht, ausschließlich primäre Qualitäten - zu denen in erster Linie physikalische Eigenschaften gerechnet werden - als real und kausal wirksam anzusehen.

2 der primären Eigenschaften nicht. Während man zwar festlegen kann, dass Tomaten rot sind, weil sie unter normalen Beleuchtungsverhältnissen für normalsichtige Menschen rot aussehen, lässt sich dies auf geometrische und physikalische Eigenschaften nicht übertragen. Schließlich wird man zum Beispiel dem Begriff würfelförmig nicht gerecht, wenn man ihn dadurch definiert, unter Standardbedingungen für normalsichtige Subjekte würfelförmig auszusehen. Vielmehr verhält es sich in diesem Fall gerade andersherum: Dinge sehen nämlich würfelförmig aus, weil sie würfelförmig sind. Dieser Unterschied kommt dadurch zustande, dass die Eigenschaft, würfelförmig zu sein, in erster Linie nicht über das Aussehen, sondern über die kausalen Eigenschaften bestimmt wird, die die Interaktion würfelförmiger Objekte mit anderen Dingen charakterisieren. dieser Auffassung existieren sekundäre Qualitäten außerhalb des Geistes nicht so, wie sie von uns erfahren werden. Im folgenden Überblick über die wichtigsten Positionen und Fragestellungen zur Wahrnehmung und zum ontologischen Status sekundärer Qualitäten, die als Reaktion auf die dargestellten Überlegungen gegenwärtig diskutiert werden, konzentriere ich mich auf einen bestimmten Typ sekundärer Qualitäten, nämlich auf Farbeigenschaften. Die Diskussion über die Wahrnehmung und den ontologischen Status von Farben ist bei weitem stärker ausdifferenziert als die Diskussion über andere Typen sekundärer Qualitäten, weil dem Gesichtssinn unter unseren Sinnen eine herausragende Rolle zukommt. Theoretische Anforderungen (3) Um über Begriffe sekundärer Qualitäten verfügen zu können, ist es erforderlich, die betreffenden Eigenschaften selber wahrzunehmen. So lässt sich einer Person, die blind geboren wurde, allein durch Beschreibungen nicht verständlich machen, welche Eigenschaften wir mit Farbbegriffen bezeichnen. Auch Geschmackseigenschaften, Gerüche und Geräusche muss man selber erfahren haben, um die entsprechenden Begriffe verstehen zu können. Anders verhält es sich mit Begriffen primärer Eigenschaften. Zum Beispiel kann man jemandem, der noch nie ein Dreieck gesehen hat, durchaus erklären, dass ein Dreieck eine Figur ist, die entsteht, wenn man zwei einander gegenüberliegende Eckpunkte eines Quadrates durch eine gerade Linie verbindet. Der Gehalt von Begriffen sekundärer Qualitäten scheint demnach in besonderer Weise durch die subjektiven Eindrücke bestimmt zu sein, die wir beim Wahrnehmen dieser Eigenschaften erhalten. Aus diesem Grund vertritt beispielsweise Descartes in den Prinzipien der Philosophie die Position, dass wir mit Begriffen sekundärer Qualitäten nicht die Natur außerhalb des Geistes existierender Eigenschaften erfassen, sondern beschreiben, auf welche Weise bestimmte Kombinationen primärer Qualitäten von uns erlebt werden (I, 68 70). Nach 2 Folgende Anforderungen müssen an eine Theorie zur Wahrnehmung und zum ontologischen Status von Farben gestellt werden: (1) Farben sind sinnlich wahrnehmbar. Sie sollten daher nicht mit Entitäten identifiziert werden, die grundsätzlich nicht wahrnehmbar sind. (2) Nach Auffassung vieler Autoren (wie z.b. Paul Boghossian, John Campbell, Gilbert Harman, Colin McGinn und David Velleman) werden Farben von uns normalerweise als intrinsische Oberflächeneigenschaften realer Dinge wahrgenommen. Um zu vermeiden, dass unsere normale Farbwahrnehmung als vollständig fehlerhaft aufgefasst werden muss, sollte man demnach Farben weder als relationale Eigenschaften noch als Eigenschaften beschreiben, die nicht realen physischen Dingen, sondern im Geist existierenden mentalen Entitäten wie Sinnesdaten zukommen. (3) Es sollte berücksichtigt werden, dass wir Farben umgangssprachlich kausale Rollen zuschreiben, indem wir sie zum Beispiel als Ursachen für das Auftreten von Farbwahrnehmungen ansehen.

3 (4) Dem Unterschied zwischen realen und scheinbaren Farben sollte theoretisch Rechnung getragen werden. (5) Man sollte erklären können, warum die Definitionen von Farben wesentlich auf das Aussehen von Dingen (unter normalen Beleuchtungsverhältnissen und für normalsichtige menschliche Subjekte) bezogen sind. (6) Viele Autoren der Gegenwart wie Boghossian, Alex Byrne, Campbell, Mark Johnston, McGinn, Galen Strawson und Velleman vertreten die Auffassung, dass uns im Zuge der sinnlichen Wahrnehmung die Natur von Farben entweder vollständig oder zumindest in wesentlichen Hinsichten offen gelegt wird. Demnach verfügt man genau dann, wenn man Farben selber wahrgenommen hat, über alle wesentlichen Informationen, die für die Verwendung der betreffenden Farbbegriffe erforderlich sind. Eine Theorie der Farbwahrnehmung sollte demnach diese besondere Form kognitiver Transparenz erklären können. Lösungsansätze Eliminativismus Die Ausgangsfrage, ob die Gegenstände farbig sind, wird von eliminativistischen Theorien negativ beantwortet. Demnach handelt es sich bei Farben um subjektive Qualitäten unserer Wahrnehmungen, die wir fälschlich auf physische Dinge projizieren. Eliminativistischen Konzeptionen liegt in erster Linie das theoretische Motiv zugrunde, nur solche Entitäten als real anzuerkennen, die im Rahmen physikalischer Erklärungen zugrunde gelegt werden. Da Farben in solchen Erklärungen keine Rolle spielen sollen, werden sie folglich nicht als real betrachtet. Diese Position ist aus mehreren Gründen problematisch, zu denen hauptsächlich die folgenden drei Schwierigkeiten zählen: Erstens ist sie unbefriedigend, weil sie uns einen kollektiven Irrtum hinsichtlich unserer normalen Farbwahrnehmungen unterstellt, denn Physikalismus nach dieser Konzeption kommt keine der von 3 uns für real gehaltenen Farben den Dingen tatsächlich als Eigenschaft zu. Der eliminativistische Ansatz wird damit den theoretischen Anforderungen (2), (3), (4) und (6) nicht gerecht. Zweitens ist der in Bezug auf die Physik vertretene Exklusivitätsanspruch unangemessen: Der Umstand, dass sich die Wirklichkeit mithilfe physikalischer Begriffe beschreiben lässt, impliziert nicht, dass sie ausschließlich aus physikalischen Entitäten besteht - schließlich beziehen wir uns auch noch mit anderen Beschreibungsweisen auf die Wirklichkeit. Daraus, dass Farbbegriffe in physikalischen Erklärungen keine Verwendung finden, folgt also ebenso wenig, dass Farben nicht real sind, wie sich diese Konsequenz daraus ergibt, dass Farbbegriffe in beliebigen anderen Erklärungsweisen nicht vorkommen. Drittens beanspruchen eliminativistische Ansätze, das Zustandekommen von Farbwahrnehmungen zu erklären, ohne dabei die Existenz von Farben annehmen zu müssen. Daraus ergibt sich aber ein Problem, denn um anderen Subjekten Farbwahrnehmungen überhaupt zuschreiben zu können, muss das interpretierende Subjekt selber die Existenz von Farben annehmen (siehe die Argumentation von Barry Stroud in 4, Kap. 7). Schließlich kann ein Subjekt S nicht von einem anderen Subjekt S behaupten, dass S eine rote Tomate wahrnimmt, ohne selber die betreffende Farbe als real anzusehen. Dies folgt daraus, dass es sich bei Wahrnehmungsverben um Erfolgsverben handelt, die wir Subjekten nur dann korrekt zuschreiben, wenn die Inhalte der betreffenden Wahrnehmungen mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Damit ergibt sich folgendes Dilemma: Entweder wir können Subjekten Farbwahrnehmungen zuschreiben. In diesem Fall müssen wir selber Farben als real betrachten. Oder wir bestreiten die Realität von Farben. Aber dann sind wir nicht mehr in der Lage, Subjekten Farbwahrnehmungen zuzuschreiben. Dem eliminativistischen Projekt, das Zustandekommen von Farbwahrnehmungen ohne die Annahme realer Farben zu erklären, wird damit die Grundlage entzogen.

4 Im Unterschied zum Eliminativismus wird im Rahmen physikalistischer Theorien die Frage, ob die Gegenstände farbig sind, positiv beantwortet, denn nach diesen Theorien handelt es sich bei Farben um physikalische Eigenschaften. Das zentrale theoretische Motiv physikalistischer Ansätze besteht darin, eine Konzeption bereitzustellen, die es erlaubt, Farben als reale Eigenschaften aufzufassen, die unseren Farbwahrnehmungen als Ursachen zugrunde liegen. Um erklären zu können, warum Dinge für verschiedene Subjekte sowie unter verschiedenen Beobachtungsbedingungen in farblicher Hinsicht unterschiedlich aussehen können, setzen Frank Jackson und Robert Pargetter Farben mit Disjunktionen physikalischer Eigenschaften gleich. Demnach wird beispielsweise die Eigenschaft, rot zu sein, für Subjekte mit verschiedenen Sinnesorganen durch unterschiedliche physikalische Eigenschaften realisiert. Ebenso soll es möglich sein, dass ein und dieselbe physikalische Eigenschaft unter verschiedenen Beleuchtungsverhältnissen bei einem Subjekt unterschiedliche Farbwahrnehmungen verursacht. Der Begriff der Röte soll daher die Disjunktion der physikalischen Eigenschaften umfassen, die bei unterschiedlichen Subjekten sowie unter verschiedenen Wahrnehmungsbedingungen Rot-Wahrnehmungen hervorrufen. Dieser Ansatz ist in der Lage, den engen Zusammenhang zwischen der Eigenschaft, beispielsweise rot zu sein, und dem roten Aussehen zu erklären: Zwar existieren die physikalischen Eigenschaften, die die Farbe rot konstituieren, völlig subjektunabhängig. Aber welche physikalischen Eigenschaften welche Farben darstellen, ist nicht unabhängig davon, wie sie für bestimmte Subjekte unter bestimmten Beleuchtungsverhältnissen aussehen. Eigenschaften verursacht werden, gibt es kein kausales Kriterium zur Unterscheidung realer und scheinbarer Farben. Damit stellt sich die Frage, ob diesem Unterschied im Rahmen des Physikalismus überhaupt angemessen Rechnung getragen werden kann. Laut Jackson und Pargetter besteht zwischen wirklichen und scheinbaren Farben kein metaphysischer, sondern lediglich ein konventioneller Unterschied: Ebenso, wie es eine Konvention darstellt, Tennisbälle als rund zu bezeichnen - obwohl diese während eines Spiels verschiedene andere Formen annehmen -, soll es auch eine bloße Konvention sein, die bei Tageslicht wahrgenommenen Farben als real anzusehen und sie von den scheinbaren Farben zu unterscheiden, die wir beispielsweise unter blauem Licht wahrnehmen. Es ist aber fraglich, ob man mit diesem Ansatz der oben genannten theoretischen Anforderung (4) tatsächlich gerecht wird. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass ein ernstzunehmendes Problem physikalistischer Konzeptionen gerade darin liegt, letztlich alle wahrnehmbaren Farben mit physikalischen Eigenschaften zu identifizieren. Ein weiteres grundsätzliches Problem physikalistischer Ansätze besteht darin, dass wir in Alltagssituationen Farben nicht als physikalische Eigenschaften von Dingen wahrnehmen: Wenn zum Beispiel eine Tomate für uns rot aussieht, dann erfahren wir mit dieser Wahrnehmung normalerweise nichts über die physikalische Natur dieser Farbe. Es gibt zwei Optionen, um auf diesen Einwand zu reagieren. Jackson versucht ihn zu entkräften, indem er argumentiert, die Grundannahme. die sinnliche Wahrnehmung würde uns tatsächlich die Natur von Farben offen legen (siehe 13) sei unzutreffend. Für Byrne und Hilbert dagegen verteidigen die These, dass es im hingegen ist es Rahmen physikalistischer Theorien durchaus Anforderung (6) zu erfüllen. Sie antworten damit auf die Da die Eindrücke von Farben, die wir umgangssprachlich als scheinbare Farben bemuskritik von Boghossian und Velleman ebenso umfassende wie subtile Physikaliszeichnen, gleichermaßen wie die Eindrücke (siehe 7 und 9). von Farben, die wir normalerweise als wirkliche Farben auffassen, von physikalischen 4

5 Ralph Schumacher Der Kern dieser Kritik betrifft das Verhältnis zwischen dem repräsentationalen und dem phänomenalen Gehalt von Farbwahrnehmungen: Der repräsentationale Gehalt von Farbwahrnehmungen legt fest, auf welche Eigenschaften sie sich repräsentierend beziehen. Im Unterschied dazu bestimmt der phänomenale Gehalt die Art und Weise, in der Farbwahrnehmungen von Subjekten erlebt werden. Dieser Gehalt wird in den meisten Theorien unter Bezugnahme auf subjektive Erlebnisqualitäten wie Farbeindrücke charakterisiert, die uns in der Wahrnehmung präsentiert werden. Für Boghossian und Velleman kann im Rahmen physikalistischer Theorien das Verhältnis zwischen dem repräsentationalen und dem phänomenalen Gehalt von Farbwahrnehmungen nur als kontingent beschrieben werden. Physikalistische Theorien können demnach nicht die bereits von Malebranche, Arnauld und Locke diskutierte Möglichkeit ausschließen, dass zum Beispiel Farbwahrnehmungen, welche die Eigenschaft, rot zu sein, repräsentieren, von phänomenalen Grün-Eindrücken begleitet werden. Da für Subjekte, bei denen repräsentationaler und phänomenaler Gehalt in dieser Weise vertauscht sind, rote Dinge grün aussehen sollen, folgern Boghossian und Velleman, dass ihnen die Natur von Farben im Zuge der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich sein kann. Als Reaktion auf diesen Einwand entwickeln Byrne und David Hilbert ein Gedankenexperiment, mit dem die Möglichkeit solcher invertierter Farbspektren ausgeschlossen werden soll, indem gezeigt wird, dass repräsentationaler und phänomenaler Gehalt einander notwendigerweise entsprechen. Neben der Frage, ob dieses Gedankenexperiment überzeugend ist, stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Rolle der phänomenale Gehalt unserer Wahrnehmungen für das geistige Erfassen von sekundären Eigenschaften wie Farben spielt. Dispositionale Theorien Ebenso wie physikalistische Theorien beschreiben auch dispositionale Theorien Farben als reale Eigenschaften physischer Objekte. Allerdings werden Farben im Rahmen dieses Theorietyps nicht mit Disjunktionen physikalischer Eigenschaften, sondern mit den Dispositionen von Dingen identifiziert, unter normalen Beleuchtungsverhältnissen bei normalsichtigen menschlichen Subjekten bestimmte Farbeindrücke hervorzurufen. Dispositionen dieser Art werden mit Bikonditionalen der folgenden allgemeinen Form beschrieben: Ein Objekt x besitzt die Farbe F genau dann, wenn x unter den Wahrnehmungsbedingungen W bei Subjekten mit den Sinnesorganen S Wahrnehmungen mit dem Inhalt F hervorruft. Dispositionalen Theorien liegt vor allem das theoretische Motiv zugrunde, den subjektiven und objektiven Aspekten von Farben gleichermaßen gerecht zu werden: Einerseits kann man den subjektiven Aspekten theoretisch Rechnung tragen, indem man die Wahrnehmungsbedingungen und die sinnesphysiologische Verfassung der wahrnehmenden Subjekte in die Definition von Farbbegriffen aufnimmt. Andererseits berücksichtigt man den objektiven Aspekt, indem man Farben als Dispositionen auffasst, die Dingen unabhängig von der aktuellen Manifestation in bestimmten Wahrnehmungssituationen zukommen. Obgleich dispositionale Theorien auf den ersten Blick eine gewisse Plausibilität zu besitzen scheinen, sind sie mit zahlreichen ernstzunehmenden Problemen behaftet. Erstens können Dispositionen nicht Ursachen 5

6 sein. Wenn wir beispielsweise das Zerbrechen eines Glases kausal erklären wollen, dann dürfen wir uns dazu nicht auf dessen Disposition beziehen, zerbrechlich zu sein, sondern wir müssen die mikrophysikalischen Eigenschaften heranziehen, die dieser Disposition zugrunde liegen. Setzt man also Farben mit Dispositionen des obigen Typs gleich, dann können sie nicht als Ursachen unserer Farbwahrnehmungen aufgefasst werden, womit die unter Punkt (3) genannte Anforderung nicht erfüllt wird. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, warum Physikalisten wie Jackson und Pargetter Farben nicht mit Dispositionen, sondern mit den physikalischen Eigenschaften identifizieren, die diese Dispositionen konstituieren. Zweitens zählen Dispositionen nicht zu den wahrnehmbaren Eigenschaften, weil in die Definitionen von Dispositionen kontrafaktische Konditionale eingehen, die sich auf verschiedene mögliche Welten beziehen, um auf diese Weise festzulegen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen sich die betreffenden Dispositionen manifestieren. Zwar können wir Manifestationen beispielsweise der Disposition, zerbrechlich zu sein, sinnlich wahrnehmen, aber die Zerbrechlichkeit selber ist nicht wahrnehmbar. Statt dessen handelt es sich bei Dispositionen um theoretische Entitäten. Die Identifikation von Farben mit Dispositionen würde also die unplausible Konsequenz nach sich ziehen, dass wir Farben nicht länger als sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften ansehen könnten. Drittens werden dispositionale Ansätze nach Auffassung einiger Autoren (wie z.b. Boghossian, McGinn und Velleman) der Phänomenologie unserer Farbwahrnehmung nicht gerecht, weil wir nach ihrer Ansicht Farben normalerweise als nicht-relationale Oberflächeneigenschaften von Dingen wahrnehmen, während es sich bei Dispositionen um relationale Eigenschaften handelt (siehe 6 und 17). Die sinnliche Wahrnehmung würde uns demnach systematisch über die wahre Natur von Farben täuschen, wenn Farben tatsächlich Dispositionen wären. der Farbprädikate, die in Bikonditionalen des oben dargestellten Typs vorkommen. Angenommen, die Eigenschaft, rot zu sein, wird folgendermaßen definiert: Ein Objekt x ist rot genau dann, wenn x unter normalen Beleuchtungsverhältnissen bei normalsichtigen Menschen Rot-Wahrnehmungen hervorruft. Wenn rot auf der linken und rechten Seite des Bikonditionals dieselbe Bedeutung besitzt, dann ist diese Definition zirkulär, denn sie setzt voraus, dass wir bereits wissen, auf welche Eigenschaften sich Rot- Wahrnehmungen repräsentierend beziehen. Diese Option scheidet daher aus. Soll hingegen rot auf der linken Seite des Bikonditionals eine andere Eigenschaft bezeichnen als rot* auf der rechten Seite, dann stellt sich erstens die Frage, auf welche Eigenschaft sich das Prädikat rot* beziehen kann. Um die unplausible These zu umgehen, dass rot* eine Eigenschaft von Sinnesdaten bezeichnet, schlägt zum Beispiel Peacocke vor, dass sich dieses Prädikat auf eine Eigenschaft eines Teils unseres Gesichtfeldes bezieht (siehe 19). Die dispositionale Theorie steht vor der anspruchsvollen Aufgabe, nicht nur geeignete Entitäten als Träger für Eigenschaften wie die Röte* ausfindig zu machen, sondern zudem die erkenntnistheoretische These zu plausibilisieren, dass wir auf dem Wege der Introspektion diese Eigenschaften unabhängig von den Farben identifizieren können, die wir realen Dingen zuschreiben. Auf ein weiteres Grundproblem hat Barry Stroud hingewiesen (siehe 4, Kap. 6): Nach dem dargestellten Ansatz beziehen sich Farbbegriffe in Aussagen über reale Dinge wie Die Zitrone ist gelb und in Aussagen über Überzeugungen wie S glaubt, dass die Zitrone gelb ist auf andere Eigenschaften als in Aussagen über Wahrnehmungen wie S sieht etwas Gelbes. Denn in den beiden ersten Fällen sollen Farbbegriffe Eigenschaften realer physischer Dinge bezeichnen, während sie sich im dritten Fall auf Eigenschaf- Das vierte Problem betrifft die Bedeutung 6

7 ten mentaler Entitäten wie Teilen unseres Gesichtsfeldes beziehen sollen. Dies ist aber nicht haltbar, weil es mit dem prädikationalen (z.b. S nimmt die Zitrone als gelb wahr ) und dem propositionalen Gebrauch von Wahrnehmungsverben (z.b. S sieht, dass die Zitrone gelb ist ) unverträglich ist. Schließlich werden Farben in diesen Zusammenhängen als Eigenschaften realer Dinge wahrgenommen. Folglich ist es auch in Aussagen über Wahrnehmungen erforderlich, Farbbegriffe nicht auf Eigenschaften des Gesichtsfeldes, sondern auf Eigenschaften außerhalb des Geistes existierender physischer Dinge zu beziehen. Die theoretische Option, durch eine Unterscheidung der Bedeutungen der Farbprädikate auf der linken und rechten Seite des obigen Bikonditionals zu einer zirkelfreien dispositionalen Theorie zu gelangen, besteht demnach nicht. Primitivistische Theorien Primitivistische Ansätze stimmen mit physikalistischen und dispositionalen Theorien darin überein, dass sie Farben ebenfalls als reale Eigenschaften von Dingen beschreiben. Allerdings unterscheiden sie sich von diesen Positionen in dem Punkt, dass sie Farben nicht auf andere Arten von Entitäten reduzieren, sondern als einen eigenständigen Typ von Entitäten auffassen. Beispielsweise lokalisiert John Campbell, der eine solche nichtreduktionistische Theorie vertritt, Farben in einem dreistufigen Modell zwischen physikalischen Eigenschaften und Dispositionen zur Erzeugung von Farbwahrnehmungen, indem er behauptet, dass Farben über physikalische Eigenschaften supervenieren und zugleich die kategorische Basis von Dispositionen bilden, Farbwahrnehmungen hervorzurufen (siehe 10). Obwohl Farben demnach nicht mit physikalischen Eigenschaften identisch sind, sollen ihnen dennoch eigene kausale Kräfte zukommen, aufgrund derer sie Ursachen für das Auftreten von Farbwahrnehmungen sein können. Erfüllung im Rahmen physikalistischer und dispositionaler Positionen nicht möglich sein soll: Zum einen sollen Farben als Eigenschaften aufgefasst werden, die eine kausale Rolle besitzen und realen Dingen zukommen. Zum anderen soll der Phänomenologie unserer Farbwahrnehmung Rechnung getragen werden, indem man Farben so beschreibt, wie sie uns die sinnliche Wahrnehmung nach Auffassung dieser Autoren präsentieren soll, nämlich als einfache, nichtrelationale Oberflächeneigenschaften von Dingen - und nicht als physikalische Eigenschaften oder als Dispositionen. Primitivistische Ansätze hätten demnach den Vorteil, dass Farben nicht nur als Ursachen unserer Wahrnehmungen betrachtet werden können, sondern sie ermöglichen zudem, die sinnliche Wahrnehmung in dem Sinne als transparent aufzufassen, dass sie uns die Natur der Farben tatsächlich offen legt. Das Hauptproblem dieses Ansatzes ergibt sich aus der ontologischen These, dass Farben von physikalischen Eigenschaften verschieden sind und trotzdem über eigene kausale Kräfte verfügen. Diese These führt nämlich dazu, dass das Auftreten von Farbwahrnehmungen in kausaler Hinsicht überdeterminiert ist, wenn es unter Bezugnahme sowohl auf physikalische Eigenschaften als auch auf Farbeigenschaften kausal erklärbar sein soll. Um diese Überdetermination zu vermeiden, hat man die beiden folgenden Optionen: Entweder man betrachtet Farben als Epiphänomene, die selber keine kausalen Kräfte besitzen, oder man vertritt die These, dass sich alle kausalen Erklärungen mit Farbbegriffen im Prinzip auf kausale Erklärungen mit Begriffen physikalischer Eigenschaften reduzieren lassen. Beide Optionen laufen auf eine Revision der für den primitivistischen Ansatz zentralen These hinaus, Farben wären mit eigenen kausalen Kräften ausgestattet. Um entscheiden zu können, ob der primitivistische Ansatz haltbar ist, muss also untersucht werden, wie sich die Kausalerklärungen dieser beiden verschiedenen Beschreibungsebenen zueinander verhalten: Ist es möglich, das Auftreten ein und desselben Diesem Ansatz liegt in erster Linie das theoretische Motiv zugrunde, zwei Anforderungen Rechnung zu tragen, deren gemeinsame Ereignisses unter Bezug auf unterschiedliche 7

8 Ursachen zu erklären, ohne dass dazu eine der Kausalerklärungen als auf die andere Erklärung rückführbar angesehen werden muss? Eine Lösung dieses Problems würde ebenfalls das in der Philosophie des Geistes angesiedelte Problem mentaler Verursachung betreffen, das gleichfalls das Verhältnis von Kausalerklärungen verschiedener theoretischer Ebenen betrifft. Zentrale Problemfelder Diese Grundprobleme zeigen, dass keine der gegenwärtig verfügbaren Theorien zur Wahrnehmung und zum ontologischen Status von Farben völlig zufrieden stellend ist, denn keinem dieser Ansätze gelingt es, alle theoretischen Anforderungen zu erfüllen. Folgende Fragen sind für das Problem der Farbwahrnehmung zentral: Was bedeutet es, eine wahrnehmbare Eigenschaft zu sein? Die Unterscheidung zwischen wahrnehmbaren und nicht-wahrnehmbaren Eigenschaften zählt zu unseren gängigen alltagssprachlichen Differenzierungen. Sie wird auch von dem gegen dispositionale Theorien vorgebrachten Einwand in Anspruch genommen, dass wir zwar Manifestationen von Dispositionen, aber nicht Dispositionen selber wahrnehmen können. Farben sind demnach nicht wahrnehmbar, wenn man sie mit Dispositionen gleichsetzt. Der Unterschied zwischen wahrnehmbaren und nicht-wahrnehmbaren Eigenschaften wird seit George Berkeley häufig als Differenz zwischen direkt und indirekt wahrnehmbaren Eigenschaften beschrieben. Demzufolge kann nur die direkte Wahrnehmung als sinnliche Wahrnehmung im strikten Sinne betrachtet werden. Hingegen soll es sich bei der indirekten Wahrnehmung um eine kognitive Leistung handeln, an der nicht nur die Sinne, sondern auch andere geistige Vermögen wie Verstand und Einbildungskraft beteiligt sind. Da Objekte indirekt wahrgenommen werden, indem 8 Paul Boghossian andere Objekte, die als Zeichen für die erstgenannten Objekte interpretiert werden, direkt wahrgenommen werden, können folglich nicht alle Objekte indirekt wahrnehmbar sein. Wodurch zeichnen sich nun die Objekte unserer direkten Wahrnehmung aus? Ohne ein überzeugendes Kriterium zur Auszeichnung der Objekte direkter Wahrnehmungen lässt sich die oben dargestellte Kritik dispositionaler Theorien nicht aufrechterhalten, denn es ließe sich ebenso gut argumentieren, dass - in Abhängigkeit vom Kenntnisstand der wahrnehmenden Subjekte - letztlich alle Eigenschaften wahrnehmbar sind. Beispielsweise kann für eine Person mit geeignetem metereologischem Wissen eine Wolke nach Regen aussehen. Diese Person wäre damit in der Lage, die Disposition der Wolke, Regen zu bringen, sinnlich wahrzunehmen. Um also den obigen Einwand gegen dispositionale Theorien und verwandte Einwände beurteilen zu können, ist es erforderlich zu untersuchen, ob zwischen Eigenschaften, die als wahrnehmbar und nicht-wahrnehmbar differenziert werden, tatsächlich ein prinzipieller erkenntnistheoretischer Unterschied besteht. Wie werden uns Farben in der Wahrnehmung normalerweise präsentiert? Mehrere Autoren wie zum Beispiel Boghossian, Campbell, Harman, McGinn und Velleman gehen davon aus, dass uns Farben in der sinnlichen Wahrnehmung normalerweise als nicht-relationale bzw. intrinsische Eigenschaften der Oberflächen realer Dinge präsentiert werden. Aus dieser Voraussetzung

9 leiten sie die im zweiten Abschnitt genannte theoretische Anforderung ab, dass philosophische Theorien versuchen sollten, diesen Inhalten von Farbwahrnehmungen gerecht zu werden, indem sie Farben in einer Weise beschreiben, die mit unserer normalen Farbwahrnehmung verträglich ist. Gibt es tatsächlich so etwas wie eine normale Phänomenologie der Farbwahrnehmung und lässt sich aus ihr die aufgeführte theoretische Anforderung ableiten? Der Grund für diese Frage liegt darin, dass es im Gegensatz zur Auffassung der genannten Autoren durchaus nicht eindeutig ist, in welcher Weise uns sinnliche Wahrnehmungen Farben normalerweise präsentieren. Vielmehr besteht in diesem Punkt sogar erheblicher Dissens: Während beispielsweise John Mackie behauptet, dass uns die Wahrnehmung systematisch in die Irre führt, indem sie suggeriert, Farben wären sowohl objektive als auch nicht-physikalische Eigenschaften, verteidigt John McDowell die These, dass unsere alltäglichen Wahrnehmungen Farben korrekt als Dispositionen präsentieren. Zudem muss berücksichtigt werden, dass alle Wahrnehmungen, bei denen etwas unter einer Beschreibung als etwas wahrgenommen wird, epistemische Wahrnehmungen sind, die vom Kenntnisstand der wahrnehmenden Subjekte abhängen und damit grundsätzlich veränderlich sind. Wahrnehmungen von Farben als Oberflächeneigenschaften realer Dinge sind lediglich in dem Sinne normal, dass es sich dabei um epistemische Wahrnehmung handelt, denen unsere alltagssprachlichen Überzeugungen über Farben zugrunde liegen. Die Inhalte dieser normalen Wahrnehmungen sind also nicht unveränderlich, sondern variieren in Abhängigkeit davon, was zu unseren alltäglichen Überzeugungen gerechnet wird. auch, dass uns diese Art der Wahrnehmung Farben nicht unter einer bestimmten Beschreibung - und damit auch nicht als Oberflächeneigenschaften realer Dinge - präsentieren kann. Falls es also eine natürliche und unveränderliche Erscheinungsweise von Farben gibt, dann kann ihr Inhalt nur derart beschaffen sein, dass er nicht mit dem Inhalt unserer alltagssprachlichen und wissenschaftlichen Überzeugungen in Konflikt geraten kann. Denn dieser Inhalt muss selber gegenüber allen Überzeugungen neutral sein, weil er sich sonst in Abhängigkeit von ihnen verändern würde. Die Frage, ob es eine natürliche und unveränderliche Phänomenologie der Farbwahrnehmung gibt, führt damit zu dem erkenntnistheoretischen Grundproblem, ob Wahrnehmungen neben begrifflichen Inhalten auch nicht-begriffliche Inhalte haben können. Aus diesen Überlegungen ergeben sich die folgenden Konsequenzen: Wenn philosophische Farbkonzeptionen mit den Inhalten normaler Farbwahrnehmungen unverträglich sind, dann stehen sie nicht in Konflikt mit der unveränderlichen Natur unserer Farbwahrnehmung, sondern mit einem prinzipiell revidierbaren System von Alltagsüberzeugungen. Um beurteilen zu können, ob bestimmte Farbkonzeptionen tatsächlich mit den Inhalten unserer normalen Farbwahrnehmungen unvereinbar sind, ist also eine sorgfältige Analyse des umgangssprachlichen Farbbegriffs erforderlich. Darüber hinaus muss erörtert werden, ob ein Konflikt zwischen dem alltäglichen und einem philosophischen Farbbegriff zwangsläufig zu Lasten des letzteren gehen muss. Legt uns die sinnliche Wahrnehmung tatsächlich die Natur von Farben offen? Eine weitere Annahme besteht in der Behauptung, unsere Wahrnehmung sei in dem Sinne kognitiv völlig transparent, dass sie uns die Natur von Farben vollständig offen legt. Diese These findet sich beispielsweise bei Bertrand Russell, der sie verwendet, um den Unterschied zwischen knowledge by Weiter kann von einer natürlichen Erscheinungsweise von Farben nur in einem nicht-epistemischen Sinne die Rede sein, wenn die Art und Weise, in der uns Farben von der Wahrnehmung präsentiert werden, unveränderlich sein soll. Dies impliziert aber acquaintance und knowledge by descripti- 9

10 on zu illustrieren. Demnach erschließt sich uns die Natur von Farben allein durch die direkte Bekanntschaft mit ihnen im Zuge sinnlicher Wahrnehmung, während wir durch Beschreibungen zwar zusätzliche Informationen über Farben erhalten sollen (wie z.b. Informationen über Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Farben). Aber diese Informationen betreffen laut Russell keine wesentlichen Merkmale von Farben. In gegenwärtigen Diskussionen wird diese These insbesondere von Galen Strawson sowie von Boghossian, Campbell, Johnston, McGinn und Velleman vertreten. Die Transparenzthese besitzt zum einen auf den ersten Blick eine gewisse Plausibilität, weil es sich tatsächlich so verhält, dass man Farbbegriffe nur verstehen kann, wenn man Farben selber gesehen hat. Bloße Beschreibungen können ein solches Verständnis hingegen nicht vermitteln, weshalb man blind geborenen Personen die Bedeutungen von Farbbegriffen nicht verständlich machen kann. Zum anderen ist aber grundsätzlich unklar, um welche Art von Kenntnissen es sich bei den Informationen über das Wesen von Farben handeln soll, die wir im Zuge sinnlicher Wahrnehmungen nach Auffassung der genannten Autoren erhalten. Handelt es sich dabei um Überzeugungen, zu denen wir durch epistemische Wahrnehmungen gelangen? In diesem Fall wären die Inhalte dieser nomenalen und dem repräsentationalen Ge- Ist der Zusammenhang zwischen dem phä- Wahrnehmungen abhängig vom Kenntnisstand der wahrnehmenden Subjekte, was be- der kontingent? halt von Farbwahrnehmungen notwendig o- deuten würde, dass sich die Natur der Farben nur Subjekten mit den richtigen Überzeugungen erschließt. Da aber viele Autoren da- Gehalt, der das subjektive Erleben dieser Farbwahrnehmungen besitzen phänomenalen von ausgehen, dass es eine natürliche und Wahrnehmungen charakterisiert. Ihr Inhalt unveränderliche Erscheinungsweise von Farben gibt, verstehen sie die Transparenzthese Gehalt erschöpfen, weil sie sonst nicht ge- kann sich aber nicht in diesem phänomenalen hingegen so, dass grundsätzlich jedem Subjekt - unabhängig von dessen Kenntnisstand - von Dingen zu rechtfertigen. Indem wir eignet wären, um Aussagen über die Farben die Natur von Farben in der Wahrnehmung Farbwahrnehmungen zur Begründung solcher Aussagen heranziehen, setzen wir also offen gelegt wird. Dies spricht dafür, die betreffende Art der Farbwahrnehmung als voraus, dass sie nicht nur phänomenalen, nicht-epistemisch zu charakterisieren. Wenn sondern auch repräsentationalen Gehalt besitzen. Die zentrale Frage ist nun, in wel- aber dies der Fall ist, dann muss die Information über die Natur von Farben unabhängig chem Verhältnis diese beiden Arten von Inhalt zueinander stehen: Liegt zwischen ihnen von unseren Überzeugungen und folglich in Form von nicht-begrifflichen bzw. nicht- eine kontingente oder eine notwendige Be- 10 propositionalen Inhalten vorliegen. Auch der Umstand, dass diese Transparenz für jede unserer Farbwahrnehmungen charakteristisch sein soll, spricht für den nicht-epistemischen Charakter der betreffenden Wahrnehmung. Diese Überlegungen führen zu den folgenden Grundfragen: Lässt sich die sinnliche Wahrnehmung, die uns die Natur von Farben offen legen soll, überzeugend als eine Form der nicht-epistemischen Wahrnehmung beschreiben? Ist insbesondere die These, dass damit Wissen über die Natur von Farben erworben wird, damit vereinbar, dass alle Subjekte unabhängig von ihrem Kenntnisstand ein solches Wissen erwerben sollen? In welcher Weise soll dieses Wissen überhaupt vorliegen, wenn nicht in begrifflicher oder propositionaler Form? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, lässt sich beurteilen, ob die theoretische Anforderung, man müsste der Transparenz unserer Farbwahrnehmungen Rechnung tragen, tatsächlich zu Recht erhoben wird. Weiter muss, um die These der kognitiven Transparenz unserer Farbwahrnehmung beurteilen zu können, untersucht werden, ob sie mit den Annahmen über den Mechanismus unser Wahrnehmung in Übereinstimmung gebracht werden kann.

11 ziehung vor? Besteht zum Beispiel die von Locke beschriebene Möglichkeit, dass Wahrnehmungen, die die Eigenschaft der Röte repräsentieren, von einigen Subjekten als Rot-Wahrnehmungen und von anderen als Grün-Wahrnehmungen erlebt werden? Die Vertreter dispositionaler Theorien haben ein starkes Interesse daran, dieses Verhältnis als kontingent zu beschreiben. Wenn man zum Beispiel die Eigenschaft der Röte als diejenige Eigenschaft definieren will, die das Auftreten von Rot-Wahrnehmungen verursacht, dann muß man Rot-Wahrnehmungen unabhängig von den durch sie repräsentierten Eigenschaften identifizieren können. Ansonsten würde diese Definition bereits das Verständnis des Prädikats rot voraussetzen und wäre damit zirkulär. Im Rahmen dispositionaler Theorien wird daher häufig vorausgesetzt, dass man den Begriff der Rot- Wahrnehmung im phänomenalen Sinne verstehen kann, ohne die Eigenschaft kennen zu müssen, die diese Wahrnehmung (kontingenterweise) repräsentiert. Folglich verteidigen die Vertreter dieser Theorien die These, dass der phänomenale Gehalt von Farbwahrnehmungen nicht durch deren repräsentationalen Gehalt festgelegt wird. Wären hingegen repräsentationaler und phänomenaler Gehalt notwendigerweise miteinander verbunden, dann könnte man den phänomenalen Gehalt nicht ohne den repräsentationalen Gehalt erfassen. repräsentationalem Gehalt für die philosophische Theorie der Farben stellt sich also die Frage, wie dieses Verhältnis tatsächlich beschaffen ist. Wie verhalten sich rot aussehen und rot sein zueinander? Im Unterschied zu den Definitionen primärer Eigenschaften sind die Definitionen sekundärer Eigenschaften wesentlich darauf bezogen, wie diese Eigenschaften unter bestimmten Bedingungen von bestimmten Subjekten wahrgenommen werden. Beispielsweise stellt die Aussage, dass ein Objekt genau dann rot ist, wenn es unter normalen Beleuchtungsverhältnissen für normalsichtige menschliche Subjekte rot aussieht, eine begriffliche Wahrheit dar. Damit stellt sich die Frage, was in begrifflicher Hinsicht grundlegender ist: die Eigenschaft, rot zu sein, oder das rote Aussehen? In diesem Fall gibt es zwei widerstreitende Intuitionen: Zum einen scheint es so zu sein, als sei das Aussehen begrifflich grundlegender, weil die Eigenschaft, rot zu sein, üblicherweise unter Bezugnahme auf dieses Aussehen definiert wird. Zum anderen spricht aber der Umstand, dass der komplexe Ausdruck rot aussehen den Ausdruck rot als Bestandteil enthält, dafür, dass die Eigenschaft der Röte in begrifflicher Hinsicht grundlegender ist als das Aussehen. Christopher Peacocke zufolge schlägt der Im Unterschied zur dispositionalen Theorie Versuch fehl, das Prädikat rot als grundlegend zu betrachten und mit ihm den Begriff setzt die These, die sinnliche Wahrnehmung würde uns die Natur von Farben offen legen, des roten Aussehens zu definieren. Dies soll voraus, dass zwischen repräsentationalem vor allem daran liegen, dass es nicht gelingt, und phänomenalem Gehalt ein notwendiger Farbeigenschaften unter ausschließlicher Bezugnahme auf physikalische und sinnesphy- Zusammenhang besteht. Denn Subjekten, bei denen beide Gehalte in der Weise vertauscht siologische Begriffe zu definieren. Laut Peacocke können solche Definitionen bestenfalls sind, dass für sie zum Beispiel rote Dinge grün aussehen, soll die Natur der Farben im in extensionaler, aber nicht in intensionaler Zuge der Wahrnehmung nicht zugänglich Hinsicht angemessen sein. Das heißt, sie sein. Vertreter der Transparenzthese, wie greifen die betreffenden Eigenschaften unter beispielsweise Byrne und Hilbert, argumentieren deshalb dafür, dass der repräsentatiolich machen, was wir zum Beispiel mit rot Beschreibungen heraus, die nicht verständnale Gehalt den phänomenalen Gehalt festlegt. Angesichts dieser zentralen Rolle der sen Begriff so eng an das Erleben von Rotmeinen, und warum das Verfügen über die- Beziehung zwischen phänomenalem und Eindrücken geknüpft ist. Er wählt daher die 11

12 entgegen gesetzte Option und schlägt vor, zunächst zwischen zwei verschiedenen Begriffen zu unterscheiden - nämlich zwischen dem Begriff rot, der eine Oberflächeneigenschaft physischer Dinge bezeichnet, und dem Begriff rot*, der eine Eigenschaft beschreibt, die einem Teil unseres Gesichtsfeldes zukommen soll. Anschließend definiert Peacocke rot als die Eigenschaft von Dingen, die das Auftreten von rot* im Gesichtsfeld hervorruft. Er argumentiert dafür, dass das Prädikat rot* gegenüber dem Prädikat rot in definitorischer Hinsicht grundlegend ist. In kognitiver Hinsicht soll aber der Begriff der Röte gegenüber dem Prädikat rot* grundlegend sein, weil Subjekte erst rote Dinge wahrgenommen haben müssen, um den Begriff rot* bilden zu können. Man verfügt demnach über den Begriff rot, wenn man ihn auf Dinge anwenden kann, die das Auftreten der Eigenschaft rot* in unserem Gesichtsfeld hervorrufen. Das Verfügen über diesen Begriff der Röte soll wiederum kein subtiles Wissen über die Eigenschaften unseres Gesichtsfeldes voraussetzen, sondern nur eine gewisse Sensibilität hinsichtlich des Auftretens von rot* -Zuständen. Es ist allerdings sehr fraglich, ob sich die kognitive und definitorische Hinsicht tatsächlich in der von Peacocke vorgeschlagenen Weise voneinander trennen lassen. Denn um den Begriff rot* bilden zu können, ist es nicht nur erforderlich, zuvor rote Dinge wahrzunehmen, sondern man muss diese Dinge als rot wahrnehmen. Ansonsten könnte man keine Beziehung zwischen den Oberflächeneigenschaften von Dingen und den Eigenschaften von Teilen unseres Gesichtsfeldes herstellen. Dies bedeutet aber, dass die wahrnehmenden Subjekte bereits über den Begriff der Röte verfügen müssen, um das Prädikat rot* bilden zu können. Die Ausgangsfrage nach einem überzeugenden Verfahren zur Definition von Farbbegriffen bleibt damit weiterhin offen. LITERATUR ZUM THEMA Einführungstexte 12 1.) Byrne, Alex und David Hilbert (Hg.) (1997): Readings on Color. The Philosophy of Color. Cambridge / Mass., London. Sammelband mit zentralen Texten zur Theorie der Farben und einer informativen Einleitung. 2.) Byrne, Alex und David Hilbert (2003): Color Realism and Color Science. In: Behavioural and Brain Sciences, Vol. 26. Umfassende Verteidigung einer realistischen Theorie der Farben. 3.) Maund, Barry (2002): Color. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford Ausführliche Darstellung aller Grundpositionen und Fragestellungen. 4.) Stroud, Barry (2000): The Quest for Reality. Subjectivism and the Metaphysics of Colour. New York, Oxford. Eine umfassende Einführung in die Theorie der Farben, die grundlegende Einwände gegen subjektivistische Farbtheorien vorbringt. Forschungstexte 5.) Boghossian, Paul (2002): Seeking the Real. In: Philosophical Studies, Vol. 108, S Kritik an Barry Strouds Überlegungen gegen subjektivistische Farbtheorien. 6.) Boghossian, Paul und David Velleman (1989): Colour as a Secondary Quality. In: Mind, Vol. 98, S Eingehende Kritik dispositionaler Farbtheorien. 7.) Boghossian, Paul und David Velleman (1991): Physicalist Theories of Color., in: Philosophical Review, Vol. 100, S Eingehende Kritik physikalistischer Farbtheorien. 8.) Byrne, Alex (2002): Yes, Virginia, Lemons are Yellow. In: Philosophical Studies, Vol. 108, S Kritik an Barry Strouds Überlegungen gegen subjektivistische Farbtheorien. 9.) Byrne, Alex und David Hilbert (1997): Colors and Reflectances. In: dies. (Hg.): Readings on Color. Vol. 1: The Philosophy of Color. Cambridge / Mass., London, S Verteidigung der These dass der Physikalismus damit vereinbar ist, dass uns die sinnliche Wahr-

13 nehmung die Natur von Farben offen legt. 10.) Campbell, John (1993): A Simple View of Colour. In: J. Haldane u. C. Wright (Hg.): Reality, Representation, and Projection. Oxford, S Eine Verteidigung der primitivistischen Position. 11.) Harman, Gilbert (1996): Explaining Objective Color in Terms of Subjective Reactions. In: E. Villanueva (Hg.): Philosophical Issues. Vol. 7, Atascadero, S Entwicklung eines dispositionalen Ansatzes sowie Kritik an der Annahme von Farb-Qualia. 12.) Jackson, Frank und Robert Pargetter (1987): An Objectivist s Guide to Subjectivism about Colour. In: Revue Internationale de Philosophie, Vol. 41, S Verteidigung der physikalistischen Theorie der Farben gegen subjektivistische Einwände. 13.) Jackson, Frank (1996): The Primary Quality View of Color. In: Philosophical Perspectives, Vol. 10, S Verteidigung der physikalistischen Theorie der Farben gegen subjektivistische Einwände. 14.) Johnston, Mark (1992): How to Speak of the Colors. In: Philosophical Studies, Vol. 68, S Entwicklung eines dispositionalen Ansatzes. 15.) Mausfeld, Rainer und Dieter Heyer (Hg.) (2003): Colour Perception. Mind and the physical world. Oxford, interdisziplinärer Band, der den aktuellen Stand der philosophischen und empirischen Forschung repräsentiert. of Colour. In: ders.: Knowledge and Reality. Selected Essays. Oxford, S Untersuchung des ontologischen Informationsgehalts von Farbwahrnehmungen. 19.) Peacocke, Christopher (1984): Colour Concepts and Colour Experience. In: Synthese,Vol. 58, S Überlegungen zur Definition von Farbbegriffen. 20.) Schumacher, Ralph (Hg.) (2004a): Perception and Reality. From Descartes to the Present. Paderborn, Sammelband zu historischen und neueren Konzeptionen sekundärer Qualitäten. 21.) Schumacher, Ralph (2004b): On Attributing Colour Perceptions. In: Experience and Analysis. M. Reicher et al. (Hg.), Kirchberg am Wechsel, S Kritik an Strouds zentralem Argument gegen subjektivistische Farbtheorien. 22.) Strawson, Galen (1989): Red and Red. In: Synthese, Vol. 78, S Überlegungen zur Definition von Farbbegriffen. 23.) Stroud, Barry (2002): Explaining the Quest and its Prospects. Reply to Boghossian and Byrne. In: Philosophical Studies, Vol. 108, S Widerlegung der Einwände von Boghossian und Byrne. UNSER AUTOR: Ralph Schumacher ist Privatdozent für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und arbeitet gegenwärtig als Visiting Associate Professor an der Temple University in Philadelphia. 16.) McDowell, John (1985): Values and Secondary Qualities. In: T. Honderich (Hg.): Morality and Objectivity: A Tribute to J. L. Mackie. London. Verteidigung der dispositionalen Farbtheorie. 17.) McGinn, Colin (1999 a): Another Look at Color. In: ders.: Knowledge and Reality. Selected Essays. Oxford, S Kritik der dispositionalen Theorie der Farben. 18.) McGinn, Colin (1999 b): The Appearance 13

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