PS Lexikologie. Sitzung 10 & 11: Wortbildungstypen Flexion, Derivation, Komposition Verschiedene Typen von Affixen Konversion.

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1 PS Lexikologie Sitzung 10 & 11: Wortbildungstypen Flexion, Derivation, Komposition Verschiedene Typen von Affixen Konversion Sitzung 10 1

2 PS Lexikologie Bisher haben wir hauptsächlich die Zusammensetzung des deutschen Wortschatzes, die Herkunft und Veränderung von Wörtern untersucht. Jetzt kümmern wir uns um die Zusammensetzung von Wörtern. Das ist die Aufgabe der Morphologie. Wir unterscheiden zwischen Komposition und Derivation, die als kreative Verfahren zur Erweiterung des Wortschatzes gelten und der Flexion, die ein grammatisches Verfahren ist. Für uns sind hauptsächlich die kreativen Verfahren relevant. Sitzung 10 2

3 Stamm Wurzel - Basis Bei Flexion werden an einen Stamm sogenannte Flexionsmorpheme angehängt (Katamba/Stonham 2006). Diese Flexionsmorpheme haben rein grammatikalische Bedeutung. du geh-st, des Haus-es, lauf-en, des Lauf-es, höh-er Der Stamm ist der Teil des Wortes, der existiert, bevor Flexion stattfindet. Das kann ein einfaches oder ein komplexes Wort sein. des Haus-es, des Hochhaus-es, ge-lauf-en, untergeh-st Sitzung 10 3

4 Stamm Wurzel - Basis Bei Derivation werden an eine Wurzel sogenannte Derivationsmorpheme angehängt (Katamba/Stonham 2006). Die Derivationsmorpheme haben lexikalische Bedeutung und Suffixe können die Wortklasse ändern. Un-tier, Zer-streu-ung, wahnsinn-ig, Tänz-er, durch-trennen Die Wurzel ist der nicht-weiter reduzierbare (lexikalische) Kern eines Wortes. Haus, Ab-gleich-ung, Hoch-haus, Läuf-er Sitzung 10 4

5 Stamm Wurzel - Basis Basis ist eine Art Oberbegriff, der sowohl Wurzeln, als auch Stämme mit einschließt. Es handelt sich hierbei um eine Einheit, an die sich sowohl Derivations- als auch Flexionsaffixe anschließen können. Basen können einfach oder komplex sein: un-zer-stör-bar des Hoch-haus-es, des Hochhaus-es Sitzung 10 5

6 Aufgabe Identifizieren Sie im Folgenden die a) Flexionsmorpheme b) Derivationsmorpheme c) Stämme d) Wurzeln e) Basen: Gekauft, Weinflaschen, Prüfungen, unbestechliche Sitzung 10 6

7 Typen von Affixen Affixe sind gebundene Morpheme, d.h. Sie können nicht alleine vorkommen. Es gibt folgende Typen von Affixen: Suffix: steht nach der Basis, in der Derivation Köpfe, -ung, -heit, -ig. In der Flexion Träger grammatischer Information. Präfix: steht vor der Basis, traditionellerweise keine Köpfe, sondern bedeutungsverändernd. Un-, ab-, ent-. Zirkumfix: Besteht aus zwei Teilen, die die Basis umschließen. Oft Varianten von Präfixen. Ge-e, ge-t, ge-en. Sitzung 10 7

8 Typen von Affixen Alle Beispiele zu den Affixtypen sind aus Fleischer/Barz Dort finden Sie noch viele weitere. Konfix: können wie normale Affixe nicht alleine vorkommen, können sich aber an andere gebundene Elemente anschließen; meist Vollsemantika, meist nicht nativ. Bio- (Natur), geo- (Erde), aqua- (Wasser), -logie (Lehre), Schwieger-, Stief-. Komposition oder Derivation? Präfixoide: sind eigentlich freie Elemente, die aber in Funktion von Präfixen auftreten können und dann nur verstärkende Bedeutung haben. Klasse-, Sau-, Bomben-, Glanz-, Wahnsinns-. Manche Theorien nehmen hier dennoch Komposition an (Fleischer/Barz 1992). Sitzung 10 8

9 Typen von Affixen Unikale Morpheme: sind gebundene Morpheme, die synchron nicht zu erklären sind. Sie haben alleine keine Bedeutung und kommen weder frei noch mit anderen Basen vor. Sie können Prä- oder Suffixe sein. Him-beere, Bräut-igam, Lind-wurm, Nacht-igall Interfix: (oder auch Fugenelement), semantisch leere, flexionsähnliche Elemente, die allein der Aussprache dienen. Kein Zeichencharakter (d.h. keine Morpheme)!! Lieg-e-stuhl, Arbeit-s-anzug, freundlich-er-weise Sitzung 10 9

10 Aufgabe Welche Typen von Affixen finden Sie in den Beispielen vor? Zerlegen Sie die Wörter in Morpheme. a. Pfundskerl b. Kosmonaut c. verreisen d. Entwirrungen e. Brombeere f. durchlaufen Sitzung 10 10

11 Suffixe Suffixe spielen in der Derivation eine besondere Rolle. Sie sind Köpfe und zeigen die syntaktische Kategorie des Derivats an. Grab(V)-ung(N), Gemein(Adj)-heit(N) Bei Mehrfachsuffingierung zählt immer das rechteste Element als Kopf Kopf-rechts-Prinzip Un-end-lich(Adj)-keit(N) Im Deutschen gibt es eine lange Liste mit Suffixen zur Bildung von Nomen, die zum Teil auch konkurrieren: 1)- schaft vs -tum: Eigentum/-schaft, Bürgertum/-schaft, Witwentum/-schaft, etc. 2) -ung vs. -en vs. Stammderivate/Konversion: Landung/Landen, Schwankung/Schwanken, Rufen/Ruf, Zerfallen/Zerfall. Sitzung 10 11

12 Konversion Eines der interessantesten Phänomene, das die Morphologie zu bieten hat, ist die Konversion. Darunter versteht man den syntaktischen Klassenwechsel eines Worts ohne Hinzufügen von weiterem lexikalischen Material. Beispiele aus dem Englischen demonstrieren das am Besten: to work the work, to form the form, etc. Im Deutschen wiederum besteht oft die Diskussion, was denn nun wirklich alles unter Konversion fällt. Sitzung 10 12

13 Konversion Folgende Formen werden diskutiert: a. laufen der Lauf b. laufen das Laufen c. gehen der Gang Hierbei wird in den meisten Analysen nur a) als wirkliche Konversion bezeichnet. Bei b) wird oft von syntaktischer Konversion gesprochen (Eisenberg 2006) oder von Derivation mit dem nominalen Suffix -en (Heinold 2001). Bei c) ist auffällig, dass eine Stammalternation stattfindet. Solche Formen sind schwierig für eine einheitliche Analyse. Sitzung 10 13

14 Konversion Auch für die linguistische Analyse bereiten diese Formen Probleme. Es gibt Theorien, die Konversionen als reine lexikalische Kategoriewechsel und somit als einen dritten Typ Wortbildungsprozess sehen (Lieber 1981) Andere (z.b. Marchand 1964, Olsen 1990) nehmen eine Unterform der Derivation an und machen den Kategoriewechseln an einem sogenannten Nullmorphem fest, welches zudem für Rechtsköpfigkeit sorgt. N V lauf Ø [N, masc.] Sitzung 10 14

15 Konversion Die Darstellung einer Nullableitung wird also als Spazialfall einer normalen Derivation gesehen. a. [[A locker] ø]v b. [[A blöd] el]v c. [[V Treff] ø]n d. [[V Trenn] ung] N Das Nullsuffix ist, wie andere Suffixe auch, ein Kopf mit Wortartinformation und allen Flexionseigenschaften. Lieber 1981: Problematisch ist, dass das Nullsuffix jedoch keine einheitlichen Wortart- und Flexionseigenschaften hat. Sitzung 10 15

16 Konversion a. Der Lauf die Läufe; aber: der Fund die Funde b. Der Lauf, aber: die Arbeit und das Grab Gäbe es ein Nullsuffix wäre dieses also für Formen mit 3 verschiedenen Genera verantwortlich, sowie für mindestens 2 Flexionsklassen. Normale Derivationssuffixe zeigen solche Unregelmäßigkeiten nicht. Desweiteren müsste man ein Nullsuffix V>N annehmen und weitere mit beispielsweise N>V oder N>A. Es müssten also mehrere Lexikoneinträge mit Nullsuffix geben. Sitzung 10 16

17 Konversion Lieber 1981 lehnt daher eine Theorie des Nullsuffixes ab. Sie bietet eine Analyse der "lexikalischen Konversion", d.h. jede abgeleitete Form bekommt ihren eigenen Lexikoneintrag; die beiden Einträge sind aber durch Regeln assoziiert (Redundanzfeststellung), um einen semantischen und phonologischen Zusammenhang anzuzeigen. a. ruf PC: /ru:f/ KC: V AS: [NP, NP ] b. Ruf PC: /ru:f/ KC: N, mask, e-plural SC: eine Instantiierung von V c. N ~ V (müsste so notiert in beide Richtungen funktionieren) Hierbei wird keine Ableitungsrichtung festgelegt, sondern eine semantische Redundanzregel wird notiert (SC). Sitzung 10 17

18 Konversion Nachteil von Liebers Analyse: Die Redundanzregeln suggerieren, dass alle Konversionen in alle Richtungen funktionieren können. Dies ist aber nicht der Fall. Vorteil von Liebers Analyse: Der Tatsache, dass die meisten Konversionen in der Gegenwartssprache schon lexikalisiert sind und das Muster nicht mehr produktiv (Olsens Aussage), wird Rechnung getragen. Ausnahmen N > V: Google googeln; Skype skypen, Mail mailen, etc. Sitzung 10 18

19 Komposition Bei manchen Typen von komplexen lexikalischen Einheiten ist es schwierig zu bestimmen, inwieweit sie ein einziges Lexem bilden. a. Vóll besétzt vóllbesetzt b. Frísch gebácken - fríschgebacken Akzentunterschiede?: ein einziger vs. mehrere Hauptakzente (vgl. auch neue deutsche Rechtschreibung) Bedeutungsunterschiede?: Kompositum zeichnet sich durch stärkere "inhaltliche Verschmelzung" aus (Herberg 1981). Hierbei sind jedoch die minimalen Unterschiede in der Bedeutung schwer zu fassen. Siehe Bsp. oben. NDR: bei idiomatisierter Gedamtbedeutung zusammen (b); in allen anderen Fällen: beides möglich. Sitzung 10 19

20 Komposition Im Allgemeinen ist im Deutschen die Wortstruktur von Komposita... (Fleischer/Barz 1992, Schmid 2005); expansionsfest zusammengeschrieben (anders Englisch: post card) nicht konstruktionsintern flektiert ( Fugenelemente!!) mit dem Hauptakzent auf dem ersten Element des Mòndes Lícht vs. Das Móndlìcht; wenige Ausnahmen Sitzung 10 20

21 Komposition Bei den meisten Komposita spielt die Reihenfolge eine Rolle für die Semantik bzw. die Wortart. Das Zweitglied ist der Kopf und bestimmt über lexikalische Klasse, Genus & Flexionstyp (Fleischer/Barz 1992). Determinativkomposita. Kopf-rechts-Prinzip wie in der Derivation a. Flaschen (fem.) -geist (mask.) Flaschengeist (mask.) b. Flasch-en (pl.) - geist-er (pl) *Flaschengeisten Sitzung 10 21

22 Komposition Ausnahmen für diese Kriterien sind... Komposita mit determinierendem Zweitglied: Jàhrhúndert bestimmte sogenannte Kopulativkomposita: Schlèswig- Hólstein, Marxìsmus-Leninísmus Konfixkomposita mit Fremdelementen: Dìskothék Komposita mit Bindestrich: Èbbe-Flút-Wirkung, Hàls- Nàsen-Óhren-Àrzt Sitzung 10 22

23 Spezialfälle von Komposita Exozentrische Komposita können semantisch nicht dem Kopf untergeordnet werden (Schmid 2005). Rot-kehlchen ist nicht eine Art von Kehlchen, Bleich-gesicht nicht eine Art Gesicht. Sie bezeichnen meist Personen (oder sonstige Lebewesen), indem sie metonymisch auffällige Eigenschaften stellvertretend für die ganze Person nennen. Bei Kopulativkomposita werden zwei Konzepte miteinander verknüpft, wobei beide gleich wichtig sind und es keinen Kopf gibt. Spieler-trainer, süß-sauer, taub-stumm Sitzung 10 23

24 Synthetische Komposita Nomen mit der Form N+V+er: Appetit-hemm-er, Rechts-händ-er, Weich-spül-er Adjektive mit der Form: Adj + N + Suffix: grün-äug-ig, breit-kremp-ig, hand-greif-lich Sie sind syntaktisch schwierig zu analysieren, weil die Elemente, aus denen sie zusammengesetzt sind, nicht wirklich auseinandergenommen werden können: *die Breitkrempe, *krempig, *der Hemmer, *appetithemmen, etc. Auch Zusammenbildungen genannt. Sitzung 10 24

25 Kognitive Funktion von Wortbildung Insgesamt gilt: je etablierter ein Wort in der Sprechergemeinschaft ist und je länger es bekannt ist, desto mehr Zeit hatte es, um lexikalische "Eigenarten" zu entwickeln (Aronoff 1994). Insgesamt schreibt man folgenden WB-Prozessen folgende Funktionen zu: (Schmid 2005) - Komposita: Konzeptverknüpfung - Präfingierung: Modifizierung - Suffingierung: Rekonzeptualisierung & Profilierung Sitzung 10 25

26 Überblick Mehrere Arten von Wortbildung: Morphologie Flexion Derivation Komposition (Untertyp: Konversion) Spezialfall: Präfixoide Spezialfall: Konfixe Spezialfall: Konfixe Spezialfall: Präfixoide Spezialfall: unikale M. Sitzung 10 26

27 Literatur Eisenberg, Peter Grundriß der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Stuttgart/Weimar: Metzler. Erben, Johannes Einführung in die deutsche Wortbildungslehre. Berlin: Schmidt. Fleischer, Wolfgang & Irmhild Barz Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Niemeyer. Heinold, Simone Verbal Properties of Deverbal Nominals. An Aspectual Analysis of French, German and English. Dissertation. Uni Stuttgart: Stuttgart. Katamba, Francis & John Stonham Morphology. New York: Palgrave Macmillan. Meibauer, Jörg, Ulrike Demske, Jochen Geilfuß-Wolfgang, Jürgen Pafel, Karl Heinz Ramers, Monika Rothweiler & Markus Steinbach Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart/Weimar: Metzler. Polenz, Peter Wortbildung. In: Hans Peter Althaus, Helmut Henne & Herbert Ernst Wiegand (eds.): Lexikon der Germanistischen Linguistik 2. Tübingen: Niemeyer, Sitzung 10 27

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